Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

Schuld kann man nicht abstreifen

Frankreich als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist für mich in den vergangenen Monaten ein wirklicher Gewinn, denn Isabelle Autissiers Herz auf Eis (mare), Leïla Slimanis Dann schlaf auch du (Luchterhand) und nun Pierre Lemaitres Drei Tage und ein Leben sind absolute Höhepunkte des Literaturjahres 2017.

„Ende Dezember 1999 ging eine überraschende Reihe tragischer Ereignisse auf Beauval nieder…“, ein packender Romanbeginn, mit dem ich sofort mitten im Geschehen war. Am 23. Dezember 1999 verschwindet der sechsjährige Rémi Desmedt spurlos. Das Dorf steht Kopf, allen voran natürlich die verzweifelten Eltern. Offenbar ahnt keiner, dass der zwölfjährige Antoine Courtin, ein stiller, sympathischer, zu leichter Depression neigender Einzelgänger, der nie durch Gewalt aufgefallen ist, den Nachbarsjungen, den er eigentlich sehr gern hatte, in einem Anfall blinder Raserei wegen eines von Rémis Vater erschossenen Hundes mit einem Stockschlag im Wald getötet und die Leiche dort versteckt hat: „Von einem unüberwindlichen Gefühl der Ungerechtigkeit erfüllt, war Antoine plötzlich nicht mehr er selbst. Der Effekt der Erstarrung, den Odysseus‘ Tod ausgelöst hatte, verwandelte sich in diesem Moment in Raserei. Blind vor Zorn packte er den Stock…“.

Doch nicht genug, bevor die Suchtrupps ihre Arbeit beenden können, gehen der Sturm Lothar, sintflutartiger Regen und der Sturm Martin über die Region hinweg und hinterlassen nicht nur ein Dorf wie nach einem Bombenangriff, sondern machen auch den Wald unpassierbar. Die Betroffenheit über Rémis Verschwinden verliert schlagartig an Bedeutung: „Nicht nur die Unmöglichkeit, Monsieur Desmedt zu helfen, war bedrückend, sondern auch der Eindruck, dass das Verschwinden seines kleinen Jungen, so tragisch es auch sein mochte, von nun an in den Hintergrund gedrängt würde und es angesichts des Übels, von dem jeder betroffen war, nie wieder eine kollektive Angelegenheit werden würde.“

Über 250 Seiten geht Pierre Lemaitre der Frage nach, wie ein Kind, später ein junger Mann, mit der Schuld leben kann, wie die Angst vor der Entdeckung ihn verfolgt, welche Fluchtphantasien er hegt und wie er sich einige Male fast offenbart.

Der Aufbau des Romans ist strikt chronologisch mit den drei Teilen „1999“, „2011“ und „2015“, die Erzählweise personal aus der Sicht Antoines, also nicht in der Ich-Form. Zu gerne wüsste man mehr über die Gedanken seiner Mutter Blanche, die etwas zu ahnen scheint, des Hausarztes oder den Stand der polizeilichen Ermittlungen, bleibt jedoch auf Mutmaßungen aufgrund von Indizien angewiesen.

Drei Tage und ein Leben ist nicht nur unglaublich packend und voller unerwarteter Wendungen, sondern auch ein meisterhaft erzähltes Psychodrama. Die Szene vor und während des Weihnachtsgottesdienstes, als das ganze Dorf sich in der in der Kirche versammelt, was Lemaitre mit den Worten „Der religiöse Eifer war eine recht saisonale Angelegenheit“ einleitet, ist für sich alleine genommen bereits die Lektüre wert, genauso wie die Beschreibung der Mutter-Sohn-Beziehung und das Verhalten von Blanche im Angesicht der Verstörtheit ihres Sohnes: „Madame Courtin jedoch hatte ihre eigene Methode. Zwischen Tatsachen, die sie störten, und ihrer Vorstellungskraft errichtete sie eine hohe und stabile Mauer, durch die nur eine vage Furcht hindurchdrang, welche sie mittels einer unerhörten Menge an Gewohnheitsgesten und unerschütterlichen Ritualen in Schach hielt.“

Ein absolut empfehlenswerter Roman des 1951 geborenen französischen Autors Pierre Lemaitre, der 2013 für Wir sehen uns dort oben mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, hervorragend übersetzt von Tobias Scheffel.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Klett-Cotta 2017
www.klett-cotta.de

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