Michael Köhlmeier: Madalyn

Erste große Liebe

Sebastian Lukasser kennt Madalyn seit ihrer Geburt, denn sie lebt mit ihren Eltern im selben Haus in Wien. Das einsame, offene Kind mit den wilden Locken und den älteren Schriftsteller, den Köhlmeiers Leser bereits aus seinem Roman Abendland kennen, verbindet schon lange eine ganz besondere Freundschaft. Deshalb zieht sie ihn ins Vertrauen, als sie mit 14 ihre erste Liebesgeschichte erlebt, denn Moritz, der Junge aus der Klasse über ihr, ist alles andere als einfach. Er gilt als schwer erziehbar, lebt in unübersichtlichen Familienverhältnissen, knackt Automaten, lügt sie an und ist ihr untreu.

Köhlmeier lässt Lukasser von der ersten großen Liebe erzählen, von Vertrauen und Misstrauen, Hoffen und Zweifeln.

Ein leiser, einfühlsamer Roman.

Michael Köhlmeier: Madalyn. Hanser 2010

www.hanser-literaturverlage.de

Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen

Hamada Ken ermittelt im Dreieck des Todes

Hamada Ken, der kleine, dickliche Privatdetektiv aus Tokio, ermittelt wieder, unfreiwillig allerdings, denn eigentlich hat er seinen Beruf an den Nagel gehängt und strebt nun eine Karriere als Folksänger an. Zu seinem Leidwesen ist er aber von Banausen umgeben: Seine deutsche Freundin Susanne verlässt ihn, seine Vermieterin droht ihm wegen des Lärms mit der Kündigung und Sony Music reagiert nicht auf seine Demo-Kassette. Da wird er zu einer alten Bekannten gerufen, die ihm sterbend noch ihren kleinen Enkel in die Hand drückt. So sehr er sich auch dagegen strebt: Er ist mitten in seinem zweiten Fall. Mit dem ewig schreienden Baby am Hals ermittelt er in Kreisen einer Sekte, einer betrügerischen Bank und der Organmafia.

Nach seinem ersten Hamada-Ken-Krimi Tote mögen keine Sushi hat der Japanologe und ZDF-Korrespondent Gert Anhalt wieder einen äußerst raffiniert konstruierten, temporeichen und absolut witzigen Roman geschrieben. So abstrus die Handlung oft erscheinen mag, ist der Hintergrund doch auch dieses Mal genauso ernst wie aktuell.

Gert Anhalt: Für eine Handvoll Yen. Knaur 2004

www.droemer-knaur.de

Gert Anhalt: Tote mögen keine Sushi

Privatdetektiv Hamada Ken versucht zu ermitteln

Hamada Ken ist, wie er selber meint, Tokios einziger Privatdetektiv. Leider gleicht er äußerlich weder Humphrey Bogart noch seinem Comic-Idol Megaman. Da – wie sein amerikanischer Freund meint – Japaner keine Privatdetektive brauchen, weil sie sowieso kein Privatleben haben, war sein aufregendster Fall bisher ein vertauschter Hund.

Das ändert sich schlagartig, als eines Tages der schwerreiche Chef des Katana-Konzerns in sein Büro kommt und ihm ein fürstliches Honorar anbietet, wenn er das Lösegeld für einen Entführungsfall nach „Frankufuroto“ (Frankfurt) bringt. Hamada Ken sagt sofort zu, besteigt ein Flugzeug, geht mit den Eltern des entführten Jungen in ein Sushi-Restaurant und findet sich am nächsten Morgen auf einer Wiese neben dem enthaupteten Vater wieder – das blutige Samuraischwert in er Hand. Die Jagd auf den Ninja-Killer Hamada Ken beginnt…

Gert Anhalt, Japanologe und von 2000 bis 2005 Leiter des ZDF-Studios Tokio, hat außer Sachbüchern über den fernen Osten auch 3 Krimis um den Privatdetektiv Hamada Ken geschrieben. Obwohl der Hintergrund dieses ersten Bandes durchaus ernst ist, hat Anhalt einen überaus unterhaltsamen, schrägen Krimi mit raffiniert inszenierter Handlung und ausgeprägtem Sprachwitz geschrieben. Selten habe ich beim Lesen eines Krimis so herzlich gelacht!

Gert Anhalt: Tote mögen keine Sushi. Knaur 2002
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CJ Hauser: Dieser eine Sommer

Tolle Idee, aber leider weniger gute Umsetzung

Der kleine Küstenort Menamon in Maine ist Schauplatz des Romans der amerikanischen Autorin CJ Hauser. Dorthin verschlägt es die beiden 24-jährigen, grundverschiedenen Ich-Erzählerinnen Quinn und Leah. Quinn hat vor kurzem ihre Mutter an Krebs verloren und möchte in Menamon ihren Vater, den Countrysänger Carter Marks kennenlernen. Leah, die bis dahin erfolgreich bei der Gazette in New York gearbeitet hat, hat Henry, einen Gartenplaner geheiratet und ihn zum Umzug in sein Heimatstädtchen überredet. Beide Frauen sind motiviert für einen Neubeginn und treffen bei der Arbeit für die Lokalzeitung, den Menamon Star, aufeinander.

Doch so idyllisch der kleine Ort mit seinen Hummerfischern, dem Strand und den hübschen Häuschen auch wirken mag, es stehen Veränderungen an, die den Einwohnern Angst machen. Alte Häuser sollen verschwinden, ebenso der beliebte Park mit dem alten Karussell, um Sommerresidenzen für reiche New Yorker Platz zu machen, und die Einheimischen fürchten, verdrängt zu werden. Widerstand formiert sich, Leah und Quinn recherchieren für ihre Zeitung und stoßen auf Ungereimtheiten, aber Leahs Mann Henry, der einen Auftrag für einen neuen Garten erhalten hat, versucht die Veröffentlichung zu verhindern.

Der Stoff für diesen Roman hat mich überzeugt, ebenso die atmosphärische Schilderung einer Kleinstadt in Maine, doch die Umsetzung der Handlung durch die Autorin hat mich sehr enttäuscht. In keiner Phase empfand ich das Buch als so spannend und dramatisch, wie die kurze Inhaltsangabe dies vermuten ließe. Die Dialoge sind absolut flach, die handelnden Personen verbringen die meiste Zeit mit Rauchen und Trinken und bleiben vielleicht deshalb so oberflächlich. Auch sprachlich konnte mich das Buch in keiner Weise überzeugen, vor allem wenn Leah, immerhin eine gelernte und erfolgreiche Journalistin, erzählt. Cover, Titel (im Original: The From-Aways, was wesentlich besser passt) und Klappentext passen nicht wirklich zum Inhalt und wecken völlig andere Erwartungen.

Schade, denn aus dieser Idee hätte eine Autorin wie J. Courtney Sullivan ein tolles Buch gemacht!

CJ Hauser: Dieser eine Sommer. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Care Santos: Die Geister schweigen

Konfrontation mit den Geistern der Vergangenheit

Der Umbau des Familienpalastes in Barcelona und ein mysteriöser Brief aus Italien holen die Kunsthistorikerin Violeta Lax aus den USA nach Europa. Für sie ist es eine Reise in die eigene Familiengeschichte, für den Leser verknüpft Care Santos elegant das Schicksal von vier Generationen der großbürgerlichen, fiktiven Familie Lax und ihrer Dienstboten mit der Geschichte Barcelonas.

Im Mittelpunkt stehen Violetas Großvater, der berühmte Maler des Modernismo, Amadeo, Genie und Egozentriker, dessen dunkles Geheimnis die Bauarbeiten ans Licht bringen, die starke, exzentrische Urgroßmutter Maria del Roser und Violeta selbst.

Feinfühlig erzählt Santos eine spannende, geheimnisvolle Geschichte, in die Briefe, Zeitungsartikel, E-Mails und Gemäldebeschreibungen kunstvoll eingewoben sind.

Care Santos: Die Geister schweigen. Fischer 2014

www.fischerverlage.de

Maryam Sachs: Ohne Abschied

Eine Geschichte von Entwurzelung, Liebe und Lüge

Dieses Buch ist bereits 2008 erschienen und ist der erste Roman der in London lebenden Exiliranerin Maryam Sachs. Der schmale Band erzählt sehr poetisch eine Geschichte von Entwurzelung, Liebe und Lüge.

Seit ihrer Flucht vor der islamischen Revolution lebt die 35-jährige Roxane mit ihrem Mann Kamran in Paris. Obwohl sie in einer Buchhandlung arbeitet und ihre Arbeit dort geschätzt wird, bleibt sie Außenseiterin. Ihre Ehe mit Kamran ist von gegenseitiger Fürsorge und Respekt geprägt, doch Kamran ist als erfolgreicher Verleger oft von zu Hause weg. Obwohl auch ihre in Paris lebenden Eltern und Freunde sich liebevoll um sie kümmern, bleibt Roxane fremd in der Stadt. Da sieht sie eines Abends beim Kneipenbesuch mit Freunden in die blauen Augen des Exilrussen Sergej, blau wie die Hoffnung und blau wie die Lüge, und nichts ist mehr, wie es war…

Maryam Sachs: Ohne Abschied. Collection Rolf Heyne 2008

Erwin Koch: Sara tanzt

„Von Sara habe ich gelernt, dass einer nur überlebt, wenn er singt und redet“

Sara Broffe, Deckname Sumatra, 37 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, führt nach dem gewaltsamen Tod ihres Mannes kleinere Aufträge im Widerstand gegen eine marode Militärjunta aus. Als sie verhaftet wird, übersteht sie die Monate im Haus am Stadtrand bis zum Ende des Bürgerkriegs nur duch Zwiegespräche mit ihrem toten Mann, durch falsche Geständnisse, die sie häppchenweise preisgibt, und durch das Summen von Kinderliedern.

Im Nebenzimmer verrichtet der Cellist Frits seine Arbeit, ein typischer kleiner Beamter, der versucht, durch Nichtwissenwollen nichts zu wissen. Er erledigt als Angestellter des Innenministeriums die Büroarbeit, untersucht Saras gesummte Tonfolgen auf geheime Botschaften und spielt Cello, so laut, dass Saras Schreie nicht nach außen dringen können. Zu seiner Leidenschaft für die Musik kommt allmählich eine weitere: die Liebe zu  Sara. Er setzt alles daran, sie zu befreien. Als der Krieg zu Ende und Sara frei ist, heiraten die beiden. Doch nun gerät Frits ins Visier der neuen Machthaber, er wird verhaftet, seine Rolle im alten Regime soll geklärt werden. Während der Haft schreibt er seinen Bericht, der neben der aus kurzen, reportagehaften Sätzen bestehenden Erzählung das Buch ausmacht.

Sara tanzt ist der erste Roman des Journalisten Erwin Koch, der zuvor nur Reportagen und Hörspiele veröffentlicht hatte. Er basiert auf einer wahren Geschichte, doch der Schauplatz und sogar die Sprache wurden so verfremdet, dass die Zuordnung nicht möglich ist. Beim Lesen habe ich jedoch immer das Bild eines südamerikanischen Landes vor Augen gehabt.

Der Roman hat mich vor allem durch all das berührt, was nicht ausgesprochen wird. Mit keinem Wort beschreibt Koch, was mit Sara während der Verhöre passiert, man hört nur das Cellospiel. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist mir dieses Buch beim Lesen besonders nahe gegangen.

Erwin Koch: Sara tanz. Nagel & Kimche 2003

www.hanser-literaturverlage.de

Susanna Alakoski: Bessere Zeiten

Alles, nur kein Bullerbü

Kindheit in Schweden assoziieren wir mit Bullerbü, doch bei Leena gibt es in den 1960er- und 1970er-Jahren keine heile Welt. Als Kind finnischer Gastarbeiter lebt sie in der Sozialsiedlung Fridhem in Ystad, umgeben von Armut und Alkoholismus. Ihre Eltern sind Quartalssäufer, auf Perioden der Normalität folgen schwere Abstürze und die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Alle Versuche von Leena, Hilfe von außen zu bekommen, scheitern kläglich.

Der berührende schwedische Bestseller erzählt aus der Perspektive der stillen Heldin Leena von Überlebensstrategien, Hoffnungen und der Macht der Freundschaft.

Susanna Alakoski ist selber Kind finnischer Gastarbeiter in Schweden, war Sprecherin der schwedischen Linkspartei und ist Sozialarbeiterin. Ihr Roman, der keine Autobiografie ist, wird in Schweden als Ausbildungslektüre für Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten empfohlen.

Die Thematik hat mich an das Buch „Das Mädchen“ von Angelika Klüssendorf erinnert, wobei mir die Bearbeitung von Susanna Alakoski noch  deutlich besser gefallen hat.

Sehr empfehlenswert ist auch der Film zum Buch.

Susanna Alakoski: Bessere Zeite. Edition fünf 2011
www.editionfuenf.de

Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst

Der skrupellose Papst

Das Italien der Renaissance: Papst Alexander VI (1431 – 1503), Spross eines kleinen spanischen Adelsgeschlechts, in die Kurie gekommen dank seines Onkels, durch Bestechungen 1492 auf den Heiligen Stuhl gelangt, richtet seine Politik zielstrebig auf die Versorgung seiner Familie mit Geld, Land und Titeln.

Die farbige Biografie des skrupellosesten, verruchtesten der Renaissancepäpste aus der Feder des Geschichtsprofessors Volker Reinhardt ist gut lesbar, detailreich und objektiv. Reinhardt prüft bis heute kursierende Gerüchte kritisch nach und stellt komplizierte politische Strukturen der Zeit anschaulich dar.

Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst. C.H. Beck 2007
www.chbeck.de

Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree

Krimiliteratur à la Agatha Christie

Gilbert Adair schreibt im Stil der großen englischen Kriminalliteratur, sozusagen à la Agatha Christie.

Zum zweiten Mal lässt er Yard-Inspektor a. D. Eustace Trubshawe und die Krimiautorin Evadne Mount im London der Nachkriegszeit ermitteln. Ein berühmter Regisseur ist beim Brand seines Hauses umgekommen und als sein Assistent seinen letzten Film weiterdreht, stirbt eine Schauspielerin vor laufender Kamera und unter den Augen der beiden Hobbydetektive an Gift.

Ein nostalgischer Krimi mit pointierten Dialogen, aber etwas unglaubhafter Krimihandlung.

Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree. Heyne 2009
www.randomhouse.de