Douglas Stuart: Shuggie Bain

Schattenseiten der Thatcher-Regierung

Mit dem einjährigen Bergarbeiterstreik 1984/85 erreichte der Widerstand gegen die Politik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher einen Höhepunkt. Bis heute werfen die Auswirkungen des Thatcherismus besonders in Schottland lange Schatten, denn die schlimmste Rezession seit den 1930er-Jahren zerstörte ein Fünftel der industriellen Basis und führte zu einem drastischen Anstieg von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogensucht, psychischen Erkrankungen, Gewalt und Selbstmordrate. Im Glasgower Stadtteil East End sank die Lebenserwartung um elf Jahre.

Douglas Stuart wuchs während dieser Zeit in Glasgow auf. Sein Debütroman Shuggie Bain, für den er mit dem Booker Prize 2020 ausgezeichnet wurde, ist zwar nicht autobiografisch, wurde jedoch von eigenen Erfahrungen von der Erinnerung an seine alkoholabhängige Mutter inspiriert, die er nicht retten konnte.

Glasgows dunkle Seite
Shuggie Bain stammt aus der zweiten Ehe seiner Mutter Agnes, die zum Entsetzen ihrer katholischen Eltern mit ihren beiden älteren Kindern aus der Ehe mit einem verlässlichen, aber langweiligen Katholiken ausbricht und mit dem Protestanten Shug wieder bei ihren Eltern in eine Hochhauswohnung im Glasgower Stadtteil Sighthill einzieht:

Für die Siedlung hatte man die Familien aus den alten Glasgower Mietskasernen geholt, und alles sollte anders sein, modern, eine große Verbesserung. Aber in Wirklichkeit war die Siedlung zu brutal, zu spartanisch, zu schlecht gebaut, um besser zu sein. (S. 94)

Shug fährt nachts Taxi, geht fremd und ist gewalttätig. Agnes trinkt zwar schon lang, doch erst als Shug sie 1982 in die dystopische Bergarbeitersiedlung Pithead am Rande von Glasgow verschleppt und sie gleichzeitig verlässt, gerät ihr Konsum von Special Brew und Wodka aus Teetassen völlig außer Kontrolle.

© B. Busch


Unaufhaltsame Abwärtsspirale
Nun müssen Agnes und die Kinder sich allein durchschlagen. Shuggies ältere Halbschwester Catherine sucht als erste das Weite, den künstlerisch begabten Halbbruder Leek wirft Agnes im Suff hinaus, und so ist Shuggie mit nur dreizehn Jahren alleine für sie verantwortlich: als Beichtvater, Pfleger, als Schutzschirm gegen trinkende und sexuell übergriffige Nachbarinnen und Nachbarn und beim Beiseiteschmuggeln von Geld für Essen. Dabei bräuchte er selbst Hilfe, denn so wie Agnes mit ihrem Streben nach Schönheit und Gepflegtheit Außenseiterin in diesem Milieu bleibt, gehört er als schwuler Junge nicht dazu.

Keinen Tritt auf der Leiter abwärts spart Douglas Stuart aus. Überwiegend wird die trostlose Geschichte in personaler Erzählform aus der Sicht des 1981 fünfjährigen, am Ende siebzehnjährigen Shuggie erzählen. Die Dialoge im Arbeiterslang klingen authentisch. Shuggies innige, zerstörerische Liebe zu seiner dysfunktionalen Mutter, seine Bewunderung für ihre Schönheit und Würde und seine Scham über die eigene Hilflosigkeit sind nachhaltig erschütternd.

Preiswürdig, aber trotzdem verbesserungsfähig
Obwohl mich die dramatischen gesellschaftlichen Umstände sehr interessierten, hätte mich der Autor bei den sich wiederholenden Alkoholabstürzen beinahe verloren, denn es setzte eine gewisse Ermüdung und bedauerlicherweise Abstumpfung ein. Zwar hat Douglas Stuart, wie er sagt, das ursprüngliche Manuskript von 900 engbedruckten Seiten extrem gekürzt, doch hätte eine weitere Straffung aus meiner Sicht den Roman noch eindringlicher gemacht. Verstehen kann ich die Ausführlichkeit trotzdem, hängen doch an vielen Episoden sicherlich Erinnerungen.

Wie Douglas Stuart es nach einer Kindheit in diesem Milieu und früh verwaist zu einem Studium am Londoner Royal College of Art und einer Karriere als Modedesigner in New York brachte, wäre sicher ein eigenes Buch wert. Vielleicht erfahren wir es irgendwann, denn inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben und will zeitweise nach Schottland zurückkehren.

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin 2021
www.hanser-literaturverlage.de

 

Weitere Rezension zu einem mit dem Booker Prize prämierten Roman:

2017

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy

  Zurück auf Barrøy

 

Im Herbstprogramm 2021 der Verlage habe ich mich auf einen Roman besonders gefreut: Die Kinder von Barrøy setzt als vierter Band die Barrøy-Saga von Roy Jacobsen fort. Zum Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 erschienen die ersten drei Teile unter dem Titel Die Unsichtbaren in einem Sammelband im Verlag C.H. Beck, für mich ein absolutes Messe-Highlight.

© B. Busch

Der erste Teil, der wie der Sammelband Die Unsichtbaren heißt, erzählt vom Leben einer Familie auf der fiktiven, windumtosten und lebensfeindlichen Schäreninsel Barrøy vor der nordnorwegischen Helgelandküste in den Jahren 1913 bis 1928 und der Kindheit von Ingrid Barrøy, der Protagonistin aller Bände. Ihre Stärke, ihr Mut, ihr Durchsetzungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein als rechtmäßige Insel-Erbin fesseln mich mittlerweile seit fast 900 Seiten.

Im zweiten Teil, Weißes Meer, kommt 1944/45 der Zweite Weltkriegs auf die abgelegene Insel, Flüchtlinge aus der Finnmark, angeschwemmte Ertrunkene und ein schwerverletzter russischer Kriegsgefangener, Alexander, den Ingrid unter Lebensgefahr rettet und von dem sie schwanger wird.

Im dritten Teil, Die Augen der Rigel, durchquert Ingrid 1946 vergeblich mit der Tochter Kaja ein kaum befriedetes Nachkriegs-Norwegen auf der Suche nach Alexander.

Der vierte Teil
Ingrid ist heimgekehrt nach Barrøy , wo inzwischen mehr Menschen leben als je zuvor: vierzehn Familienangehörige, darunter sieben Kinder. Das Personenverzeichnis am Ende des Buches führt sie lobenswerterweise auf für alle, die die Vorgängerbände nicht mehr ganz präsent haben, denn wir sind sofort mitten im Geschehen.

Auch etwa fünf Jahre nach Kriegsende sind Narben sichtbar, Geheimnisse unentdeckt:

Ist auch auf Barrøy der Krieg zu Ende?
Nicht ganz. (S. 54)

Ingrid kann Alexander nicht vergessen, Kriegs-Kollaborateure leben unbehelligt und das Schicksal führt ein „Deutschenbalg“, den fünfjährigen Mathias, genannt Mattis, nach Barrøy. Trotz des täglichen Überlebenskampfes nimmt Ingrid ihn bedenkenlos auf:

Sie konnten ihn ja auch nicht gut ins Meer werfen. (S. 36)

Ein Kommen und Gehen herrscht von etwa 1950 bis 1960 auf Barrøy und Norwegen verändert sich. Zwergschulen sollen einer zentralen Schule weichen, in Briefen aus Oslo tauchen unbekannte Begriffe wie „Freizeit“, „Dreizimmerwohnung“ oder „Wohnungsbaugenossenschaft“ auf und ein Fahrrad kommt auf die Insel, doch bestimmen weiterhin Jahreszeiten und Natur das Leben: das Eintreffen des Herings und der Eiderenten, das Säen, Pflanzen und Ernten, die gefährliche winterliche Fahrt zum Fischfang auf den Lofoten.

Nur eine Mutter
Viel treffender als der deutsche Titel ist der norwegische Originaltitel Bare en mor (Nur eine Mutter), denn im Mittelpunkt steht klar eine durch mütterliche Gefühle veränderte Ingrid:

Sie sieht […] die Zerbrechlichkeit des Lebens. Ingrid ist schwach geworden, nicht durch Krieg oder Leben oder Verlust der Liebe und Alexanders, aber davon, Mutter zu sein, eine neue, zitternde Angst, die diese Tiefe ihr vorhält. (S. 139)

Schwach erschien sie mir allerdings nie, eher verletzlich. Sie kämpft um die Adoption, um Mattis‘ finanzielle Belange, um die Zukunft Barrøys und lässt doch gehen, wer die Insel verlassen will. Nach einer völlig unerwartet eintretenden Katastrophe bleibt Ingrid aufrecht – zum Wohle ihrer Kinder.

Aus einem Guss
Die Kinder von Barrøy ist eine nahtlose Fortsetzung der atemberaubenden Barrøy-Saga, ebenso warm, glaubwürdig, intensiv und inhaltsreich wie die Vorgängerbände. Man spürt, dass der 1954 geborene Roy Jacobsen die Sommer seiner Kindheit auf einer ebensolchen Insel, der Heimat seiner Mutter, verbrachte und lange in Nordnorwegen lebte. Interessante Charaktere, ultraknappe dialektale Dialoge voll Ungesagtem, Beschreibungen von Natur, altem Handwerk und gesellschaftlichen Veränderungen, die Sicht auf die brutale Zerbrechlichkeit des Lebens und die außergewöhnliche Frauenfigur haben mich sofort wieder in Bann gezogen.

So überraschend diese Fortsetzung für mich kam, so sehr bin ich nun überzeugt, dass es weitergeht, ja weitergehen muss. Ich freue mich schon jetzt darauf!

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. C.H. Beck 2021
www.chbeck.de

 

Weitere Rezension zu Teil 1 bis 3 der Barrøy-Saga von Roy Jacobsen auf diesem Blog:

Daniela Krien: Der Brand

  Drei Wochen in der Uckermark

 

 

Im August 2020 brennt nicht nur die von Rahel und Peter Wunderlich gemietete Ferienhütte in den Ammergauer Alpen kurz vor ihrer Anreise ab, auch in ihrer Ehe lodert es bedrohlich:

Sein feiner Humor kippt nun öfter ins Zynische, und an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche ist eine distinguierte Freundlichkeit getreten. Damit einhergehend – und das ist das Schlimmste – hat er aufgehört, mit ihr zu schlafen. (S. 11)

Ein weiterer Brandherd ist Peters Arbeitsplatz als Literaturwissenschaftler an der Universität, seit er sich ahnungslos im Umgang mit einer diversen Studentin zeigte und damit einen Shitstorm auslöste. Von seiner Frau fühlt er sich diesbezüglich unverstanden. Rahels Beziehung zu ihrer ihr wesensfremden Tochter Selma gleicht einem Pulverfass, für das es jederzeit nur eines Funkens bedarf, und der Brand Dresdens 1945 war ursächlich für die dauerhafte Traumatisierung von Rahels Großmutter.

© B. Busch

Uckermark statt Alpen
Statt drei Wochen Oberbayern geht es nun also in die Uckermark. Die beste Freundin von Rahels verstorbener Mutter, Ruth, muss ihren Mann Viktor nach einem Schlaganfall in die Reha begleiten und bittet Rahel und Peter, währenddessen ihren Hof und die Tiere zu versorgen. Peter beugt sich Rahel einsamem Entschluss.

Ein bunter Strauß von Problemen
Obwohl der Hof viel Arbeit macht, hat Rahel genug Zeit zum Nachdenken. Was ist nach fast 30-jähriger Ehe noch an Gefühlen übrig? Warum hat Peter das sexuelle Interesse an ihr verloren? Wie soll die 49-jährige Psychotherapeutin mit den Vorboten der Menopause und ersten körperlichen Verfallserscheinungen umgehen? Warum profitiert sie beim Umgang mit der Tochter nicht von ihrer professionellen Erfahrung? Welchen Einfluss hatte und hat das großmütterliche Kriegstrauma auf die nachfolgenden Generationen? Kann es sein, dass sie dem Geheimnis ihres unbekannten Vaters auf der Spur ist?

Für die Schlagzeilen der Weltpresse, die im Hintergrund mitlaufen, bleibt kaum Raum. Längst lesen sich Rahel und Peter nicht mehr am Frühstückstisch aus verschiedenen überregionalen Zeitungen vor und diskutieren über aktuelle Fragen.

Schwierige Figuren
Daniela Krien, 1975 in Neu-Kaliß geboren und damit ähnlich alt wie ihre Protagonistin Rahel, seziert die Probleme mit scharfem Blick, respektvoll und ohne Tabus. Ihre Sätze sind auf das absolut Notwendige verknappt und die Bilder stimmen. Sympathien konnte ich allerdings für keine der Figuren entwickeln, weder für die selbstgerecht jammernde, weitgehend kritikimmune Rahel mit ihrer mangelnden Empathie für ihre Familienmitglieder genauso wie für ihre Patientinnen und Patienten, noch für den resignierten, depressiven Peter oder die orientierungslose Selma. Dem 55-jährigen Peter als professoralem Bücherwurm kann ich die Weltfremdheit und die Weigerung, sich mit den Minenfeldern des Zeitgeistes auseinanderzusetzen, noch abnehmen, aber Rahel, die doch als Psychotherapeutin mit beiden Beinen im Leben stehen und neueren Entwicklungen gegenüber offener sein müsste, erscheint mir deutlich älter, als sie nach Jahren ist.

Reichlich Diskussionsstoff
Schon bei Daniela Kriens Bestseller Die Liebe im Ernstfall taten mir – trotz ihrer Schwächen – eher die Männer leid, nun war es ebenso. Auch wenn ich ihre Meinung oft nicht teile, bietet auch Der Brand reichlich Diskussionsstoff: in die Jahre gekommene Beziehungen, Altern, Generationenkonflikte, transgenerationale Traumatisierung und vieles andere mehr, nicht zuletzt den bei ihr allzeit präsente Ost-West-Konflikt mit für mich als Westdeutsche überraschenden Aspekten.

Daniela Krien: Der Brand. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Daniela Krien auf diesem Blog:

Edvard Hoem: Die Hebamme

  Ein Frauenleben, eine Landschaft und fast ein Jahrhundert

Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren. (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen Molde, ist als Romanautor, Dramatiker und Lyriker in seiner Heimat sehr bekannt und vielfach ausgezeichnet. Besonders erfolgreich sind seine Romane über sich und seine Vorfahren aus Romsdal, von denen auf Deutsch 2007 Die Geschichte von Mutter und Vater und 2009 Heimatland. Kindheit erschienen. Die Hebamme führt nun weiter zurück und schildert das Leben seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang dort die erste staatlich bestellte Hebamme war:

Das war ein Leben. Marta Kristine Andersdatter Nesje hatte mehrere Zeitalter durchlebt, sieben Könige überlebt und unter vieren gedient. […] Sie hatte immer genug zu tun gehabt und […] mehr als tausend Kinder in Empfang genommen. (S. 335) 

Ein aufgewecktes Mädchen
Der erste Teil des Romans beginnt, als Marta Kristines Familie 1800 die Fjordseite wechselt und in eine Häuslerkate in Nesje zieht. Der Vater, Anders Knudsen, Schuhmacher und eine der beeindruckendsten Figuren des Romans, ist klug und vorausschauend und schickt seine Tochter in die Dorfschule. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Nesje kennen, ihren einzigen Freund und jüngsten Sohn des Großbauern. Es ist ein langer Weg bis zur Hochzeit im Juli 1817, als sie bereits eine uneheliche Tochter von einem anderen hat und durch traumatisierende Kriegserlebnisse bei Hans der Grundstock für seine lebenslange Schwermut gelegt ist.

Marta Kristines Tür zur Welt
Beharrlich verfolgt Marta Kristine, angeregt durch den von ihr verehrten Pastor, den Plan, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, eine Möglichkeit, die nur „sittlichen Frauen“ offenstand. Im Herbst 1817 kann sie trotzdem als eine der Ersten einen sechswöchigen Kurs in Molde belegen.

© B. Busch

Im zweiten Teil ist Marta Kristine ordentlich zur Hebamme bestellt, wird jedoch aufgrund von Armut, Misstrauen und Aberglaube trotz der von der Kanzel verkündeten Hebammenverordnung kaum gerufen. Nachdem sie drei weitere Kinder geboren hat, wandert „Hebammen-Stina“ deshalb im Herbst 1821 600 Kilometer zu Fuß nach Christiania, dem heutigen Oslo, um ihre Qualifikation am dortigen Geburtshilfestift zu vervollständigen. Als sie nach neun Monaten zurückkehrt, hat sich Hans‘ Zustand endgültig verschlechtert.

Zehn eheliche Kinder bringt Marta Kristine zur Welt, die sie mit Hans und der Hilfe ihrer Eltern und der unehelichen Tochter in ständiger Armut in einer Häuslerkate großzieht. Obwohl sie auch Einkünfte aus der Pockenimpfung bezieht und Hans sich im Fischen versucht, verliert sie nach seinem frühen Tod fast alles an Gläubiger und muss noch einmal neu beginnen.

Der dritte Teil ist dem Leben Marta Kristines als Witwe gewidmet.

Fakten und Fiktion

Es ist ein Roman, geschrieben auf der Grundlage dokumentierter Fakten. Die Darstellung der Personen fußt auf vereinzelten, spärlichen Informationen. Niemand weiß mehr, wer sie waren. (Vorwort)

Streng chronologisch, sehr ausführlich und mit vielen Fakten aus Archiven gespickt, zeichnet Edvard Hoem auf beeindruckend glaubwürdige Weise die Welt des 19. Jahrhunderts in Norwegen. Die außergewöhnlich starke Frauenfigur, die bewegende Liebesgeschichte, die Anfänge der professionellen Geburtshilfe, das Porträt der notleidenden bäuerlichen Gesellschaft und die alles beherrschende Natur – darüber erzählt Edvard Hoem vor dem Hintergrund der Geschichte Norwegens so mitreißend gut, dass ich mich beim Lesen ganz und gar hineinverloren habe.

Edvard Hoem: Die Hebamme. Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer. Urachhaus 2021
www.urachhaus.de

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm!

  Großprojekt Lehrerrettung

Mattis Hansen aus der 3c sammelt Schneckenhäuser, Kaugummipapiere und abgerissene Kinokarten, seine Mutter sammelt die schlimmen Briefe, die über ihren Sohn aus der Schule kommen. Weil aber die fürchterlichen Dinge, die in den Briefen stehen, aus Mattis‘ Sicht überhaupt nicht stimmen, muss er sie richtigstellen, denn leider nimmt die Mutter sie viel zu ernst. In jedem Band der Mattis-Reihe für Erstleserinnen und Erstleser ab sieben Jahren schreibt Mattis deshalb eine Gegendarstellung:

Damit Mama wieder an mich glaubt. (S. 13)

Lehrer Storm – ein multipler Problemfall
Wer Mattis‘ Klassenlehrer aus den drei vorangegangenen Bänden noch nicht kennt: Herr Storm ist wirklich der schrecklichste Lehrer, den man sich nur ausmalen kann, humorlos, übellaunig, jähzornig und ungerecht. Aber Mattis wäre nicht Mattis, würde er nicht trotzdem dessen Hilfebedürfnis erkennen, denn schließlich ist auch Herr Storm „nur ein Mensch“:

Ich würde meinem Klassenlehrer helfen. Bei all seinen Problemen. Und das sind ja so einige. (S. 21)

Mit den „Flitzegedanken“ in seinem Hirn heckt Mattis einen Plan aus, der Herrn Storm nicht nur von seiner schlechten Laune und seinen Wutanfällen, sondern auch von seiner Spinnenphobie heilen soll – ganz nach dem Motto von Mattis‘ Vater: „Manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen.“ (S. 59). Dass dann trotz aller Genialität, dreitägiger mühevoller Vorbereitung und Einsatz des gesamten Taschengelds mehr schiefgeht als beim Bau des Berliner Flughafens, ist wieder einmal ausgesprochenes Pech! Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte erstmals so etwas wie Mitleid mit dem schrecklichen Herrn Storm empfunden, dessen Gesichtsfarbe von einem Krebsrot über ein kurzes, hoffnungsvolles Himbeerrot zu Hummerrot wechselt, bevor er kurz vor seiner Ohnmacht gänzlich erblasst.

© B. Busch

Erfrischend und mit leichter Hand verfasst
Seit ihrem ersten Kinderbuch „Pernilla oder Wie die Beatles meine viel zu große Familie retteten“ aus dem Jahr 2015 bin ich Fan der Kinderbücher von Silke Schlichtmann, die so quicklebendig und sprühend vor Fantasie aus Kinderperspektive schreibt. Der pfiffige achtjährige Ich-Erzähler Mattis, der seine Mutter und seinen Lehrer fast in den Wahnsinn treibt, ist mir im Laufe der mittlerweile vier Bände sehr ans Herz gewachsen – trotz aller Schrecken, die er immer wieder ungewollt verbreitet.

Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm ist wie alle Bände der Reihe in größerer Schrift gedruckt und von Maja Bohn perfekt zum Text passend illustriert. Die 69 Seiten sind altersgerecht in zwölf überschaubare Kapitel unterteilt. Nicht nur Erstleserinnen und Erstleser ab der zweiten Klasse haben hier ihren Spaß, auch für große Vorleserinnen und Vorleser und ihr Publikum kann ich beste Unterhaltung wie immer garantieren.

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm! Hanser 2021
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-kinderbuch

Bd. 1
Bd. 2
Bd. 3

 

Carola Sieverding & Sylvia Tress: Gute Nacht, kleiner Bär!

Wenn Bärenkinder müde werden

Auch kleine Bären werden irgendwann müde. Dann gähnt der kleine Bär und das Spielen macht keinen Spaß mehr. „Höchste Zeit zum Schlafengehen!“, findet Mama Bär. Aber vorher wird noch der Schlafanzug übergezogen, die Zähne werden geputzt, das Lieblingskuscheltier gesucht, ein Glas Wasser getrunken und eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Auf fünf Doppelseiten des Pappbilderbuchs Gute Nacht, kleiner Bär! können die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer genau dabei behilflich sein, indem sie an Stoffschlaufen ziehen und das Bild dadurch verändern. Das klappt auch bei meinem knapp zweijährigen Versuchskind schon gut, das den Mechanismus sofort durchschaute und viel Spaß beim Ziehen hat, dabei allerdings leider vom Zuhören abgelenkt wird.

Was mir besonders gut an diesem Bilderbuch mit den Illustrationen von Carola Sieverding gefällt, sind die ruhige Atmosphäre im Bärenheim, die zur abendlichen Stimmung passenden, kindgerecht bunten und doch warmen Farben, die freundlichen Gesichter sämtlicher Mitglieder der Bärenfamilie und der Kuscheltiere und die Fülle an potentiellen Geschichten, die sich über die drei bis sechs Zeilen umfassenden Texte von Sylvia Tress hinaus hinter den Bildern verbergen. Die Gegenstände im Bärenkinderzimmer, im Bad und in der urgemütlichen Küche sind übersichtlich in ihrer Anzahl und so klug gewählt, dass Kinder sie benennen können. Das Weitererzählen drängt sich dabei geradezu auf. Wer genau hinsieht, kann sogar auf jeder Doppelseite ein kleines, vorwitziges Mäuschen entdecken. Schade nur, dass der nette, Zeitung lesende Bärenpapa nicht aktiver in das Abendritual eingreift.

Ich empfehle dieses hübsche Pappbilderbuch für nicht zu stürmische Kleinkinder ab zwei Jahren oder kurz davor, wegen der Mechanik vorzugsweise zum gemeinsamen Betrachten.

Carola Sieverding & Sylvia Tress: Gute Nacht, kleiner Bär! Esslinger 2021
www.thienemann-esslinger.de

Alex Schulman: Die Überlebenden

  Lebenslange Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Liebe

 

Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein Romandebüt Die Überlebenden war in seinem Heimatland ein großer Erfolg, wobei schwedische Leser Teile seiner Familiengeschichte in dieser fiktionalen Erzählung wiederfinden.

Drei Brüder
Zu Beginn eine filmreife Szene: Drei Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten sitzen in einer Juninacht auf der Steintreppe vor einem abgelegenen, verwitterten roten Sommerhaus am See und halten sich weinend im Arm. Neben ihnen steht die Urne mit der Asche ihrer Mutter, die sie nach deren letztem Willen im See verstreuen sollen. Benjamin, der mittlere der Brüder, hat die Polizei und einen Krankenwagen gerufen, denn kurz zuvor hätten sich Nils, der ältere, und Pierre, der jüngste, fast totgeschlagen. Was ist geschehen?

Was sich hier auf der Steintreppe abspielt, das Weinen der drei Brüder, die geschwollenen Gesichter und all das Blut, ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist. (S. 13)

Eine außergewöhnliche Struktur
Alex Schulman erzählt den Roman konsequent in personaler Erzählweise aus Benjamins Sicht. In zwei Teilen, untergliedert in insgesamt 24 Kapitel, wechseln sich zwei Zeitebenen ab. In der Gegenwartsebene wird der Tag der Urnenbeisetzung im Zweistundenrhythmus rückwärts erzählt. Dazwischen gibt es Episoden aus der Kindheit, später aus dem jugendlichen und dem Erwachsenenleben der Brüder, durch Schlüsselwörter verzahnt. Beide Ebenen nähern sich kontinuierlich an, bis sie zuletzt verschmelzen.

Bei den Erlebnissen im ersten Teil aus dem letzten Sommer am See sind die Brüder dreizehn, neun und sieben Jahre alt. Die idyllische Umgebung steht in diametralem Kontrast zum überwiegend düsteren Alltag einer dysfunktionalen Familie, in dem die Kinder nur selten die ersehnte Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern erhalten. Vom Alkohol vernebelt demonstrieren die Eltern meist Desinteresse, sind launisch und unberechenbar, verhängen sadistische Strafen und riskieren leichtfertig das Leben ihrer Kinder. Krassestes Beispiel dafür ist ein vom Vater ausgerufener Schwimmwettbewerb, bei dem die Brüder fast ertrinken, die Eltern sich jedoch inzwischen ins Haus zurückgezogen und sie vergessen haben.

Unterschiedliche Strategien
Benjamin ist der sensibelste unter den Brüdern, der Familienseismograf, der die Stimmungen präzise auslotet und sogar vorhersieht. Sein erwachsenes Leben hat er „in einem fortlaufenden Stillstand verbracht“ (S. 31). Nils, begabt und Hoffnungsträger der Eltern, zieht sich so weit als möglich in seine eigene Welt zurück. Pierre wird mit den Jahren brutal und aggressiv nach außen, behält aber wie die anderen einen weichen, verletzlichen Kern.

© B. Busch

Das fehlende Puzzleteil
Alex Schulman geht in Die Überlebenden den Fragen nach, wie es zur Entfremdung der Brüder kommen konnte und was das Leben in einer dysfunktionalen, von Schweigen bestimmten Familie auslöst, emotional und äußerlich verarmt, „in einem Oberklassenhaushalt aufgewachsen, doch unterhalb des Existenzminimus“ (S. 235). Selten hat mich ein Roman auf den letzten Seiten derart überrascht wie dieser, obwohl ich beim Lesen von Beginn an eine unerklärliche Unruhe verspürte. Erst ganz zum Schluss wurde mir klar, dass ein fehlendes Puzzleteil dafür verantwortlich war.

Diese genial angelegte Wendung, die gekonnte Verzahnung der Zeitebenen, die erschütternden Kindheitserlebnisse und die stark verdichtete, mit beklemmenden Bildern unterlegte Erzählweise werden mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Ich freue mich auf weitere Romane von Alex Schulman!

Zoom-Meeting für Bloggerinnen und Blogger mit Alex Schulmann am 15.08.2021. © B. Busch

Alex Schulman: Die Überlebenden. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. dtv 2021
www.dtv.de

Annika Scheffel: Sommer auf Solupp

  Heilsame Ferien

Düstere Zeiten liegen hinter der Familie Fröhlich, die ihrem Namen gerade so gar keine Ehre macht. Nach einer „Geradenochmalgutgegangen“-Erkrankung von Vater Tom ist jedes der fünf Familienmitglieder auf seine eigene Weise mit der Verarbeitung von Verlustängsten und Verunsicherung beschäftigt. Der vierzehnjährige Sohn Kurt, der sich während der Krankenhausaufenthalte des Vaters liebevoll und verantwortungsbewusst um die jüngeren Geschwister kümmerte, hat sich völlig zurückgezogen, mit Walkman am Ohr und in der Kapuze seines schwarzen Hoodies versteckt. Die etwas jüngere Mari, aus deren Sicht die Geschichte konsequent und sehr glaubhaft in personaler Erzählweise erzählt wird, fühlt sich seit der Rückkehr des Vaters einsamer als zuvor, kämpft mit Eifersucht und Neid, weil seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, und hat deshalb zugleich ein schlechtes Gewissen. Bela ist mit seinen fünf Jahren zuletzt immer stiller geworden und zeigt Berührungsängste zum Vater, der wiederum vor Müdigkeit kaum am Familienleben teilnehmen kann. Mutter Paula, eine Ärztin, wird in ihrem Bestreben, allen und allem gerecht zu werden, immer hektischer. Zum kollektiven Entsetzen bucht sie einen sechswöchigen Familienurlaub auf der kleinen Insel Solupp irgendwo weit draußen im Meer, die in keinem Atlas zu finden ist. Bei „Ruhe! Meer! Sonne! Solupp!“ (S. 14) soll die Familie genesen . Ob der Plan aufgeht?

Ein Abenteuerbuch für Kinder ab zehn…
Das Kinderbuch Sommer auf Solupp von Annika Scheffel kann man auf ganz unterschiedliche Art lesen. Für die junge Zielgruppe ab etwa zehn Jahren ist es in erster Linie ein spannender sommerlicher Abenteuerroman mit neuen Freundschaften, Tierbegegnungen, alten, ineinander verwebten Inselgeheimnissen, die es zu lösen gilt, und natürlich einem Happy End. Ein wenig Fünf Freunde, ein wenig Ferien auf Saltkrokan mit sehr viel idyllischer Inselatmosphäre, Meeresbrandung, Walfänger- und Piratengeschichten, einem alten Schatz, einem mysteriösen Wort, das überall auftaucht, einem geheimnisvollen Fremden, vielen Freiheiten für die Geschwister und ihre neuen Freunde, einem gemütlichen reetgedeckten Heckenrosenhaus, herrlichen Gerüchen „nach Heckenrosen und Salzwasser und Sommersprossen und Karamelleis mit Sahne“ (S. 20) und einer explodierenden Farbenpracht rundherum, die ganz im Gegensatz zum vorherigen Grau steht. Mari und Bela vergessen ihre Vorbehalte deshalb schnell nach der Ankunft und auch Kurt kann ab der Mitte des Urlaubs dem Reiz des Unbekannten und der Inselgeheimnisse nicht mehr widerstehen.

So könnte das reetgedeckte Heckenrosenhaus auf Solupp aussehen. © B. Busch

… und noch viel mehr
Mehr als die Abenteuergeschichte und die idyllischen Ortsbeschreibungen stand für mich als erwachsene Leserin jedoch die traumatische Vorgeschichte und die allmähliche Genesung der einzelnen Familienmitglieder im Zentrum. Sehr behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen beschreibt Annika Scheffel, wie Kurt, Mari, Bela, Tom und Paula jeweils im eigenen Tempo und auf individuelle Art und Weise zu sich selbst und schließlich auch wieder zueinander finden, immer aus Maris Blickwinkel, ohne die jüngeren Leserinnen und Leser zu überfordern und gänzlich ohne Pathos und Kitsch.

Sommer auf Solupp ist deshalb trotz des schwierigen Themas kein trauriges, sondern ein locker erzähltes, überaus beglückendes, sehr empfehlenswertes Buch über einen märchenhaften Kindersommer, einen Sehnsuchtsort für uns alle und einen Neubeginn:

Verrückt, denkt Mari, dass man, um sich nicht mehr einsam zu fühlen, anscheinend an den abgelegensten Ort der Welt reisen muss. (S. 311)

Annika Scheffel: Sommer auf Solupp. Thienemann 2021
www.thienemann-esslinger.de

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein

  Vom Leben mit einem Mordsschwein

Manche Leute sagen, das Glück landet so federleicht auf dir wie ein Schmetterling. Das kann schon sein. Aber manchmal kommt das Glück auch schwerfällig angetrottet wie ein fettes, vollgefressenes Schwein und lässt sich plumps! neben dir fallen. (S. 202)

Sy Montgomery, 1958 während der Stationierung ihres Vaters in Frankfurt geborene US-amerikanische Naturforscherin und Autorin von Naturliteratur für Erwachsene und Kinder, schreibt gewöhnlich über exotische Tiere wie Oktopusse, rosa Delfine oder bengalische Tiger. 2006 erschien jedoch ein Buch unter dem Titel The good good pig über ihr schwarz-weißes Hausschwein Christopher Hogwood. Es erlebte von 1990 bis 2004 14 glückliche Jahre auf ihrem über 100 Jahre alten Bauernhof in Hancock, einer kleinen Stadt in den Wäldern von New Hampshire, und bildete mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Howard Mansfield, ihrem Border Collie Tess und ihren Hühnern, genannt „die Ladies“ ihre Familie und ihren Ruhepunkt zwischen den Forschungsreisen.

© B. Busch

„Der Rest der Geschichte ist Speck.“ (Howard Mansfield)
Christopher Hogwood kam als überzähliges, halb verhungertes und todkrankes Ferkel in einer Schuhschachtel zu Sy Montgomery, einer Tierfanatikerin seit Kindertagen. Nachdem er wider Erwarten überlebte, wuchs er – nach dem Dirigenten und führenden Musikwissenschaftler für Alte Musik Christopher Hogwood benannt – über die Jahre zu einem 7,5 Zentner schweren Tier heran, das mit seiner „diabolischen Intelligenz“, seiner Zielstrebigkeit und Kraft jedes Ausbruchshindernis überwand, wie eine Naturgewalt Löcher in den eigenen und fremde Gärten wühlte, den Freundes- und Bekanntenkreis des Besitzerpaares vervielfachte und überregional bekannt wurde durch Presseorgane wie den Boston Globe, USA Today, die Washington Post und verschiedene Fernsehstationen:

Er besaß die gravitätische Würde, die jede wahrhaft große Persönlichkeit auszeichnet. (S. 153)

Christopher genoss sichtlich sein unbedrohtes Luxusleben mit „Pig Palace“ und „Chicken Chalet“ im „eberzentrischen“ Haushalt einer „schweinesüchtigen“ Vegetarierin und eines Juden. Mit Seligkeit reagierte er auf jede Form der Zuwendung:

Christopher liebte Gesellschaft. Er liebte gutes Essen. Er liebte die warme Sommersonne, und er liebte es, gestreichelt zu werden. Er liebte das Leben. (S. 260)

Unterhaltsam, herzerwärmend, aber auch ein bisschen bedenklich
Sy Montgomery erzählt mit Hingabe und sehr, sehr viel Zuneigung über die Jahre mit ihrem Schwein. Interessante biografische Episoden, Wissenswertes rund um Schweine und die Aufzählung unzähliger Unterstützerinnen und Unterstützer nehmen einen großen, letzteres für meinen Geschmack etwas zu großen Raum ein. Obwohl ich ihre Tierliebe und ihren übermächtigen Respekt für die Natur bewundere, war mir doch bei der Beschreibung der Fütterung und Medikation oft nicht wohl. Es ist schockierend, was hier bedenkenlos als Abfall firmiert, und um Christopher zu etwas zu „überreden“, werden durchaus auch Schachteln mit Schokoladen-Donats oder Bier extra erstanden. Umwerfend ist aber Sys trockener Humor und der ihres Mann, der während ihrer Abwesenheit klaglos den Miniaturzoo versorgt:

„Ist euer Christopher eigentlich intelligent?“, fragten die Leute uns häufig.
„Er ist jedenfalls schlauer als wir“, gaben Howard und ich dann bereitwillig zu. „Er hat Mittel und Wege gefunden, zwei gut ausgebildete Universitätsabsolventen kostenlos für sich arbeiten zu lassen.“

Wer vor der Lektüre kein Schweinefan war, ist es hinterher garantiert!

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein. Aus dem Amerikanischen von Melusine Stern. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Charles Lewinsky: Melnitz

  Mischpoche und Risches

 

Seit 2019 verlegt der Verlag Diogenes die Romane des 1946 geborenen Schweizers Charles Lewinsky. Nun ist dort auch sein ursprünglich 2006 bei Nagel & Kimche erschienenes, mehrfach preisgekröntes Hauptwerk Melnitz erschienen, in einer hochwertigen, trotz der über 900 Seiten gut in der Hand liegenden Ausgabe im typischen Diogenes-Format und auf nicht durchscheinendem, stabilem Dünndruckpapier.

© B. Busch

 

Ein Mehrgenerationenroman
In fünf Teilen, überschrieben mit 1871, 1893, 1913, 1937 und 1945, erzählt Charles Lewinsky vom Leben der schweizerisch-jüdischen Familie Meijer. Der Roman setzt 1871 ein, fünf Jahre nach der Gleichberechtigung jüdischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die fortan nicht mehr an die aargauischen Gemeinden Endingen und Lengnau gebunden waren. Trotzdem leben der solide, ehrliche Viehhändler Salomon Meijer, seine Frau Golde, die kapriziöse Tochter Mimi und die zupackende Pflegetochter Chanele weiter in Endingen. Überraschend kommt der ehemalige Soldat Janki Meijer zu ihnen, entfernte elsässische Mischpoche, der die Schlacht von Sedan zwar nicht miterlebte, aber sein Leben lang darüber fantasieren und eine „Kriegsverletzung“ pflegen wird, die ihm einen Gehstock aufzwingt. Janki wird Tuchhändler im nahen Baden, sein ältester Sohn François eröffnet das erste Warenhaus in Zürich. Er und sein Bruder Arthur, ein Arzt und Wohltäter, sind die letzten „echten“ Meijers.

Ein Wiedergänger
Wie ein roter Faden und als I-Tüpfelchen auf die sonst traditionell erzählte Familiensaga bewegt sich der titelgebende Onkel Melnitz durch den Roman:

Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück. (S. 11 u.a.)

Er ist der Geist und ewige Mahner, der in den Köpfen seiner Mischpoche weiterspukt. Im Nachwort sagt Charles Lewinsky über Melnitz:

Erst nach einiger Zeit habe ich verstanden, welche zentrale Funktion er in dieser Familiensaga erfüllt: Indem er alle Erinnerungen auf Progrome und Verfolgungen auf sich konzentriert, ermöglicht er es den anderen Figuren, ein gewöhnliches Leben zu führen. (S. 923)

Im letzten, sehr kurzen Teil, 1945, reißt Melnitz die Erzählerrolle ganz an sich. Sein Pessimismus hat sich bewahrheitet.

© B. Busch

Jüdischsein in der Schweiz
Da
ich in der Regel kürzere Romane bevorzuge, stand ich der Lektüre dieses opulenten Wälzers zunächst skeptisch gegenüber – völlig grundlos allerdings. Die Verbindung zwischen europäischer Geschichte und Alltagsleben einer jüdischen Familie in der Schweiz, ihren Traditionen, Gebräuchen, Festen, und dem stets lauernden „Risches“, dem Antisemitismus, ist genial gelungen. Viele Figuren wuchsen mir sehr ans Herz. Zwar nimmt der hintergründige Humor mit zunehmender Nähe zur Katastrophe des 20. Jahrhunderts spürbar ab, doch bleibt Charles Lewinskys Erzählton auch in düsteren Zeiten ohne Pathos und dadurch umso eindrücklicher – sei es beim Massaker an den Juden in Galizien, bei den Anfängen der zionistischen Bewegung, dem Erstarken der Fröntler oder gar beim Holocaust, der nicht direkt, sondern nur in seinen Auswirkungen auf die Familie thematisiert wird.

Obwohl Charles Lewinsky in einem Interview 2016 mit swissinfo.ch die Überzeugung vertrat, die Schweiz sei in Bezug auf Antisemitismus heute fast ein Paradies, war das nicht immer so: 1893 stimmte die Bevölkerung für ein Schächtverbot, was nicht nur die Familie Meijer als antijüdisches Statement verstand. Salomon und Janki kämpften ihr Leben lang um Teilhabe und gegen Ausgrenzung, François änderte vergeblich seinen Namen und ließ sich und seinen Sohn Alfred taufen:

„Aber wissen Sie, lieber Herr Meijer: Auch ein getaufter Jude ist immer noch ein Jude.“ (S. 493)

Ein jüdisches Glossar und ein Stammbaum, den man sich zum Erhalt der Spannung nicht zu früh anschauen sollte, runden diesen großartigen Roman ab, der einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommt.

Charles Lewinsky: Melnitz. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Charles Lewinsky auf diesem Blog: