Patricia Schröder: Tilla, Zwieback und der verrückte Eisenbahnwaggon

Ein witziges, ernstes, spannendes und absolut fantasievolles Kinderbuch

Ehrlich gesagt habe ich hier eine ganze Weile zwischen vier und fünf Sternen geschwankt – und mich schließlich aus Sicht der Kinder für fünf entschieden, denn dieses Buch um die Abenteuer der zehnjährigen Tilla Puppilla und ihrer Riesenfledermaus Zwieback, die mit einem umgebauten Eisenbahnwaggon auf Reisen gehen, ist so überaus fantasievoll und witzig, dass alle ihren Spaß daran haben.

Dabei hat das Buch andererseits aber auch einen ernsten Hintergrund: Das Mädchen mit den roten Haaren und den beiden verschiedenfarbigen Augen ist nicht nur abenteuerlustig, nein, die Streitereien zwischen ihren Eltern gehen ihr so auf den Wecker, dass sie es zu Hause nicht mehr aushält. Und dabei kann man beide Elternteile verstehen: den Vater, der lauter tolle, aber nutzlose Erfindungen macht, genauso wie die Mutter, die darüber fast verzweifelt. Doch Tilla bricht nicht auf, ohne ihren Eltern einen Rat zu erteilen: Jedes Mal, wenn sie Tilla vermissen, sollen sie sich umarmen, so lange, bis sie wieder merken, dass sie sich liebhaben. Und dann will sie auch wieder zurückkommen…

Was Tilla unterwegs erlebt, wie ihr die unglaublichen Erfindungen so manches Mal aus der Patsche helfen und wie sie zwei Freunde findet, ist ein großer Vorlesespaß ab sechs Jahren und eine Motivation zum Selberlesen ab acht. Dabei würde ich keinen Unterschied machen zwischen Jungs und Mädchen, trotz Mädchen als Hauptperson, denn bei Pippi Langstrumpf hat das auch von jeher funktioniert und die Parallelen sind oft nicht zu übersehen.

Ein wirklich witziges, extrem fantasievolles, klasse illustriertes und sprachlich ansprechendes Kinderbuch.

Patricia Schröder: Tilla, Zwieback und der verrückte Eisenbahnwaggon. Kerle 2015
www.herder.de/verlag-kerle

Hélène Grémillon: Das geheime Prinzip der Liebe

Wie aus Freundschaft Hass wird

Nach dem Unfalltod ihrer Mutter erhält die Pariser Verlagslektorin Camille in den 1970er-Jahren Briefe, die ihr einzelne Kapitel einer bewegenden Geschichte erzählen. Zunächst vermutet sie den Trick eines Autors dahinter, der eine seiner Geschichten in ihrem Verlag platzieren möchte, aber je mehr sie liest, desto mehr wird ihr klar, dass es darin um sie und ihre Vergangenheit geht.

In den 1930er-Jahren lernt die junge Annie, ein einfaches Mädchen aus der Provinz, die vermögende, zehn Jahre ältere Madame M. kennen und sie werden zur Überraschung der Dorfbewohner Freundinnen. Eines Tages vertraut ihr die Frau ihr großes Trauma an: Sie ist unfruchtbar. Zwischen dem Mädchen und der Frau kommt es zu einem Pakt. Annie soll ein Kind für Madame M. austragen. Doch was als Akt er Freundschaft gedacht war, endet vor dem Hintergrund der deutschen Besetzung von Paris in Chaos, Hass und Feindschaft.

Die französische Drehbuchautorin Hélène Grémillon hat für ihren Debütroman in Frankreich zu Recht Preise erhalten. Sie hat zwei Zeitebenen und vier Ich-Erzähler so gekonnt und so spannend verwoben, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann!

Hélène Grémillon: Das geheime Prinzip der Liebe. Knaur 2014
www.droemer-knaur.de

Takashi Hiraide: Der Gast im Garten

Nicht nur für Katzenliebhaber

Dieses kleine, mit den Bilder von Quint Buchholz wunderbar aufwändig ausgestattete Büchlein aus dem Insel-Verlag, sollte in keiner Buchhandlung fehlen, denn es ist das ideale Geschenkbuch für zwischendurch, wie es so häufig von Kunden nachgefragt wird. Man kann damit als Mitbringsel eigentlich kaum falsch liegen.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen japanischen Ehepaars, das von Tokio aufs Land zieht in das Gartenhäuschen eines größeren Anwesens.Obwohl Kinder und Tiere per Mietvertrag untersagt sind, kommt bald die Nachbarskatze Chibi regelmäßig zu Besuch und beginnt ein gänzlich selbstbestimmtes Doppelleben zwischen zwei Haushalten. Für das Ehepaar, das nie an die Anschaffung eines Tieres auch nur gedacht hatte, werden die Besuche der Katze zu einem lebensbestimmenden Element, und ihr Ausbleiben hinterlässt schließlich eine große Leere.

Man muss kein Katzenliebhaber sein, um dieses Büchlein ins Herz zu schließen. Die leise, poetische Sprache löst beim Lesen oder Vorlesen eine tiefe Ruhe aus. Sowohl die Beschreibungen des Lebens mit Chibi als auch die wunderbaren Schilderungen des Gartens und des ganzen Anwesens sowie der Freundschaft zur Besitzerin, einer alten Dame, gehen sehr nahe. Dieses Buch bewegt nicht die Welt, aber mit Sicherheit jeden, der es liest!

Takashi Hiraide: Der Gast im Garten. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Amanda Sthers: Die Geisterstraße

Eine traurige Geschichte über Freundschaft, Liebe und religiösen Fanatismus

„Alfred ist tot.“ So beginnt der erste auf Deutsch erschienene Roman der jungen, in Paris geborenen Autorin Amanda Sthers. Alfred, der Schreiber, war einer der beiden letzten Juden Kabuls. Der andere ist Simon, der Schuster aus dem Iran, der Alfreds Geschichte vor dem Vergessen bewahren will, indem er sie viele Jahre später aufschreibt.

15 Jahre lang haben die Beiden als Nachbarn in der Chicken Street gelebt, haben sich eingeredet sich nicht zu mögen und waren doch bei der Ausübung ihrer Religion aufeinander angewiesen. Da tritt die junge Afghanin Naema in ihr Leben, die ein Kind von einem amerikanischen Journalisten erwartet. Bei dem Versuch, sie vor der Steinigung zu bewahren, erkennen sie ihre Freundschaft füreinander: „An jenem Tag habe ich begriffen, dass diese fröhliche Abneigung, diese anhängliche Übellaunigkeit von tiefer Freundschaft zeugte, mehr noch, sehr viel mehr noch: von brüderlicher Liebe.“

Die überaus tragische Geschichte von Alfred, Simon, Naema, dem Journalisten Peter und dessen Frau Jenny ist so poetisch, mit so viel sanfter Melancholie erzählt, dass sie mich beim Lesen im Innersten berührt hat.

                                                                                                                                        Amanda Sthers: Die Geisterstraße. btb 2011
www.randomhouse.de

John von Düffel: Hotel Angst

Den Träumen des Vaters auf der Spur

Nur gut 100 Seiten umfasst John von Düffels Novelle Hotel Angst und doch erzählt sie drei Geschichten. Zum einen ist es die Geschichte des real existierenden „Hotel Angst“ in Bordighera an der italienischen Riviera, benannt nach seinem Schweizer Besitzer Adolph Angst. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es ein riesiges Luxushotel für zahlreiche Größen aus Adel, Politik und Hochfinanz, bis Mussolini es für die Faschisten requirieren ließ und es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dem Verfall preisgegeben wurde. Zum zweiten ist es eine Geschichte vom Erwachsenwerden des Erzählers, von seinen irritierenden Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht während der Familienurlaube in Bordighera. Zuallererst aber ist es eine Hommage an den gerade verstorbenen Vater. Denn während die Mutter und der Bruder zuhause die Hinterlassenschaften des Vaters auflösen, fährt  der Autor an die Riviera auf der Suche nach seinem Vater und dessen Lebenstraum: der Instandsetzung des Grandhotels im alten Glanz.  War der Vater nämlich während des Jahres ein ruhiger, unauffälliger Mann und braver Familienvater, so wurde er während der Sommerurlaube in Bordighera umtriebig und lebendig, arbeitete unermüdlich an Konstruktionszeichnungen, Plänen und Berechnungen und scheiterte schließlich doch an der Kompromisslosigkeit seiner Träume.

Hotel Angst ist kein rührseliger Vaterroman, sondern eine behutsame Annährung des Sohnes an den Vater, die John von Düffel durch den Gebrauch der ungewöhnlichen „Du-Form“ stilistisch sehr gekonnt unterstützt.

John von Düffel: Hotel Angst. dtv 2007
www.dtv.de

John Grisham: Die Begnadigung

Amerikanischer Politthriller über die Macht der CIA

Joel Backman, Rechtsanwalt und einst einer der mächtigsten und skrupellosesten Lobbyisten Washingtons, wird nach nur sechs Jahren Haft vom scheidenden Präsidenten überraschend begnadigt. Während die Öffentlichkeit noch über die Motive rätselt, weiß der Leser schnell warum: Backman, der sich vor sechs Jahren beim versuchten Verkauf einer Software zu einem geheimen Satellitensystem an die meistbietende Nation übernommen hat, hat viele Geheimnisse mit ins Gefängnis genommen. Da die CIA an eigene Staatsbürger nicht herankommt, drängt sie auf Backmans Freilassung. Er soll zunächst im Ausland versteckt werden und eine neue Identität erhalten, nach einer gewissen Zeit soll die entsprechende Information jedoch gezielt an die in Frage kommenden Geheimdienste lanciert werden um dann zu beobachten, wer ihn liquidiert.

Zu Beginn läuft alles nach Plan: Aus Joel Backman wird in Treviso und dann in Bologna mehr und mehr Marco Lazzeri. Doch Marco spürt, dass sein Leben trotz der peinlich genauen Überwachung durch die CIA in Gefahr ist und er plant seine Flucht …

Die Begnadigung hat mich fasziniert, weil Grisham nicht nur einen spannenden Geheimdienstthriller erzählt, sondern die Wandlung des Exlobbyisten zum sympathischen Italiener psychologisch so glaubhaft präsentiert, dass man dem Fiesling von einst immer mehr wünscht, er möge den Geheimdiensten der USA, Israels, Saudi-Arabiens, Chinas und Russlands entkommen und mit seiner italienischen Sprachlehrerin ein neues Leben beginnen.

John Grisham: Die Begnadigung. Heyne 2006
www.randomhouse.de

Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie

Viel mehr als eine reine Lebensbeschreibung

Als Kind hatte es mir Winnetou angetan, später war ich fasziniert vom Schicksal der Familie Greifenklau, aber als ich Karl Mays Bücher mit 20 Jahren wieder zur Hand genommen habe, fand ich sie beinahe unlesbar.

Deshalb hat mich die Biografie des Germanistikprofessors und stellvertretenden Vorsitzenden der Karl-May-Gesellschaft, Helmut Schmiedt, die aus Anlass des 100. Todestages von Karl May am 30.03.2012 erschienen ist, sofort angesprochen. Dem „Geheimnis“ dieses Autors wollte ich auf den Grund gehen und das ist mir mit dieser gut lesbaren, ohne Pathos und mit kritischer Distanz verfassten Lebensbeschreibung, soweit dies überhaupt möglich ist, gelungen.

Schmiedt beschränkt sich nicht auf die Lebensdaten Mays, sondern schildert detailliert dessen Vorgehensweise beim Schreiben, die sowohl von einer überbordenden Fantasie, als auch von einem exzessiven und geschickten Umgang mit Quellen lebte, und mit der er lange Zeit nicht nur seine jugendlichen Leser über sich und seine Biografie täuschen konnte.

Besonders spannend sind daneben die Rezeptionsgeschichte von Mays Werken, sei es im Nationalsozialismus, in der DDR oder in der Bundesrepublik, und die Entstehung der verschiedenen Verfilmungen.

Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie. C.H. Beck 2011
www.chbeck.de

Susanne Hornfeck: Torte mit Stäbchen

Exil in Schanghai

Nach der Reichskristallnacht gelingt es der brandenburgischen Familie Finkelstein, die heimische Konditorei zu verkaufen und eine Schiffspassage ins ferne Schanghai zu ergattern. Während ihr jüdischer Vater und die evangelische Mutter das Trauma des Heimatverlustes schwer verkraften, saugt die zehnjährige Inge begierig alles Neue auf. In Schanghai angekommen, öffnet sie sich der neuen Kultur und ist magisch angezogen von der Sprache, den Schriftzeichen und dem bunten Leben auf der Straße. Zwangsläufig wird sie für die Außenkontakte der Familie zuständig und feilscht auf dem Markt mit den Händlern.

Das Schicksal scheint der Familie zunächst wohlgesonnen, denn Herr Finkelstein findet eine Anstellung in einer deutschen Konditorei, seine Frau übernimmt Schneiderarbeiten und Inge findet in Sanmao, einem „Halbdrachen“ (Mischling) einen Freund, der ihr bereitwillig die Stadt zeigt. Doch als die Japaner in Schanghai die Herrschaft übernehmen, müssen die Juden in ein Ghetto und der Vater verliert seine Arbeit. Nun lastet noch mehr Verantwortung auf Inge, die mit ihrem Fahrrad als Kurierin zwischen zwei Welten unterwegs ist.

Nach dem Krieg gibt es für Inges Eltern eine böse Überraschung: Während Schanghai für sie nur vorübergehende Zuflucht war, ist Inge hier heimisch geworden und möchte Sinologie studieren. Sie ist zu einer starken Persönlichkeit herangewachsen und verliebt. So ziehen die Eltern alleine weiter nach Australien.

Ein sehr bildreicher, atmosphärischer, informativer, aber keineswegs belehrender Roman über das Erwachsenwerden in einer fremden Kultur für Mädchen ab 13 Jahren.

Buch des Monats der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, Juli 2012.

Susanne Hornfeck: Torte mit Stäbchen. dtv 2012
www.dtv.de

Shilpi Somaya Gowda: Geheime Tochter

Zwei Elternpaare – eine Tochter

Somer und ihr indischer Mann leben als junge Ärzte in San Francisco. Zu ihrem Glück fehlt nur noch ein Kind, doch mehrere Schwangerschaften scheitern und schließlich erhält Somer die niederschmetternde Nachricht, dass sie nie eigene Kinder haben wird.

Zugleich bringt die Inderin Kavita ihre zweite Tochter zur Welt und gibt sie sofort heimlich in ein Waisenhaus nach Mumbai, damit die Familie ihres Mannes nicht auch dieses Mädchen umbringen kann.

Als Somer und ihr Mann sich schließlich zur Adoption einer kleinen Inderin entschließen, ist es genau dieses Kind, das sie bekommen. Doch für alle Beteiligten, die beiden Elternpaare genauso wie die „gemeinsame“ Tochter, wird es ein schwieriger Weg.

In ihrem sehr bewegenden Erstling Geheime Tochter erzählt Shilpi Somaya Gowda, Amerikanerin mit indischen Wurzeln, von zwei Familien aus völlig verschiedenen Welten, unsichtbar verbunden durch eine Adoption.

Shilpi Somaya Gowda: Geheime Tochter. Kiepenheuer & Witsch 2012
www.kiwi-verlag.de

Ian McEwan: Solar

Wissenschaftssatire um einen gnadenlos unsympathischen Helden

Eine frühe Auszeichnung kann Ansporn oder Fluch sein. Der Physiker Michael Beard, der schon mit Ende 20 den Nobelpreis erhalten hat, ruht sich seither auf seinen Lorbeeren aus, hält hochdotierte Vorträge, leitet, obwohl ihn die Erderwärmung keineswegs interessiert, ein Institut für die Erforschung erneuerbarer Energien und verschleudert Steuergelder für ein sinnloses Windenergie-Projekt. Nebenbei wird er immer glatzköpfiger und eitler, isst und trinkt maßlos und seine fünfte Ehe steht wegen seiner zahlreichen Affären vor dem Aus.

Als er Tom Aldous, seinen ambitioniertesten Institutsmitarbeiter, in verdächtiger Manier in seinem Haus überrascht, kommt es während eines heftigen Wortwechsels zu dessen tödlichem Sturz. Nicht nur gelingt es Beard, den Tod skrupellos einem anderen in die Schuhe zu schieben, er stiehlt Aldous auch dessen Idee zur künstlichen Fotosynthese und startet damit in eine vielversprechende Zukunft in der aufstrebenden Solarbranche.

Doch ewig währt sein Glück nicht und es braut sich ein Finale mit apokalyptischen Dimensionen zusammen…

Eine pointierte Satire über charakterliche Schwächen, den Wissenschaftsbetrieb und die Politik.

Ian McEwan: Solar. Diogenes 2012
www.diogenes.ch