Eine Frau, die immer alles wollte
Lange erinnerte im Schloss vor Husum nichts an Franziska zu Reventlow (1871 – 1918), obwohl die adelige Malerin, Schriftstellerin und Bohèmienne mit den Lebensdaten des Deutschen Kaiserreichs hier geboren wurde und ihre Kindheit verbrachte. Seit 2016 steht im Herzoginnengarten ein von der Konzeptkünstlerin Elsbeth Arlt (1948 – 2015) entworfenes Denkmal. Vier unterschiedlich große weiße Jurablöcke tragen in Großbuchstaben mehrfach die Wörter des Lebensmottos der „Schwabinger Skandalgräfin“:
ALLES – MÖCHTE – ICH – IMMER
Im Rausch der Auflehnung
Ihren stark autobiografisch grundierten Debütroman Ellen hat der Reclam Verlag im Rahmen seiner verdienstvollen Wiederentdeckung von Klassikerinnen mit einem sehr informativen Nachwort ihrer Biografin Kerstin Decker neu aufgelegt. Er erschien erstmals 1903 unter dem Titel Ellen Olestjerne und basiert auf ihren literarisch ausgestalteten Kindheits- und Jugenderinnerungen bis zur Geburt ihres Kindes als frühe alleinerziehende Mutter. Nicht die weibliche Befreiung als solche, sondern ihr ganz persönlicher Kampf um ein selbstbestimmtes Künstler- und Liebesleben entgegen aller Konventionen stand für die als Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine Gräfin zu Reventlow zur Welt gekommene Frau im Mittelpunkt, weshalb Ellen für mich kein explizit feministisches Buch ist. Dafür bezahlte sie einen sehr hohen Preis: familiärer Bruch, materielle Not, Scheidung, Fehlgeburt, Krankheiten und Suizidgedanken.
Ab ihrer Kindheit rebellierte Ellen gegen die strenge Erziehung zur höheren Tochter, mit der die als Erfüllungsgehilfin des Patriarchats handelnde Mutter sie zur standesgemäßen Ehefrau formen wollte. Sie beneidete ihren Bruder Detlev um seine Freiheiten und die Liebe der Mutter, von der sie selbst nur Strenge, Ablehnung und Schläge erfuhr. Weder die Eltern noch Gouvernanten oder das Mädchenpensionat, das sie vorzeitig verlassen musste, konnten ihren Willen brechen. Stets lebte sie zwischen dem „Rausch der Auflehnung“ (S. 52) und Traurigkeit.

Von der Nordsee nach Schwabing
Durch den jüngeren Bruder kam sie in einen freisinnigen Literaturclub und las heimlich Ibsen, Nietzsche und Tolstoi. Ein Studium der Malerei verweigerten die Eltern, stattdessen ertrotzte sie sich die Ausbildung zur Lehrerin, um sich das Geld zum Malen irgendwann selbst zu verdienen.
Als die Mutter Liebesbriefe fand, wurde Ellen zwangsweise in einem Pfarrhaushalt untergebracht. Von dort gelang ihr die Flucht in die Kunstmetropole München, wo sie umgehend in die Schwabinger Bohème eintauchte:
Es war ein ununterbrochenes Fest, wo sie hinkamen, gab es Leben und übermütigste Laune. (S. 138)
Wie ein roter Faden ziehen sich wild wechselnde Liebesbeziehungen durch Ellens atemlos gelebtes Leben. Sobald die Männer ihre Freiheit bedrohten, reagierte sie panisch, stieß sie vor den Kopf, täuschte, benutzte und verletzte sie. Monogamie und die gängige Sexualmoral waren nicht mit ihren Unabhängigkeitsbestrebungen vereinbar:
In ihrem eigenen Gefühl war nichts, was dem widersprach, mit beiden das Leben zu teilen, weil jeder ihr etwas war, was der andere nicht sein konnte. (S. 168)
Der Roman endet mit der Geburt ihres Kindes, das die entwurzelte und verarmte Ellen als Rettungsanker begrüßt. Wie bei ihren Männerbeziehungen vollzieht sie auch hier keinen Perspektivwechsel und folgt mit beispielloser Konsequenz eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Von Franziska zu Reventlow ist bekannt, dass sie sich bis zu ihrem frühen Tod intensiv und liebevoll um ihren Sohn kümmerte, der sich 1981 an ihrer Seite in Locarno bestatten ließ.
Lesenswert in doppelter Hinsicht
Ich habe diesen mit Briefen und Tagebucheinträgen angereicherten, strikt aus der Sicht einer innerlich zerrissenen Rebellin geschriebenen Roman mit großem Interesse gelesen. Obwohl meine Anteilnahme und mein Verständnis für die Protagonistin mit zunehmendem Alter schwanden, halte ich Ellen als Entwicklungsgeschichte und Psychogramm einer widerständigen Frau und als Dokument über zwei unterschiedliche Lebenswelten im Deutschen Kaiserreich für äußerst lesenswert und bis heute aktuell.
Franziska zu Reventlow: Ellen. Mit einem Nachwort von Kerstin Decker. Reclam 2026
www.reclam.de

























