Mit schwerem Rucksack
Der Zusammenprall seines Autos mit einem Reh katapultiert den 70-jährigen Schriftsteller Kasper zurück in die Vergangenheit. Damals wie heute hat er ohne böse Absicht Schuld auf sich geladen und durch eine falsche Reaktion nicht wiedergutzumachendes Unheil angerichtet.
Nach dem Wildunfall hätte Kasper eigentlich die Polizei und den Jagdaufseher rufen müssen, stattdessen streichelt er zunächst das verletzte Tier, entschuldigt sich bei ihm und lässt es davonhumpeln. Als er seinem alten Freund Einar davon berichtet, greift dieser einen alten Vorschlag auf:
Und ich wusste sofort, worauf er hinauswollte, […], im Lauf der Jahre hatten wir mehrmals über das Thema gesprochen, in letzter Zeit vielleicht öfter als früher, was mit dem Alter zusammenhängen mochte: das Unrecht, das wir begangen hatten. Insbesondere gegenüber Frauen. (S. 25)
Plötzliche Gefühle
Der Wendepunkt in Kaspers Leben liegt fast 30 Jahre zurück. Seit er wusste, dass er ein drittes, „unbestelltes“ Kind war, war das Verhältnis zu seiner Mutter angespannt. Umso mehr fühlte er sich in seinem zweiten Leben als Ehemann und Vater angekommen, trotz Wohnungskredit und nervenzehrendem Schichtdienst beider Ehepartner. In seinem Osloer Vorort-Wohnblock war er bei seiner Frau Inger, einer Krankenschwester, und den beiden Kleinkindern endlich richtig zuhause. Selbst beruflich hatte er nach zahlreichen Arbeitsplatzwechseln in einem Grafikbetrieb Ruhe gefunden.
So gewiss sich Kasper seiner Ehe war, so wenig konnte er der plötzlichen Verlockung durch die gemeinsame Freundin Signe widerstehen. Die in der Frauenbewegung engagierte Inger bestärkte ihn zu Beginn sogar, als er ihr von seinen Gefühlen erzählte:
„Dann solltest du es ihr sagen“, sagte Inger. (S. 40)
Zwischen Empathie und Empathielosigkeit
Weder verstand Kasper Ingers Reaktion, noch begriff er, dass Inger ihre eigene Großmütigkeit damit überschätzte und es ihr immer schlechter ging. Er blühte auf in der Überzeugung, zwei Frauen gleichzeitig lieben zu können:
Und ich entfernte mich nicht von Inger, im Gegenteil. Auch dort, wo ich war, wo wir waren, wollte ich sein. […] Ich wollte nur mehr einbeziehen. (S. 96)
Kasper, der einerseits so empathisch auf das Reh reagiert, der den fürsorglichen Fahrer des Nachtbusses dafür liebte, dass der ihn an der Endhaltestelle regelmäßig weckte, und seinen Tod ehrlich betrauerte, und der mit großem Einfühlungsvermögen einem todkranken Freund in dessen letzten Wochen beistand, konnte oder wollte sich nicht in die beiden Frauen und seine Kinder einfühlen. Zwar bereut er als alter Mann aufrichtig den angerichteten Schaden und den Kummer, den er ihnen bereitet hat, aber bereut er auch sein Handeln?

Die unausweichliche Trennung von beiden Frauen klammert der 1952 geborene norwegische Autor Per Petterson in seinem Roman Nach Hause kommen aus. Stattdessen erfahren wir, wie es für Kasper danach weiterging: dass er Schriftsteller wurde, auf dem Land sein drittes, einsameres und doch zufriedenes Zuhause fand, Auto statt Bus fährt und sich weiterhin mit Einar trifft.
Melancholisch und versöhnlich
Kaspers Lebensbilanz, die Frage, was Zuhausesein und Nachhausekommen bedeuten, und seine Seelenzustände spiegelt Per Petterson meisterhaft in Landschaftsbildern und wiederkehrenden einsamen Bus- und Autofahrten. In langen Sätzen, die nie den roten Faden verlieren, verwebt er gekonnt Gegenwart und Vergangenheit.
Wie alle Romane von Per Petterson ist auch Nach Hause kommen getragen, langsam und mit bewussten Leerstellen erzählt, ohne aufregenden Plot und trotzdem packend und bewegend. Trotz aller Melancholie gibt es Hoffnung in diesem Roman über Liebe, Verrat, Freundschaft, Verzweiflung, Untreue und Tod. Per Petterson zeigt voll emotionaler Tiefe die Versöhnung eines Menschen mit sich selbst, der sein Zuhause in der Einsamkeit und im Schreiben gefunden hat.
Per Petterson: Nach Hause kommen. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Hanser 2026
www.hanser-literaturverlage.de
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