Iris Wolff und Denis Scheck zu Gast im Literaturhaus Stuttgart

© B. Busch

Am 23.09.2020 war Iris Wolff zu Gast im Literaturhaus Stuttgart zum Gespräch mit Denis Scheck. Der Abend wurde gewohnt souverän und knapp eingeleitet von der Leiterin des Hauses, Frau Dr. Stefanie Stegmann. Für mich war es die erste Lesung nach der Wiedereröffnung, selbstverständlich mit sorgsam umgesetzten Hygienemaßnahmen und reduzierter Zuhörerzahl, dafür aber mit Livestream-Übertragung. Schade nur, dass durch die weit geöffneten Fenster zwar angenehme Abendluft, aber auch Hubschrauber-, Rettungswagen- und Straßenlärm hereinwehte.

Denis Scheck war wie immer zugleich glänzend vorbereitet und doch spontan. Mehrfach leitete er Gesprächsabschnitte mit eigenen Anekdoten ein und überraschte Iris Wolff mit teils originellen Fragen, auf die sie jedoch nach kurzer Bedenkzeit immer eine passende Antwort fand.

Mit ihrem vierten Roman, Die Unschärfe der Welt, wechselte Iris Wolff nicht nur zum Stuttgarter Klett-Cotta Verlag, sondern kam auch zurecht auf mehrere Nominierungslisten. Erfrischend ehrlich gestand sie ihre spontane Enttäuschung darüber, es beim Deutschen Buchpreis 2020 „nur“ den Sprung auf die Longlist geschafft zu haben. Ich bedauere diese Entscheidung der Jury ebenfalls, denn der Platz auf der Shortlist wäre sicherlich verdient gewesen.

„Warum schreiben Sie immer über Rumänien?“, wollte Denis Scheck von der 1977 in Hermannstadt geborenen Iris Wolff wissen. Sie begründete dies mit ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Ort ihrer Kindheit und der Möglichkeit, schreibend diese Welt zu betreten, schloss aber zugleich andere Themen für die Zukunft nicht aus. Wer wie sie „ins Blaue hineinschreibt“ und wem plötzlich ein Drache in einen Nicht-Fantasy-Roman hüpft, dem könne schließlich fast alles passieren.

Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf dem Konstruktionsprinzip des Romans, das nicht nur Denis Scheck, sondern auch mich fasziniert hat. Die Hauptfigur, Samuel, wird darin aus der Sicht von sieben anderen Personen geschildert. Diese multiperspektivische Erzählweise setzt Iris Wolff bewusst immer kürzeren Texten bis hin zum Twitter-Format entgegen, die vorgeben, eine zunehmend komplexere Welt erklären zu können. Ihr Fokus liege dabei grundsätzlich auf den Figuren, während die Zeitgeschichte den Hintergrund bilde, sagte Iris Wolff.

© B. Busch

Drei angenehm ruhig vorgetragene Lesungen rundeten den sehr anregenden und gelungenen Abend mit einer äußerst sympathischen Iris Wolff ab, von der ich hoffentlich bald mehr lesen kann.

Joachim B. Schmidt: Kalmann

  Der Sheriff aus dem hohen Norden

Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] „Run, Forrest, run!“, riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm. (S. 11)

 

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

 

Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf. (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und die Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte. (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache

  Von mausetoten Wörtern, Buchstabengeometrie und SMS-Kürzeln

Hätten Sie gewusst,…

  • welche 15 Zitate aus Schillers „Das Lied von der Glocke“ zu Sprichwörtern oder Redensarten wurden?
  • … warum „Friedhof“ nichts mit „Frieden“ und „Wahnsinn“ nichts mit „Wahn“ zu tun hat?
  • … wie viele Wörter man bei normalem Sprechtempo pro Minute sagt und wie oft man sich durchschnittlich verspricht?
  • … dass es Wörter wie „Smoking“ oder „Public Viewing“ im Englischen so nicht gibt?
  • … aus welchen Sprachen Begriffe wie Anorak, Shampoo oder Loipe stammen?
  • … welche deutschen Wörter es in welcher abenteuerlichen Schreibweise in andere Sprache geschafft haben?

Kennen Sie…

  • … 61 Alternativen für das Schimpfwort „Dummkopf“ (den „Vollpfosten“ noch nicht einmal eingerechnet) und 49 Bezeichnungen für den abgeknabberten Rest des Apfels?
  • … das schönste Wort der deutschen Sprache, das 2004 vom Deutschen Sprachrat gekürt wurde?
  • … die fünf einsilbigen Wörter auf -nf, die der Duden auflistet?
  • … die Wörter und Unwörter der letzten zehn Jahre?
  • … ein Wort mit vier verschiedenen Pluralbildungen für vier unterschiedliche Bedeutungen?

Können Sie Begriffe wie „Anagramm“, „Palindrom“, „Zwiebelfisch“, „Hyperbel“, „Kofferwort“ oder „Pangramm“ spontan definieren?

Sind Sie sattelfest in der Rechtschreibung fehleranfälliger Wörter?

Wenn Sie all das und noch viel mehr unterhaltsam und originell aufbereitet nachlesen möchten und dazu farblich und satztechnisch außergewöhnlich pfiffige Bücher lieben, dann ist Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache aus dem Dudenverlag genau richtig.

Überrascht hat mich, dass Deutsch mit 110 Mio Sprechern noch vor Französisch auf Platz zehn der meistgesprochenen Sprachen zu finden ist. Drei der 14 häufigsten Fragen an die Duden-Sprachberatung habe auch ich mir schon öfter gestellt und nun eine Antwort erhalten. Unwahrscheinlich allerdings, dass die teilweise äußerst komplizierten Emoticons wie „(:-?“ oder „(:-&“ von meinen Chatpartnern verstanden würden. „Giftzwerg“ als eine „nicht seltene Koseform“ war mir ebenfalls bisher unbekannt und birgt ein nicht unerhebliches Risiko. Schwäbisch steht mit 17% Nennungen zu Unrecht auf Platz vier der fünf unbeliebtesten Dialekte Deutschlands, denn Thüringisch mit 19% auf Platz fünf weist eindeutig mehr Nennungen auf – oder wurde die Prozentzahl schlicht verwechselt (S. 66)? Die französische Verbform „faut“ lautet übersetzt nicht „gemacht“ (von „faire“, „machen“) sondern „braucht“ (von „falloir“, „brauchen“) (S. 105).

Während Duden-Produkte zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und zu Synonymen unverzichtbare Arbeitsinstrumente für mich sind, macht das Lesen dieses 128 Seiten starken, kleinformatigen Bändchens mit dem praktischen Register einfach Freude. Ich empfehle die anschauliche Faktensammlung deshalb allen, die Spaß an der deutschen Sprache haben, die die Bücher und CDs von Bastian Sick mögen, die das Glück haben, Deutsch nicht als Fremdsprache erlernen zu müssen – oder genau dieses auf sich genommen haben -, die unterhaltsame Rätselrunden rund um das Thema Sprache planen oder ein kleines, aber sehr feines Geschenk suchen, das aus dem Rahmen fällt.

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache. Duden 2020
www.duden.de

Margaret Laurence: Der steinerne Engel

  Ein freudloses Leben

Das Cover mit der schräg laufenden, lilafarbenen Schrift über dem Gesichtsausschnitt einer Greisin mit auffallendem Ohrring gibt bereits viel über die 90-jährige Ich-Erzählerin Hagar Shipley preis. Entschieden und rücksichtslos bahnte sie sich ihren Weg, ihr übergroßer Stolz bescherte ihr und den Menschen ihrer Umgebung ein freudloses Leben und mit der Kleiderfarbe Lila provoziert sie im hohen Alter ihre konservative Schwiegertochter.


Viele Opfer

An ihrem treuen, zeitlebens geringgeschätzten Sohn Marvin und dessen Frau Doris tobt Hagar im Alter ihre Bosheit, Scharfzüngigkeit und Ungerechtigkeit, ihren Ärger über die eigene Schwäche und ihren Starrsinn aus. 17 Jahren leben beide bereits in Hagars Haus, doch nun fühlen sie sich der zunehmenden geistigen und körperlichen Probleme der Mutter nicht mehr gewachsen. Mit aller Macht verweigert Hagar jedoch den Umzug ins Seniorenheim Silberfaden. Stattdessen erwartet sie bedingungslose Fürsorge von Schwiegertochter und Sohn, ohne solche jemals selbst gegeben zu haben. In einem ihrer seltenen, aber durchaus vorhandenen ehrlichen Momente gesteht sie sich ein:

Ich bin niemandem zu Dankbarkeit verpflichtet. Das Dumme ist nur, mir fallen nicht allzu viele ein, denen ich geholfen hätte. (S. 313)

Gegenwart und Vergangenheit
Während Hagar mit überraschenden Einfällen gegen den Verlust ihres Zuhauses kämpft, stürzen ungebeten Erinnerungen auf sie ein. Äußerst raffiniert und sprachlich begeisternd verknüpft die kanadische Autorin Margaret Laurence Gegenwart und durch Farben, Geräusche oder Ereignisse ausgelöste Erinnerungssplitter. Von Kindheit an prägten übermäßiger Stolz und die Weigerung, Gefühle zu offenbaren, Hagars Leben. Aufgewachsen ohne Mutter und ihrem strengen, erfolgreichen Vater ähnlich, kam es zum völligen Bruch, als sie gegen seinen Willen den 14 Jahre älteren, unambitionierten Farmer Brampton Shipley heiratete. Bald schämte sie sich für dessen sprachliche Mängel und fehlende Manieren. Beide Söhne litten schwer unter ihrer Mutter: Strafte sie den älteren, Marvin, mit Nichtbeachtung, so führten die übersteigerten Erwartungen an den jüngeren, John, schließlich zur Tragödie. Blind und starr wie der titelgebende steinerne Engel auf dem Grab ihrer Mutter verstellte Hagar sich und ihrer Familie den Weg zu einem erfüllten Leben.

© B. Busch

Zwei gescheiterte Frauen
Wie Ann Ambros in Vicky Baums 1951 erschienenem Roman Vor Rehen wird gewarnt ist auch Hagar Shipley eine starke, intelligente Frau. Beide sind Kämpferinnen und scheitern dennoch auf ganzer Linie an sich selbst. Die stählerne Sanftmut, mit der Ann gnadenlos Menschen zum eigenen Vorteil aus dem Wege räumt, hat mich zwar abgestoßen, durch die Raffinesse aber zugleich fasziniert. Hagars Borniertheit rief jedoch – trotz später Ansätze von Einsicht – nur Trauigkeit und Wut bei mir hervor, aber trotz ihrer spürbaren Angst vor Alter und Tod kein Mitleid.

Gastland Kanada
Margaret Laurence (1926 – 1987) gehört zu den bekanntesten Autorinnen Kanadas. Fünf ihrer Romane spielen wie Der steinerne Engel aus dem Jahr 1964 im fiktiven Präriestädtchen Manawaka, für das ihr Geburtsort Neepawa, 170 Kilometer von Winnipeg entfernt, Vorbild war. Der steinerne Engel ist der Beginn einer Trilogie und wurde zum Gastlandauftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 (und coronabedingt 2021) von Monika Baark neu übersetzt. Es lohnt sich, diesen modernen Klassiker mit seiner überraschenden Aktualität neu- oder wiederzuentdecken. Hagar Shipley kann man unmöglich mögen, ihre Lebensbeichte dagegen unbedingt!

Margaret Laurence: Der steinerne Engel. Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark. Eisele 2020
eisele-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen:

   

Agota Kristof: Das große Heft

  Kindheit im Krieg

Wir sitzen am Küchentisch mit unsern karierten Blättern, unsern Bleistiften und dem Großen Heft. […] Wenn es «Gut» ist, können wir den Aufsatz in das Große Heft abschreiben. Um zu entscheiden, ob es «Gut» oder «Nicht gut» ist, haben wir eine sehr einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein.“ (S. 28/29)

Es herrscht Krieg. Aus dem Bombenhagel in der „Großen Stadt“ bringt eine Mutter ihre etwa neunjährigen Zwillinge, namenlose, außergewöhnlich intelligente Jungen, zur Großmutter in die „Kleine Stadt“ an der Grenze. „Hexe“ wird die Großmutter genannt und allgemein des Giftmords an ihrem Mann verdächtigt. Fortan sind die Buben auf sich alleine gestellt, ohne Vorbilder, von der Großmutter übel beschimpft und Außenseiter wie sie. Um in einer Welt voller Armut, Verrohung, Gewalt, Demütigung und Verlassenheit zu bestehen, verordnen sie sich ein konsequentes Trainingsprogramm: Abhärtung gegen körperlichen Schmerz durch Zufügen desselben, Abhärtung gegen Schimpfwörter durch gegenseitige Beleidigungen, Fasten- und Schweigeübungen, planmäßiges Erlernen von Grausamkeiten, Übungen zum Töten, Diebstähle und Erpressungen. Die Fähigkeit, sich zu wehren, wird zur Überlebensfrage:

Die Kleinen von hier werden von ihren Müttern beschützt und gehen nie allein aus dem Haus. Wir werden von niemand beschützt. Daher lernen wir, uns gegen die Großen zu wehren. […] Wir brauchen nur unser Rasiermesser herauszuziehen, damit die Großen weglaufen. (S. 49)

Ein Roman, bestehend aus Aufsätzen
Was sie erleben, schreiben die Zwillinge in Form von zwei- bis dreiseitigen Aufsätzen in das „Große Heft“. Alle Kapitel berichten lakonisch und vollkommen frei von Gefühlen über ihren Alltag und ihren Überlebenskampf in einer Welt, von der sie nichts erwarten.

Die bis auf ein Minimum reduzierte Erzählweise in der Wir-Form nennt weder Namen noch Zeit oder Orte. Trotzdem lässt sich unschwer ein zunächst von der Wehrmacht, dann von der Sowjetunion besetztes Land ausmachen.

Fast unerträglich grausam
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so durch und durch düsteren Roman gelesen zu haben. Nur äußerst selten lassen die Zwillinge erkennen, dass sie in gewissen Situationen durchaus zu Mitgefühl fähig sind, und sogar im Verhältnis zur Großmutter stellt sich allmählich ein Hauch von gegenseitiger Wertschätzung ein. Umso erstaunlicher ist die Sympathie für die Kinder, die die Autorin Agota Kristof erzeugt. Mit jedem Kapitel beziehungsweise Aufsatz wird das Geschehen noch brutaler, scheint ihr Schicksal noch hoffnungsloser und stockte mir beim Lesen mehr der Atem. Was es dabei allerdings nicht gebraucht hätte, ist die Ausschmückung sexueller Abartigkeiten und Grausamkeiten, die nicht nur die Zwillinge erfahren.

Dass – und wie – sich zuletzt sogar der einzige Halt, das scheinbar untrennbar verbundene „Wir“, auflöst, ist kaum zu ertragen. Glücklicherweise werde ich aber demnächst in den Folgebänden Der Beweis und Die dritte Lüge erfahren, wie es mit den Zwillingen weitergeht.

Die gebürtige Ungarin Agota Kristof (1935 – 2011) emigrierte während der Ungarnaufstände 1956 in die Schweiz und verfasste ihre Romane, darunter 1986 Das große Heft, auf Französisch. Leider bin ich erst jetzt auf diese Antikriegs-Parabel aufmerksam geworden, obwohl das Buch seit 1987 auf Deutsch vorliegt, für das Theater und die Oper adaptiert und 2013 vom ungarischen Regisseur János Szász verfilmt wurde.

Agota Kristof: Das große Heft. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Piper 2018
www.piper.de

Melanie Laibl & Susanne Göhlich: Verkühl dich täglich

  Kampf dem Mumienoutfit

Pünktlich zum Ende des Sommers bestehen die „großen Großen“, die Erwachsenen, auf warmer Kleidung. Doch Pauli, Ich-Erzähler der Geschichte, sowie Nelly, Sophie und die Zwillinge Felix und Emil haben absolut keine Lust auf megapeinliche Thermostrumpfhosen, kratzige Wollpullis, Muffs, Schneestiefel, Ohrenschützer, Loops und Co. Kurzerhand gründen sie den Verein „Verkühl dich täglich“. Gemeinsam wollen sie beweisen, dass die Fieberkurven trotz in jedem Kapitel fallender Temperaturen auch ohne „Mumienoutfit“ nicht ansteigen. Als es fast schon langweilig wird, weil absolut nichts passiert und alle Nasen trocken bleiben, wird das Risiko mittels spektakulärer Mutprobe noch gesteigert. Doch nichts kann den verrückten Gegenschlag toppen, zu dem die Erwachsenen mit vereinten Kräften ausholen…

Verkühl dich täglich ist eine sehr vergnügliche Geschichte von Melanie Laibl über einen Wettstreit zwischen pfiffigen Kindern und fantasievollen Erwachsenen, die sogar auf einem historischen Vorbild basiert. Sie eignet sich prima zum Vorlesen ab fünf Jahren, besonders in der kalten Jahreszeit, oder zum Selberlesen ab der dritten Klasse. Die hinreißenden Illustrationen mit den typischen Gesichtern stammen unverkennbar von Susanne Göhlich und treffen den sympathischen Ton des Textes haargenau.

Melanie Laibl & Susanne Göhlich: Verkühl dich täglich. mixtvision 2017
mixtvision.de

 

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Michael Crummey: Die Unschuldigen

  Den Naturgewalten ausgeliefert

Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach Neufundland gebracht hätte – einem Ziel, das sich seither bei mir festgesetzt hat. Ein neufundländischer Roman des von dort stammenden Autors Michael Crummey weckte deshalb sofort mein Interesse, gemäß dem Motto meines Blogs: „Mit Büchern um die Welt“.

Alleingelassen
Die Unschuldigen
beginnt Ende des 18. Jahrhunderts mit einer dreifachen Familientragödie. Nach dem Tod der jüngsten Tochter und der Eltern bleiben der elfjährige Evered und die neunjährige Ada völlig allein in einer einsamen Bucht zurück.  Sie sind noch Kinder und verrichten doch seit Jahren Erwachsenenarbeit. Genau diese Kenntnisse werden nun überlebensnotwenig.

Sieben Jahre lang begleiten wir die Geschwister bei ihrem Kampf in einer teils verschwenderisch reichen und doch unbarmherzigen Natur. Der Zyklus der Jahreszeiten bestimmt ihr Leben, beginnend mit dem Packeis und den Robben im März, mit dem Laichen des Kapelans, den Kabeljauschwärmen im Sommer, dem Holzschlag und der Arbeit im mageren Gemüsegarten bis zum Beerensammeln im Herbst. Einzig die dunklen Wintermonate gewähren eine Ruhepause.

Sehnsüchtig erwartet und gefürchtet ist die Ankunft des Versorgungsschiffes „Hope“, das zweimal jährlich lebensnotwendige Güter bringt und zu ruinösen Bedingungen den Fang der Saison aufkauft.  Oft wird die Nahrung lebensbedrohlich knapp:

Die ganze Zeit über knurrte ihnen der Magen. Den Portwein hatten sie längst ausgetrunken und gossen sich nun Rum in den abendlichen Tee, um den schlimmsten Hunger zu betäuben und die vielfältigen Leiden zu lindern, die die Arbeit ihnen zugefügte. Ihr Zahnfleisch war durch den Nahrungsmangel im Frühjahr grau und schwammig geworden, sie hatten ständig einen leichten Blutgeschmack im Mund, und ihre Zähne waren so locker, dass man sie mit der Zunge hin und her bewegen konnte, als hingen sie an Scharnieren. (S. 159)

Für Abwechslung sorgt das Meer
Einmal ist es ein Sturm, der ihnen wertvolles Strandgut beschert, dann ein im Eis feststeckendes Schiff mit grausamer Fracht. Unerwartete Besucher kommen per Schiff, helfen in höchster Not, bringen Wissen, Geschichten und willkommene Abwechslung, stellen aber gleichzeitig das gemeinsame Leben in Frage:

Ein Leben lang waren sie einander das gewesen, an dem der andere sich als Erstes und Letztes orientierte; die einzige Sache, die sie brauchten, um sich vollständig zu fühlen, egal, was ihnen sonst genommen wurde oder im Dunkeln verloren ging. Nun aber begann jeder auf seine Weise daran zu zweifeln, dass ihre Verbindung für das, was sie vom Leben wollten, notwendig war. (S. 289)

Während die Geschwister mit Zielstrebigkeit, Fleiß und Lehren aus Fehlern ihr Überleben immer besser sichern, stellt ihre mit der Pubertät erwachende Sexualität sie vor unbeherrschbare Rätsel. Sensibel, glaubhaft und aus beider Sicht beleuchtet der Roman dieses Thema in allen Facetten, beschreibt Sehnsüchte, Vergnügen, Zweifel, Unwissen, Schuldgefühle, Scham und die Hilflosigkeit bei der Benennung unverständlicher Dinge.

Ein Buch, das man nicht einfach zuklappt
Ein alter Zeitungsartikel über einen Geistlichen, der in einer einsamen Bucht einen Bruder und seine schwangere Schwester entdeckte, ließ Michael Crummey jahrelang nicht los, bis er diesen inzwischen preisgekrönten Roman zu Papier brachte. Für mich hat sich das packend geschriebene Buch doppelt gelohnt: Einerseits wurde mein Wunsch einer Neufundlandreise bestärkt, andererseits beschäftigt mich das Schicksal der Geschwister auch über die Lektüre hinaus.

Michael Crummey: Die Unschuldigen. Aus dem kanadischen Englisch von Ute Leibmann. Eichborn 2020
www.luebbe.de/eichborn

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen:

     

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

  Samuel und die anderen

Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick. (S. 41)

Kaum hatte ich Die Unschärfe der Welt beendet, erschien der Roman der 1977 in Herrmannstadt, Siebenbürgen, geborenen Autorin Iris Wolff auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Eine gute Wahl, auch wenn mein Start nicht leicht war, behinderte doch die titelgebende „Unschärfe“ zunächst die zeitliche und räumliche Verortung der Handlung und die Zuordnung der Figuren. Zum Rettungsanker wurde jedoch bald Samuel, dritte von vier Generationen dieses Familienromans. In jedem der sieben Kapitel spielt er eine zentrale Rolle für die Menschen seines Umfelds und sorgt für zeitliche Einordnung. Dabei bleibt auch er unscharf, wirkt auf jeden anders, und nicht einmal die Beschreibung seiner Augenfarbe stimmt überein.

Sieben Episoden, viele Leerstellen
Aus der Sicht seiner Mutter Florentine und in personaler Erzählform beginnt der Roman mit Samuels Geburt in den 1960er-Jahren. In einem Banater Dorf an der westlichen Außengrenze Rumäniens hat sein Vater Hannes seine erste Pfarrstelle angetreten. Samuel erlebt eine Kindheit und Jugend im Rumänien unter dem stalinistischen Conducător Nicolae Ceaușescu und dessen Geheimdienst Securitate, der sich besonders für die Gäste im Pfarrhaus interessiert und dessen Spitzel und Gehilfen sich bis in die Kirchengemeinde erstrecken. Im zweiten bis sechsten Kapitel stehen im Mittelpunkt Figuren wie Florentines slowakische Freundin Malva und ihr gewalttätiger Ehemann Konstanty, Samuels Großeltern Karline und Johann, seine Freundin Stana, sein Freund Oz, dem er beim Kampf gegen seine Drachen beisteht, und ein ehemaliger Gast im Pfarrhaus namens Bene, dem Samuel auf abenteuerlichem Weg ein zweites Mal begegnet. Das Schlusskapitel gibt die Sichtweise seiner Tochter Liv wieder, als die Familie nach der rumänischen Revolution weit verstreut lebt, gegen Fremdheit ankämpft und mit Deutsch, Slowakisch und Rumänisch über keine gemeinsame Sprache verfügt.

Viele Themen
Die Unschärfe der Welt
ist kein politischer Roman, sondern ein Buch über Familie, Freundschaft, Zusammenhalt, Einsamkeit, Heimat und Sprache, in den die Wirren der Geschichte jedoch beträchtlichen einfließen. Die rigorose Familienpolitik Ceaușescus mit Tausenden toter Frauen, denen man nach verbotenen Abtreibungsversuchen medizinische Hilfe verweigerte, sein Personenkult und Nepotismus, die Zustände in den Gefängnissen, die wirtschaftliche Misere und der Ausverkauf der deutschsprachigen Bevölkerung kommen zur Sprache:

Dieses Land hielt eine Ordnung aufrecht, an die nur noch unter Mühe (oder gleich gar nicht) geglaubt wurde. Dennoch wurde darauf beharrt, es sei eine objektive Wirklichkeit. (S. 129)

Ein sprachlicher Genuss
Iris Wolff erzählt dies alles in einer sehr melodischen Sprache, stilsicheren Sätzen und originellen Bildern. Beeindruckt hat mich die große Empathie, die sie ihren eigenwilligen Figuren entgegenbringt. Vieles könnte ich hier zitieren, stellvertretend soll einer der für mich schönsten Abschnitte über die Wandlung von Stanas und Samuels Kinderfreundschaft in Liebe stehen:

Wenn sie nachdachte, wo Samuel in ihrem Körper wohnte, stellt sie fest, dass er inzwischen überall war. Sie fühlte ihn in den Fingerspitzen, in der Kraft ihrer Schultern. Mitten in der Brust hatte er einen weiten Raum eingenommen, in ihren Bauch sandte er ein leichtes, auffliegendes Gefühl. Neuerdings gab es eine Verbindung zwischen der Herzgegend und ihrem Unterleib, ein heißes, wirbeliges, ganz und gar beunruhigendes Gefühl. […] Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen […]. (S. 101)

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta 2020
www.klett-cotta.de

 

Weitere Rezension zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 auf diesem Blog:

Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena

  Familiendynamik

Eine Dramaturgin als Ich-Erzählerin eines Romans ist eine ausgezeichnete Wahl. Giulia ist die junge Frau vom Theater, die in Der Sonntag mit Elena berichtet, was ihr Vater an jenem titelgebenden Tag erlebte. Sie war zwar nicht dabei, hatte zu dieser Zeit nicht einmal Kontakt zu ihm, doch haben er und Elena Jahre später ausführlich von ihrer zufälligen Begegnung berichtet. Giulia brachte die Geschehnisse zu Papier, reicherte sie mit eigenen Kindheitserinnerungen, der Familiengeschichte und Betrachtung über die Ehe der Eltern an, ergänzte sie um passende Erlebnisse aus ihrem Alltag, schmückte aus oder unterschlug, was sie nicht preisgeben wollte.

Ein Tag…
An jenem lange zurückliegenden Sonntag hatte der Vater in Erwartung des Besuchs seiner ältesten Tochter Sonia und deren Familie erstmals selbst gekocht. 67 Jahre war er alt, seit acht Monaten Witwer und einsam. Der Kontakt zu Giulia war abgebrochen, der Sohn Alessandro arbeitete in Helsinki und auch Sonia war aus Turin hinaus aufs Land gezogen. Nach einem Arbeitsleben als Brückenbauer auf Baustellen weltweit hatte der Vater sich seinen Ruhestand anders vorgestellt:

Das Leben hatte ihn mit interessanten Menschen zusammengebracht, mit denen er ebenso angenehme wie oberflächliche Beziehungen geführt hatte, kurzlebige Freundschafen, die die Zeit mit der Unerbittlichkeit eines Jahreszeitenwechsels gekappt hatte. Er verzehrte sich geradezu danach, sich in einer verwandten Seele zu spiegeln, aber da war niemand… (S. 57)

Als Sonia überraschend absagen musste, stand dem Vater ein weiterer einsamer Sonntag bevor, mit Bergen von gekochtem Essen, aber ohne Appetit. Bis er am Skatepark zufällig die dreißig Jahre jüngere Witwe Elena mit ihrem 13-jährigen Sohn Gaston traf, beide genauso einsam wie er – und hungrig dazu. Mit Gaston hatte der Vater endlich wieder einen interessierten Zuhörer an seinen Ingenieursabenteuern, mit Elena konnte er über seine unerfüllten Träume fürs Alter reden und Anteil an ihren Problemen nehmen. Der unverhoffte Einklang heiterte alle auf:

Elena prostete ihm zu. „Danke“, sagte sie. „Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich den Kopf voller Schatten. Alle haben Sie nicht verjagt, aber ein paar schon. Danke dafür, wirklich.“ (S. 120)

 … und noch viel mehr
Wer nun eine mehr oder weniger kitschige Liebesgeschichte erwartet, liegt zum Glück daneben. Nur für kurze Zeit bleibt das ungleiche Trio in Kontakt, doch es reicht für neue Impulse. Als sich Elena und der Vater Jahre später noch einmal begegnen, sind die Karten neu gemischt, nicht zuletzt aufgrund jenes Sonntags.

Mir hat die Erzählweise Giulias sehr gut gefallen, besonders ihre Überlegungen zu sich verändernden Eltern-Kind-Verhältnissen und die Hommage an die Mutter. Diese ertrug die Abwesenheit des Vaters scheinbar stoisch, stellte eigene Ambitionen zurück und fragte mehr, als sie von sich preisgab. Ganz anders der Vater, Held von Guilias Kindheit, der lieber erzählte, und zu dem sie erst über Umwege wieder einen Zugang fand.

Lesenswert und hübsch gemacht
Der Turiner Autor Fabio Geda nennt mit Kent Haruf und Elizabeth Strout zwei Vorbilder, die ich ebenfalls sehr schätze. Ein Sonntag mit Elena ist ein kleiner, stiller und lesenswerter Roman in deren Tradition. Das Cover passt vorzüglich zum Inhalt des handlichen Büchleins ohne Schutzumschlag, den ich mit einem Lächeln beendet habe.

Fabio Geda: Ein Sonntag mit Elena. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Hanserblau 2020
www.hanser-literaturverlage.de

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

  Ein Menschenfreund

Die beiden Zellenbewohner im Montrealer Gefängnis könnten nicht unterschiedlicher sein und doch kommen sie überraschend gut miteinander klar. Der Hells Angel Patrick Horton, ein gefängniserprobter, knallharter junger Hüne mit Panik vor Nagetieren und Haareschneiden, wartet wegen Beteiligung an einer Exekution auf seinen Prozess. Ganz anders sein Zellengenosse, der bisher gänzlich unauffällige, unbescholtene Paul Hansen, der von seinen Toten besucht wird: seiner angebeteten Frau Winona, seinem Vater Johanes und seiner Hündin Nouk. Zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung wurde er verurteilt, ein „angemessenes Strafmaß im Verhältnis zur Schwere des Delikts“, das „weder dramatisch noch harmlos ist“. Für Spannung sorgt, dass wir erst am Ende der gut 250 Seiten den Grund für die Verurteilung des Ich-Erzählers Paul und seine fehlende Reue erfahren:

Das Gericht besitzt die vollständige Aktenkenntnis von mir. Es hat alle Zeugen gehört und mich lange vernommen. Es hat mich zu zwei Jahren Haft verurteilt. Alles ist gesagt. Wenn sie mich vorzeitig entlassen wollen, dann ist das ihre Sache. Ich werde aus ihren Händen keine Reuekörner picken, um ein paar Monate Freiheit zu erbetteln. (S. 56)

Gegenwart und Vergangenheit
Szenen aus dem Gefängnisalltag wechseln ab mit Pauls Rückblick auf sein Leben. Geboren 1955 in Toulouse als Kind einer ungleichen Verbindung zwischen einem dänischen Pastor aus Skagen und einer französischen Programmkino-Erbin, „die sich den Dingen der Kirche und des Glaubens hermetisch verschloss“ und keinerlei Rücksicht auf den Beruf ihres Mannes nahm, ging er nach der Scheidung der Eltern mit dem entwurzelten, in seinem Glauben erschütterten und nicht mehr zur Ruhe findenden Vater 1976 nach Kanada.

Als Hausmeister einer Wohnanlage in Montreal war Paul für weit mehr als die Haustechnik und den heimtückischen Pool zuständig. Auch seinen einzigen Freund fand er dort:

Kieran Read ist einer der achtundsechzig Eigentümer, die in Montreal im Ahuntsic-Viertel eine Wohnung im Dondo Excelsior besitzen, dessen Verwalter ich sechsundzwanzig Jahre lang war, dessen Concierge, Faktotum, Krankenpfleger, Beichtvater, Gärtner, Psychologe, Elektroniker, Klempner, Elektriker, Küchenverkäufer, Chemiker, Mechaniker, kurzum: ehrbarer Hausmeister dieses kleine Tempels, dessen Schlüssel ich fast alle besaß, dessen Geheimnisse ich alle kannte. (S. 104)

Berufliche Erfüllung und privates Glück mit seiner Frau und geliebten „Zauberindianerin“ Winona, väterlicherseits Algonkin-Indianerin, mütterlicherseits Irin, bescherten ihm Jahre tiefer Zufriedenheit, bis sich die Verhältnisse ab Ende 1999 dramatisch veränderten.

Ein Sprachkünstler
Den 1950 in Toulouse geborenen, in Frankreich populäre Jean-Paul Dubois, der für diesen Roman 2019 überraschend den Prix Goncourt erhielt, kannte ich bisher nicht. Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise spiegelt das Leben eines unauffälligen, genügsamen Mannes an den äußeren Veränderungen einer Zeit, in der gelebte Menschlichkeit seltener wird. Schwer zu glauben, dass irgendjemand von diesem Scheitern nicht erschüttert würde oder die Tatmotive des ehrlich wirkenden Ich-Erzählers nicht verstünde. Vor allem Dubois‘ zwischen flapsig-humorvoll und ernst-melancholisch mäandernde Erzählweise und sein unerschöpflicher Vorrat origineller Sprachbilder und Metaphern begeisterten mich, allerdings schweifte die Beichte immer wieder in weniger interessante Gefilde ab.

Jedes Lebensschicksal in diesem lesenswerten Roman ist anders, jedem wird die nötige Aufmerksamkeit zuteil und jeder bewohnt die Welt auf seine Weise.

Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauer. dtv 2020
www.dtv.de

 

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