Jean-Jacques Sempé: Kindheiten

Zum 80. Geburtstag von Sempé im Jahr 2012

Ein bezauberndes Geschenk haben uns Sempé und der Diogenes Verlag mit diesem großformatigen, prächtigen Bildband zum 80. Geburtstag des Künstlers im Jahr 2012 gemacht. Nicht ins Bücherregal, sondern auf den Tisch gehört dieses Buch, in dem alle Generationen blättern und sich an der zeitlosen Lebensweisheit und dem hintergründigen Humor der Zeichnungen und Karikaturen erfreuen können.

Das ausführliche Interview mit Sempé richtet sich an die Erwachsenen und erzählt von seiner bedrückenden Kindheit, der er mit Hilfe seiner heiteren, leichten Werke entkommen wollte.

Ich habe beim Anschauen und Lesen zwischen Lachen und Weinen geschwankt.

Jean-Jacques Sempé: Kindheiten. Diogenes 2012
www.diogenes.ch

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

Vom Umgang mit den eigenen Schwächen

„... es gab auf der Welt kein fahrradtechnisches Problem, das Paul Tamburin nicht gelöst hätte. Sein Ruf war so gewaltig, dass man im ganzen Landkreis zu einem Fahrrad nicht mehr Fahrrad sagte, sondern einfach Tamburin.“

Doch ein schreckliches Geheinmis, das er mit niemandem teilen kann, bedrückt den angesehenen Fahrradhändler des französischen Städtchens Saint-Céron, der sonst der glücklichste Mensch sein könnte…

Sempé hat diese Geschichte über den Umgang mit den eigenen Schwächen liebevoll und mit viel Humor erzählt und illustriert, Patrick Süskind hat sie hervorragend übersetzt.

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers. Diogenes 2009
www.diogenes.ch

Daniel Scholten: Der zweite Tod

 Noch ein Stockholmer Ermittlerteam im Einsatz

Während der erste Schnee des Winters in Stockholm fällt, beobachten wir den Mord an dem Altertumsforscher Carl Petersson, ausgeführt von Mari, seiner Geliebten.

Aber warum steht die Wohnungstür offen, als die Poizei eintrifft, obwohl wir Mari beim Verriegeln zugesehen haben? Warum liegt die Tatwaffe, die Mari doch in Peterssons Rücken stecken ließ, in der Spülmaschine? Wer hat den Computer vom Boden auf den Schreibtisch gestellt und eingeschaltet? Und wer hat aus der Nachbarwohnung die Polizei alarmiert, wo der Bewohner doch verreist ist? War das, was wir im ersten Kapitel so genau gesehen haben eigentlich doch ganz anders?

Der deutsch-isländische Krimiautor Daniel Scholten, Jahrgang 1973, studierter Ägyptologe und historischer Sprachwissenschaftler, gibt in seinem ersten Krimi um den Stockholmer Kommissar Kjell Cederström und dessen sehr sympathisches Team viele Rätsel auf. Die Spuren führen bis Madrid und Kairo und viel hängt davon ab, ob die EDV-begeisterte junge Kollegin das geheimnisvolle Passwort von Peterssons Computer knacken kann…

Sehr spannende, temporeiche und intelligente Krimiunterhaltung, die Abkühlung in heiße Tage bringt!

Daniel Scholten: Der zweite Tod. Goldmann 2008
www.randomhouse.de

Asta Scheib: In den Gärten des Herzens

Romanbiografie der bayerischen Schriftstellerin Lena Christ (1881 – 1920)

Lena Christ, unehelich geborene Häuslerstochter, verlebte bis zu ihrem achten Lebensjahr eine glückliche Kindheit bei den Großeltern. Ihr Leidensweg begann, als Mutter und Stiefvater sie als billige Arbeitskraft in ihre Gaststätte holten, wo sie schwer misshandelt wurde. Mit 19 Jahren floh sie in die Ehe mit einem Trinker, der sie ebenfalls misshandelte und vergewaltigte. Von den drei Kindern verlor sie bei der Trennung den Sohn an die Schwiegereltern. Es folgte der vollkommene soziale Abstieg in einer heute kaum vorstellbaren Ausprägung.

Als sie im fortschrittlichen Schwabinger Krankenhaus behandelt wurde, erkannte dort Professor Kerschensteiner ihr Talent und ermutigte sie zum Schreiben. Nach ihrer Entlassung lernte sie den Schriftsteller Peter Jerusalem kennen, der sie einerseits förderte und ermutigte, andererseits wieder ausbeutete. Auch diese zweite Ehe scheiterte. Nachdem sie aus Geldnot Gemäldesignaturen gefälscht hatte, beging Lena Christ 1920, von Peter Jerusalem dazu überredet, Selbstmord.

Asta Scheib hat das Leben dieser leider weitgehend vergessenen Schriftstellerin in ihrer Romanbiografie sehr gut recherchiert und erzählt packend das Schicksal einer Frau, die keine Chance auf ein würdiges Leben hatte.

Asta Scheib: In den Gärten des Herzens. dtv 2006
www.dtv.de

Alexis Lecaye: Herz Dame

 Hochspannung

Kommissar Martin ist doppelt im Stress: Privat steht er zwischen seiner Exfrau Myriam und seiner neuen Freundin Marion und seine Tochter ist ungewollt schwanger, dienstlich hält ihn ein psychpatischer Serienmörder, der es auf schlanke, große, brünette Frauen abgesehen hat und sie mit einer Spielzeugarmbrust hinrichtet, in Atem. So hört er auch nur mit halbem Ohr zu, als Myriam ihm von ihrer Angestellten Rosexyne erzählt, die sich in letzter Zeit so auffällig verändert hat.

Dabei wäre die Lösung des Falles so greifbar nahe…

Aus zwei Perspektiven hat Alexis Lecaye diesen außergewöhnlich spannenden Krimi, Start einer neuen Serie, geschrieben: aus der des Mörders, den der Leser von Anfang an kennt, und aus der des Kommissars, der ihm immer näher kommt.

Alexis Lecaye: Herz Dame. Bastei Lübbe 2006
www.luebbe.de

Michael Köhlmeier: Madalyn

Erste große Liebe

Sebastian Lukasser kennt Madalyn seit ihrer Geburt, denn sie lebt mit ihren Eltern im selben Haus in Wien. Das einsame, offene Kind mit den wilden Locken und den älteren Schriftsteller, den Köhlmeiers Leser bereits aus seinem Roman Abendland kennen, verbindet schon lange eine ganz besondere Freundschaft. Deshalb zieht sie ihn ins Vertrauen, als sie mit 14 ihre erste Liebesgeschichte erlebt, denn Moritz, der Junge aus der Klasse über ihr, ist alles andere als einfach. Er gilt als schwer erziehbar, lebt in unübersichtlichen Familienverhältnissen, knackt Automaten, lügt sie an und ist ihr untreu.

Köhlmeier lässt Lukasser von der ersten großen Liebe erzählen, von Vertrauen und Misstrauen, Hoffen und Zweifeln.

Ein leiser, einfühlsamer Roman.

Michael Köhlmeier: Madalyn. Hanser 2010

www.hanser-literaturverlage.de

Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen

Hamada Ken ermittelt im Dreieck des Todes

Hamada Ken, der kleine, dickliche Privatdetektiv aus Tokio, ermittelt wieder, unfreiwillig allerdings, denn eigentlich hat er seinen Beruf an den Nagel gehängt und strebt nun eine Karriere als Folksänger an. Zu seinem Leidwesen ist er aber von Banausen umgeben: Seine deutsche Freundin Susanne verlässt ihn, seine Vermieterin droht ihm wegen des Lärms mit der Kündigung und Sony Music reagiert nicht auf seine Demo-Kassette. Da wird er zu einer alten Bekannten gerufen, die ihm sterbend noch ihren kleinen Enkel in die Hand drückt. So sehr er sich auch dagegen strebt: Er ist mitten in seinem zweiten Fall. Mit dem ewig schreienden Baby am Hals ermittelt er in Kreisen einer Sekte, einer betrügerischen Bank und der Organmafia.

Nach seinem ersten Hamada-Ken-Krimi Tote mögen keine Sushi hat der Japanologe und ZDF-Korrespondent Gert Anhalt wieder einen äußerst raffiniert konstruierten, temporeichen und absolut witzigen Roman geschrieben. So abstrus die Handlung oft erscheinen mag, ist der Hintergrund doch auch dieses Mal genauso ernst wie aktuell.

Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen. Knaur 2004

www.droemer-knaur.de

Gert Anhalt: Tote mögen keine Sushi

Privatdetektiv Hamada Ken versucht zu ermitteln

Hamada Ken ist, wie er selber meint, Tokios einziger Privatdetektiv. Leider gleicht er äußerlich weder Humphrey Bogart noch seinem Comic-Idol Megaman. Da – wie sein amerikanischer Freund meint – Japaner keine Privatdetektive brauchen, weil sie sowieso kein Privatleben haben, war sein aufregendster Fall bisher ein vertauschter Hund.

Das ändert sich schlagartig, als eines Tages der schwerreiche Chef des Katana-Konzerns in sein Büro kommt und ihm ein fürstliches Honorar anbietet, wenn er das Lösegeld für einen Entführungsfall nach „Frankufuroto“ (Frankfurt) bringt. Hamada Ken sagt sofort zu, besteigt ein Flugzeug, geht mit den Eltern des entführten Jungen in ein Sushi-Restaurant und findet sich am nächsten Morgen auf einer Wiese neben dem enthaupteten Vater wieder – das blutige Samuraischwert in er Hand. Die Jagd auf den Ninja-Killer Hamada Ken beginnt…

Gert Anhalt, Japanologe und von 2000 bis 2005 Leiter des ZDF-Studios Tokio, hat außer Sachbüchern über den fernen Osten auch 3 Krimis um den Privatdetektiv Hamada Ken geschrieben. Obwohl der Hintergrund dieses ersten Bandes durchaus ernst ist, hat Anhalt einen überaus unterhaltsamen, schrägen Krimi mit raffiniert inszenierter Handlung und ausgeprägtem Sprachwitz geschrieben. Selten habe ich beim Lesen eines Krimis so herzlich gelacht!

Gert Anhalt: Tote mögen keine Sushi. Knaur 2002
www.droemer-knaur.de

CJ Hauser: Dieser eine Sommer

Tolle Idee, aber leider weniger gute Umsetzung

Der kleine Küstenort Menamon in Maine ist Schauplatz des Romans der amerikanischen Autorin CJ Hauser. Dorthin verschlägt es die beiden 24-jährigen, grundverschiedenen Ich-Erzählerinnen Quinn und Leah. Quinn hat vor kurzem ihre Mutter an Krebs verloren und möchte in Menamon ihren Vater, den Countrysänger Carter Marks kennenlernen. Leah, die bis dahin erfolgreich bei der Gazette in New York gearbeitet hat, hat Henry, einen Gartenplaner geheiratet und ihn zum Umzug in sein Heimatstädtchen überredet. Beide Frauen sind motiviert für einen Neubeginn und treffen bei der Arbeit für die Lokalzeitung, den Menamon Star, aufeinander.

Doch so idyllisch der kleine Ort mit seinen Hummerfischern, dem Strand und den hübschen Häuschen auch wirken mag, es stehen Veränderungen an, die den Einwohnern Angst machen. Alte Häuser sollen verschwinden, ebenso der beliebte Park mit dem alten Karussell, um Sommerresidenzen für reiche New Yorker Platz zu machen, und die Einheimischen fürchten, verdrängt zu werden. Widerstand formiert sich, Leah und Quinn recherchieren für ihre Zeitung und stoßen auf Ungereimtheiten, aber Leahs Mann Henry, der einen Auftrag für einen neuen Garten erhalten hat, versucht die Veröffentlichung zu verhindern.

Der Stoff für diesen Roman hat mich überzeugt, ebenso die atmosphärische Schilderung einer Kleinstadt in Maine, doch die Umsetzung der Handlung durch die Autorin hat mich sehr enttäuscht. In keiner Phase empfand ich das Buch als so spannend und dramatisch, wie die kurze Inhaltsangabe dies vermuten ließe. Die Dialoge sind absolut flach, die handelnden Personen verbringen die meiste Zeit mit Rauchen und Trinken und bleiben vielleicht deshalb so oberflächlich. Auch sprachlich konnte mich das Buch in keiner Weise überzeugen, vor allem wenn Leah, immerhin eine gelernte und erfolgreiche Journalistin, erzählt. Cover, Titel (im Original: The From-Aways, was wesentlich besser passt) und Klappentext passen nicht wirklich zum Inhalt und wecken völlig andere Erwartungen.

Schade, denn aus dieser Idee hätte eine Autorin wie J. Courtney Sullivan ein tolles Buch gemacht!

CJ Hauser: Dieser eine Sommer. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Care Santos: Die Geister schweigen

Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit

Der Umbau des Familienpalastes in Barcelona und ein mysteriöser Brief aus Italien holen die Kunsthistorikerin Violeta Lax aus den USA nach Europa. Für sie ist es eine Reise in die eigene Familiengeschichte, für den Leser verknüpft Care Santos elegant das Schicksal von vier Generationen der großbürgerlichen, fiktiven Familie Lax und ihrer Dienstboten mit der Geschichte Barcelonas.

Im Mittelpunkt stehen Violetas Großvater, der berühmte Maler des Modernismo, Amadeo, Genie und Egozentriker, dessen dunkles Geheimnis die Bauarbeiten ans Licht bringen, die starke, exzentrische Urgroßmutter Maria del Roser und Violeta selbst.

Feinfühlig erzählt Santos eine spannende, geheimnisvolle Geschichte, in die Briefe, Zeitungsartikel, E-Mails und Gemäldebeschreibungen kunstvoll eingewoben sind.

Care Santos: Die Geister schweigen. Fischer 2014

www.fischerverlage.de