Iain Levison: Hoffnung ist Gift

Ein kafkaesker Krimi

Angelehnt an den Fall eines in US-Haft umgekommenen Justizopfers erzählt Levison die kafkaeske Geschichte des Taxifahrers Jeff Sutton, der der Kindesentführung bezichtigt seine Untersuchungshaft im Todestrakt verbringt. Die unter Erfolgsdruck stehende Polizei, ein desinteressierter Pflichtverteidiger, bestochene Zeugen, zerstörte Spuren und ein machtlos der Justizmaschinerie und fremden Interessen ausgelieferter Ich-Erzähler sind die Zutaten in diesem lakonisch-trocken erzählten Krimi, der den Leser fassungslos zurücklässt.

Iain Levison: Hoffnung ist Gift. Zsolnay 2012
www.hanser-literaturverlage.de

Amy Waldman: Der amerikanische Architekt

9/11 und die Folgen

Ein Paukenschlag zu Beginn: Der in einem anonymen Wettbewerb zur Bebauung von Ground Zero von einer Jury aus Angehörigen, Künstlern und Politikern ausgewählte Entwurf stammt von Mohammad Khan, Sohn muslimischer Einwanderer.

Auf über 500 Seiten schildert die Journalistin Amy Waldman die Folgen dieser Entscheidung für Hinterbliebene und verschiedenste Interessensgruppen, aber auch für den bis dahin säkularen Amerikaner Khan.

Ein vielschichtiger, fesselnder politischer Roman über die Befindlichkeit der US-Gesellschaft mit bisweilen satirischen Zügen.

Amy Waldman: Der amerikanische Architekt. Schöffling & Co. 2010
www.schoeffling.de

Barbara Wendelken: Das Dorf der Lügen

Sehr lesenswerter Regionalkrimi

Kann man für einen Regionalkrimi fünf Sterne vergeben? Ja, ich kann es, wenn er so wie dieser allen Anforderungen gerecht wird, die ich an dieses Genre stelle. Dafür erwarte ich keinen literarischen Text, sondern einen sehr gut konstruierten und durchdachten Krimi mit unvorhersehbaren Wendungen und falschen Fährten, Lokalkolorit, gut charakterisiertem Personal, das auch ein Leben neben der eigentlichen Krimihandlung lebt, und einen Text, bei dem das Lesen auch in sprachlicher Hinsicht Spaß macht. Alles dies war hier erfüllt und deshalb vergebe ich mit gutem Gewissen die Höchststernezahl.

Schon der Einstieg hat mir bei diesem in Ostfriesland verorteten Krimi sehr gut gefallen, weil es für mich ein neues Krimiszenario war: Da erschießt die junge, unerfahrene Polizistin, die fast allen erfahrenen Kollegen im Polizeirevier Martinsfehn den Kopf verdreht, in einer falsch eingeschätzten Situation den 16-jährigen Rouven Kramer. Geistesgegenwärtig überredet sie ihren anwesenden Kollegen, am Tatort eine Notwehrsituation vorzutäuschen. Während Polizei und Spurensicherung diese Version der Geschichte willig bestätigen, glaubt im Dorf kaum jemand, dass der friedfertige Sonderling Rouven auf die Polizisten geschossen hat, am wenigsten Aleena, die Tochter des Polizeidienststellenleiters Renke Nordmann. Es kommt zu Demonstrationen und Schmierereien in einem Dorf, das bis dahin eine „Insel der Glückseligkeit“ war, und bald darauf zu weiteren Morden…

Barbara Wendelken verfügt über eine außergewöhnliche Begabung bei der Beschreibung und Charakterisierung sowohl ihrer Haupt- und Nebenfiguren als auch von Orten und Situationen. Als Leserin konnte ich mich deshalb ungewöhnlich gut einfühlen und hatte das Gefühl, die Bewohner von Martinsfehn schon lange zu kennen. Dass die Autorin sie und ihr dörfliches Leben ab und an mit liebevoller Ironie bedenkt, lässt einen das ein oder andere Mal bei aller Tragik schmunzeln. Auch die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptermittlern ist ein zusätzliches Schmankerl. In erster Linie ist jedoch bei diesem Krimidebüt die Handlung sehr gut durchdacht, falsche Fährten führen immer wieder in die Irre und erst recht spät hat mich die Erwähnung eines Arbeitsplatzes auf die richtige Spur geführt.

Ich werde bei dieser Reihe auf jeden Fall weiter dabeibleiben!

Barbara Wendelken: Das Dorf der Lügen. Piper 2014
www.piper.de

Erik Orsenna: Die Zukunft des Wassers

Ein literarisches Sachbuch

Am Anfang aller Humanität steht das Wasser. Am Anfang aller Würde, aller Gesundheit, aller Bildung, aller Entwicklung.“

Erik Orsenna, Schriftsteller, Ökonom, Mitglied der Académie Française, Direktor des Centre international de la mer und Mitglied im französischen Staatsrat hat auf einer zweijährigen Reise durch fünf Kontinente viele Menschen getroffen, die alle irgendwie mit Wasser zu tun haben. In seiner essayistischen Reisereportage erzählt er von diesen Begegnungen.

Ein literarisches Sachbuch, das bei aller Dramatik auch Perspektiven aufzeigt.

Erik Orsenna: Die Zukunft des Wasser. C.H. Beck 2010
www.chbeck.de

Chahdortt Djavann: Die Stumme

Opfer des islamistischen Terrors

In einer iranischen Todeszelle verfasst die 15-jährige Fatemeh einen Bericht über ihr Schicksal und das ihrer Tante. Diese war durch ein Trauma mit zehn Jahren verstummt und lebte im Hause ihres Bruders nach eigenen Gesetzen: ohne Kopftuch, barfuß, bunt gekleidet. Fatemeh liebte die Tante mehr als die Mutter, die ihre Schwägerin zunehmend hasste und beide ins Verderben stürzt.

Die Exiliranerin und Islam-Expertin Djavann hat ein kleines, berührendes Buch über zwei Frauen geschrieben, die Opfer der islamistischen Diktatur und ihrer Helfer werden. Leider topaktuell!

Chahdortt Djavann: Die Stumme. Goldmann 2011
www.randomhouse.de

Karin Jäckel: Deutschland, eine Märchenreise

Mit Märchen reisen

Karin Jäckel hat in diesem aufwändig und wunderschön gestalteten Familienbuch Märchen, Sagen und Schwänke für Kinder ab fünf Jahren gut verständlich nacherzählt. Nach Regionen geordnet, mit einer kurzen Einleitung über die Landschaft versehen, reichen die Schauplätze vom Bodensee bis zur Nord- und Ostsee, von der Eifel bis zum Spreewald und von Österreich bis zur Schweiz.

Die klassisch-modernen Illustrationen von Katharina Grossmann-Hensel sprechen Kinder und Erwachsene gleichermaßen an und auf zwei hübsch gestalteten Landkarten sind alle Orte eingetragen.

Karin Jäckel: Deutschland, eine Märchenreise. Kerle 2010
www.herder.de/verlag-kerle

Alice Pung: Ungeschliffener Diamant

Vom Schicksal von Einwandererkinder

Die Bücher der edition fünf, die in ihren roten Leinenbänden wiederentdeckte oder neue Autorinnen aus aller Welt vorstellt, sind für mich Highlights der Buchproduktion. Eines  davon stammt aus der Feder der jungen Australierin Alice Pung, Tochter chinesisch-kambodschanischer Einwanderer, deren autobiografischer Roman 2007 als bestes australisches Debüt ausgezeichnet wurde.

Im Asienviertel Melbournes baute sich die Familie durch harte Arbeit eine Existenz auf. Die chinesische Oma prägte Alices Kindheit, das Verhältnis zur Mutter, deren fehlende Englischkenntnisse die Verständigung erschwerten, war schwierig. Frühe Verantwortung, enormer Leistungsdruck und der kulturelle Spagat machten Alice die Eingliederung schwer, doch setzte sie sich schließlich durch und empfindet heute Verständnis und Dankbarkeit für die Eltern.

Ein ebenso bittersüßer wie humorvoller Roman.

Alice Pung: Ungeschliffener Diaman. edition fünf 2012
www.editionfuenf.de

Francesca Segal: Die Arglosen

Jüdisches Leben in London

Das schriftstellerische Talent hat Francesca Segal vom Vater Erich (Love Story), Vorbild für ihren Debütroman ist aber Edith Wartons The Age of Innocence, verlegt ins heutige jüdische Viertel Londons. Dort haben sich nach zwölfjähriger Beziehung Adam und Rachel endlich verlobt, als plötzlich Ellie, Rachels skandalumwitterte Cousine, auftaucht und Adams Gefühlswelt auf den Kopf stellt.

Besonders die humorvolle, warme, detailreiche Schilderung des Lebens in der jüdischen Gemeinde macht diesen mehrfach ausgezeichneten Roman sehr lesenswert.

Francesca Segal: Die Arglose. Kein & Aber 2013
keinundaber.ch

Lorenza Gentile: Teo

Große Schlachten

Hier gehört mein erstes Lob eindeutig der Herstellungsabteilung von dtv, denn dieses Buch ist absolut perfekt gestaltet: Von der Umschlaggestaltung bis zum Buchdeckel innen, von der Bindung über das Papier bis hin zur Schrift und zum Zeilenabstand ein absolut gelungenes Erscheinungsbild, das den Preis auf jeden Fall rechtfertigt, und das die Lektüre in dieser Hinsicht zum Genuss macht!

Nun zum Inhalt. Der achtjährige Teo ist ein aufgewecktes Kind, durchschnittlicher Grundschüler mit Stärken und Schwächen, und leidet massiv unter der sich abzeichnenden Trennung seiner Eltern. Gerne erinnert er sich an glückliche Zeiten zurück, als die Familie zusammen in die Ferien fuhr, doch nun herrscht nach eine Phase des lauten Streitens Schweigen und zuletzt bricht der Vater angeblich zu einer längeren Dienstreise auf. Während die ältere Schwester Matilde mit massiver Wut (und einer beginnenden Essstörung?) reagiert, fühlt Teo sich für die Rettung der Familie verantwortlich. Als er ein Buch über Napoleon zum Geburtstag bekommt, zeichnet sich für ihn ein Weg ab: Er möchte diesen Helden, der alle Schlachten gewonnen hat (das Ende des Buches kennt Teo nicht), um Hilfe bitten, damit er seine Schlacht gewinnen kann. Doch Napoleon ist tot und Teo kann ihn nicht so einfach treffen, es sei denn…

Durch Befragung seines Umfeldes erfährt Teo mehr über den Tod, über Hölle und Paradies, über Wiedergeburt, negative Zahlen und so manches andere, das er in sein kindliches Weltbild einzuordnen versucht. Und nebenbei findet er im Außenseiter der Klasse einen Freund.

Dies alles erzählt Teo selber in einer kindgerecht einfachen Sprache mit kurzen Sätzen. Während der Lektüre habe ich mich allerdings oft gefragt, ob Achtjährige wirklich so denken wie Teo. Meiner Ansicht nach wird er sich an keiner Stelle wirklich über die Tragweite eines Selbstmordes klar und das scheint mir nicht so recht glaubwürdig, denn in seinem Alter hat er sicher schon den Tod erlebt, und sei es den Tod eines Haustieres.

Sehr gut gefallen hat mir dagegen die Beschreibung der Familiensituation. Obwohl die Eltern, die Schwester, eine Kinderfrau und die Lehrerin ständig in Teos Nähe sind, versucht keiner, ihm zu helfen, sich um ihn zu kümmern, seine Nöte zu verstehen. Zumindest von der Kinderfrau wäre dies zu erwarten gewesen, denn sie hat die nötige Distanz. Vielleicht sollte man das Buch allen Eltern in Trennung empfehlen, damit sie über den eigenen Sorgen ihre Fürsorgepflicht nicht vergessen.

Lorenza Gentile: Teo. dtv 2015
www.dtv.de

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine

„Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“ (Heimito von Doderer)

Seit Jahrzehnten verbringen die Mitglieder der irisch-amerikanischen Familie Kelleher die Sommerferien in ihrem Ferienhaus in Cape Neddick, Maine. Was lange der Treffpunkt für die Eltern Alice und Daniel mit ihren drei Kindern und deren Familien war und vor Leben pulsierte, ist nach Daniels Tod und der Aufteilung der Ferienmonate nur noch ein Ferienhaus, das man abwechselnd nutzt.

Doch in diesem Sommer ist alles anders und so treffen plötzlich vier Frauen aus drei Generationen des Clans aufeinander: Alice, die alte Matriarchin, die ihre Lebensträume nie verwirklichen konnte und lebenslang eine heimliche alte Schuld abbüßt, ihre Tochter Kathleen, geschieden, ehemalige Alkoholikerin, die sich vor der Familienenge nach Kalifornien geflüchtet hat und dort mit einem Althippie eine Wurmfarm betreibt, deren scheinbar perfekte Schwägerin Ann Marie, die sich in die Welt ihrer Puppenhäuser geflüchtet hat, und Kathleens Tochter Maggie, schwanger ohne Partner, die das selbstbestimmte Leben führt, das ihrer Großmutter verwehrt blieb. Der große Knall kann bei diesem Aufeinandertreffen nicht ausbleiben und was lange verdrängt und verschwiegen wurde, kommt nun auf den Tisch.

Abwechselnd erzählen die Frauen aus ihrer Perspektive über sich und die anderen und über die Möglichkeiten verschiedener Frauengenerationen, mal sarkastisch, mal nachdenklich, mal voller Bosheit, mal humorvoll, und am Ende kehrt jede dankbar in ihr Leben außerhalb Maines zurück.

Ein sehr unterhaltsamer, leicht geschriebener und dennoch gehaltvoller Familienroman.

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine. Deuticke 2013
www.hanser-literaturverlage.de