Lida Dijkstra & Marijke Tolman: Guck mal, wie niedlich!

Eine zauberhafte Liebesgeschichte

Nichts findet Tobi, der kleine, weiche, wuschelige Hase lästiger, als wenn ihn alle für niedlich halten. Und so tut er einiges dafür, cool zu sein: Er kauft sich eine fetzige Brille, einen Ohrring sowie ein knatterndes, qualmendes Motorrad und lässt sich ein Tattoo stechen. Doch gerade als er es geschafft hat, läuft ihm Tine über den Weg, eine süße, kleine, knuddelige Häsin, die leider überhaupt nichts für coole Hasen übrig hat…

Ein niedliches Bilderbuch mit klaren, detailreichen Illustrationen und einer zauberhaften Liebesgeschichte für Kinder ab drei Jahren und Verliebte.

Lida Dijkstra & Marijke Tolman: Guck mal, wie niedlich! Beltz 2013
www.beltz.de

Verena Carl: Lillie nie ohne Leonie – Meerschweinchen bringen Glück

Eine Reihe für Mädchen ab acht Jahren

Lilli ist schweren Herzens mit ihrer Familie von München nach Hamburg gezogen und hat alle ihre Freunde zurückgelassen. Das Meerschweinchen, das sie sich so lange gewünscht hat, wird ihr großer Trost, denn der Start in der neuen Klasse ist mehr als schwierig. Nicht nur ihr Dialekt, auch ihre Kleidung sort dafür, dass über die gelacht wird. Besonders schwer machen es ihr zunächst die Nebensitzerin Leonie und Malte, der gerne das große Wort führt. Doch dann bringt Lillis zunächst völlig missglückte Geburtstagsfeier die Wende…

Ein einfühlsames Buch über den hindernisreichen Beginn einer großen Mädchenfreundschaft.

Verena Carl: Lillie nie ohne Leonie – Meerschweinchen bringen Glück. Planet Girl 2010
www.thienemann-esslinger.de

Adriana Stern: Hannah und die Anderen

Ein Jugendroman zum Thema „Multiple Persönlichkeiten“

Hannah ist 15 und auf der Flucht, doch warum und wovor weiß sie nicht. Für Noa vom Mächenhaus, wo sie Aufnahme findet, sind Hannahs „Filmrisse“ erklärlich. Behutsam und durch Tagebuchschreiben lässt sie Hannah die „Anderen“ entdecken und erklärt ihr das Phänomen der „Multiplen Persönlichkeit“. Nur mit Hilfe der „Anderen“, die jeder einen Namen, eine eigene Persönlichkeit und eine eigene Geschichte haben, konnte Hannah so lange Zeit die Misshandlungen und den sexuellen Missbrauch durch die eigene Familie durchstehen. Doch was Hannah geschützt hat, nützt auch ihren Peinigern, denn sobald Hannah ein „Anderer“ ist, kann sie sich später an nichts erinnern.

Adriana Stern versteht es, die Themen Misshandlung, Missbrauch und Drogen so deutlich wie nötig anzusprechen, ohne sie jedoch unnötig detailliert zu beschreiben. Der Wechsel der Perspektiven zwischen dem objektiven Fortgang der Geschichte und den subjektiven Tagebucheinträgen der verschiedenen Persönlichkeiten Hannahs macht den besonderen Reiz des Romans aus.

Für mich und meine 13-jährige Mitleserin war Hannah und die Anderen  spannend wie ein Krimi, und obwohl wir viel zum Thema „Multiple Persönlichkeiten“ erfahren haben, haben wir uns nie „belehrt“ gefühlt.

Adriana Stern: Hannah und die Anderen. Ariadne 2001
www.argument.de

Hjalmar Söderberg: Doktor Glas

Ein amoralischer Roman?

Hjalmar Söderberg (1869 – 1941) war Schwedens meistgelesener Autor des Fin de Siècle. Dem Manesse-Verlag ist es zu verdanken, dass sein wichtigstes Werk wieder auf Deutsch erhältlich ist.

Tyko Gabriel Glas, Arzt, der „gelegentlich anderen hilft, sich selbst aber nie hat helfen können und sich mit 33 Jahren noch keiner Frau genähert hat“, ein einsamer, unglücklicher Melancholiker, träumt von einer großen Tat. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, greift er in das Schicksal der heimlich geliebten Pastorengattin ein, eine schwerwiegende Tat, die am Ende ohne Sinn bleibt.

Der großartige, in Tagebuchform verfasste Roman mit seinem amoralischen Helden wurde von den Kritikern als Angriff auf Ehe und Religion verstanden und Söderberg als unsittlicher Dichter gebrandmarkt.

Hjalmar Söderberg: Doktor Glas. Manesse 2012

www.randomhouse.de

Huldar Breiðfjörð: Liebe Isländer

Eine Reise gegen die Langeweile

Was macht ein gelangweilter junger Isländer, der die Nase voll hat von seinem Leben, von Partys, alkoholvernebelten Wochenenden und Plänen, die nie Realität werden? Der vom grauen Himmel genauso angeödet ist wie von sich selber?

Junge Leute aus anderen Ländern würden vielleicht eine Weltreise antreten, der isländische Literaturwissenschaftlicher Breiđfjörđ begab sich vor zehn Jahren in dieser Situtation auf eine Reise um seine Insel und machte viele Abstecher in abgelegene Siedlungen und Fjorde. Er wählte dafür die Monate Januar und Februar, die für eine solche Unternehmung sicherlich ungeeignetste Zeit, und brach mit einem uralten Volvo Lappländer auf, in dem er – obwohl eher von zimperlicher Natur – manchmal sogar übernachtete.

Sein Reisebericht ist kein Islandführer geworden. Vielmehr erzählt er von seinen alltäglichen Problemen auf eisigen Straßen, katastrophalen Wetterbedingungen, Kämpfen mit dem Wagen und in Werkstätten, seinen Bemühungen zur Selbstfindung und vor allem über seine Begegnungen mit den eigenen Landsleuten. Diese spielten sich meist in den überall vorhandenen Tankstellenkiosken ab und blieben zu seinem Bedauern äußerst wortkarg, aber „Du weißt, du bist im Grunde genauso“.

Ein Buch für alle, die auf liebevoll-ironische Art mehr über Island und vor allem über seine Bewohner erfahren möchten.

Leider bin ich mit dem Buch nicht so recht warm geworden, vielleicht weil es mir zu viel Selbstdarstellung war.

Huldar Breiðfjörð: Liebe Isländer. Aufbau 2011
www.aufbau-verlag.de

Leland Bardwell: Mutter eines Fremden

Drei sind einer zuviel

Nan, erfolgreiche Konzertpianistin, und Jim McDonald, Archäologe und Hobbylandwirt, beide Mitte 40, führen eine scheinbar glückliche Ehe im Nordwesten Irlands.  Ihre Welt gerät schlagartig aus dem Gleichgewicht, als der vor 30 Jahren heimlich zur Adoption freigegebene Sohn Nans, den sie mit 16 Jahren heimlich in London entbunden hat, plötzlich auftaucht. Schweigen und Unverständnis prägen nun die Situation und als jener Charles sogar nach Irland kommt, sind drei einer zuviel.

Wie psychologisch einfühlsam und unparteiisch Bardwell die Überforderung der drei, ihre Sprachlosigkeit und ihr Gefangensein in Selbstvorwürfen, Schuldzuweisungen und Selbstmitleid schildert, hat mich bis zur letzten Seite gefesselt.

Eine Dreiecksgeschichte der besonderen Art.

Leland Bardwell: Mutter eines Fremde. C.H. Beck 2004
www.chbeck.de

Laurent de Brunhoff: Mit Babar im Museum

Mit den Elefantenkindern ins Museum

Die Bücher von Jean de Brunhoff und seinem Sohn sind klassische Kinderbücher mit einer Tradition von über 70 Jahren. In jedem Bilderbuch gehen die großen und kleinen Leser mit dem Elefantenkönig Babar und seiner Familie auf eine Entdeckungsreise, in diesem Band auf Entdeckungsreise in das neue große Kunstmuseum im ehemaligen Bahnhof.

Für Kinder ist das ein witziger Spaziergang durch die berühmten Gemälde von der „Geburt der Venus“ bis zu von Gogh, und zwar auf elefantisch. Für Erwachsene liegt der Reiz in der Frage, ob man die allesamt mit Elefanten bevölkerten Motive wiedererkennt – ein Verzeichnis am Ende hilft dabei. Aber die Elefantenmutter verbittet sich die belehrenden Kommentare des Museumsführers und lässt lieber ihre Kinder erzählen, was sie über die Blder denken.

Ein sehr vergnügliches Bilderbuch, witzig und originell, für alle ab fünf Jahren.

Laurent de Brunhoff: Mit Babar im Museum. Knesebeck 2004
www.knesebeck-verlag.de

Karin Bruder: Zusammen allein

 In den Fängen der rumänischen Diktatur

Für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert, ist dieser bewegende Roman längst nicht nur für Teenager ab 14 Jahren lesenswert.

Im Sommer 1986 kehrt Agnes‘ Vater nicht von einer Deutschlandreise nach Rumänien zurück, ein Jahr später setzt sich auch ihre Mutter ab. Agnes ist 16 Jahre alt, elternlos und möchte nicht bei ihrer Tante leben, wo sich nur geduldet fühlt. So such sie die ihr unbekannte Großmutter und erlebt bei ihr, deren Lebensgefährten und dessen Sohn, in den sie sich bald unsterblich verliebt, die letzten Jahre der rumänischen Diktatur in ihrer ganzen Härte.

Karin Bruder: Zusammen allein. dtv 2010
www.dtv.de

Roy Jacobsen: In jenen hellen Nächten

„Aber nicht sie waren es, die hier bestimmten“

Roy Jacobsens Roman von 2013, der zwischen 1913 und 1928 auf der kleinen Insel Barrøy vor der nordnorwegischen Helgelandküste spielt, basiert auf einer wahren Geschichte. Doch steht nicht so sehr die Handlung im Mittelpunkt, vielmehr sind die raue Natur, die karge Landschaft und die unwirtlichen Lebensbedingungen das Hauptthema.

Bewohner von Barrøy sind zu Beginn des Romans Hans Barrøy und seine Frau Maria, ihre kleine Tochter Ingrid, Hans’ geistig behinderte Schwester Barbro und sein alter Vater Martin. In kurzen Kapiteln, die einzelne Schlaglichter auf ihr Leben werfen, erleben wir hautnah mit, wie sie dem menschenfeindlichen Klima mit seinen Stürmen, dem Eis, manchmal auch der Hitze und Trockenheit, trotzen. Sie leben von dem, was die karge Landschaft ihnen bewilligt, Fisch, Torf, Eiderdaunen, Möweneier, Milch und Kartoffeln. Alles andere, was sie zum Leben brauchen, tauschen sie bei ihren seltenen Ausflügen zum Handelskontor auf dem Festland ein. Die Jahreszeiten bestimmen den Rhythmus des Lebens, jedem Monat sind bestimmte Aufgaben zugeteilt, und die ersten Wochen jedes neuen Jahres verbringt Hans beim Fischfang auf den Lofoten, einer ebenso mühsamen wie gefährlichen Unternehmung. Zusammenhalt ist das Zauberwort, das ein Überleben in dieser menschenfeindlichen Umgebung möglich macht. Kindheit gibt es nicht, Ingrid und später ihr Cousin Lars nehmen von Anfang an am Leben der Erwachsenen und an allen Arbeiten teil.

Wie die Generationen vor ihnen möchte auch Hans die Insel voranbringen, und so arbeitet er laufend an Verbesserungen. Die größte Veränderung bringt ein neuer Kai, der schließlich den Anschluss Barrøys an die Milchroute zur Folge hat, ein Meilenstein in der Anbindung an die Außenwelt.

Roy Jacobsen hat einen ebenso poetischen wie sprachgewaltigen, melodiösen Roman über die übermächtige Natur geschrieben. Die Menschen haben hier eine nachrangige Bedeutung, wie der Originaltitel De Usynlige oder „Die Unsichtbaren“, unter dem das Buch 2014 im Osburg Verlag erschien, es bereits zum Ausdruck bringt. Der tägliche harte, verbissene Kampf ums Überleben hat die in sich gekehrten, wortkargen Inselbewohner zu ungemein starken Persönlichkeiten werden lassen, die unbeirrbar an ihrer Heimat festhalten und mit einer bewundernswürdigen Beharrlichkeit Verbesserungen für sich und ihre Nachkommen erzwingen, auch wenn ihnen jede Veränderung schweres Kopfzerbrechen bereitet.

Ich empfehle diesen Roman allen, die offen für ungewöhnliche Geschichten und einzigartige Naturschilderungen sind. Und allen, die Ulla-Lena Lundbergs Eis genauso lieben wie ich.

Roy Jacobsen: In jenen hellen Nächten. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Kristín Marja Baldursdóttir: Möwengelächter

Ein isländisches Dorf wird aufgemischt

Kristín Marja Baldursdóttir, isländische Journalistin und Autorin, entführt uns in ihrem ersten Roman von 1995 in ein ärmliches isländisches Fischerdorf um 1950.

Nach sieben Jahren in Amerika kehrt die junge Freyja als Witwe heim. Die Koffer voller Kleider und Kosmetika, ihre eisblauen Augen, ihre atemberaubende Figur und ihr märchenhaftes Haar bringen nicht nur ihre Familie, vor allem die pubertierende Agga, sondern den ganzen Ort und vor allem die Männer aus dem Gleichgewicht…

Ein stimmungsvoller, atmosphärischer Islandroman mit Krimielementen und Humor, der auch verfilmt wurde.

Kristín Marja Baldursdóttir: Möwengelächter. Fischer 2011
www.fischerverlage.de