Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

Panorama eines Jahrhunderts

Nachdem Der Club der unverbesserlichen Optimisten für mich eines der besten Bücher der vergangenen Jahre war, habe ich dem zweiten Roman von Jean-Michel Guenassia entgegengefiebert und wurde nicht enttäuscht.

Von 1910 bis 2010 folgt Guenassia den Spuren des in Prag geborenen Josef Kaplan, der nicht zufällig die Initialen des Josef K. aus Kafkas Der Prozess trägt. Aus einer alten Mediziner-Familie stammend, wird Kaplan ebenfalls Arzt. Der begnadete Tangotänzer und Liebling der Frauen geht nach dem Studium nach Paris, von dort ans Institut Pasteur in Algerien, wo er an der Entwicklung von Impfstoffen mitarbeitet. Während des Krieges muss er als Jude das Institut verlassen und wird, mit Experimenten betraut, in einer abgelegenen Außenstelle versteckt.

Die Rückkehr nach Prag bringt den inzwischen verheirateten, überzeugten Kommunisten Kaplan ins Zentrum der Macht. Die Desillusionierung folgt schnell und als seine Frau von einer Frankreichreise mit dem gemeinsamen Sohn nicht zurückkehrt, bleibt Kaplan allein mit der Tochter Helena zurück.

Helena findet die Liebe ihres Lebens in Che Guevarra, der sich 1966 in der CSSR versteckt und von ihrem Vater behandeln lässt, bis der tschechische Geheimdienst dem ein Ende macht.

Trotz aller Widrigkeiten kann Kaplan an seinem 100. Geburtstag auf ein erfülltes, reiches Leben zurückblicken.

Ein spannend geschriebener, oft anrührender Roman, in dem Zeitgeschichte meisterhaft mit dem Leben eines sympathischen Protagonisten und Anti-Helden verknüpft wird.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015
www.suhrkamp.de

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