Graham Swift: Ein Festtag

Eine, die doch zum Ball geht

Das hätte es unter den strengen Augen von Mr Carson, Butler auf Downton Abbey, nicht gegeben: ein sieben Jahre währendes Verhältnis zwischen einem jungen Dienstmädchen und dem Erben des Nachbarguts. Doch erstens sind wir bei Ein Festtag, dem Roman oder besser der Novelle von Graham Swift, in der Grafschaft Berkshire und nicht in Yorkshire, und zweitens sind nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Regeln der englischen Klassengesellschaft tief erschüttert. Auf drei benachbarten Gütern sind die meisten Söhne im Krieg geblieben und das Personal in Upleigh bzw. Beechwood House ist auf je eine Köchin und ein Dienstmädchen zusammengeschrumpft. So kann das Dienstmädchen Jane Fairchild von Beechwood, wo Mr und Mrs Niven seit dem Tod ihrer Söhne alleine leben, sich jahrelang heimlich mit dem einzig verbliebenen Erben von Upleigh, Paul Sheringham, an verschwiegenen Orten treffen, zunächst für Geld, doch als es „ernst“ wird nur noch als Freundin und Geliebte.

Der 30. März 1924 soll der krönende Höhe- und Schlusspunkt werden. Traditionell haben an diesem Muttertag alle Dienstboten einige Stunden frei, um sie mit ihren Müttern zu verbringen. Ihre Herrschaft trifft sich derweil in der Stadt, um die bevorstehende arrangierte Ehe Pauls zu bereden. Upleigh steht daher leer und Paul kann Jane, die als Findelkind keine familiären Verpflichtungen hat, zu sich einladen, um sich anschließend mit seiner Verlobten zu treffen. Zum ersten Mal kann Jane ihr Rad vor dem Haus abstellen und durch das Hauptportal eintreten, das Paul ihr wie ein Butler öffnet. Und nicht nur das: Als Paul schließlich das Haus nach dem erotischen Spiel verlässt, kann sie nackt durch die Räume streifen und eine Freiheit genießen, die sie nie hatte, nun aber auch nicht so leicht wieder aufgeben wird.

Jane Fairchild, geboren 1901, wird am Ende fast 100 Jahre alt werden, wird 19 Bücher schreiben, darunter unverblümt sexuelle, eine gefeierte Schriftstellerin werden, aber sie wird sich von den fragenden Reportern nie entlocken lassen, was wir Leser erfahren: wann genau sie zur Schriftstellerin wurde. Als Findelkind im Waisenhaus aufgewachsen, hat sie nur eine elementare Schulbildung genossen und mit 14 ihre erste Stelle als Dienstmädchen angetreten. Doch ihr Interesse für Bücher, vor allem Abenteuerromane für Jungen, darf sie dank der Großzügigkeit ihres Dienstherrn in der Bibliothek des Herrenhauses stillen und Bücher werden ihr zur „Grundfeste ihres Lebens“. Der ebenso furiose wie tragische Tag im März 1924 wird zum Wendepunkt ihres Lebens.

Das Aschenputtel-Motiv „Und du sollst doch zum Ball gehen“ hat Graham Swift, einer der großen zeitgenössischen englischen Autoren, seinem kleinen Roman, den ich weniger als Liebes-, denn als Emanzipations- und Bildungsgeschichte gelesen habe, als Motto vorangestellt. Die Episode am Muttertag 1924 ist der Dreh- und Angelpunkt, in Wiederholungen erzählt, darum herum wird in kurzen Sequenzen das komplette Leben Janes und der Wandel der englischen Gesellschaft in den 1920er-Jahren zusammengefasst. Obwohl ich mir letzteres noch etwas ausführlicher gewünscht hätte, kann ich das elegant geschriebene Buch mit der wunderschönen Ausstattung und dem passenden Cover sehr empfehlen.

Graham Swift: Ein Festtag. dtv 2017
www.dtv.de

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