Der geheimnisvolle Pavillon

Als wäre die unvermeidliche Familienfeier zu ihrem 80. Geburtstag nicht schon Strafe genug, ereilt Lady L., eine „hochangesehene, gefürchtet und gefeierte Dame der high society“ (S. 152), einst bewunderte Schönheit des englischen Hochadels und unangefochtene Kunstexpertin, eine empörende Nachricht. Während sie freudige Rührung heuchelt angesichts der Glückwünsche ihrer unerträglich konventionellen Nachkommenschaft, allesamt langweilig-biedere Säulen der Gesellschaft in hohen Ämtern und schlecht angezogene Frauen, hört sie mit Panik, dass ihr geliebter Sommerpavillon im Park einer Straße weichen soll:
Und nun wollte man ihr den Pavillon wegnehmen, ihn abreißen und damit alle ihre Schätze zerstreuen, die sie so sehr liebte, man wollte sie dieser Zuflucht berauben, in der sie jeden Tag einige Stunden lang glücklich und sehnsüchtig ihren Erinnerungen nachhing. (S. 25)
Da die Zeiten vorbei sind, in denen ihre einflussreichen Freunde solche Pläne umgehend weggefegt hätten, muss ein sicherer Ort für ihre Schätze gefunden werden. Ihr alter Getreuer, der biedere, für seine Liebessonette preisgekrönte Sir Percy Rodiner, der nur zu gerne ihr Biograf und dritter Ehemann wäre, scheint ihr die richtige Wahl, trotz der Risiken für sein Herz angesichts ihrer dafür erforderlichen Beichte.
Annette und ihr schwarzer Schwan
Auf einem Spaziergang zum Pavillon enthüllt sie dem zunächst ungläubigen, dann zunehmend fassungslosen „Old Silly“ ihre bewegte Lebensgeschichte, die als Annette Boudin, Tochter einer Wäscherin und eines Buchdruckers und Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts in einer übel beleumundeten Pariser Gegend begann. Mangels Alternativen landete Annette als 15-Jährige in der Prostitution, wo sie aufgrund ihrer Schönheit und ihrem raschen Verstand einem Unterweltkönig auffiel. Er empfahl sie dem aus gutbürgerlicher Familie stammenden jungen Anarchisten Armand Denis als Komplizin. Während Annette mit ihm in die Schweiz und nach Italien floh und in der Rolle einer jungen französischen Adeligen die Häuser wohlhabender Junggesellen für Einbrüche Armands und seiner Freunde zwecks Geldbeschaffung ausspionierte, verliebte sie sich unsterblich und für alle Zeiten in den gutaussehenden Rebellen, ihren „schwarzen Schwan“, dem Symbol für das Unerwartete, die Schönheit und lebenslange Treue. Tragisch und auf Dauer für sie nicht hinnehmbar war nur, dass sie zur zweiten Geige in seinem Leben bestimmt war, denn Armand sollte stets den ideologischen Kampf über die Liebe stellen, egal zu welchen Opfern Annette bereit war.

Wendungsreich, humorvoll und pointiert
Der 1914 in Vilnius geborene Romain Gary war ein französischer Schriftsteller, Regisseur, Übersetzer, Diplomat sowie Pilot im Zweiten Weltkrieg, bevor er sich 1980 in Paris das Leben nahm. Er schrieb sowohl auf Englisch als auch auf Französisch und wurde als einziger Autor zweimal mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Sein Roman Lady L. erschien 1958 zunächst auf Englisch. Die nun im Verlag Klaus Wagenbach mit einer fast gesichtslosen, vornehmen Protagonistin auf dem bunten Cover erschienene deutsche Übersetzung von Gert Woerner stammt aus dem Jahr 1959, wirkt noch immer frisch und glänzt besonders in den humorvollen Passagen und den pointierten Gedanken der Lady L. Das Buch wurde 1965 von Peter Ustinov mit Sophia Loren, Paul Newman und David Niven inhaltlich deutlich verändert verfilmt.
Obwohl ich Schelmenromane normalerweise meide, bin ich den schwindelerregenden Fabulierkünsten dieser außergewöhnlichen Hochstaplerin bis in die englische Hocharistokratie mit Vergnügen gefolgt. Über den empfindsamen, zum Zuhören verdammten Percy habe ich mich amüsiert, nicht ahnend, dass der Schock über das Geheimnis von Lady L. am Ende auch mich umhauen würde.
Ein unterhaltsamer, zwischen Komödie, Tragödie und Gesellschaftssatire angesiedelter, wendungsreicher Roman über politische Ideologie, unverbrüchliche Liebe und eine Verwandlungskünstlerin, die ihresgleichen sucht.
Romain Gary: Lady L. Deutsch von Gert Woerner. Wagenbach 2026
www.wagenbach.de



























