Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich

  Chapeau!

 

„Dieses Werk stellt meinen Werdegang vom Besuch der ersten Flugshow bis zur eigenen Falknerei dar.“

 

Wie verwirklicht man innerhalb von kaum zehn Jahren einen außergewöhnlichen Lebenstraum? Sandra Jung berichtet in diesem erzählenden Sachbuch, wie alles als 16-Jährige 2009 mit dem Besuch einer Falknerei begann, wie sie von der ersten Begegnung an fasziniert war von Greifvögeln, zielstrebig ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ausbaute, nach und nach eigene Vögel erwarb und ihr Hobby schließlich 2018 zusammen mit ihrem Freund Ben auf der thüringischen Burg Greifenstein zum Beruf machte. Was fast märchenhaft anmutet, ist das Ergebnis harter Arbeit, Disziplin, wohlüberlegter Planung und bewundernswerter Ausdauer. Diese Zielstrebigkeit und der Mut der beiden Jungunternehmer sind ungeheuer beeindruckt, genauso wie ihre Begeisterungsfähigkeit für Vögel und die Natur.

Faszination Falknerei
Gelungen ist die Mischung aus Sachinformationen und Autobiografie, soweit sie für das Ziel der eigenen Falknerei von Belang ist. Überrascht hat mich, dass dem zweiwöchigen Intensivkurs zur Falknerin eine halbjährige Jagdausbildung verpflichtend vorausgeht, hatte ich doch die enge Verbindung zwischen diesen beiden Tätigkeiten bisher nicht gesehen. Erst mit diesem fundierten Wissen, das sich Sandra Jung noch vor dem Abitur aneignete, begann der Aufbau ihres eigenen Vogelbestands. Dabei war es für mich als absolutem Laien hilfreich, dass ich mit dessen allmählichem Anwachsen eine Art nach der anderen kennenlernen konnte, beginnend mit dem Wüstenbussard Dexter und Bens Weißkopfseeadler Milo, der Weißgesichtseule Linus, dem Andenadler Kayla, dem Schakalbussard Elise, dem europäischen Seeadler Mia und dem sibirischen Uhu Lotte, alle im Bildteil in der Buchmitte zu bewundern.

Neben dem tiefen Vertrauen zwischen Vogel und Falknerin, ohne die das freie Tier nicht wieder zurückkehren würde, ist es vor allem die Unberechenbarkeit, die Sandra Jung an ihrer Tätigkeit liebt:

Egal, was ich plane, egal, was ich vorhabe: Immer gibt es mindestens einen Vogel, der mir dazwischenfunkt und den Plan ändert. Langeweile kommt nie auf, und so bleibt meine Arbeit als Falknerin jeden Tag aufs Neue spannend und aufregend. Und auch das Flugprogramm ist dadurch niemals an zwei Tagen das gleiche. (S. 228)

Auf unterhaltsame Weise viel gelernt
Das Buch kam völlig ungeplant in meine Hände und ich war mir zunächst unsicher, ob ich etwas zu diesem Thema, in der Präsensform und mit so vielen Dialogen überhaupt würde lesen wollen. Über die heimischen Singvögel hinaus habe ich mich bisher selten mit Vögeln beschäftigt, war noch nie in einer Falknerei und interessiere mich überhaupt gar nicht für die Jagd. Letzteres wird sicher auch nach der Lektüre so bleiben, selbst wenn Sandra Jung deren naturpflegerische Aspekte herausstellt, aber die Begeisterung für ihre Vögel wirkte ansteckend. Auf unterhaltsame Art habe ich vieles über das Aussehen, das natürliche Verhalten, die Aufzucht, das Training, den Charakter und die Fütterung ihrer Pfleglinge erfahren. Dass sie darüber hinaus mit viel Zeitaufwand und auf eigene Kosten eine Vogelauffangstation betreibt, hat mir zusätzlich imponiert.

Mit diesem neu erworbenen Wissen ist nun der Besuch in einer nahen Falknerei fest geplant und bei meinem nächsten Aufenthalt in Thüringen werde ich ganz bestimmt einen Abstecher auf die Burg Greifenstein unternehmen.

Sandra Jung: Die Herrscher der Lüfte und ich. Unter Mitarbeit von Aylin LaMorey-Salzmann. Ullstein 2019
www.ullstein-buchverlage.de

Ellis Kaut & Uli Leistenschneider & Nataša Kaiser: Pumuckl macht einen Ausflug

  Lesenlernen mit dem Pumuckl

Ob meine Liebe zum Pumuckl auch daher rührt, dass wir fast auf den Tag genau gleich alt sind? Die erste Hörspielfolge des BR aus der Feder von Ellis Kaut (1920 – 2015) wurde im Februar 1962 nur neun Tage nach meiner Geburt ausgestrahlt, ab 1965 folgten die Bücher und ab 1982 Spielfilme und vor allem die Fernsehserie mit Gustl Bayrhammer als Meister Eder und der Stimme von Hans Clarin für den Pumuckl. Neben den Filmen der Augsburger Puppenkiste wurden diese Episoden zu den prägenden Filmerlebnisse für meine Kinder.

Der Pumuckl, wie er leibt und lebt
Ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass der Verlag Kosmos den Pumuckl nun zum Star einiger Ausgaben der Erstleserreihe Bücherhelden macht, bearbeitet für die erste Klasse. Ein wenig skeptisch war ich, ob der Charakter des Klabautermanns und sein haarsträubender Unfug in diesen kurzen, einfachen Texten überhaupt zur Geltung kommen würde. Diese Sorge erwies sich allerdings als unbegründet, denn die Kinderbuchautorin Uli Leistenschneider, von der die neuen Texte stammen, hat ihre Aufgabe wunderbar gemeistert. Im Umschlag vorn und hinten wird ganz knapp alles zum Pumuckl gesagt, was man vorab über ihn wissen muss, und in den fünf kurzen Kapiteln spielt er wie immer seine Streiche, versteht alles viel zu wörtlich und reimt wild drauflos, immer gemäß dem Pumuckl-Motto: „Und was sich reimt, ist gut.“

Endlich Urlaub!
Im vorliegenden Band Pumuckl macht einen Ausflug geht es mit Meister Eder in den Wildpark. Aber warum eigentlich „Ausflug“, wo die beiden doch mit Zug fahren? Müsste es nicht eher „Auszug“ heißen? Und was ist eigentlich „Urlaub“, wozu braucht eine „Uhr“ denn „Blätter“? Kaum im Zug, erschreckt der unsichtbare Pumuckl schon die Mitreisenden und im Wildpark treibt er es noch doller. Da muss Meister Eder sich ganz schön anstrengen, um den übermütigen Kobold zu bändigen… Jedenfalls ist der Pumuckl am Abend rechtschaffen müde und sehr zufrieden mit dem gelungenen Tag.

Für kleine Leseratten und solche, die es werden möchten
Dank der großen Fibelschrift, der überwiegend einfachen Wortwahl, der kurzen Zeilen im Flattersatz, der übersichtlichen Abschnitte mit maximal sieben Zeilen und der reichen, sinnverstärkenden Bebilderung von Nataša Kaiser eignet sich das Buch für viele Schulanfängerinnen und -anfänger bereits am Ende der ersten Klasse, auch wenn der Textumfang etwas größer ist als bei Erstleserreihen mancher anderer Verlage. Die Rätsel am Ende jedes Kapitels dienen teils der Überprüfung des Textverständnisses, teils der Erholung und werden am Ende des Buches aufgelöst.

Wer mit dem Pumuckl lesen lernt, hat ganz bestimmt Spaß dabei und wird hoffentlich zur Leseratte!

Ellis Kaut & Uli Leistenschneider & Nataša Kaiser: Pumuckl macht einen Ausflug. Kosmos 2020
www.kosmos.de

Felix Weber: Staub zu Staub

  Weniger wäre mehr

Ein geistig behinderter Junge namens Siebold Tammens rettet Siem Coburg gleich zwei Mal das Leben. Beim ersten Mal lenkt das Kind durch sein schrilles, unkontrolliertes Kreischen die „Moffen“, niederländisches Schimpfwort für die Deutschen im Zweiten Weltkrieg und Synonym für Nazis, von ihrer Suche nach Coburg ab, der sich als Widerstandskämpfer auf dem Bauernhof von Siebolds Großvater versteckt. Beim zweiten Mal holt die Bitte von Siebolds Großvater, dem Tod des knapp Siebzehnjährigen auf den Grund zu gehen, den lebensmüden, vom Krieg gezeichneten Coburg wieder ins Leben zurück. Siebold, den der Großvater inzwischen schweren Herzens im Kloster Sint Norbertus bei Venlo untergebracht hatte, war dort unter ungeklärten Umständen verstorben. Nicht der einzige Todesfall bei den mehr als 400 Patienten, die von nur 20 Mönchen und wenigen Laien völlig unterversorgt sind. Besonders im Pavillon für die schweren Fälle, in dem einzig ein junger Mönch als ungelernte Pflegekraft 36 schwerstbehinderte Kinder auf engstem Raum betreut, kam es vermehrt zu Todesfällen. Wunschgemäß beginnt Siem Coburg im Kloster selbst und in dessen Umgebung zu recherchieren. Keine leichte Aufgabe, denn nicht nur innerhalb der Klostermauern herrscht striktes Schweigen:

„Letzten Endes wird hier alles unter den Teppich gekehrt. Du hast ja schon begriffen, dass dieses ganze Dorf vom Sint Norbertus abhängt, aber das ist nicht der einzige Grund. Die Menschen hier finden, dass die Mönche gute Arbeit leisten, und das bedeutet, dass man schweigt, wenn etwas schiefgeht. Schmutzige Wäsche wird nicht draußen gewaschen.“ (S. 163)

Soweit die Krimihandlung, die allerdings viel weniger Raum einnimmt, als dies bei einem Kriminalroman, einem preisgekrönten gar, zu erwarten wäre. Das alleine hätte mich nicht gestört, hatte ich mir von der Lektüre doch vor allem ein Bild der Niederlande während und nach dem Zweiten Weltkrieg versprochen. Leider hat sich jedoch auch diese Erwartung nur teilweise erfüllt, denn die bunt durcheinandergehende Themenfülle, die Felix Weber in Staub zu Staub aufgreift, ist einfach viel zu groß. Von Tagebucheinträgen eines Mönchs aus dem Ersten Weltkriegs über die niederländische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg einschließlich ihrer Unterwanderung, vom Umgang mit Behinderten im und nach dem Zweiten Weltkrieg über mobile Gaskammern der SS in der Ukraine, von zum Tode verurteilten Akteuren des Naziregimes und solchen, die nach dem Krieg ihre Karriere unbehindert fortsetzen konnten, bis zu Kollaborateuren und solchen, die zu Unrecht verdächtigt und angeklagt wurden, reicht die Themenpalette, und das ist längst nicht alles. Dazu gibt es eine Vielzahl von Biografien, durchweg düster und hoffnungslos, wie die Stimmung im ganze Roman. Bedauerlicherweise wurden die ebenfalls zahlreichen Charaktere vor meinen Augen auch kaum lebendig, weder Coburg noch die Mönche noch die Dorfbewohner, ein wenig mehr Coburgs Geliebte Rosa. Gehadert habe ich außerdem bei Sätzen wie diesem mit der Übersetzung:

Das Mädchen hatte zunächst geschwiegen, weil sie schwanger war, aber als sich herausstellte, dass sie ein Kind erwartete, hat sie ihren Eltern gegenüber seinen Namen genannt. (S. 370)

Was nach der Lektüre bleibt, ist vor allem ein Bedürfnis, mehr über die neuere niederländische Geschichte zu erfahren.

Felix Weber: Staub zu Staub.  Aus dem Niederländischen von Simone Schroth. Penguin 2020
www.randomhouse.de

Peter Keglevic: Wolfsegg

  Aufrecht gehen, nicht ducken

Zu Beginn hat mich das Szenario in Wolfsegg des Filmregisseurs Peter Keglevic an Monika Helfers empfehlenswerte Frühjahrsnovität Die Bagage erinnert. Beide Romane spielen in den österreichischen Alpen und die im Zentrum stehenden armen Familien sind Außenseiter und als asozial Gebrandmarkte, die im hintersten Winkel eines Tals leben. Beide Autoren fangen die beklemmende Atmosphäre einer engstirnigen, missgünstigen, von Machos dominierten Dorfgemeinschaft inmitten einer übermächtigen Natur großartig ein. Allerdings enden damit die Gemeinsamkeiten, denn während Die Bagage autobiografisch geprägt ist und über vier Generationen reicht, ist das wesentlich brutalere, von Beginn an unheilschwangere Wolfsegg auf die ebenso beeindruckende wie schockierende 15-jährige Protagonistin zugeschnitten, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Ein Mädchen ohne Kindheit
In sehr jungen Jahren lastet auf Agnes Walder bereits eine ungeheure Verantwortung. Ihr Vater taucht immer wieder tagelang ab, ihre Mutter leidet an Nierenkrebs im Endstadium. So obliegt Agnes die Sorge für die beiden jüngeren Geschwister, den Garten und die wenigen Tiere auf dem bescheidenen Häuslerhof und die Überwachung der Chemotherapie-Termine der Mutter. Agnes liebt ihre Eltern trotz deren offensichtlicher Defizite. Meist verschwindet die Mutter im „Palast des Schweigens“, erst als ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, werden ihre Warnungen vor Agnes‘ neuem Chef konkreter:

Wie unterm Laub ein Fangeisen, hatte die Mutter gesagt, plötzlich schnappt es zu! Schlagartig verstand Agnes. Sie kannte die Wirkung des Fangeisens. (S. 53)

 Und im Hinblick auf die Dörfler rät sie Agnes:

„Nichts wird sein, […], du allein bestimmst, wie sie sich verhalten. Wenn du aufrecht gehst, dann ducken sich die Leut‘, wenn du dich duckst, dann treten sie nach dir.“ (S. 156)

Der Vater dagegen macht wenig Worte, führt die Tochter aber in sein Handwerk der Waffenkunde, des Schießens und des Weidwerks ein. Vor allem aber zeigt er ihr eine mit Lebensmitteln, Petroleum und einer Solaranlage ausgestattete Berghütte mit Namen Wolfsegg:

„Niemand weiß, dass es die Hütte gibt, fuhr er fort. Es gibt keine Pläne von ihr, sie ist nirgendwo registriert und in keinem Kataster eingetragen. Auf keiner Karte verzeichnet, keine Wanderkarte führt hierher. Selbst der Name ist längst vergessen. Hier ist man unerreichbar. [] Du bist die Erste, die davon weiß.“ (S. 93)

Bald wird die Hütte zum Zufluchtsort der Waldner-Kinder, denn so wenig sich Agnes zunächst an die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern kann, so wild entschlossen stemmt sie sich einer Einweisung ins Kinderheim Maria Hilf! entgegen, wo sie als Neunjährige ein knappes Jahr „Marienkind“ war.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung
Von Beginn an liegt über der Geschichte ein düsteres Geheimnis, das erst mit Agnes‘ allmählich zurückkehrender Erinnerung stückweise gelüftet wird. Die Geschehnisse, nachvollziehbar trotz ihrer Ungeheuerlichkeit und in einer bildgewaltigen Sprache erzählt, sprengten schließlich mein Vorstellungsvermögen. Wer allerdings wie ich den vollen Lesegenuss haben möchte, sollte vorher weder Klappentext noch detaillierte Rezensionen lesen. Ich hatte das Glück, davor gewarnt worden zu sein, und konnte mir die Spannung bis zum dramatischen Ende vollständig erhalten. Auch Tage nach Beendigung lässt mich das Buch nicht los und gehört zu meinen Lesehighlights 2020.

Peter Keglevic: Wolfsegg. Penguin 2019
www.randomhouse.de

Kent Haruf: Kostbare Tage

  Ein brillanter Erzähler

 

Kostbar sind die Tage für Dad Lewis, denn wegen seiner unheilbaren Lungenkrebserkrankung sind sie gezählt. Auf dem Heimweg vom Arztbesuch mit seiner Frau Mary nimmt der 77-Jährige die Landschaft besonders intensiv wahr, sieht er sie doch mutmaßlich zum letzten Mal:

 

Sie ließen Denver hinter sich, dann die Berge, fuhren zurück auf die Hochebene: Salbeisträucher, Palmlilien, Moskito- und Büffelgras auf den Weiden, Weizen und Mais auf den bestellten Feldern. Von beiden Seiten des Highways gingen unter dem klaren blauen Himmel Landstraßen ab, alle gerade wie Zielen in einem Buch, mit nur wenigen vereinzelten Kleinstädten auf dem flachen offenen Land. (S. 7)

Wenig später sind sie zurück in Holt, jener fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der alle sechs Romane von Kent Haruf (1943 – 2014) angesiedelt sind:

Die Main Street mit nur einer einzigen Ampel, die an der Ecke Second Street von rot auf grün sprang und wieder zurück, das drei Blocks umfassende Geschäftsviertel, die alten Backsteingebäude mit den hohen Blendfassaden, die Post mit ihrer ausgebleichten Flagge, die Häuser zu beiden Straßenseiten der Main Street, die Straßen im Westen, nach Bäumen benannt und die im Osten, nach amerikanischen Städten benannt, den Highway 34, der die Main Street kreuzte und in beiden Richtungen aufs flache Land führte, die Weizen und Maisfelder, die örtlichen Weideflächen, …, und die blauen Sandhügel in der dunstigen Ferne. (S. 77)

Kleinstadtleben
Eine eingeschworene Gemeinschaft ist dieses Holt, jeder weiß über jeden Bescheid, Veränderungen sind unerwünscht. Ein Mann wie Reverend Rob Lyle, den man wegen seiner Parteiname für einen schwulen Pastor hierher strafversetzt hat, muss sich für seine Auslegung der Bergpredigt als „Terroristenfreund“ beschimpfen und verprügeln lassen. Nur wenige wollen, wie die alte Witwe Willa Johnson, seine Visionen hören.

Starke Frauen
Überhaupt die Frauen: Sie sind hier für Gefühle, Menschlichkeit, Liberalität und Hilfsbereitschaft zuständig. Mary und ihre aus Denver herbeigeeilte Tochter Lorraine pflegen Dad hingebungsvoll während dieser letzten Wochen. Ihre Nachbarin Berta May, die ihre verwaiste achtjährige Enkelin Alice aufzieht, packt ganz selbstverständlich mit an, genauso wie Willa und ihre Tochter Alene, die darüber eine endgültige Rückkehr nach Holt in ihrem Ruhestand nachsinnt. Frauen mit schweren Schicksalsschlägen und doch voller Herzenswärme und gelegentlichen Ausbrüchen von Lebensfreude.

Zeit für eine Bilanz
Dad Lewis dagegen kann nur schwer Gefühle zeigen. War sein Leben glücklich? 

Oh ja, ich war glücklich. Abgesehen von einer Sache. (S. 147)

Die „eine Sache“ ist der Weggang seines Sohnes Frank, dessen Homosexualität der Vater nicht akzeptieren konnte. Nun begegnet er Dad nur noch in seinen Tagträumen.

Immer wieder gern in Holt
Gefreut habe ich mich über kurze Hinweise auf Figuren aus anderen Romanen Harufs, die Brüder McPheron, Victoria oder Rose Tayler aus Lied der Weite und Abendrot. Zeitlich ist Kostbare Tage später angesiedelt, jedoch vor dem unvergleichlichen Finale Unsere Seelen bei Nacht.
Auch in meinem vierten Roman von Kent Haruf haben die alltäglichen Probleme der US-Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Wie immer wechseln sich Szenen der Trauer und Melancholie ab mit solchen der Hoffnung und Freude. Nach wenigen Zeilen war ich wieder mittendrin und genauso gefesselt wie jedes Mal, obwohl ich immer noch nicht ganz genau weiß, warum.    

Kent Haruf: Kostbare Tage. Aus dem Amerikanischen von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Martina Borger: Wir holen alles nach

  Das Leben eben

Eine große Vielzahl von Themen hat Martina Borger in ihren neuen Roman Wir holen alles nach gepackt: Altersarmut, Scheidung, Patchworkfamilien, Betreuungsnotstand, Mobbing und Misshandlung, Wohnungsmarkt, moderne Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Vorurteile und Zivilcourage, um nur die wichtigsten zu nennen.

Jede Menge Probleme
Ellen Wildner, Münchnerin Ende 60 und seit 25 Jahren verwitwet, muss sich zu ihrer kleinen Rente etwas dazuverdienen, will sie im Ruhestand nicht auf alle Annehmlichkeiten verzichten oder den Söhnen auf der Tasche liegen. Trotzdem ist sie meist guter Dinge und weitgehend zufrieden mit ihrem Leben. Neben dem frühmorgendlichen Zeitungsaustragen erteilt sie Nachhilfestunden. Einer ihrer Schüler ist der achtjährige Elvis, ein sensibles, ungewöhnlich stilles und freundliches Kind, das ihr schnell ans Herz wächst. Deshalb und wegen des angebotenen Lohns willigt sie ein, als sich für Elvis‘ alleinerziehende, voll berufstätige Mutter Sina Poschmann in den Sommerferien kurzfristig ein zweiwöchiges Betreuungsloch auftut und sie Ellen um Hilfe bittet. Schon in der ersten Woche taut Elvis sichtlich auf, nicht zuletzt dank Ellens Borderterrier-Mischling. Endlich kann jemand auf ihn und seine Bedürfnisse eingehen und hat Zeit:

Er ist noch so jung, und dennoch ist sein Leben schon eine Abfolge von Trennungen, gebrochenen Versprechen, Zurückweisungen, er ist im Weg, muss untergebracht, wegorganisiert werden, er ist das wehrlose Unterpfand einer offensichtlich unschönen Trennung. Dennoch ist er rührend treu und loyal seinen Eltern gegenüber. (S. 98)

Doch als Elvis nach dem Wochenende, das er mit Sinas neuem Lebenspartner und bei einem Freund verbracht hat, wieder zu Ellen zurückkommt, ist er verändert, blass und krank. Außerdem bemerkt Ellen zu ihrem Entsetzen Verletzungen an ungewöhnlichen Stellen, über die er ihr keine Auskunft geben möchte. Sina, von Ellen darauf angesprochen, reagiert abweisend, und so muss Ellen selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Beobachtung umgeht. Keine leichte Aufgabe, denn, wie ihr Sohn Vitus gerne sagt, gilt leider nur allzu oft: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“.

Zwei Frauen – ein Ziel
Martina Borger legt den Fokus abwechselnd auf die ganz unterschiedlichen Lebenssituationen der beiden Frauen, wobei Ellen etwas häufiger im Mittelpunkt steht. Beide haben größtes Interesse an Elvis‘ Wohlergehen, lassen sich jedoch leider von gegenseitigem Misstrauen und Eifersucht leiten, anstatt am gleichen Strang zu ziehen. Erst als sie ihre Vorbehalte beiseiteschieben, kommen sie endlich zum Wohle aller ins Gespräch.

Gute Unterhaltung
Auch wenn mir das ein oder andere Thema zu viel für einen knapp 300-Seiten-Roman war, es manches Klischees nicht bedurft hätte und mir Ellens plakative Vorträge zur Ökologie, zum Fleischkonsum und zur Nachhaltigkeit – obwohl auch mir diese Themen wichtig sind – etwas auf die Nerven gingen, hat mich das Buch mit seinem Ausgang doch überrascht und ich habe mich gefragt, wie ich mich verhalten hätte. Gute Unterhaltung also, verfasst in angenehm ruhigem Erzählton und in einem leicht lesbaren Stil, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Martina Borger: Wir holen alles nach. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Uwe Timm: Morenga

  Deutsche Kolonialgeschichte

Keine Biografie oder Romanbiografie des Führers der Nama, Jakob Morenga, und auch kein gewöhnlicher Roman ist das bereits 1978 erschienene, zum 80. Geburtstag von Uwe Timm 2020 neu aufgelegte Morenga. Die Collage aus fiktionaler Erzählung, historischen Dokumenten und authentischen wie erfundenen Berichten ist eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1908.

Der fiktionale Teil
Nicht Morenga steht im Zentrum der Handlung, sondern der fiktive Oberveterinär Johannes Gottschalk, der im Oktober 1904 als freiwilliges Mitglied der deutschen Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika ankommt. 34 Jahre ist der Kaufmannssohn aus Glückstadt alt, der mit dem Duft der Gewürze aus aller Welt aufwuchs und sich nun um Truppenpferde und erbeutete Rinderherden kümmern soll. Er träumt von einer eigenen Farm und notiert zu Beginn in seinem Tagebuch:

Tr. [General Trotha] sagt, das gesamte Stammesgebiet der Herero soll Kronland werden, d.h. für die Besiedlung freigegeben. Angeblich das beste Land in Südwest, gute Weiden und verhältnismäßig viel Wasser. Ein schöner Gedanke, dass es in dieser Wildnis einmal Augen geben wird, die Goethe lesen, und Ohren, die Mozart hören. (S. 25)

Was ihn, Kind seiner Zeit und doch von Beginn an mit mehr Empathie für die Eingeborenen ausgerüstet als die meisten seiner Kameraden, erwartet, sind die soeben besiegten Herero, die in Konzentrationslagern an Ruhr, Typhus und Hunger sterben und von ehemals 80.000 auf 15.130 dezimiert werden, sowie ein bevorstehender Guerillakampf gegen die Nama, von den Buren einst Hottentotten genannt, unter ihren Anführern Jakob Morenga und Hendrik Witbooi. Gottschalks steigende Zweifel, Ergebnis seiner Beschäftigung mit der Nama-Sprache und Kontakten zu Einheimischen, sein zunehmendes Außenseitertum und schließlich seine Überlegungen zum Desertieren oder Überlaufen, sind der rote Faden der Romanhandlung, in der es im Frühjahr 1905 heißt:

Zwischen dem, was er tat, und dem, was er dachte, war ein Riss. Zuweilen hatte er das Gefühl, als sei der, der da ritt, die Sporen gab, Befehle erteilte, Treiber kontrollierte, ein anderer als der, der alles betrachtete und überdachte. Was ihn beruhigte, was die beiden Teile seines Selbst verband, war der Gedanke, dass ihm momentan nichts anderes zu tun übrigblieb als dieses: seine Pflicht. Aber dann dachte er wieder dran, dass er mithalf, den Kreislauf von Gewalt und Terror fortzusetzen. (S. 285)

Die Fakten
Teile des Buches bestehen aus Gefechtsberichten, Akten und Zeitungsberichten und sind an Zynismus teilweise kaum zu überbieten. Diese Dokumente sind sperrig zu lesen und die Schlachtberichte langatmig. Viel interessanter sind die Kapitel zur Landeskunde, die bis in die Zeit der ersten idealistischen Missionare zurückreichen, während der im Deutschen Reich Wollmützchen für Afrikaner gehäkelt wurden. Sie handeln von Händlern, die in den bis dahin in zufriedener Selbstgenügsamkeit lebenden Nama neue Bedürfnisse weckten und sie zur Begleichung ihrer Schulden Überfälle auf die Rinderherden der Herero unternehmen ließen, von Forschern, Landvermessern und schließlich Soldaten.

Keine leichte Lektüre
Uwe Timm gehört seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsschriftstellern. Am Beispiel meines Bruders halte ich für eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegszeit, Die Zugmaus für ein witzig-fantasievolles Kinderbuch und auch seine neueren Romane wie Vogelweide und Ikarien sind außerordentlich lesenswert. Morenga ist ein Lehrstück über die deutsche Kolonialgeschichte und den ersten Völkermord der Neuzeit, ein Drama ohne Helden, in dem Uwe Timm wie immer auf platte Parolen verzichtet. Eine ungemein lohnende, aber auch anstrengende Lektüre, die mir eine Landkarte, ein Glossar und Anmerkungen dazu, welche Quellen authentisch sind und welche Fiktion, erleichtert hätten. Bereichernd ist das Nachwort von Robert Habeck, der den Text klug zusammenfasst und ihn in den Kontext seiner Entstehungszeit während des Kampfes gegen das südafrikanische Apartheitsregime stellt.

Uwe Timm: Morenga. Mit einem Nachwort von Robert Habeck. dtv 2020
www.dtv.de

Anita Brookner: Hotel du Lac

  Auf Bewährung

Der Genfer See – für viele ein Traumziel. Nicht so für Edith Hope, Verfasserin leichter Liebesromane mit „bescheidenem, aber sicherem Verkaufserfolg“. Das Hotel du Lac ist für sie Ort der Verbannung nach einem gesellschaftlichem Fauxpas. Passend zu ihrer Stimmung hüllen sich See und Garten bei ihrer Ankunft in düsteres Grau, der Gipfel der Dent d’Oche ist kaum zu erahnen, ihr kleines Einzelzimmer am Ende des Flurs ist „in der Farbe von zu lange gekochtem Kalbfleisch gehalten“ und das Hotel auch sonst nicht anheimelnd:

Was es zu bieten hatte, war eine milde Form von Asyl, garantierte Stille und der Schutz und die Diskretion, die mit Untadeligkeit einhergehen. Da diese Qualität einer überraschenden Zahl von Leuten ganz und gar nicht anziehend erscheint, war das Hotel du Lac gewöhnlich halbleer und beherbergte zu dieser Jahreszeit am Ende der Saison nur noch eine Handvoll Gäste, bevor es den Winter über schloss. (S. 25)

Eine illustre Gesellschaft
Edith Hope möchte die Zeit des erzwungenen Exils zur Fertigstellung von „Unter dem aufgehenden Mond“ nutzen, ihrem neuesten Manuskript, in dem wie immer „das bescheidene Mädchen, die graue Maus, den Helden bekommt“. Doch wider Erwarten muss sie das Schreiben immer wieder aufschieben, bieten doch die anderen Bewohnerinnen des Hotels, allesamt aus unterschiedlichen Gründen Verbannte, nicht nur jede Menge Anlass zu Betrachtungen und Überlegungen, sie ziehen Edith auch in ihre glücklos verlaufenen Schicksale und bedienen sich ihrer als Zuhörerin und Verbündete. Hier wie in London spürt man instinktiv Ediths Unsicherheit und das fehlende Selbstbewusstsein, versucht sie zu beeinflussen und benutzt sie für eigene Interessen. Spitzzüngig schildert Edith in nie abgeschickten Briefen an ihren verheirateten Geliebten ihre detaillierten Beobachtungen, weiß aber zugleich um ihre lausige Menschkenntnis. Nicht ungefährlich, vor allem im Hinblick auf den undurchsichtigen Engländer Philip Neville, der sich wie alle bemüht, die blasse, unscheinbare Edith auf seine Seite zu ziehen…

Innenleben geht vor Handlung
Weniger das Geheimnis um Ediths Skandal, das Anita Brookner erst im neunten von zwölf Kapiteln lüftet, sorgte bei mir für Spannung, vielmehr hat mich die Frage nach ihrer zaghaften Entwicklung und ihrer Zukunft interessiert. Überraschend altmodisch mutet das Ambiente an, die beschriebenen Kleider ebenso wie antiquierte Moralvorstellungen und Benimmregeln sowie die Bedeutung der Ehe, selbst für wirtschaftlich unabhängige Frauen. Allerdings hat eben dies den Charme der Geschichte für mich ausgemacht.

Die Wiederentdeckung wert
Anita Brookner (1928 – 2016) erhielt für ihren vierten Roman Hotel du Lac 1984 überraschend und nicht unumstritten den Booker Price. Ohne die stärker favorisierten Titel zu kennen, erscheint mir die Auszeichnung wegen der Eleganz der Sprache, der leisen Ironie, des Wortwitzes, der feinen Figurenzeichnung, der Dialoge und der stimmigen Atmosphäre berechtigt. Nach den Neuauflagen von Tarjei Vesaas Das Eis-Schloss und Vicky Baums Vor Rehen wird gewarnt war Hotel du Lac in diesem Jahr bereits meine dritte lohnende Neuentdeckung eines modernen Klassikers.

Elke Heidenreichs interpretierendes Vorwort zieht interessante Parallelen zu anderen Werken von Anita Brookner. Lesen sollte man es, genau wie den Klappentext, erst nach der Lektüre des Buches.

Anita Brookner: Hotel du Lac. Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Aus dem Englischen von Dora Winkler. Eisele 2020
eisele-verlag.de

Elizabeth Strout: Die langen Abende

  Weitermachen

Ein Rätsel, diese Welt. Noch war sie nicht mit ihr fertig. (Mit Blick aufs Meer, S. 352)

Die letzten Sätze des Erzählbands Mit Blick aufs Meer von Elizabeth Strout aus dem Jahr 2008, ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis 2009, ließen eine Fortsetzung offen. Nun, 2020, ist es endlich so weit. In Die langen Abende, Originaltitel Olive again (2019), erfahren wir, wie es im fiktiven Städtchen Crosby, Maine, und insbesondere mit Olive Kitteridge weitergeht. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, allerdings hat es mir besonders viel Spaß gemacht, beide Bücher nacheinander zu lesen und Vertrautes wiederzuentdecken.

Späte Jahre
Olive ist alt geworden. Die ehemalige Mathematiklehrerin spaltet noch immer ihre Mitmenschen. Während die einen sie für oder gerade wegen ihrer unverblümt ehrlichen Direktheit mögen oder zumindest schätzen, ist sie für andere ein „alter Giftzahn“, für ihre Schwiegertochter eine Narzisstin.

Der Einsamkeit kann sie mit ihrem zweiten Ehemann Jack Kennison noch einmal entrinnen, kein Neuanfang, wie sie betont, vielmehr ein Weitermachen. Zwar ist der ehemalige Harvard-Professor in ihren Augen ein Snob und seine republikanische Gesinnung geht der überzeugten Demokratin, die Trump für einen „orangehaarigen Kotzbrocken“ hält, gegen den Strich. Doch Olive kann inzwischen auch mal den Mund halten und manch einer von Jacks snobistischen Einfällen – der Besuch der Fußpflege oder der Flug in der Businessklasse – erweist sich unerwartet als Zugewinn an Lebensqualität. Auch für Jack ist die Verbindung ein überraschender Glücksgriff, jedenfalls dann, wenn Olive nicht gerade zu „olive-ig“ ist:

Nichts davon hätte er sich je träumen lassen. Dass sie so sehr Olive sein könnte, dass er selbst so bedürftig sein könnte; nie im Leben hätte er es für möglich gehalten, seine letzten Jahre auf solche Art mit solch einer Frau zu verbringen.
Die Sache war, bei ihr konnte er er selbst sein. (S. 181)

Erst als die acht gemeinsamen Jahre mit Jacks Tod enden, fühlt sich die 82-Jährige wirklich alt und einsam:

Es war, als hätte sie – ohne sich dessen bewusst zu sein – ihr Leben lang vier stabile Räder unter sich gehabt, und jetzt plötzlich eierten sie alle vier und drohten jeden Moment abzufallen. Sie wusste nicht mehr, wer sie war oder was aus ihr werden sollte. (S. 315)

Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie nicht trotz eines Herzinfarkts, des Umzugs ins Heim und der verhassten Alte-Leute-Windeln weitermachen würde.

Der Atlantik in Maine. © M. Busch

Kleine und große Lebenskatastrophen
Auch der neue Erzählband umfasst wieder 13 Episoden über große und kleine Lebensdramen, deren verbindendes Element Olive Kitteridge ist. Nicht alle haben mir so ausnehmend gut gefallen und sind mir so nahegegangen wie „Licht“ mit der krebskranke Cindy Coombs, für die nur Olive mit ihrer schlagenden Ehrlichkeit die richtigen Worte findet. Herzlich gelacht habe ich bei „Geburtswehen“ über Olives Qualen bei einer in ihren Augen „schwachsinnigen“ Babyparty. Ihr Part kommt erst, als eine Teilnehmerin überraschend niederkommt und praktische Hilfe gefragt ist.

Wer Mit Blick aufs Meer mochte, wird sich garantiert auch mit der ebenso leichtfüßig, humorvoll und empathisch geschriebenen Fortsetzung gut unterhalten, auch wenn mir nicht alle Geschichten gleichermaßen gefallen haben. Ich weiß jedenfalls nun endgültig, dass ich die scharfzüngige, eigenwillige, pragmatische Olive mag, wenn auch mit gelegentlichen Bauchschmerzen.

Elizabeth Strout: Die langen Abende. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand 2020
www.randomhouse.de

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer

  Nicht weglaufen vor dem eigenen Hunger

 

Zwei Klammern halten die 13 Erzählungen in Elizabeth Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erzählband Mit Blick aufs Meer zusammen: die fiktive US-Kleinstadt Crosby an der nördlichen Küste von Maine und die ehemalige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, nach der die 2008 erschienene Originalausgabe benannt ist.

Autokennzeichen Maine. © M. Busch

 

Crosby ist ein Durchschnittsstädtchen mit Kirche, Grange Hall der Farmervereinigung und Lebensmittelladen. Genauso durchschnittlich sind seine Bewohnerinnen und Bewohner, die in den Geschichten abwechselnd aus dem Schatten ins Rampenlicht treten. Es sind Menschen wie der Psychiater Kevin Coulson aus New York, der in „Flut“ mit Selbstmordabsichten in seinen Heimatort zurückkehrt, die  Barpianistin Angela O’Meara aus „Frau am Klavier“ mit Alkoholproblemen und unglücklichen Männerbeziehungen, die magersüchtige Nina White, die in „Hunger“ die verwitwete Daisy und den verheirateten Harmon noch enger zusammenschweißt, oder Julie Harwood, die in „Flaschenschiff“ am Hochzeitstag von ihrem Verlobten im Stich gelassen wird.

Beim Bummel durch Crosby werfen wir einen Blick auf die Wendepunkte in ihrem Dasein, um uns dann der nächsten Figuren zuzuwenden. Lediglich Olive Kitteridge ist in allen Geschichten präsent, mal am Rande, mal im Zentrum. Ihr Leben und das ihrer Familie gibt Orientierung und steckt den zeitlichen Rahmen über mehrere Jahrzehnte ab.

Der Atlantik in Maine. © M. Busch

Raue Schale, weicher Kern
Als ehemalige Mathematiklehrerin an der Crosby Junior High School kennt Olive jede und jeden im Städtchen. Dort wie in ihrer Familie wird sie mehr gefürchtet als gemocht. Ihre scharfe Zunge, ihr aufbrausendes Temperament und ihre radikale Ehrlichkeit sind anstrengend und berüchtigt. Nicht nur ihr gutmütiger, allseits beliebter Mann Henry, sondern vor allem ihr Sohn Christopher haben darunter zu leiden. Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie es nicht zugeben könnte: 

… tief in mir sitzt etwas, und ab und zu pumpt es sich voll wie der Kopf eines Tintenfisches und stößt einen Schwall von Schwärze aus. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber so wahr mir Gott helfe, ich habe meinen Sohn geliebt. (S. 95/96)

Zugleich kann Olive, die den Smalltalk hasst, aber in Notfällen zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftaucht und die richtigen Worte findet, ebenso einfühlsam wie verletzlich sein. Sie verabscheut ihre Korpulenz und Grobknochigkeit, möchte geliebt werden und lieben: 

„Ich bin auch am Verhungern“, sagte Olive. Das Mädchen schaute zu ihr herüber. „Klar“, sagte Olive. „Oder was glaubst du, warum ich jeden Doughnut esse, den ich in die Finger kriege?“ (S. 126/127)

Das Herausragende im Alltäglichen finden
Immer wieder hat mich Mit Blick aufs Meer an die wundervollen Bücher von Kent Haruf erinnert, die alle im Städtchen Holt, Colorado, spielen. Hier wie dort stehen ganz gewöhnliche Menschen mit ihren alltäglichen Höhen und Tiefen im Mittelpunkt, geht es um Jugend und Alter, Eheprobleme und Ehefreuden, Familie, Tod, Befreiungsschläge und immer wieder um den  Kampf gegen die Einsamkeit. Elizabeth Strout hat mich mit diesem ebenso empathisch wie kitschfrei erzählten Buch bestens unterhalten und Olive Kitteridge bleibt als Romanfigur im Gedächtnis – mit ihrer Gespaltenheit und Lebensweisheiten wie dieser: 

Vor seinem eigenen Hunger darf man nicht weglaufen. Wer vor seinem eigenen Hunger wegläuft, ist auch nur eine Schießbudenfigur wie all die anderen. (S. 255)

Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. btb 2012
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