Damon Galgut: Das Versprechen

  Zerfall

2020 ging der wichtigste britische Literaturpreis, der Booker Prize, vergeben für das beste Buch in englischer Sprache, an einen Debütroman: Shuggie Bain von Douglas Stuart. Der Preisträger des Jahres 2021 war dagegen bereits zum dritten Mal nominiert: Damon Galgut, geboren 1963 in Südafrika. Für seinen Roman Das Versprechen bekam er den Preis nun erstmals zugesprochen und reiht sich ein in eine Serie afrikanischer Preisträger 2021: Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Tsitsi Dangarembga und Prix Goncourt für Mohamed Mbougar Sarr, um drei weitere zu nennen.

Vier Jahrzehnte, vier Präsidenten, vier Beerdigungen
Im Zentrum von Galguts Roman steht die weiße südafrikanische Mittelstandsfamilie Swart. Nach vier ihrer fünf Mitglieder sind die vier Teile benannt: „Ma“, eigentlich Rachel, „Pa“, eigentlich Herman Albertus, genannt Manie, „Astrid“ und „Anton“. Jeder Teil spielt in einem anderen Jahrzehnt, beginnend 1986 in der Endphase der Apartheit unter Frederik Willem de Klerk. Die jüngste Tochter der Swarts, die dreizehnjährige Amor, wird zur Beerdigung ihrer Mutter aus dem Internat abgeholt. Es gibt Unruhen in den Townships, der Ausnahmezustand sowie eine Nachrichtensperre sind verhängt und die Familie versammelt sich an ihrem Wohnsitz, einer Farm außerhalb Pretorias. Salome, die schwarze Hausangestellte und hingebungsvolle Pflegerin der Mutter in ihren letzten Lebensmonaten, bleibt aus Rassegründen von der Trauerfeier ausgeschlossen.

Für Amor beginnt nach dem Tod der Mutter ein Kampf für die Umsetzung eines Versprechens, das der Vater seiner Frau kurz vor deren Tod gegeben hat: Salome soll für ihre Verdienste das kleine Haus erhalten, in dem sie mit ihrem Sohn lebt.

Auch in den weiteren Teilen, die nach dem Ende der Apartheit unter der Präsidentschaft von Nelson Mandela 1995, unter Thabo Mbeki 2004 und Jacob Zuma 2018 spielen, kommen die verbliebenen Familienmitglieder in der zunehmend herunterkommenden Farm zu Beisetzungen zusammen. Jede findet nach einem anderen Ritus und unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen statt. Parallel zu den politischen Umwälzungen im Land zerfällt die Familie und immer steht das unerfüllte Versprechen im Raum, das aller Leben beeinflusst.

© B. Busch

Wenig Grund für Optimismus
Analog zur derzeitigen politischen Situation Südafrikas durchzieht auch den Roman vorwiegend Tristesse, scheitern doch alle Figuren an den eigenen Träumen, am Alkohol, an den sich ändernden Lebensbedingungen im Land, an ihren Versprechen – nicht nur an dem für Salome – oder verschreiben sich einem spirituellen Heilsbringer. Trotzdem gibt es gleich ein ganzes Bündel von Gründen, warum ich Das Versprechen so überaus gerne gelesen habe und mich über die Wahl der Jury freue. Die Idee, die Handlung anhand von Beerdigungen zu erzählen, ist ebenso originell wie brillant umgesetzt, die Verbindung zwischen der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung Südafrikas und der Familiengeschichte funktioniert bestens und die Ambivalenz der Familienmitglieder und Nebenfiguren ist, soweit sie als Schwarze nicht „unsichtbar“ bleiben, stimmig herausgearbeitet. Besonders beeindruckt hat mich die außergewöhnliche Erzähltechnik mit einem Bewusstseinsstrom im Präsens in einer stimmlichen Kakophonie wechselnder Perspektiven sowie der direkten Ansprache mal der Figuren, mal der Leserinnen und Leser, reichlich gewürzt mit Humor, Ironie und Sarkasmus. Ein Roman also, der mir nicht nur Spaß gemacht und mich unterhalten, sondern mir die neuere Geschichte Südafrikas nähergebracht hat:

Denn die Familie Swart hat so gar nichts Besonderes oder Bemerkenswertes, o nein, sie gleicht der Familie von der Nachbarfarm und der Nachbarfarm der Nachbarfarm, nur ein gewöhnlicher Haufen weißer Südafrikaner, und wenn du es nicht glaubst, brauchst du nur einmal darauf zu achten, wie wir sprechen. […] Unsere Seele ist irgendwie verrostet, regenfleckig und verbeult, und das hört man unserer Stimme an. (S. 278)

Damon Galgut: Das Versprechen. Aus dem südafrikanischen Englisch von Thomas Mohr. Luchterhand 2021
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen, die mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurden, auf diesem Blog:

  

 

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

  Paradies oder Hölle?

Es ist fast die Regel, dass ich beim Namen des neuen Nobelpreisträgers oder der Nobelpreisträgerin für Literatur ahnungslos mit den Schultern zucke, so auch 2021 bei Abdulrazak Gurnah. Allerdings weckte die für alle unerwartete Wahl dieses Mal sofort mein Interesse, waren doch die Stimmen einhellig positiv, der Prämierte in den ersten Interviews sehr sympathisch und sowohl die Thematik seiner Werke als auch die Region, in der sie angesiedelt sind, klangen sehr verheißungsvoll. Ich freute mich daher sehr, dass der Penguin Verlag pünktlich zur Preisverleihung im Dezember 2021 Gurnahs 1994 für den Booker Prize nominierten Roman Das verlorene Paradies in einer sehr geschmackvoll gestalteten Ausgabe mit großzügigem Druck und Lesebändchen wieder auf Deutsch zugänglich machte.

© B. Busch

Der Schauplatz: Ostafrika um 1900
Ostafrika war lange vor der Kolonialisierung durch Engländer und Deutsche ein Schmelztiegel der Nationen, Kulturen, Sprachen und Religionen. Afrikaner, Araber und Inder lebten zwar nicht friedlich, aber in gewachsenen Strukturen nebeneinander. Diese keineswegs perfekte Welt kurz vor ihrer endgültigen Zerstörung steht in Das verlorene Paradies im Mittelpunkt, nicht die europäischen Kolonialmächte, die sich bereits überall im Land breitmachen.

Yusuf
Mitten in dieser Welt wächst Yusuf auf, Sohn armer Eltern aus dem Landesinneren, dessen Erwachsenwerden wir miterleben. Seine Kindheit endet abrupt in seinem zwölften Lebensjahr, als er einem reichen arabischen Kaufmann als Pfand zufällt. Er muss ihm in eine große Stadt am Meer folgen, dort in seinem Laden arbeiten und ihn später auf seinen Handelszügen zu den „Wilden“ begleiten. Der hübsche junge Mann erregt Aufsehen und weckt die Begierde von Männern und Frauen gleichermaßen. 

Erst allmählich begreift Yusuf, dass der Geschäftsmann nicht, wie er dachte, sein Onkel, sondern sein Seyyid, sein Herr, ist, und dass er, der immer von Albträumen gequält wird, nie die ersehnte Freiheit erlangen wird:

„Sie haben uns dazu erzogen, ängstlich und gehorsam zu sein, sie zu ehren, selbst wenn sie uns missbrauchen.“ (S. 303)

Das Einzige, was in dieser von Gewalt, Derbheit, Obszönität und Hierarchien geprägten Männerwelt paradiesisch erscheint, ist der Garten des Seyyid:

Das Haus, in dem wir wohnten, hatte einen wunderschönen Garten, mit einer hohen Mauer rundherum. Mit Palmen und Orangenbäumen und sogar Granatäpfeln und Wasserrinnen, mit einem Teich und duftenden Sträuchern. (S. 88/89)

Für Leserinnen und Leser mit Vorwissen
Mit Abdulrazak Gurnah hat das Nobelpreiskomitee einen 1948 im ostafrikanischen Sansibar geborenen Autor auszeichnet, der bereits 1967 als Bürgerkriegsflüchtling nach Großbritannien kam, dort bis zu seinem Ruhestand Professor für Anglistik und postkoloniale Literatur war, seine zehn Romane auf Englisch verfasste und sich heute für andere Flüchtlinge einsetzt.

Ohne Vorkenntnisse über die Region und die Zeit erschloss sich mir Gurnahs Erzählabsicht nur schwer, obwohl der Roman vordergründig nicht kompliziert zu lesen ist. Zum besseren Verständnis hätte ich unbedingt ein ausführliches Vorwort über die politische und gesellschaftliche Situation in Ostafrika um 1900 sowie die Koranbezüge des Textes und eine Landkarte gebraucht, um die vielen Orte, Episoden und die von gegenseitiger Geringschätzung geprägten Dialoge besser einordnen zu können. Trotz aller euphorischer Kritiken des Feuilletons gehört Das verlorene Paradies für mich deshalb zu den Romanen, die man durchaus lesen kann, um eine unbekannte Welt und einen empathisch gezeichneten Protagonisten kennenzulernen, die man jedoch nicht unbedingt lesen muss.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Aus dem Englischen von Inge Leipold. Penguin 2021
www.penguinrandomhouse.de

Walko: Rob & Jonny

  Was im Leben wirklich zählt

Wer will schon Tag und Nacht für andere schuften, wenn er oder sie auch ein schönes Leben führen und all die großartigen Orte dieser Welt entdecken könnte? Der kleine Roboter Rob 1 jedenfalls will kein Diener sein und haut deshalb klammheimlich aus der Fabrik ab, kurz bevor er verkauft wird. Nun steht ihm die große weite Welt offen! Mit einem Jumbo-Jet macht er sich auf nach London. Wie er dort mit seiner Neugier, seinen ganz speziellen Roboterfähigkeiten, seinem guten Herzen und seinem Einfallsreichtum an einem ereignisreichen Tag nicht nur die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten entdeckt, sondern im Straßenhund Jonny auch noch einen Freund fürs Leben und bei ihm sogar ein neues Zuhause findet, erzählt Walter Kössler alias Walko wie gewohnt humorvoll, herzerwärmend und ebenso detailreich wie fantasievoll und liebevoll illustriert.

Der Schwerpunkt liegt bei diesem Kinderbuch für kleine Zuhörerinnen und Zuhörer ab fünf Jahren, das den Auftakt zu einer neuen Reihe bildet, nicht auf der Spannung, sondern auf der Freundschaftsgeschichte, den Londoner Sehenswürdigkeiten und der Erkenntnis, dass man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Dazu braucht es Mut, Pfiffigkeit und vor allem ein Herz auf dem rechten Fleck, alles Eigenschaften, über die Rob in großem Maße verfügt. Robs technische Fähigkeiten und sein Wissen bieten darüber hinaus den ein oder anderen zusätzlichen Erkenntnisgewinn. Ob sich das 48 ungezählte Seiten umfassende Buch allerdings als Erstleserlektüre eignet, hängt sehr vom jeweiligen Kind ab: Die hübsch anzusehende Schrift ist keine Fibelschrift, es gibt keine Kapiteleinteilung und auf einigen Seiten ist die Zeilenmenge für Leseanfängerinnen und –anfänger sehr groß. Hilfreich sind in jedem Fall die vielen Bilder, die das Textverständnis unterstützen, mal seitenfüllend, mal als kleine Erinnerungsfotos mit Bildunterschrift, die Robs vollautomatische Augenkamera für sein eingebautes Erinnerungsalbum fotografiert.

© M. Busch

Für mich erreicht Rob und Jonny zwar nicht ganz den Zauber von Walkos abenteuerlicher Reihe Hase und Holunderbär, ich kann es zum Vorlesen jedoch trotzdem sehr empfehlen. Wer könnte schon einer Geschichte widerstehen, in der es am Ende eines aufregenden Tages heißt:

Zu zweit machte alles einfach viel mehr Spaß. Und Rob freute sich auch. Für ihn begann jetzt ein herrliches, freies Leben. Eins, wie man es sich herrlicher nicht vorstellen kann. A wonderful life, wie man in London sagt.

Walko: Rob & Jonny. Coppenrath 2022
www.coppenrath.de

 

Weitere Rezensionen zu Kinderbüchern von Walko auf diesem Blog:

 

Meine Lese-Highlights 2021

Die Erfindung des Buchdruckes ist das größte Ereignis der Weltgeschichte. (Victor Hugo)

© B. Busch

Meine liebsten Bücher 2021 sind nicht alle in diesem Jahr erschienen, sie haben mich aber im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt und sind zu Freunden geworden. Mein Kriterium ist dabei weder, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, noch die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Titeln, die für mich im genau richtigen Augenblick kamen.

Von oben nach unten:

Sabine Bohlmann & Kerstin Schoene: Der kleine Siebenschläfer – Gleich ist alles wieder gut. Thienemann 2019
Tove Ditlevsen: Kindheit. Aufbau 2021

Tove Ditlevsen: Jugend. Aufbau 2021
Tove Ditlevsen: Abhängigkeit. Aufbau 2021
Edvard Hoem: Die Hebamme. Urachhaus 2021
Henning Ahrens: Mitgift. Klett-Cotta 2021
Leïla Slimani: Das Land der Anderen. Luchterhand 2021
Thomas de Padova: Nonna. Insel 2020
Monika Helfer: Vati. Carl Hanser 2021
Charles Lewinsky: Melnitz. Diogenes 2021
Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021
Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht. Diogenes 2021
Eva Menasse: Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch 2021
Matthias Jügler: Die Verlassenen. Penguin 2021
Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. C.H. Beck 2021
Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes. Blessing 2020
Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt 2021

Allen Besucherinnen und Besuchern auf meinem Blog wünsche ich ein gesundes, frohes 2022!

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

  Ein kaputtes Leben

Coronabedingt war Kanada unter dem Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ 2020 und 2021 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Meine schönsten Entdeckungen in dieser Zeit waren Die Unschuldigen von Michael Crummey und Das weite Herz des Landes von Richard Wagamese (1955 – 2017), einem der wichtigsten indigenen Autoren Kanadas. Wie er in seiner Danksagung schreibt, wurde der Roman, der 2014 unter dem Originaltitel Medicine Walk erschien, „in langen Nächten der Selbsterforschung und Reflexion“ geboren.

Der letzte Weg
Franklin gehört den kanadischen First Nations an, wuchs aber bei einem alten weißen Farmer auf. Erst mit sieben Jahren erfährt er, wer sein leiblicher Vater ist: Eldon Starlight, Halb-Ojibwe, Wanderarbeiter, verwahrloster Alkoholiker ohne Halt und Bezug zu den eigenen Traditionen: 

„Das Indianerzeug ist irgendwie hinten runtergefallen, weil wir so damit beschäftigt waren, in der anderen Welt den Kopf über Wasser zu halten.“ (S. 60)

Während der fürsorgliche Alte den Jungen alles lehrt, was er für ein freies Leben mit und in der Natur braucht, enttäuscht ihn sein Vater bei jedem der sporadischen Zusammentreffen. Doch als Eldon Anfang der 1970er-Jahre den Tod nahen fühlt, bittet er seinen sechzehnjährigen Sohn, ihn zum Sterben auf einen 60 Kilometer entfernten Bergkamm zu begleiten und lockt ihn mit einem Versprechen:

„Du sollst mich mit dem Gesicht nach Osten begraben“, sagte der Vater. „Im Sitzen, wie einen Krieger.“
„Du bist kein Krieger.“ […]
Er wandte sich dem Jungen zu, schwankte ziemlich, stützte sich haltsuchend auf die Tischplatte und sah seinen Sohn aus halb geschlossenen Lidern an. „Früher schon“, sagte er. „Davon muss ich dir erzählen. Muss dir vieles erzählen.“ (S. 32/33)

© B. Busch

Mit dem sterbenden Vater auf dem Rücken seines Pferdes macht Franklin sich zu Fuß auf den Weg ins Hinterland von British Columbia. Eine atemberaubende Natur, Franklins Erinnerungen an seine Kindheit auf der Farm mit den immer ausgedehnteren Ausflügen alleine in die Wildnis sowie Eldons Erzählung bilden den Kern dieses sehr berührenden Romans, in dem eigentlich nicht viel passiert, der aber trotzdem von einer starken Spannung getragen wird. Eldons Geschichte ist voller Dramatik: Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, als Eldon dreizehn Jahre alt war, fortan musste er als Tagelöhner an wechselnden Orten schuften. Seine ungeplante Flucht weg von der Mutter und sein persönliches Trauma aus dem Koreakrieg versuchte er im Alkohol zu ertränken. Als unerwartet das Glück anklopfte, versagte er. Nicht nur Franklins anfängliche Wut auf den Vater schlägt während der abenteuerlichen Reise in Mitleid um, sondern auch meine.

„Geschichten zu teilen heißt Dinge zu verändern“ (S. 228)
Obwohl Eldon schon als Kind die Magie des Geschichtenerzählens erlebte, kann er selbst sich erst kurz vor seinem Tod dem Sohn öffnen:

„Es lag immer eine Last auf ihm, als würde er Kornsäcke bergauf schleppen, aber er hat nie davon gesprochen.“ (S. 273)

Anrührend, aber nie rührselig
Das weite Herz des Landes ist eine äußerst bewegende, bild- und sprachmächtige Geschichte über die heilende Wirkung des Erzählens, über Zugehörigkeit und Traditionen, Familienbande und Fürsorge, Schuld und Vergebung, Rassismus und Naturverbundenheit. Mir hat dieses Kammerspiel mit den drei männlichen Protagonisten und den starken Dialogen ausnehmend gut gefallen. Es ist eines der Bücher, die mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes. Aus dem kanadischen Englisch von Ingo Herzke. Mit einem Nachwort von Katja Sarkowsky. Blessing 2020
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erschienen:

         

Bernhard Schlink: Die Enkelin

  Ein folgenschweres Geheimnis

Im Mai 1964 beginnt beim Pfingsttreffen der deutschen Jugend in Ostberlin eine Liebe, die es aus Sicht der DDR-Funktionäre nicht hätte geben dürfen. Kaspar Wettner, Geschichts- und Germanistikstudent aus Westberlin, verliebt sich in Birgit, eine ostdeutsche Ökonomiestudentin. Während Kaspar Birgits Flucht in den Westen plant, ahnt er nichts von ihrem Geheimnis, das wie ein Schatten auf ihrer etwa 50 Jahre währenden, keineswegs unglücklichen Ehe lasten wird:

Es hatte zwischen ihnen bei aller Nähe eine tiefe Distanz gegeben, er hatte sie mehr geliebt als sie ihn, sie hatte sich finden wollen und war ohne ihn auf die Suche gegangen, sie hatte Geheimnisse vor ihm gehabt, hatte mit anderen Männern geschlafen, hatte vieles angefangen und wenig vollendet – na und? Tiefdrinnen und tiefdrunten hatte er nicht alles gewusst, aber doch, dass sie sich nie ganz geben konnte und dass er sie nie ganz hatte. (S. 132) 

Erster Teil: Ein deutsch-deutscher Eheroman
Der Roman Die Enkelin von Bernhard Schlink beginnt mit dem Abend, an dem der 71-jährige Berliner Buchhändler Kaspar seine alkoholkranke, depressive Frau Birgit tot in der Badewanne findet. Von einem Verleger nach Birgits Romanmanuskript gefragt, macht er sich auf die Suche und findet wenige Seiten, die ihm, der immer weggesehen hat, um seine Frau nicht zu verlieren, den Grund für Birgits Ruhe- und „Ortslosigkeit“ enthüllen. Um seine Trauer zu betäuben, will er vollenden, wozu sie nicht den Mut hatte: die Suche nach ihrer in der DDR zurückgelassenen Tochter Svenja.

© B. Busch

Zweiter und dritter Teil: Die neue Rechte
Nach erstaunlich glatt verlaufenden Recherchen findet Kaspar nicht nur die mit einem Neo-Nazi in einem völkischen Dorf in Mecklenburg lebende Svenja und erfährt deren dramatisch verlaufene Lebensgeschichte, sondern auch die von der rechtsnationalen Ideologie durchdrungene Enkelin Sigrun. Mit schier endlosem Verständnis und voller Vertrauen in die heilende Kraft von Kunst, Literatur und besonders Musik beginnt Kaspar, Sigrun behutsam Alternativen zur völkischen Gesinnung nahezubringen.

Wenn die Latte zu hoch hängt
Auf neue Romane von Bernhard Schlink freue ich mich vor allem wegen des immer gut gewählten und recherchierten historischen Bezugs. Entsprechend waren meine Erwartungen groß, erfüllten sich jedoch dieses Mal nur teilweise, obwohl der zeitgeschichtliche Hintergrund wieder ausgesprochen erhellend ist, sowohl hinsichtlich der deutsch-deutschen Frage als auch der mir bisher unbekannten, kurios anmutenden völkischen Gemeinschaften. Bedauerlicherweise ist jedoch der Brückenschlag zwischen beiden Themen zu konstruiert. Die schablonenhaften, seltsam emotionslos agierenden Figuren wurden vor meinen Augen nie lebendig, seien es der bis zur Unglaubwürdigkeit gutmütige, duldsame Schöngeist Kaspar, die in ihrer Rastlosigkeit überzeichnete Birgit, Sigruns klischeehafte Nazieltern, die ihre Tochter aus finanziellen Erwägungen bedenkenlos wochenweise einem Wildfremden mit völlig konträren Ansichten überlassen oder Sigrun selbst, die zwar in ihrer rechten Verblendung, nicht jedoch als Teenagerin an einer normalen Schule glaubhaft ist. Sowohl die steifen Dialoge mit einem Hang ins Didaktische als auch Kaspars mit rhetorischen Fragen gespickte innere Monologe gingen mir auf die Nerven. Positiv überrascht hat mich dagegen das Ende, das glücklicherweise ohne Rührseligkeit auskommt.

Die Enkelin wird mir nicht so im Gedächtnis bleiben, wie es die zweifellos interessanten Themen verdient hätten. Das ist schade, denn Bernhard Schlink kann es besser.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Bernhard Schlink auf diesem Blog:

Theodor Storm: Immensee

  Verpasstes Glück

Der Sommerurlaub 2021 in der Nähe von Husum, der Geburtsstadt von Theodor Storm (1817 – 1888), seiner „grauen Stadt am Meer“, brachte mich auf die Idee, wieder einmal seine frühe Novelle Immensee zu hören.

Theodor Storms Geburtsstadt Husum. © M. Busch

 

Immensee wurde erstmals 1849 im Volksbuch auf das Jahr 1850 für Schleswig, Holstein und Lauenburg veröffentlicht. 1851 erschien die Novelle überarbeitet und auf das Wesentlichste gekürzt in einem Band mit dem Titel Sommergeschichten und Lieder. Es ist die sehr lyrische, noch in der Epoche der Romantik verhaftete Geschichte einer verlorenen Liebe, erzählt aus der Sicht eines alten, alleinlebenden Mannes, der sich an einem Abend im Spätherbst mittels eines einzigen Wortes in seine Jugend zurückversetzt:

„Elisabeth!“, sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war die Zeit verwandelt – war er in seiner Jugend. 

Elisabeth und Reinhard verbrachten die Jahre ihrer Kindheit und Jugend zusammen und der fünf Jahre ältere Junge erzählte dem kleinen Mädchen Märchen und schrieb Gedichte. Doch als er zum Studium wegging, brach er sein Versprechen, Elisabeth Märchen zu schicken. Er fühlte sich ihrer zu sicher, genoss seine Freiheit, obwohl er ahnte, dass auch sein Freund Erich um sie warb. Als Reinhard die erlösenden Worte Elisabeth gegenüber nicht sprach, sondern sie auf die Zeit nach seiner endgültigen Rückkehr verschob, gab die junge Frau schließlich dem Drängen ihrer Mutter nach und nahm Erichs dritten Antrag an.

Bei einem Besuch Jahre später auf Gut Immensee, das Erich mit Elisabeth bewirtschaftete, erlebte Reinhard die schwesterliche Verbundenheit der geliebten Frau zu ihrem Mann und die gegenseitige Dankbarkeit des Paares. Er verließ das Haus und kehrte nie wieder.

Auf einer CD mit knapp 64 Minuten Laufzeit liest Christian Standtke die Novelle, die Theodor Storm berühmt machte, sehr gut zum Grundton des Textes passend: wehmütig, ruhig und melancholisch. Ich war überrascht, wie sehr der Text, den Theodor Storm mitten in der industriellen Revolution und fast zeitgleich zum Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels verfasste, aus der Zeit gefallen scheint. Wer sich jedoch ganz auf den schwermütigen Ton einlässt, den nimmt die Novelle mit in eine ferne Epoche, in der Mädchen passiv zuhause warteten und sich von versorgungsfixierten Müttern in ungeliebte Ehen drängen ließen. Ein Abend im Spätherbst am prasselnden Kaminfeuer eignet sich dafür besonders gut.

Theodor Storm: Immensee. Sprecher: Christian Standtke. Argon 2003
www.argon-verlag.de

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

  Und schreiben kann er auch

Eine Familie ist eine Wiege, ein Gefängnis, ein Giftschrank, ein Hafen. (aus: „Eine gewöhnliche Familie“ von Sylvie Schenk)

Edgar Selge ist als großartiger Film- und Theaterschauspieler bestens bekannt. Nun hat er sich – wie seine Kollegen Robert Seethaler, Joachim Meyerhoff, Matthias Brandt, Christian Berkel oder Andrea Sawatzki – als Schriftsteller betätigt. Ein langgehegtes Vorhaben, wie er selbst sagt, das er aber erst in den letzten vier bis fünf Jahren tatsächlich begonnen und nun, während der Pandemie, vollendet hat. Es ist ein autofiktionales Romandebüt, keine Autobiografie, in dem der Protagonist und Ich-Erzähler nicht zufällig Edgar heißt. In kurzen Episoden mischen sich Erlebtes und Erfundenes, wobei es mich überhaupt nicht störte, das eine nicht vom anderen unterscheiden zu können. Meist ist der 1948 geborene Edgar zwölf Jahre alt, manchmal wird aber in nicht-chronologischer Abfolge vor- und zurückgeblendet und die Stimme des Kindes wird immer wieder von der des 73-jährige Autors überlagert. Dass es trotzdem jederzeit passt, ist dem meisterhaften Erzähler Edgar Selge zu verdanken, der berichtet, reflektiert, fragt, oft keine Antwort findet und spürbar schwer an seiner Kindheit trägt.

Bildungsbürgertum im Nachkriegsdeutschland
Im Hause von Dr. Edgar Selge, Gefängnisdirektor der Jugendstrafanstalt Herford und leidenschaftlicher Hobbypianist, lebt die Familie „praktisch zwischen zwei Hauskonzerten“ (S. 9). Geladen sind auch Gefangene, die bei dieser Gelegenheit die von ihnen hergestellten Möbel im Hause ihres Chefs bewundern. Auch der nur mittelmäßige Klavierschüler Edgar junior sitzt im Publikum und beobachtet hellwach das Geschehen.

© B. Busch

Seinen Eltern dienen Musik, Literatur und Kunst zur Verdrängung der Vergangenheit und als Beweis für Kontinuität:

Der Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie überstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist übrig geblieben. Davon sind sie überzeugt. Auch wenn kein jüdischer Künstler mehr im Land ist. (S. 18)

Edgar junior bedauert, dass er den Krieg im Gegensatz zu seinen beiden älteren Brüder verpasst hat:

Der Krieg ist die Zeit, wo alles passiert ist. Alle zehren vom Krieg. Alle beziehen ihre Kraft aus dieser Zeit. Auch wenn sie sich davon abstoßen. Nur ich habe keine Erinnerungen. (S. 89)

Ein Vorgeschmack auf die 68er-Generation
Umso heftiger befeuert er die politischen Diskussionen bei Tischgesprächen zwischen den im Nationalsozialismus sozialisierten Eltern und den kompromisslos-progressiven Brüdern. Lieber sterben will der Vater, als von den Sozis regiert werden, und rastet wegen einer Bundestagdebatte zur Aufhebung der Verjährungsfrist von Nazimorden aus. Als Leiter des Zuchthauses Werl fraternisierte er so offen mit den dort einsitzenden Ex-Wehrmachtsoffizieren wie Kesselring, von Falkenhorst oder von Manstein, dass die Briten ihn entließen. Ein persönlicher Dank dieser Kriegsverbrecher steht im familieneigenen Bücherschrank.

Warum! Er! Mich! Schlägt!
Mehr noch als unter gelegentlichen sexuellen Übergriffen leidet der sensible Edgar unter den väterlichen Prügelattacken, die ihm mit Gewalt Moral einbläuen sollen. Trotzdem schützt er den Vater:

Ich will nicht zugeben, von jemandem geschlagen zu werden, den ich liebe. Und noch weniger will ich zugeben, dass seine Schläge meine Liebe nicht ausgelöscht haben.
Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt. (S. 131)

Eine unbedingt lesenswerte deutsche Familiengeschichte der Nachkriegszeit, bravourös geschriebene, lakonisch und bisweilen witzig, unaufdringlich, mitreißend, unter die Haut gehend und mit einem Epilog, der garantiert niemand unberührt lässt.

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden. Rowohlt 2021
www.rowohlt.de

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

  Fulminanter Abschluss der Kopenhagen-Trilogie

 Die beiden ersten schmalen Bände ihrer autofiktionalen, inzwischen als Kopenhagen-Trilogie betittelten Romane verfasste die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917 – 1976) 1967 in einer Entzugsklinik. Im Frühjahr 2021 erschienen sie unter den Titeln Kindheit und Jugend im Aufbau Verlag erstmals auf Deutsch, hervorragend übersetzt von Ursel Allenstein. Den dritten Teil, Abhängigkeit, aus dem Jahr 1971 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag 1980 unter dem nicht ganz so gut passenden Titel Sucht, denn der dänische Originaltitel Gift ist zweideutig und kann sowohl mit „Sucht“ als auch mit „verheiratet“ übersetzt werden – ein Hinweis auf Tove Ditlevsens vier problematische Ehen.

© B. Busch

Kindheit erzählt von Tove Ditlevsens ersten düsteren 14 Jahren in einem Kopenhagener Arbeiterstadtteil ohne Aussicht auf eine höhere Schulbildung, aber mit dem unstillbaren Wunsch, Dichterin zu werden. Jugend umfasst die Jahre in wechselnden Anstellungen bis zu ihrer ersten Gedichtveröffentlichung in einer literarischen Zeitschrift und der ersten Gedichtsammlung 1939. Der 30 Jahre ältere Herausgeber der Zeitung, Viggo F. Møller, wurde ihr erster Mann.

Toves Unglück mit den Männern
Während ihrer zweiten Ehe mit dem Studenten Ebbe konnte sie mit ihren Einkünften aus der Schriftstellerei bereits ihn und die Tochter Helle unterhalten. Nichts war für sie wichtiger als das Schreiben:

Aber für mich ist das Leben nur ein Genuss, wenn ich schreiben kann. (S. 64)

Das änderte sich schlagartig, als der Medizinstudent Carl Ryberg ihr anlässlich einer Abtreibung das opioide Schmerzmittel Pethidin spritzte. Fortan konnte sie an nichts anderes mehr denken:

Ich bin einzig und allein von dem Gedanken besessen, es noch einmal zu erleben, und Ebbe ist mir vollkommen gleichgültig geworden; wie alle Menschen außer Carl. (S. 104)

Während der fünf „Schreckensjahre“ mit dem geisteskranken Carl gebar sie ein weiteres Kind, fälschte Methadonrezepte, konnte nur noch mit Chloralhydrat schlafen und schließlich nicht mehr schreiben:

Dann hört die Zeit auf zu existieren. Eine Stunde kann wie ein Jahr sein und ein Jahr wie eine Stunde. Es hängt davon ab, wie viel oder wenig in der Spritze ist. (S. 140)

© B. Busch

Hilfe in letzter Minute
Abgemagert auf 30 Kilogramm rettete sie sich in eine Klinik, durchlitt unvorstellbare Entzugsqualen, begann wieder zu schreiben, wurde rückfällig, lernte einen neuen Mann kennen und musste akzeptieren, nie mehr ganz gesund zu werden:

Ich war von meiner jahrelangen Abhängigkeit geheilt, aber noch heute erwacht die alte Sehnsucht manchmal ganz leise in mir, wenn ich mir Blut abnehmen lasse oder an einer Apotheke vorbeigehe. Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe. (S. 176)

#tovelesen
Nach der Düsternis von Kindheit und der eher hoffnungsvollen Stimmung in Jugend erwischte mich die Beklemmung in Abhängigkeit mit voller Wucht. Nie habe ich Vergleichbares gelesen über eine Sucht, so knapp, präzise und schonungslos offen. Zwar nahm meine Sympathie für Tove Ditlevsen im Laufe der Bände kontinuierlich ab, aber das Porträt einer ambivalenten Frau, die so gerne normal und gewöhnlich sein wollte und es doch nicht war, die unter ihrer fehlenden Bildung litt und nur beim Schreiben Erfüllung fand, ist ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis. Der derzeitige Hype in vielen Ländern ist daher absolut berechtigt.

Ich freue mich sehr, dass der Aufbau Verlag im Frühjahr 2022 mit Gesichter einen weiteren Schlüsselroman der Autorin zugänglich macht.

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau 2021
www.aufbau-verlage.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Tove Ditlevsen auf diesem Blog:

 

Tove Ditlevsen: Jugend

  Nützliche Männer

Die ersten 14 Jahre ihres Lebens bis 1932 waren Thema in Kindheit, Teil eins der autofiktionalen Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen (1917 – 1976), die im Frühjahr 2021 in moderner Ausstattung im Aufbau Verlag erschien. Nur Teil drei, Abhängigkeit, gab es bereits 1980 unter dem Titel Sucht im Suhrkamp Verlag auf Deutsch, allerdings ohne nur annähernd den derzeitigen Hype auszulösen.

Nahtlos schließt der zweite Band Jugend an Kindheit an. Beide Romane verfasste Tove Ditlevsen 1967 in einer Entzugsklinik. Der Ich-Erzählerin Tove, deren biografische Eckdaten bis auf das um ein Jahr verlegte Geburtsjahr exakt mit denen der Autorin übereinstimmen, bleibt als Kind aus prekärem Arbeitermilieu trotz Begabung das Gymnasium verschlossen. Es beginnt eine wilde Abfolge von Anstellungen, zunächst in der Hauswirtschaft, dann in Büros, wo sie immerhin Maschineschreiben und Stenografie lernen darf. Ihr Traum vom Erfolg als Lyrikerin lebt im Geheimen weiter, obwohl ihr Vater diese Möglichkeit für ein Mädchen ausschließt:

Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich mir so sehr wünsche, dass meine Gedichte gedruckt werden und sich Menschen, die ein Gespür dafür haben, daran erfreuen können. (S. 79)

Der Zipfel der Welt
Als Tove vom Tod des Redakteurs Brochmann erfährt, der ihr Hoffnung auf eine Veröffentlichung ihrer Gedichte zu einem späteren Zeitpunkt gemacht hatte, ist es „der schwerste Tag ihres Lebens“ (S. 15). Sie weiß, dass der Weg zur Schriftstellerin über Männer mit Verbindungen führt. Doch auch der Antiquar Krogh, von dem sie sich Unterstürzung verspricht, verschwindet plötzlich:

Für die Welt bin ich nicht von Bedeutung, und immer, wenn ich einen Zipfel von ihr erhasche, entgleitet sie mir wieder. Menschen sterben, ihre Häuser werden abgerissen. Die Welt verändert sich unaufhaltsam, und nur die Welt meiner Kindheit bleibt bestehen. (S. 33) 

Mit ihrer neuen Freundin Nina wirft sich Tove ins Kopenhagener Nachtleben und macht Männerbekanntschaften, hauptsächlich, um die für ihre Lyrik entscheidenden Erfahrungen zu sammeln. Mit 18 löst sie sich aus den Fesseln ihrer Familie und bezieht samt einer gemieteten Schreibmaschine ein ärmliches Zimmer.

© B. Busch

Erste Veröffentlichungen
Ihr Gespür dafür, den richtigen Männern von ihren Gedichten zu erzählen, beschert ihr den ersehnten „Zipfel von jener Welt […], nach der ich mich sehne“ (S. 116) in Form der Adresse des Herausgebers der Literaturzeitschrift Wilder Weizen: Viggo F. Møller. Der über 30 Jahre ältere Mann druckt nicht nur ihr erstes Gedicht, Til mit døde barn (An mein totes Kind), sondern unterstützt 1939 auch die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbands Mädchenseele, eröffnet ihr die Welt der Literaten und wird ihr erster Ehemann:

Er ist der Mensch, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe. (S. 121)

Schonungslos offen
Jugend erschien mir im Ton trotz der Schilderungen sexueller Übergriffe, prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse und weiblicher Diskriminierung optimistischer als der düstere Band Kindheit, der mir noch eine Nuance besser gefiel. Fast ausgeblendet werden die politischen Wirren der 1930er-Jahre in Dänemark und weltweit. Gleich sind beiden Teilen der lineare, umwerfend nüchterne, schonungslos offene und bisweilen humorvolle Erzählstil und die Geschichte eines Mädchens, das zwischen Zielstrebigkeit und Selbstzweifeln aufgrund ihrer Herkunft, Bildung, Sprache und Kultur schwankt.

© B. Busch

Tove Ditlevsen: Jugend. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau 2021
www.aufbau-verlage.de

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