Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren

  „Glück kommt, Glück geht“

Ein eingefahrenes Paar Anfang 50 und eine junge Frau mit einsetzender Torschlusspanik sind die Protagonisten im Debütroman der 1965 geborenen Norwegerin Nina Lykke. Stünde das gestickte Haus auf dem ins Auge fallenden Cover nicht in Flammen, man könnte an eine Idylle denken – so idyllisch, wie das Leben der 50-jährigen Ingrid auf den ersten Blick: Studienrätin mit attraktivem Arbeitsplatz, gutverdienender Ehemann, zwei erwachsene Söhne ohne offensichtliche Probleme, bürgerliche Existenz, schönes Haus in einem Osloer Vorort, Mitgliedschaft im Lesekreis. Nichtsdestotrotz steht Ingrid vor dem Burnout. Zuhause ist sie nicht mehr als die Putzfrau ihrer verwöhnten Söhne, die sich im Hotel Mama bequem eingenistet haben, ihre Ehe ist bis ins Detail durchorganisiert und vorhersehbar, ihr Einfühlungsvermögen und Mitleid für Schüler und Kollegen aufgebraucht, Müdigkeit und Wut haben Besitz von ihr ergriffen und jeder Tag fühlt sich wie ein Hindernislauf an:

Nichts in ihrem Leben war mehr eine Frage der Lust, dennoch tat sie, was verlangt wurde, weil es zu unangenehm wäre, es zu unterlassen. […] Man beißt die Zähne zusammen. Schläft regelmäßig mit seinem Mann, hält sich und seine Umgebung in Ordnung, geht zu Konferenzen und Terminen, spricht freundlich mit seinen Kindern, benimmt sich anständig, pinkelt nicht in die Hose und schlägt nicht leck.

Die Bombe explodiert
Für Ingrid, die ihr Leben lang mit Katastrophen gerechnet hat, kommt der große Schlag völlig überraschend: Ihr Mann Jan, gerade erst zum Referatsleiter im Ministerium befördert, beichtet ein 18 Monate währendes Verhältnis mit einer seiner Referentinnen und verlangt eine Auszeit. Entscheiden zwischen der Bequemlichkeit seiner Ehe, in der er nie unzufrieden war, und dem Reiz des Neuen mag er sich nicht sofort, manchmal sehnt er sogar eine plötzliche Erkrankung herbei, die ihm die Entscheidung abnimmt und ihn zurück an den heimischen Herd katapultiert. Bei der leicht neurotischen 35-jährige Hanne mit der immer lauter tickenden biologischen Uhr, die in den letzten Jahren neunmal ihre Wohnung und wesentlich öfter ihre Partner gewechselt hat, fühlt er sich wieder jung und potent. Er weiß, dass sie ihn auf Haus und Kind festnageln wird, doch als sie ihm die Pistole auf die Brust setzt, zieht er trotz Bedenken bei ihr ein:

Seine Gier kannte keine Grenzen, er wollte haben, was er sich wünschte, ohne dafür zu bezahlen. Er wollte schlicht und einfach alles haben.

Eine bissige Ehe- und Gesellschaftssatire
Auch wenn die Ausgangslage in diesem Roman keineswegs neu ist, die Erzählweise, die messerscharfe Beobachtungsgabe und die bissige Ironie Nina Lykkes haben diesen intelligenten Roman zu einer äußerst vergnüglichen, spannenden Lektüre für mich gemacht. Die Handlung wird in zehn Kapitel nicht streng chronologisch, dafür abwechselnd aus der recht unterschiedlichen Sicht der drei Protagonisten erzählt – mit großem Unterhaltungswert. Obwohl die Figuren nie bloßgestellt werden, machte die Schadenfreude für mich einen nicht unerheblichen Teil des Lesevergnügens aus.

Wie so viele wunderbare Bücher in diesem Jahr habe ich auch Aufruhr in mittleren Jahren beim großartigen Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt.

Nina Lykke: Aufruhr in mittleren Jahren. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Sylvia Kall. btb 2019
www.randomhouse.de

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