Dem Grauen ein Gesicht geben
Wenn wir Augenzeugenberichte über den Holocaust dokumentieren möchten, so ist dies leider nur noch kurze Zeit möglich. Robert Scheer hat es kurz vor dem Tod seiner Großmutter Elisabeth Scheer, genannt Pici, noch gemacht und hat ein Gesprächsprotokoll niedergeschrieben, das durch seine Einfachheit und Ehrlichkeit tief berührt.
Der Bericht beginnt mit Picis frühesten Kindheitserinnerungen, blendet aber auch auf das Leben ihrer Eltern zurück. Pici wurde 1924 in Carei, Rumänien, geboren. Erste Diskriminierungen wegen ihres Judentums erfuhr die Familie auch schon zu dieser Zeit, doch erst als Carei im September 1940 unter ungarische Herrschaft kam, begann die Verfolgung. Die intelligente Schülerin konnte nicht weiter die Schule besuchen und musste eine Schneiderlehre machen, dem Vater wurde der Handel mit Brennholz verboten und der Familie dadurch die Haupteinnahmequelle entzogen. Trotzdem war ihre Kindheit mit sehr liebevollen Eltern, mit drei älteren Schwestern und dem jüngeren Bruder, Großeltern und zahlreichen Onkeln, Tanten usw. harmonisch und behütet.
Nachdem die Deutschen im März 1944 nach Carei gekommen waren, wurden die Juden im Mai ins Ghetto geschickt und verloren ihr Zuhause. Diese zweite Hälfte des Buches war nicht nur für Pici unglaublich schwer zu erzählen, auch als Leser ist sie kaum zu ertragen: der Verlust der Eltern in Auschwitz, die Odyssee durch mehrere Arbeits- und Konzentrationslager, später der Verlust der Geschwister. Pici überlebte als einzige aus der Familie die unvorstellbare Tragödie und kam im August 1945 zurück nach Carei. Auch ihren Glauben verlor sie in dieser Zeit und war am Ende ihres Lebens ziemlich überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Dass sie über 90 Jahre alt werden würde, hätte sie selber nie gedacht, doch müssen mit ihrem Mann, ihrem Sohn und vor allem mit den geliebten Enkeln glückliche Jahre darunter gewesen sein, auch wenn das Grauen und der Verlust immer wie ein Schatten darüber lagen. Mit 91 Jahren ist sie in ihrer Wahlheimat Israel 2015 verstorben, nachdem sie die erste Niederschrift dieses Buches noch erleben durfte.
Hoffnung macht, dass der Enkel und Autor Robert Scheer sich frei entschieden hat, in Deutschland, einem Land, das seiner Familie dies alles angetan hat, zu leben.
Dem Verlag Marta press und der Verlegerin Jana Reich, von der auch das interessante Nachwort stammt, ist es zu verdanken, dass das Manuskript veröffentlicht werden konnte. In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Buch trotz des relativ hohen Preises wohl keinen wirtschaftlichen Erfolg verspricht, ist dies sehr löblich. Allerdings hätte ich mir bei einer Verlagsproduktion ein deutlich besseres Lektorat gewünscht. Die sehr große Anzahl von gravierenden Rechtschreib- und Grammatikfehlern, Wortdopplungen, falschen Wörtern und anderen Unsauberkeiten hat mich beim Lesen ausgesprochen gestört und verärgert. Sie ist definitiv nicht dem Autor anzulasten, hätte aber beim sorgfältigen Korrekturlesen leicht vermieden werden könnten.
Robert Scheer: Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück. Marta press 2016
www.marta-press.de
Die Autorin und Illustratorin Dagmar Geisler, bekannt vor allem für ihre exzellenten Kindersachbücher und die von Kindern, Eltern und Buchhändlern gleichermaßen geliebte Wanda-Reihe, hat mit Die Tintenkleckser – Mit Schlafsack in die Schule erneut einen sehr empfehlenswerten Auftaktband zu einer Reihe für alle ab ca. sechs Jahren zum Vorlesen, ab der dritten Klasse zum Selberlesen, geschrieben und illustriert. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Reihe sowohl für Jungs als auch für Mädchen geeignet ist, da eine ganze Klasse im Mittelpunkt steht. Die sehr zahlreichen, schwarz-weiß-blauen, comicartigen Zeichnungen ergänzen den Text wunderbar, die ausführliche Vorstellung aller Kinder hilft beim Kennenlernen der Klasse, die Schrift ist groß und sehr deutlich und die Textmenge pro Seite und pro Kapital für Achtjährige durchaus zu bewältigen.
Granola heißt nicht nur wie ein Schokoladenkeks, sie ist genauso zuckersüß und sympathisch. Die Grundschülerin und Ich-Erzählerin in Timm Milans Kinderbuch Kaninchenschmuggel oder Wie ich Mehlchen vor dem Verschimmeln rettete ist mir wegen ihrer Direktheit, ihrer Ehrlichkeit und ihrem sonnigen Gemüt schnell ans Herz gewachsen, obwohl sie manchmal Ideen hat, bei denen sie sich selbst nicht sicher ist, ob sie gut sind. Dabei hätte sie jede Menge Gründe dafür, traurig und schlecht gelaunt zu sein: Ihre Lieblingslehrerin, Frau Mehl, wird nach einem Unfall durch die desinteressierte, handyspielende Frau Korn ersetzt, die absolut nichts davon mitbekommt, dass Granola und andere in der Klasse gemobbt werden, ihre beste Freundin Jule hat sich von ihr ab- und Vanessa zugewandt, die Mutter erlaubt kein Kaninchen als Haustier und darüber hinaus kämpft Granola gegen das, was sie als „Grammatik-Intoleranz“ bezeichnet: Wortverdrehungen, -verwechslungen und Rechtschreibprobleme.
Ich hatte zugegebenermaßen hohe Erwartungen an diesen Thriller, aber er hat mich enttäuscht. Weder hat er gehalten, was die Leseprobe oder der Klappentext versprochen haben, noch kann ich die euphorischen Kommentare wie „ein Pageturner, der süchtig macht“ (oprah.com) oder „temporeich und packend“ (The Independent) wirklich nachvollziehen. Vielmehr war die Autorin einer an sich sehr guten Idee nicht so richtig gewachsen und hat viel Potential verschenkt. Trotz aller Kritik hätte ich das Buch aber nicht weglegen wollen, dazu war ich dann doch zu neugierig auf das Ende.
Deon Meyer wird gerne als der Henning Mankell Südafrikas bezeichnet, und obwohl ich solche Vergleiche eigentlich eher nicht mag, ist dieser nicht aus der Luft gegriffen. Wie Mankell bringt uns auch Meyer die Gegenwart seines Landes nahe und zeigt darüber hinaus auf, wie der Kolonialismus, die Befreiungskriege und die Jahre der Apartheit heute noch nachwirken. Neben seiner Fähigkeit, Charaktere lebendig werden zu lassen und atemlose Spannung über hunderte von Seiten aufrecht zu erhalten, macht dies den Hauptreiz seiner Thriller für mich aus – obwohl ich sonst eher kein Fan dieses Genres bin.
Eines vorweg: Ich liebe die Bücher von Theodor Fontane (1819 – 1898) und auch Unwiederbringlich ist sprachlich überaus elegant, psychologisch raffiniert konzipiert und ergreifend. Trotzdem konnte mich dieser Roman nicht überzeugen, da mir der Raum, den Fontane der Tagespolitik und ihren kleinen, nur angedeuteten Episoden und Anekdoten widmet, zu groß war. Trotz Recherchen im Internet konnte ich leider sehr vieles nicht nachvollziehen, was dem zeitgenössischen Leser sicher vertraut war.
…diese Liedzeile seines Bruders Leff scheint wie für Anton gemacht: Der 18-jährige Ich-Erzähler und Schüler an einer EOS (=erweiterte Oberschule) ist zum Entsetzen seiner Umwelt noch unentschlossen über sein Studienfach. Während die Klassenkameraden klare Ziele verfolgen, muss er beim Direktor vorsprechen, weil er keine fristgemäße Bewerbung eingereicht hat. Doch da er aus „kaderpolitischen Gründen“, d. h. wegen Westverwandtschaft, kein Journalistik-Studium aufnehmen darf, hat es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Direktor unterstellt ihm „eine gewisse Gleichgültigkeit“, zumal er sich auch nicht für einen verlängerten Dienst bei der Volksarmee beworben hat, und droht damit, einem „Luftikus“ wie ihm kein Reifezeugnis auszustellen. Obwohl Anton nach eigener Meinung großes Glück mit seinen Eltern hat, können auch sie ihm in dieser Situation nicht Ratgeber sein. Ohne Selbstbewusstsein und Ziel irrt er durch die Wochen vor dem Abitur: „Ich wollte nicht mehr mein Freund sein, weil ich dachte, ich bin einfach zu blöd für alles und stehe mir bloß im Wege und bereite mir immer bloß Ärger und Kummer.“ Dabei ist die fehlende Begeisterung für ein Studienfach nicht sein einziges Problem: Anton hält seine Sexualität für nicht normal, trauert der vergangenen Kindheit nach, stellt die Lehrer und das Schulsystem in Frage, leidet unter seiner Einsamkeit und den vielen unbeantworteten Fragen und hadert mit den politischen Verhältnissen. Erst ein einfühlsames Gespräch am Abend nach der Abiturprüfung mit seinem unangepassten Bruder öffnet ihm die Augen, denn: „Dir kann geholfen werden.“
Die Buchreihe Ich schenk dir eine Geschichte, deren Bände seit 1997 alljährlich zum Welttag des Buches am 23. April an inzwischen Millionen von Kindern verschenkt wurden, verbunden meist mit einem Besuch in der örtlichen Buchhandlung und unterstützt u. a. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stiftung Lesen, hat in den letzten Jahren eine deutliche Verbesserung erfahren. Die inzwischen durchgehenden Geschichten sind deutlich interessanter als früher und in diesem Jahr wurde der Text zusätzlich auf 32 Seiten als Graphic Novel umgesetzt, um auch Comicfans und sprachschwächere (Migranten-)Kinder zu erreichen. Daneben lädt ein literarisches Quiz zum miträtseln ein.
Es ist die schlimmste Mordserie im südfranzösischen Département Var in der Région Provence-Alpes-Côte d’Azur: Ein unbekannter Täter entführt junge Frauen und mumifiziert sie fachmännisch. Wer kann so krank sein?
Vor einigen Jahren war Keiko, der Debütroman von Jamie Ford, ein absolutes Highlight für mich. Lange musste ich auf seinen zweites Buch warten, das mich aber auch beim zweiten Lesen nicht so überzeugen konnte wie sein erster Roman.