Marianna Kurtto: Tristania

  Leben auf dem Vulkan

Tristan da Cunha, die nur 98 Quadratkilometer große Insel im Atlantischen Ozean, gehört zum Britischen Überseegebiet und gilt als abgelegenste bewohnte Insel der Welt. Sie diente Edgar Allan Poe, Jules Vernes, Raoul Schrott oder Primo Levi als Romanschauplatz und 2017 auch der finnischen Romanautorin und Lyrikerin Marianna Kurtto für ihren Debütroman Tristania, mit dem sie 2019 für den renommierten Preis des Nordischen Rates nominiert war. Dreh- und Angelpunkt ist der reale Vulkanausbruch von 1961 mit der vorübergehenden Evakuierung. Im Roman bebt dabei nicht nur die Erde und es ergießt sich ein Lavastrom, es entsteht auch ein neuer Vulkan in der Flanke des alten und für die Protagonistinnen und Protagonisten bleibt nichts, wie es war.

© M. Busch

Einsam und doch nie allein
1961 leben die Inselbewohnerinnen und Inselbewohner von dem, was die karge Umgebung ermöglicht: Fischfang und Schafzucht. Daneben wird mit gelegentlich vorbeifahrenden Schiffen Tauschhandel betrieben, was im ansonsten ruhigen Alltag vorübergehende Hektik auslöst.

Während kaum Kontakt zur Außenwelt besteht, begibt sich der von Fernweh geplagte Fischer Lars zum Handel mit Fischerzubehör regelmäßig ins sechs Schiffswochen entfernte England und lässt seine stille Frau Lise und den neunjährigen Jon zurück. Als er sich in London in die Blumenverkäuferin Yvonne verliebt, zieht er mit ihr in ein Haus am weißen Strand. Doch quält ihn sein Gewissen und Tristan da Cunha, die Insel mit dem schwarzen Sand, „die ein Berg ist, zwei Kilometer hoch, ozeantief und von Schluchten gespalten“ (S. 12), lässt sich nicht so leicht abschütteln:

Sie ist Heimat, sie ist der einsamste Ort auf der Welt, und ich bin dort nie allein. (S. 37)

Allein mit ihrer Trauer um den Verlust bleiben die grüblerische Lise und Jon, Außenseiter und Leseratte dank väterlicher Mitbringsel.

Ein „morsches Liebeshaus“ auch bei den Nachbarn
Unglücklich ist auch das Nachbarspaar. Martha, 20 Jahre jünger als Lise und Insellehrerin, wollte mit der Familiengründung einem Trauma entkommen:

[…] und die bösen Träume werden tief in den Bauch des Vulkans rinnen. Dort werden sie verbrennen, sich an den Rändern ringeln wie alte Fotos, die niemand mehr anschauen will. (S. 52)

Als ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt, entfremden sich die Eheleute. Bert, der nichts über Marthas Vergangenheit weiß, steht ihrer Traurigkeit hilflos gegenüber und verfällt in Trägheit.

Und dann bricht der Vulkan aus…

Viele Puzzleteile werden zu einem Gesamtbild
16 der 17 Kapitel spielen im Jahr des Vulkanausbruchs 1961, je sechs in Tristan da Cunha und England, vier in Kapstadt und eines auf See. Dazwischen gibt es Rückblenden und einen mit „Später: 1965“ überschriebenen Schluss. Die Erzählperspektive wechselt zwischen dem „Ich“ von Lars und Jon sowie personal Erzähltem überwiegend von Lise und Martha.  Ähnlich ist allen jedoch der melancholische, poetische, überbordend bildhafte und einfach schöne Stil, sicher auch ein Verdienst des erfahrenen Übersetzers Stefan Moster. Die fehlende Unterscheidbarkeit der Stimmen könnte man kritisieren, für mich war es jedoch einfach der Inselton.

Wer ein packendes, zeitloses Drama um menschliche Verwicklungen in ungewöhnlicher Umgebung sucht, sich gerne überraschen lässt, Leerstellen, Anspielungen, falsche Fährten, absichtliche Verschleierung und unterschiedliche Zeitebenen nicht scheut, charakterliche Beurteilungen revidieren kann, eine starke, bildhafte Sprache und interessante Charaktere schätzt und Themen wie Fernweh, Heimatverbundenheit, zwischenmenschliche Konflikte, Eifersucht, Gewalt, Schuld, Reue und Neubeginn mag, für den ist Tristania eine ausgezeichnete Leseempfehlung.

Marianna Kurtto: Tristania. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. mare 2022
www.mare.de

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

  Ein Roman wie ein Film

Das herausragende Cover mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde Wolf des britischen Malers, Zeichners und Bildhauers Mark Adlington weckte mein Interesse für den Roman Ein Tag wird kommen. Der fließende Zeichenstil, der greifbare Charakter des Tieres und die authentisch eingefangene Bewegung sind nicht nur optisch ein Genuss, sondern passen auch wunderbar zu diesem zweiten Roman der Autorin, ihrem deutschsprachigen Debüt, obwohl ein echter Wolf nur eine Nebenrolle spielt.

Wahrheit und Lüge
Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte und ihrem der Anarchistenbewegung angehörenden Urgroßvater taucht die 1988 geborene italienische Autorin Giulia Caminito tief in die italienische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein, beginnend mit einem spannungsgeladenen Prolog über 13 dramatische Kapitel bis zum friedvollen Epilog. Historische Tatsachen wie die Kämpfe der Bauern gegen das ungerechte System der Halbpacht, die anarchistische Bewegung, der Aufstand von 1914 in Ancona, bekannt als Settimana Rossa, der Erste Weltkrieg, die Vorboten des Faschismus, die Spanische Grippe, die Auflösung von Klöstern und die Auswanderungswelle nach Amerika sind gründlich recherchiert, trotzdem warnt die Autorin im Nachwort:

Trotz gründlicher Recherchen, der Sichtung von Dokumenten, der Besuche vor Ort, gibt es in diesem Roman nicht nur einige Wahrheiten, sondern auch viele Lügen.
Ich möchte die Leserinnen und Leser also dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und von diesen Seiten keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten […] (S. 264/265)

© B. Busch. Hintergrundfoto: © M. Busch

Ein politischer Dorf- und Familienroman
Der erste Haupthandlungsstrang erzählt vom Leben der vom Unglück verfolgten Bäckersfamilie Ceresa aus dem bitterarmen Bergdorf Serra de‘ Conti in den mittelitalienischen Marken. Ihre Kinder sterben bei oder kurz nach der Geburt, durch einen tragischen Unglücksfall oder Krankheit. 

Zuletzt bleiben nur die beiden Söhne Lupo, geboren 1897, und Nicola, geboren 1899, sowie die geheimnisvolle Tochter Nella, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr in striktester Klausur im örtlichen Klarissinnen-Kloster lebt. Hier spielt der zweite Haupthandlungsstrang, in dessen Mittelpunkt die ebenso strenge wie weise, empathische und vom Volk verehrte schwarze Äbtissin Suor Clara, genannt La Moretta, steht, eine historisch verbürgte italienische Ordensschwester sudanesischer Abstammung mit atemberaubender Lebensgeschichte.

Wolf und Schaf
Die Brüder Lupo und Nicola ähneln sich weder äußerlich noch im Charakter. Lupo, der Junge mit dem Wolfsnamen und einem Cane, Hund, genannten Wolf als Haustier, eigenwillig, grob und rau, eine Naturgewalt, ein Gotteslästerer und anarchistischer Rebell, bestimmt über Nicola, liebt und beschützt ihn, „ein stilles, fast durchsichtiges Kind“ (S. 10), schreckhaft, unfähig zu körperlicher Arbeit, vor dem jähzornigen Vater und der Priesterlaufbahn und sorgt mit seinem Verdienst für dessen Bildung.

Ein Lese-Highlight
Auch wenn die Struktur der Vor- und Rückblenden von Ein Tag wird kommen eine Herausforderung darstellt und sich nicht jede Szene spontan zeitlich einordnen lässt, hat mich das Buch sofort in Bann gezogen und schließlich verzaubert. Aus den erst allmählich stimmig zueinanderfindenden Handlungssträngen, den düsteren Familiengeheimnissen und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund Italiens entwickelt Giulia Caminito in kraftvoller, überreich bebilderter Sprache eine ebenso mitreißende wie bewegende Geschichte und bezieht klar Position: gegen die Unterdrückung durch die Padroni und die autoritäre Kirchenführung und vor allem gegen die Lüge, sei es in der Familie, Kirche oder Politik.

Wer die erforderliche Konzentration und Ausdauer mitbringt, wird reich belohnt mit einem psychologisch fundierten Romangeschehen, das wie ein Film vor mir ablief.

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Wagenbach 2020
www.wagenbach.de

August Strindberg: Die Leute auf Hemsö

  Jeder für sich und Gott für uns alle

August Strindberg (1849 – 1912) ist unstrittig einer der wichtigsten schwedischen Autoren. Zu Lebzeiten angefeindet, gehören seine Romane, Novellen und Dramen heute zu den bedeutendsten Klassikern der schwedischen Literatur.

Einer seiner leicht zugänglichen Romane stammt aus dem Jahr 1887, als Strindberg für mehrere Jahre im Ausland lebte. Das schmale Buch erschien auf Deutsch als Die Inselbauern, Die Hemsöer oder Die Leute auf Hemsö und spielt um 1880 auf einer fiktiven Schäre im Stockholmer Schärengarten.

 

Mehr als ein gewöhnlicher Knecht
Nach Hemsö kommt an einem Apriltag „wie ein Schneewirbel“ (S. 5) der junge mittellose Värmländer Johannes Edvard Carlsson, der sich schon in so mancher Branche verdingt hat und nun als Knecht dem heruntergekommenen Hof der Witwe Anna Eva Flod neues Leben einhauchen soll. Von Beginn an signalisiert „die Alte“, die von ihrem Gesinde mit „Tante“ angesprochen wird, dass sie große Hoffnungen auf Carlsson setzt und in ihm mehr als den Knecht sieht:

Und das ist auch der Grund, Carlsson, weshalb ich Ihn herkommen ließ! Damit Er nach dem Rechten sieht! Und darum soll Er sich auch für’n bißchen mehr halten und ein Auge auf die Burschen haben. (S. 11)

Das wiederum spornt Carlssons Ehrgeiz an. Prompt sieht er sich als eine Art Inspektor, führt das große Wort, verlangt eine eigene Kammer und schaltet und waltet, fast wie er will.

Einziges Aufstiegshindernis ist der Sohn des Hofes, der nur zehn Jahre jüngere Gusten, der sich statt für die Hofarbeit nur für Fischfang und Jagd interessiert und dem seeunkundigen Neuzugang vom Festland misstrauisch-feindselig gegenübersteht.

© B. Busch. Hintergrund: Im Schärengarten vor Stockholm. © M. Busch

Als sich dank Carlsson Geschick, Fleiß und Erfindungsreichtum Erfolge einstellen und seine nach zweijähriger Witwenschaft von Fleischeslust gepeinigte Arbeitgeberin ihm immer deutlichere Avancen macht, scheint sein Weg nach oben frei:

Und fängt Er’s klug an, sitzt Er bald auf eigenem Hof; früher als Er glaubt. (S. 60)

August Strindberg im Porträt von Edvard Munch 1896. Munch Museum Oslo. © B. Busch

Ein Klassiker, der Spaß macht
Ich hatte zunächst Respekt vor der Lektüre eines Strindberg-Romans, ganz zu Unrecht, denn der Roman lässt sich sehr gut lesen. Zwar sind die männlichen Charaktere und ihre Beweggründe durchweg stärker beschrieben als die weiblichen, trotzdem hinterlassen alle einen bleibenden Eindruck. Die alte Sprache mit der Anrede „Er“ ist nur kurz ungewohnt, passt aber vorzüglich in die Dialoge, die mir neben der malerischen Beschreibung von Landschaft, Menschen und Gebräuchen und dem immer wieder durchscheinenden Humor am meisten Spaß beim Lesen gemacht haben. Es wird getrickst, betrogen und für den eigenen Vorteil gelogen und Pastor Nordström, die stärkste Nebenfigur, längst mehr Fischer und Bauer als Kirchenmann, setzt überlange Gottesdienste als Strafe für seine ungehorsamen Schäfchen ein und trinkt so hemmungslos, dass er nicht mehr ins richtige Bett findet. Aber egal, was die Menschen unternehmen und planen, am Ende hat die Natur das letzte Wort und entscheidet über Wohl und Weh. Dann heißt es:

Jeder für sich und Gott für uns alle. (S. 181)

Die Leute auf Hemsö ist 135 Jahre nach seinem Erscheinen alles andere ein verstaubter Klassiker und daher auch heute noch empfehlenswert.

August Strindberg: Die Leute auf Hemsö. Übersetzt von Hans-Jürgen Hube. Mit 15 Illustrationen von Harald Metzkes. Winkler 1984

 

Rezensionen zu weiteren Schären-Romanen auf diesem Blog:

           

Isabel Allende: Violeta

  Ein Leben wie ein Roman

Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit. Dazwischen ist Zeit, sich zu erinnern. (S. 391/392)

 

 

Nachdem sie länger gelebt hat, „als die Würde es gebietet“ (S. 387), schreibt Violeta del Valle einen Bericht, um vor ihrem geliebten Enkel Camilo Zeugnis abzulegen:

Du wirst sehen, mein Leben ist ein Roman. (S. 7)

In den vier ähnlich umfangreichen Teilen „Die Verbannung 1920 – 1940“, „Leidenschaft 1940 – 1960“, „Die Abwesenden 1960 – 1983“ und „Wiedergeburt 1983 – 2020“ verbindet Violeta ihre Biografie mit der Geschichte eines Jahrhunderts in Südamerika, das eine nicht weniger dramatisch als das andere. Zwei Pandemien rahmen ihr Leben ein: die Spanische Grippe und die Corona-Epidemie.

Ein turbulentes Leben in dramatischen Zeiten
Während eines Sturms kommt Violeta 1920 in Chile zur Welt. Ihre wohlhabende Oberschichtfamilie büßt in der Weltwirtschaftskrise ihr Vermögen ein, nach dem tragischen Verlust des Vaters zerfällt die Familie und Violeta erlebt die Verbannung nach Patagonien, wo sie trotz der widrigen Umstände glücklich heranwächst. Leidenschaften und Sexualität prägen sie bis ins hohe Alter, vier grundverschiedene Männer begleiten sie durch ein Leben voller persönlicher und gesellschaftlicher Turbulenzen. Erst spät erkennt Violeta, die wie in ihren Kreisen üblich stets die Konservativen wählte, die Verbrechen der Junta, als sie die Leiche ihres treuen Familienbediensteten Torito anhand eines Kreuzes identifiziert:

Ich weiß noch, wie ich mit vierundsechzig drauf und dran war, mich dem Altwerden zu überlassen, und wie Toritos Kreuz mich damals zwang, den Kurs zu ändern und ein neues Leben zu beginnen, wie es mir ein Ziel schenkte, eine Möglichkeit, nützlich zu sein, und eine wundervolle Freiheit der Seele. (S. 387)

Die Mutter als Vorbild
Die Inspiration zu Violeta verdankt die 1942 geborene Isabel Allende ihrer kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie verstorbenen Mutter. Wie die Titelfigur des Romans war sie schön, klug, freiheitsliebend und leidenschaftlich, allerdings erreichte sie nie deren wirtschaftliche Unabhängigkeit. Vorbild für Violetas Tochter Nieves, nach der sie im hohen Alter ihre Stiftung für Opfer häuslicher Gewalt benannte, war Allendes drogensüchtige Stieftochter, und viele Anekdoten über Violetas rebellischen Sohn Juan Martín und ihren noch aufmüpfigeren Enkel sind von ihrem eigenen Sohn inspiriert.

© B. Busch

Eine Vielschreiberin
Keine Autorin und kein Autor nimmt mit seinem Werk so viel Platz in meinem Bücherregal ein wie Isabel Allende, obwohl sie nie wieder die überragende Qualität ihres Debüts Das Geisterhaus von 1982 erreichte. Nichtsdestotrotz ist sie nach wie vor die weltweit erfolgreichste spanischsprachige Stimme und auch ihre leichteren Romane habe ich immer wieder gern gelesen, egal, ob sie im Plauderton aus ihrem Leben erzählte oder fiktive Stoffe behandelte. Neben leidenschaftlichen Charakteren sind es besonders die politischen Themen, die mich interessieren, die sozialistischen Bewegungen Lateinamerikas, die chilenische Militärdiktatur, der Feminismus und gesellschaftliche Fragen.

Ich bin Violeta gerne durch ihr Leben vom ungezogenen Kind bis zur altersweisen Großmutter gefolgt. Statt magischen Realismus gibt es einen starken Frauencharakter mit einem unsentimentalen, selbstkritischen, teilweise humorvollen Blick auf ein Leben, das tatsächlich mehr als genug Stoff für einen unterhaltsamen, bisweilen allerdings durch die Vielzahl der Themen eher oberflächlichen Roman bietet.

Isabel Allende: Violeta. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp 2022
www.suhrkamp.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Isabel Allende auf diesem Blog:

           

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

  Alte und neue Geister

In ein namenloses russisches Dorf an einem namenlosen Fluss dringen 1918 Neuigkeiten von außen nur spärlich. Weder weiß man vom Ende des Ersten Weltkriegs, noch ist die Kunde von der Oktoberrevolution angekommen. Doch bleibt auch hier die Zeit nicht stehen: Ilja, der weißbärtige, verrunzelte, halb blinde Dorfälteste, hat ein Röhrchen aus dem Fluss gefischt, dessen Quecksilbersäule ihm bei der Wetterprognose hilft. Seither zerfällt die Bewohnerschaft in zwei Teile: Die Iljianer vertrauen auf das Neue, die Pjotrianer auf den zweitältesten Pjotr, der lieber den Fluss und seine Geister befragt:

Das Röhrchen. Das kann einfach nicht gutgehen auf die Dauer. […] Nicht umsonst sagt man: Wo man den Geistern die Tür weist, da gehen sie nicht mehr hinein. (S. 20)

Inna Nikolajewna, Iljas Frau, misstraut den Röhrchenweisheiten ihres Mannes ebenfalls und hängt mehr ihrer ersten Liebe Pjotr und dem Aberglauben an. Als ihr ein Messer aus der Hand fällt, weiß sie es zu deuten:

Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin, Messer dagegen maskulin sind, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses. (S. 16)

Bald kommt ein junger Mann barfuß und in schmutzig-schäbiger Uniform ins Dorf, aus dem sonst alle jungen Männer verschwunden sind. Sie lädt ihn ein in ihr altes Haus mit der niedrigen Decke, den kleinen Fenstern und dem leicht muffigen Geruch und er bleibt, genau beobachtet von der pfiffigen Annuschka, Enkelin von Inna und Ilja. Mit Wadik, wie er vielleicht heißt, kommen erstmals „Ideen“ ins Dorf und er veranlasst, dass die alte vertraute Ikone aus ihrer Ecke verbannt wird. Sogar Ilja taut auf, als er Wadiks Interesse für sein Röhrchen spürt:

Dieses hier, dieses Stück Glas und Quecksilber ist der Fortschritt, dem man dienen muss, weil er nicht aufzuhalten ist. (S. 65)

© B. Busch

Es bleibt nicht bei diesem einen Neuzugang und auch nicht bei der Zahl der unbegrabenen Toten, die Annuschka, die sich bald erwachsen Anna nennt, bei ihrer „Dorfinventur“ aufzählt. Während Pjotr wie vom Erdboden verschluckt ist, kommen die „Realitäten“ der Revolution, die Mitja-Realität und die Kostja-Realität, ins Dorf, hungrig und ebenso fordernd wie zuvor der ferne Gutsbesitzer und sein Gehilfe mit den sauberen Nägeln…

Einzigartiger Erzählstil
Die 1988 in Moskau geborene Yulia Marfutova, die in Deutschland Germanistik und Geschichte studierte und inzwischen in Boston lebt, war mit ihrem auf Deutsch verfassten Debüt 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Herausstechend ist die lebendige, spielerisch-poetische Sprache mit Anklängen an die russische Märchentradition. Die Personen sind mehr Typen als Figuren aus Fleisch und Blut: die Abergläubigen und die Fortschrittsgläubigen, die Verrückte, die junge Unschuld, der Steuereintreiber, der Kriegstraumatisierte, die Schwätzer und die Schweiger.

Diese absolut originelle Erzählstimme mit den Abschweifungen, Wiederholungen und Andeutungen ist es, die mir im Gedächtnis bleiben wird, noch mehr als die hohe Konzentration erfordernde, wie das Cover leicht verschwommene Handlung in einem russischen Provinzdorf an der Schwelle zur Neuzeit.

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren. Rowohlt 2021
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezensionen zu einem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021:

  

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

  Gedanken- und Gefühlswelten

 

 

In ihrem erhellenden Nachwort zur hübschen, handlich-kleinen Manesse-Ausgabe mit zahlreichen Fußnoten von Virginia Woolfs Mrs. Dalloway in einer Neuübersetzung von Melanie Walz stellt die Autorin Vea Kaiser das Revolutionäre dieses 1925 erstmals veröffentlichten Klassikers der modernen Literatur heraus:

Mrs. Dalloway wurde nach seinem Erscheinen zu einem für die damalige Zeit großen Erfolg und begründete Woolfs Weltruhm. […] Nicht nur aufgrund seiner bahnbrechenden, neuen Erzählweise, die bis in die zeitgenössische Literatur hineinwirkt, lohnt sich das Lesen und Wiederlesen des Romans heute, sondern vor allem aufgrund seines Interesses am Innenleben von Menschen, die nach außen hin ganz anders wirken. (S. 388/389)

Big Ben schlägt den Takt
Der Roman spielt an einem einzigen Tag in London, den wie immer die Glockenschläge von Big Ben unterteilen. Im Laufe dieses Werktags im Juni 1923, an dessen Beginn Mrs. Clarissa Dalloway, Anfang 50, Mitglied der Upperclass mit einem Haus in Westminister, Blumen einkauft und an dessen Ende sie eine Party gibt, lernen wir zahlreiche Personen kennen. Teils enger, teils nur durch eine zufällige Begegnung miteinander verbunden, sind sie fast alle physisch oder als Gesprächsstoff bei der Abendgesellschaft präsent.

© B. Busch. – „Mrs. Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst kaufen.“ (1. Satz, S. 5).

Da ist Clarissas Gatte Richard Dalloway, konservativer Parlamentsabgeordneter, der es nie ins Kabinett geschafft hat, die 17-jähige Tochter Elizabeth mit ihrer von Mrs. Dalloway für ihre Armut, Bildung und das enge Verhältnis zu ihrem Kind gehasste Lehrerin Miss Kilman, Clarissas verflossene Jugendliebe Peter Walsh, der nie reüssierte und ihr nachtrauert (so wie sie ihm manchmal auch), ihre Cousine und erste Liebe Sally Seaton, mit der sie linksliberales Gedankengut teilte, bevor beide konservative Ehemänner heirateten, verschiedene Bedienstete und einige andere mehr. Die mit Abstand für mich interessanteste Figur ist der ehemalige Soldat Septimus Warren Smith, der schwer kriegstraumatisiert dahinvegetiert. Dass weder seine italienische Frau Lucrezia noch seine Ärzte Art und Schwere seines Leidens einschätzen können, wird ihm zum Verhängnis.

Nicht so fesselnd wie erhofft
Ich habe Mrs. Dalloway mit lang gehegten, großen Erwartungen und viel Vorfreude begonnen, doch leider wich dieses Gefühl rasch der Ernüchterung. Schuld daran war nicht die manchmal beklagte Handlungsarmut, sondern der Umstand, dass mir die Figuren, allen voran Mrs. Dalloway, nicht nur unsympathisch waren, was Romanfiguren durchaus sein dürfen, sondern schlichtweg egal. Die Überheblichkeit, Oberflächlichkeit und Eitelkeit der Upperclass mit ihren Luxus-Problemchen und der Banalität ihrer ausschließlich um sich selbst kreisenden Gedanken vermochten mich nicht zu fesseln, ja, langweilten mich sogar über weite Strecken. „Rasant“, wie Vea Kaiser schreibt, erschien mir der Roman daher keineswegs. Einzige Ausnahme war das Schicksal des traumatisierten Septimus, dessen Visionen und hilfloses Ringen Virginia Woolf überragend nachvollzieht.

Lesenswert machen den Roman neben Septimus‘ Schicksal der Aufbau mit dem den Takt schlagenden Big Ben, die beständigen, volle Konzentration fordernden Perspektivsprünge, die Wechsel zwischen Dialogen und inneren Monologen, dem sogenannten „Bewusstseinsstrom“, die Themenvielfalt und die kunstvolle Verknüpfung der Einzelschicksale mit mehr oder weniger dicken Fäden.

Ohne Zweifel ist Mrs. Dalloway ein Meilenstein der modernen Literaturgeschichte, den es zu würdigen gilt, ein Lesevergnügen war es für mich jedoch nur teilweise.

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Nachwort von Vea Kaiser. Manesse 2022
www.penguinrandomhouse.de/Verlag/Manesse

Matthias Jügler: Raubfischen

  Abschied

Kein Mensch ist vor den Momenten sicher, in denen sich alles von Grund auf ändert und das eigene Leben plötzlich in anderen Bahnen verläuft als erhofft. (Matthias Jügler: Die Verlassenen. Penguin 2021, S. 27)

Dieses Zitat aus dem zweiten Roman von Matthias Jügler, Die Verlassenen, passt ebenso gut zu Raubfischen, seinem Debüt aus dem Jahr 2015. Es trifft auf den Ich-Erzähler Daniel und seine Familie zu, als er an seinem 16. Geburtstag von der Diagnose seines Großvaters Hannes erfährt: ALS, eine schwere, unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der die Patienten schubweise die Kontrolle über ihren Körper verlieren und nach wenigen Jahren versterben.

An diesem Tag beginnen wir mit den Lügen. Keine Angst. Es wird wieder gut werden. (S. 15)

Eine besondere Großvater-Enkel-Beziehung
Schon bevor die Merseburger Großeltern 1993 eine Hütte in der schwedischen Provinz Västergötland unweit von Gislaved am Tostaholmen kauften, nahm der Großvater den kleinen Daniel zum Angeln mit, eine Leidenschaft, die die beiden bald verband. Es folgten gemeinsame Angelurlaube in Schweden, jäh unterbrochen, als Daniel das strikte, für ihn unverständliche Redeverbot mit den Nachbarn Åke Mortensson und seinem Sohn Henrik brach:

Ich müsste Erklärungen einfordern. Der Tag auf dem Eis. Das Redeverbot, das ich seitdem strikt befolge. Warum soll ich mit niemandem hier mehr reden? (S. 23)

Die besondere Verbindung zwischen Großvater und Enkel scheint zerstört – bis zu jenem 16. Geburtstag. Doch nun tritt etwas Neues in die Beziehung, heimliches Beobachten, die Suche nach Krankheitszeichen, Sanftheit, kostbare Tage, Hoffnung, Angst, schließlich Ernüchterung:

Ich habe das Vertrauen verloren. Das Vertrauen darin, dass er dieser Krankheit die kalte Schulter zeigt. (S. 68)

Aufgeben aber will und kann Daniel nicht. Während die Ehe seiner Eltern über der Krankheit zerbricht, möchte er den letzten Wunsch seines Großvaters erfüllen:

Als er noch mit dem Stift schreiben konnte, und später, als er auf dem Sprachcomputer schrieb, gab er mir zu verstehen, was er wollte: Nach Schweden fahren. (S. 119)

© B. Busch

Ein Autor mit eigenem Ton
2021 habe ich Die Verlassenen von Matthias Jügler eher zufällig, aber mit umso mehr Begeisterung gelesen, und war deshalb sehr gespannt auf sein sechs Jahr zuvor erschienenes Debüt. Zu meiner großen Freude kam mir der Ton des Buches sofort vertraut vor. Die klare Sprache, die kurzen, auf das Notwendigste reduzierten Sätze, die skandinavisch anmutende Melancholie, die Andeutungen mit dem Spielraum für Fantasie und die überaus kunstvolle Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit sind auch hier vorzüglich gelungen. Man muss kein Angelenthusiast oder Spezialist für Hechte, Barsche, Karauschen und Plötzen sein, um diese bewegende, so ruhig und sensibel erzählte Geschichte mit der besonderen Großvater-Enkel-Verbundenheit, der traurigen Krankheitschronologie, dem Geheimnis um ein altes Zerwürfnis und der Liebe zu einem schwedischen See großartig zu finden.

Bei aller Trauer über den bevorstehenden Abschied stimmt der Blick in die Zukunft auch hoffnungsvoll:

Henrik sagt etwas. […] dass er glaube, wir zwei, wir könnten später, wenn mir die Hütte tatsächlich mal gehöre, gute Nachbarn werden. »Ja«, rufe ich, «ja, warum nicht.« (S. 203)

Matthias Jügler: Raubfischen. Blumenbar 2015
www.aufbau-verlage.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Matthias Jügler auf diesem Blog:

Stefan Hertmans: Der Aufgang

  Belgische Geschichtsstunde

 

Aus einem Impuls heraus erwirbt der Ich-Erzähler 1979 ein altes Patrizierhaus im Genter Altstadtviertel Patershol, einem Stadtteil, gegen dessen Abriss er in den 1960er-Jahren protestierte. Den heruntergekommenen Zustand nimmt er zur Kenntnis, doch halten Schimmel, Feuchtigkeit, Moder, ein vollgelaufener Keller und Ratten ihn nicht ab:

Das alles nahm ich mit Schrecken und mit Begeisterung wahr, denn etwas in mir ahnte bereits, dass ich dem Haus nicht würde widerstehen können. (S. 165)

Ein geschichtsträchtiges Haus
Erst nachdem er es 20 Jahre später wieder verkauft hat, beginnt er, sich intensiver mit einem der früheren Mieter auseinanderzusetzen, dem SS-Mann, Kollaborateur und Kriegsverbrecher Willem Verhulst, Vater seines ehemaligen Geschichtsprofessors. Fortan lässt ihn die Lebensgeschichte von Willem Verhulst und seiner Familie nicht mehr los. Er sucht dessen noch lebende Töchter auf, liest Gerichtsakten, Tagebücher und Lebenserinnerungen verschiedener Familienmitglieder und bereist wichtige Schauplätze aus deren Biografie. Der Aufgang ist daher mehr Dokumentation als Roman und spürbar das Ergebnis jahrelanger akribischer Recherchearbeit.

Äußerer Rahmen ist die Hausbegehung mit dem Verkäufer, dem Notar De Potter, dessen Vater nicht nur Verhulsts Vermieter, sondern auch sein Anwalt im Kriegsverbrecherprozess von 1947 war. So wird der Gang von unten nach oben durchs Haus zu einem Gang durch ein bewegtes Leben.

Vom Flaminganten zum SS-Spitzel
Willem Verhulst wurde 1898 bei Antwerpen als Sohn eines Diamantschleifers geboren. Der Verlust der Sehkraft auf einem Auge, der frühe Tod der Mutter und die Rivalität mit den franko-belgischen Bürgersöhnen begründeten seinen Minderwertigkeitskomplex, der ihn  anfällig für radikale Ideen machte. Sein Hass auf den belgischen Staat führte ihn in radikale proflämische Kreise, seine Sympathien für ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung nach der Besetzung Belgiens zur SS. Als „Schreibtischtäter“, Spion und V-Mann schickte er eine unbekannte Anzahl von Juden, Widerständlern und Freimaurern in den Tod. Obwohl zunächst zum Tode verurteilt, saß er nach dem Krieg nur wenige Jahre in Haft, radikalisierte sich dort sogar noch und blieb bis zu seinem Tod 1975 unbelehrbar.

© B. Busch

Verhulst und seine Frauen
Nach dem frühen Tod seiner jüdischen Frau Elsa Meissner heiratete er die niederländische Großbauerntochter Harmina Wijers, genannt Mientje. Obwohl sie als streng gläubige Calvinistin und Pazifistin Willems politische Überzeugungen nicht teilte und unter dessen langjähriger Geliebter Greta Latomme, genannt Griet, litt, blieb sie ihm bis ihrem Tod 1968 verbunden. Anders als der Egozentriker, Blender und zum Jammern neigende Verhulst war Mientje warmherzig, gütig, zupackend und intelligent und sorgte aufopferungsvoll für die drei Kinder, die „mit der Bürde des Vaters auf den Schultern“ (S. 177) leben mussten.
Dritte Ehefrau wurde nach Mientjes Tod seine Geliebte Griet, eine Gesinnungsgenossin, die ihm die von Mientje versagte Bewunderung schenkte. Sie starb 2003 mit einem Hitler-Porträt an ihrer Wand, von belgischen Rechtsradikalen betrauert.

Empfehlenswert
Ich habe Der Aufgang gern gelesen als klar strukturiertes, sehr informatives Zeugnis über einen belgischen Nazi-Kollaborateur, inhaltlich vergleichbar mit Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger über einen ähnlichen Fall in Norwegen. Der Wechsel zwischen atmosphärischer Hausbeschreibung und nüchterner Biografie gefiel mir gut. Obwohl der knapp 380 Seiten starke Roman mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Bildchen in Deutschland sicher nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie in Belgien, halte ich das Thema für relevant und mit dem bis heute schwelenden flämisch-wallonischen Konflikt leider auch für aktuell.

Stefan Hertmans: Der Aufgang. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Anna Burns: Amelia

  Kollateralschäden

Amelia ist bei Ausbruch der Unruhen in Nordirland 1969 sieben Jahre alt, genau wie die 1962 in Belfast geborene Autorin Anna Burns, und wächst wie diese im katholischen, irisch-nationalistisch geprägten Arbeiterviertel Ardoyne auf. Schlagartig verändert sich das Leben aller Nordiren, Gewalt und Gegengewalt werden allgegenwärtig, zuerst auf den Straßen, dann auch innerhalb der Familien. 1971 soll ihre Schulklasse ein Friedensgedicht schreiben:


Amelia war genauso verwirrt wie die anderen. Nicht, dass sie etwas gegen Frieden gehabt hätte. Nur hatte sie auch nichts dafür. Was wusste sie denn? Wen konnte sie denn fragen? Niemanden. Niemand, den sie kannte, wusste irgendwas über Frieden. (S. 46)

In 23 lose zusammenhängenden Kapiteln mit Jahresangaben von 1969 bis 1994 geht es um Amelia, ihre Familie und ihre Freunde. Viele sind aktiv in den Konflikt verwickelt, einige kommen um, alle leiden unter psychischen Störungen:

Alles wurde in den Schatten gestellt, immer aufs Neue, vom nächsten, jüngsten, burtalsten Todesfall. (S. 128)

Im Trommelfeuer aus Gewalt, Hass und Rachegedanken flüchten sie in Alkohol, Drogen oder Essstörungen, entwickeln eine Borderline-Symptomatik, Depressionen oder Psychosen. Anders als bei Familienmitgliedern und Freunde löst die Gewalt bei Amelia „nie einen Kick“ aus. Obwohl sie das verhasste Ardoyne verlässt und 1989 gar nach London geht, verfolgen sie die Geister der Verstorbenen.

Eine Rückkehr zur Normalität scheint den Überlebenden sogar im Friedensprozess 1994 unmöglich:

Trotz aller Hoffnung und der vorübergehenden Besserung ihrer Laune fiel es ihnen daher schwer, das vertraute Grauen abzulegen […].  (S. 368)

Allgemeingültigkeit statt Nordirland-Problematik
Manchmal beginne ich ein Buch mit völlig falschen Erwartungen und werde trotzdem nicht enttäuscht. Leider war das bei Anna Burns Debütroman Amelia aus dem Jahr 2001, der  nach dem großen Erfolg ihres 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Romans Milchmann nun auf Deutsch erschien, anders. Ich hatte auf einen politischen Roman zum Nordirlandkonflikt gehofft, einem Thema, das mich nicht erst seit einer Reise nach Londonderry und Belfast 2018 sehr interessiert, und das leider als Folge des Brexits aktuell wieder an Brisanz gewinnt. Bekommen habe ich stattdessen einen Episodenroman über Kollateralschäden von Krieg für die betroffene Bevölkerung, wie es sie an jedem Konfliktherd gibt. Dass Gewalt dramatische Folgen für die psychische Gesundheit aller, besonders aber für Heranwachsende hat, ist keine überraschende Neuigkeit, führt aber noch einmal die absolute Notwendigkeit der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen vor Augen.

Entlang des Peace Walls in West-Belfast heute. © M. Busch

Ein sehr durchwachsenes Fazit
Eine abschließende Bewertung dieses bei seinem ersten Erscheinen in Großbritannien hoch gelobten Romans fällt mir schwer. Einerseits habe ich mich durch viele der Kapitel gequält, vermisste schmerzlich politische Hintergrundinformationen und einen Anhang zu den Abkürzungen bürgerkriegswichtiger Organisationen und der Bedeutung von Straßen und Bezirken. Auf manches brutale Detail zu oft eher zufälligen Morden, Kniescheibenzerschießungen, unvorstellbaren häuslichen Gewaltexzessen, Vergewaltigungen oder außer Kontrolle geratenen Teenager-Gangs hätte ich gerne verzichtet. Einige Episoden waren mir zu ausschweifend, zu übertrieben oder eindeutig (absichtlich?) unrealistisch. Andererseits ist der Romanaufbau mit den in sich abgeschlossenen, aber immer wieder aufgenommenen Handlungssträngen durchdacht, der distanziert-unsentimentale Stil macht die Geschichten umso eindrücklicher und die fast völlige Beschränkung auf die Folgen der Gewalt verleiht dem Buch Allgemeingültigkeit. Trotzdem hätte ich wesentlich lieber ein Buch mit einem stärkeren Bezug zur Nordirland-Frage gelesen.

Anna Burns: Amelia. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Tropen 2022
www.klett-cotta.de/buecher/tropen

 

Weitere Rezension zu einem Roman zum Nordirland-Konflikt auf diesem Blog:

Kristine Bilkau: Nebenan

  Landleben heute

Dorfromane haben nicht erst Konjunktur, seit die Städte durch Corona-Lockdown und Homeoffice-Pflicht an Attraktivität eingebüßt haben. In diesem Genre treffen Neuzugezogene und Alteingesessene aufeinander, Traum und Alptraum liegen oft eng beieinander.

Der dritte Roman Nebenan der Hamburgerin Kristine Bilkau gehört in dieses Genre, sticht aber zugleich angenehm heraus. Nach ihrem Debüt Die Glücklichen von 2015 über ein junges, von Abstiegsängsten gelähmtes Paar und Eine Liebe in Gedanken von 2018 über eine Tochter auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter spielt Nebenan in einem namenlosen Dorf am, genauer rechts und links vom Nord-Ostsee-Kanal und in der fünf Kilometer entfernten Kreisstadt.

© B. Busch

Zwei Frauen
Julia und ihr Mann Chris, eine mit ihrer beruflichen Situation in Hamburg unglückliche Kunsthistorikerin und ein Biologe, beide Ende 30, versuchen im Dorf einen Neuanfang. Im efeuumrankten kleinen Backsteinhaus von 1921 mit Garten soll die Familiengründung endlich klappen.

Astrid, Ärztin kurz vor der Rente mit eigener Praxis, wuchs im Haus ihrer Tante Elsa neben dem Efeuhaus auf. Sie arbeitet und lebt mit ihrem Mann Andreas in der Kreisstadt. Die drei Söhne haben die Heimat längst hinter sich gelassen.

Für Kindergarten, Schule und Einkäufe sind die Dörfler auf die Kreisstadt angewiesen, doch auch dort bröckelt die Infrastruktur. Läden schließen, das leerstehende Kaufhaus wird abgerissen und das Jugendzentrum wegen Einsturzgefahr geräumt:

Ladenflächen bleiben leer und Häuser verfallen, weil es für wenige steuerlich von Vorteil ist […]. (S. 110)

Julias neueröffneter Keramikladen scheint ein Hoffnungsschimmer, lebt aber hauptsächlich vom Onlinehandel.

Keine heile Provinzwelt
Wer hier Idylle erwartet, wird enttäuscht. Astrid findet bei einer Leichenschau Spuren von Misshandlung, leidet unter einer zerbrochenen Frauenfreundschaft, anonymen Drohbriefen und der Sorge um ihre alte Tante. Julias Kinderwunsch bleibt trotz Kinderwunschklinik vorläufig unerfüllt, Chris deckt einen Umweltskandal auf und das Einleben wird nicht zuletzt wegen Julias Menschenscheu schwieriger als gedacht:

[…], in diesem Dorf, in dem einige Leute aufeinander achten, aber nur einige, und zu denen gehören sie hier noch nicht. (S. 244)

So ist es erstaunlicherweise die Zugezogene, die sich die meisten Gedanken um das plötzliche Verschwinden der Patchworkfamilie im hässlichen Gelbklinker gegenüber macht.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Frauen gegensätzlich, einerseits die verzagte Julia mit ihrer Zurückgezogenheit, ihrem „wartenden Zimmer“ und ihrem sehnsüchtigen Stöbern nach Familienidylle in pastellfarbenen Internetforen, andererseits die tatkräftige, zugewandte Astrid mit dem nach außen perfekten Leben. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man ihre unerfüllten Sehnsüchte, ihre Ängste und Nöte, die sie auch vor ihren durchaus empathischen Männern verbergen.

Ein bunter Themenstrauß und Raum für Fantasie
In 42 Kapiteln, meist abwechselnd aus personaler Sicht der Protagonistinnen erzählt, zeigt die detailgenaue Beobachterin Kristine Bilkau zwei Frauenleben und die Veränderungen auf dem Land, unterschiedlichste Familienmodelle einschließlich Jugendwohngruppe, Grenzen zwischen Kümmern und Übergriffigkeit, Niedergang dörflicher und kleinstädtischer Strukturen, Leere und Einsamkeit, pastellfarbene Social-Media-Scheinwelten und das Unheimliche, das überall lauern kann.

Während mir bei der ersten Lektüre viele Erzählstränge offen und in der Schwebe vorkamen, wie es das immer wiederkehrende Motiv des Wassers nahelegt, fügte sich bei der zweiten alles wie von selbst. Ob die Fantasie da zu sehr mit mir durchgegangen ist? Nun schien mir das Ende dieses melancholisch-stillen, stilsicher geschriebenen und absolut empfehlenswerten Romans hoffnungsvoll:

Manches ist offenbar ganz von allein miteinander verbunden, ohne dass man etwas dafür tun muss. (S. 267)

Kristine Bilkau: Nebenan. Luchterhand 2022
www.penguinrandomhouse.de

 

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