Eva Menasse: Dunkelblum

  Phänomenologie des Schweigens

Als „letzte hochtrabende Führerbunker-Phantasie“ (S. 259) plante das Oberkommando der Wehrmacht den sogenannten Südostwall als Bollwerk gegen die Rote Armee von den Weißen Karpaten bis an die Drau. Unter den zum Bau Zwangsverpflichteten waren 30.000 bis 40.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, von denen viele bei Massenhinrichtungen am Kriegsende starben. Traurige Berühmtheit erreichte das Massaker von Rechnitz, bei dem in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 während eines Festes der Nazi-Kollaborateurin Gräfin Margit von Batthyány, geborene Thyssen, etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter erschossen wurden. Im Gegensatz zu anderen Orten wurde das Rechnitzer Massengrab nie gefunden und die unerhörten Vorkommnisse wurden Stoff verschiedener Filme, Sachbücher, Romane und Theaterstücke.

Basierend auf den historischen Fakten hat die 1970 in Österreich als Tochter eines jüdischen Vaters geborene Eva Menasse ihren Roman Dunkelblum konzipiert. Die fiktive Kleinstadt im österreichischen Burgenland direkt an der ungarischen Grenze war bis zum Brand des Schlosses 1945 gräflicher Familiensitz. Im alten Teil von Dunkelblum, den Nikolaus Heidelbach im Vor- und Nachsatz illustriert hat, scheint die Zeit still zu stehen:

Ohne großen Dekorationsaufwand hätte man hier Filme drehen können, die die lang vergangenen Zeiten zeigten. (S. 29)

Livestream mit Eva Menasse und Ursula März aus dem Literaturhaus Hamburg am 31.08.2021. © B. Busch

Ruhestörungen
Eine Idylle ist Dunkelblum jedoch keineswegs:

In Dunkelblum lastete es von unten. (S. 44)

Wo man in Dunkelblum mit dem Fingernagel kratzt, kommt einem eine Schandtat entgegen. (S. 371)

Das Schweigen, das so lange ein „gedeihliches Zusammenleben“ (S. 326) garantierte, gerät im Spätsommer 1989 bedrohlich ins Wanken: Ein Fremder kommt und stellt unangenehme Fragen, langhaarige Wiener Studierende der Zeitgeschichte restaurieren den verwahrlosten jüdischen Friedhof, der Stadel der argwöhnisch beäugten Bio-Winzerfamilie Malnitz brennt ab, der homosexuelle Außenseiter Rehberg recherchiert für eine Ortschronik derweil seine Helferin Eszter Lowetz überraschend verstirbt, Drohbriefe kursieren, über ein Ortsmuseum und die Wasserversorgung wird gestritten, Flocke Malnitz, die in alten Geschichten „stierlt“, verschwindet spurlos, die Grenze zu den „Drüberischen“ wird plötzlich durchlässig und bei Grabungen nach Quellen taucht eine alte Leiche auf. Das alles stört die beinahe vergessene „lokale Schicksalsbestie“ in ihrem „Dornröschenschlaf“ (S. 15) und bringt den Interimsbürgermeister Koreny ins Grübeln:

Er hatte nicht geahnt, wie wenig es brauchte, um alles miteinander zu verknüpfen. Nur ein bisschen Phantasie und es pickte zusammen, Phantasie funktionierte offenbar wie Mörtel oder Montagekleber, sogar das Abgelegenste fügte sich ein. Wo hinein? In eine jahrzehntelange Verschwörung des Grauens. (S. 441)

Nicht das Massaker steht im Mittelpunkt dieses herausragenden Romans, sondern das Schweigen danach:

Und daher ging es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit […] Vom Leid, der Not und den Verbrechen gegen die Mädchen und Frauen erzählten die Alten so bereitwillig, wie sie vom unmittelbaren Davor schwiegen. (S. 196)

Ein Lesehighlight 2021
In kurzen Kapiteln stehen unzählige verschiedene Figuren im Mittelpunkt, was mich ohne Personenregister (dafür mit Glossar der Austriazismen) sehr gefordert hat: Nazis, wie der Stratege Dr. Alois Ferbenz und der gefürchtete Schläger Horka, Mitläufer, Profiteure der Arisierung jüdischen Eigentums wie die Hotel-Besitzerin Resi Reschen, Rückkehrer wie der Jude Antal Grün, Opfer von Fememorden und Täter. Zusammen mit der schwarzhumorigen Erzählweise begeisterten mich jedoch genau diese Vielstimmigkeit der filigran gezeichneten, oft ambivalenten Figuren und der historische Hintergrund. Warum dieses pralle Kleinstadtpanorama nicht zur engsten Auswahl für den Deutschen Buchpreis 2021 gehört, ist mir rätselhaft.

Am Ende finden die vielen Fäden höchst gekonnt zusammen – aber halt:

Das ist nicht das Ende der Geschichte. (Schlusssatz S. 512)

Eva Menasse: Dunkelblum. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

 

Henning Ahrens: Mitgift

  Nur die Störche sind frei

Nicht selten nehmen Autorinnen und Autoren die eigene Familiengeschichte zum Vorbild für einen Roman. Bei Henning Ahrens, geboren 1964, Schriftsteller und Übersetzer namhafter englischsprachiger Belletristik, standen gleich mehrere Ahnengenerationen Pate für seinen Roman Mitgift:

Die Spanne reicht von meinem Urururururgroßvater (hier Hans Wilhelm Leeb) bis zu meinem Vater (hier Wilhelm Leeb junior). Ort, Beruf etc. entsprechen den Tatsachen, die Romanfiguren dagegen lassen sich nicht ohne weiteres mit ihren Vorbildern gleichsetzen. (Nachwort, S. 343)

© Hintergrund: freestockgallery.de, Gesamtbild: B. Busch

Im Zentrum steht das Jahr 1962, sieben der zweiundzwanzig Kapitel tragen die Überschrift „August 1962 – Die Totenfrau“. Diese Teile sind aus der Sicht von Gerda Derking geschrieben, einer Frau Mitte sechzig, die in einem Häuschen neben dem Hof der alteingesessenen Bauernfamilie Leeb im niedersächsischen Dorf Klein-Ilsede bei Peine lebt. Wäre sie als Arbeitertochter nicht ohne Mitgift gewesen, dann hätte Wilhelm Leeb senior damals sie und nicht die reiche Bauerntochter Käthe Kruse geheiratet. So ist sie stille, längst mit ihrem Schicksal versöhnte Beobachterin, begeisterte Leserin und Totenfrau– und hat das gewiss das bessere Los.

Im August 1962 hat sie ihre schwere Tätigkeit als Totenfrau gerade aufgegeben, als Wilhelm Leeb senior sie noch einmal holt:

«Gerda», sagt er «das kannst nur du. Ich will keine Fremden im Haus haben. Um der alten Zeiten willen? Bitte.»

So demütig kennt man den herrischen Großbauern sonst nicht, den begeisterten Nazi und SA-Mann, der freiwillig in die Ukraine zog, um als Landwirtschaftsführer der Zuckerzentrale die Heimat und die Wehrmacht zu beliefern. Die Führung des Hofes überließ er unterdessen seiner von ihm verachteten Frau und seinem sensiblen halbwüchsigen Sohn Wilhelm Leeb junior, genannt Willem. Ab März 1944 musste er mit der Wehrmacht den Rückzug antreten und landete schließlich nach Kriegsende in polnischer Gefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte – ohne jede Spur von Reue oder Schuldbewusstsein, obwohl ihm weder die Leiden der Ukrainer, noch das Schicksal der Juden verborgen geblieben waren. Stattdessen forderte er Mitleid ein und schwang sich zum Diktator auf dem Hof auf:

Ich habe tausend Läuse zerdrückt, und was habt ihr unterdessen getan? Den Hof habt ihr verkommen lassen. Kein Geld, kein Saatgut? Unsinn: Keine Tatkraft, kein Wagemut, keine Visionen – das ist euer Problem. (S. 267)

Es ist nicht der erste Vater-Sohn-Konflikt bei den Leebs, aber keiner war so zerstörerisch:

Auf jeden Fall war es erbarmungswürdig mit anzusehen, wie der Sohn am Vater zerschellte. (S. 242)

© M. Busch

Blicke in die Vergangenheit
Seit 1699 ist der Leebsche Hof im Familienbesitz, einzelne Kapitel führen schlaglichtartig und nicht-chronologisch in die Vergangenheit zurück, in behutsam an die Zeit angepasster Sprache. Alle Generationen fühlten sich der Tradition verpflichtet, die ihnen als Mitgift in die Wiege gelegt wurde, niemand war je so frei, wie die immer wieder im Roman auftauchenden Störche. Mancher hätte gerne einen anderen Beruf ergriffen, einige waren pietistisch-fromm, einer vererbte den Besitz der Hermannsburger Mission, worauf drei Generationen ihn dort abbezahlen mussten. Wilhelm Leeb senior ist die siebte Generation in Folge – und dann?

Gänsehautgefühl
Verdient stand Mitgift auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und ich hätte mir ein Weiterkommen sehr gewünscht. Die Verbindung aus Tradition und Einzelschicksal, Nachwirkungen des Nationalsozialismus, Rolle der Frauen auf dem Hof und tragischer Vater-Sohn-Beziehung, geschildert aus wechselnder Perspektive, haben mich begeistert. Obwohl das Ende früh feststand, rief das ausführliche letzte Kapitel Gänsehautgefühl bei mir hervor – deutliches Zeichen dafür, wie sehr mich Henning Ahrens in die Familientragödie verwickeln konnte.

 

Weitere Rezension zu einem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021:

Jenny Erpenbeck: Kairos

  Doppeltes Requiem

 

 

Am 11. Juli 1986 begegnen sich die 19-jährige Katharina, Setzerlehrling, und der 53-jährige Schriftsteller Hans W. in einem Bus in Ostberlin zum ersten Mal:

 

Die Türen schlossen sich wieder, der Bus fuhr an, sie suchte nach einem Haltegriff.
Und da sah sie ihn.
Und er sah sie.
Draußen ging eine wahre Sintflut hernieder, drinnen dampfte es von den feuchten Kleidern der Zugestiegenen. (S. 16)

Noch am gleichen Abend nimmt er sie mit in seine Wohnung, weder seine Frau noch sein 14-jähriger Sohn sind zuhause. Sie hören Mozarts Requiem und landen im Ehebett:

Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina. (S. 29)

Ob Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, für diese schicksalhafte Begegnung verantwortlich war, fragt sich Katharina, als sie viele Jahre später, nach Hans‘ Tod, die beiden Kartons mit Erinnerungsstücken auspackt.

© B. Busch

Der erste Karton…
… enthält Andenken aus den ersten 14 Monaten der Beziehung, Licht und Schatten gleichermaßen. Es ist eine Zeit, während der Katharina „immer weiter fortgerissen“ wird, in der sie entdeckt, „dass sie so lieben kann“, sie Hans beim Familienurlaub an der Ostsee beobachtet und sich ein gemeinsames Kind vorstellen kann. Sie genießt es, von ihm ausgeführt zu werden, bewundert ihn für seine Bildung und akzeptiert seine Machtdemonstrationen mittels sadomasochistischer Praktiken. Erstaunlich zurückhaltend vorgebrachte Bedenken ihrer Eltern und Warnungen ihrer Freunde ignoriert sie:

Seit du mit diesem Hans zusammen bist, hast du irgendwie dein Strahlen verloren. (S. 134)

Hans ging als Student bewusst in den Osten, weil er, desillusioniert von der Rückkehr alter Nazis auf alte Posten, alle Hoffnungen auf die antifaschistische DDR setzte. Nun idealisiert er Katharina ebenso wie damals den Staat und stilisiert sie zu einer Heiligen. Wie die kommunistische Regierung auf Widerstand mit immer drastischerer Unterdrückung antwortete, reagiert auch Hans, der nie seine Ehe für Katharina aufs Spiel setzten würde, auf das, was er für ihren Verrat hält.

Der zweite Karton…
… legt Zeugnis von Hans‘ Terror und Machtgehabe als Reaktion auf Katharinas „Treuebruch“ ab: Verhöre, Überwachung, Gehirnwäsche, Vorwürfe:

Für mich ist dein Betrug die größte und einschneidendste Niederlage meines Lebens. (S. 272)

… dass du dich so erniedrigen konntest, dass du dich so klein gemacht hast – das hat dich in meinen Augen entschieden wertgemindert. (S. 312)

Bis 1992 und über die Wende hinaus zieht sich die toxische Beziehung hin. Kein Tiefpunkt beider parallel verlaufender Ereignisse bleibt ausgespart.

Die Ostperspektive macht’s
Kairos ist zweifellos ein bedeutendes Stück zeitgenössisch-deutscher Literatur, sprachlich eine Wonne und mit einer Fülle von Anspielungen auf Theater, Musik, Kunst und die DDR-Künstlerszene, von denen ich gewiss nur einen Teil erfasst habe. Was fehlt, ist eine gewisse Leichtigkeit, jedes Wort wirkt bedeutungsschwer und bisweilen gar pathetisch. Probleme hatte ich mit der Glaubwürdigkeit der Beziehung, an der Katharina unbegreiflicherweise  festhält, als sie zum Praktikum nach Frankfurt an der Oder geht und später in Ostberlin Bühnenbild studiert. Auch die Wendung im Epilog hätte es für mich nicht gebraucht. Einen wirklichen Erkenntnisgewinn brachte mir jedoch der spezielle Blick der wie ihre Protagonistin 1967 in Ostberlin geborenen Jenny Erpenbeck auf die Vorwende-, Wende- und Nachwendezeit. Dafür alleine schon lohnt die Lektüre.

Zwei Romane, die aus Ostperspektive von der Wendezeit erzählen. © B. Busch


Jenny Erpenbeck: Kairos. Penguin 2021

www.penguinrandomhouse.de

Kathy Page: Alphabet

  Lebenslang

Mitte der 1990er-Jahre war Kathy Page, in Großbritannien geborene und in Kanada lebende Autorin teilweise preisgekrönter Romane, für ein Jahr „Writer in Residence“ in einem britischen Männergefängnis. Vor allem die schwierige Aufgabe des Vollzugspersonals und die Frage nach der Therapierbarkeit von Gewaltstraftätern beschäftigten sie lang über ihren Aufenthalt hinaus. Der Roman Alphabet, der in eben dieser Umgebung spielt, thematisiert ihre Fragen und Gefühle aus dieser Zeit. Er erschien 2004 in Großbritannien und erst jetzt, 2021, auf Deutsch im Verlag Wagenbach.

Insasse AS2356768
Objekt von Kathy Pages psychologischer Fallstudie ist der ehemalige Teppichleger Simon Austen, der mit Anfang 20 am 2.09.1979 seine Freundin Amanda Brooks erwürgte und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Als Leserinnen und Leser begleiten wir den Insassen AS2356768 durch die ersten etwa 13 Jahre seines Aufenthalts in unterschiedlichsten Haftanstalten mit wechselnden Mithäftlingen, sehr verschiedenen Haftbedingungen und Therapieansätzen. Obwohl in der dritten Person erzählt, ist es zumeist Simons Sicht, eine sehr interessante Perspektive vor allem deshalb, weil der intelligente, meist charmante junge Einzelgänger seine Umgebung durchaus zu manipulieren versteht.

Nichts in Simons Kindheit lief nach Plan: Die suchtkranke Mutter verließ ihn als Kleinkind und nahm sich bald darauf das Leben, seinen Vater kennt er nicht, von der Pflegefamilie kam er ins Heim. Bei der Ankunft im Gefängnis kann er nur mit einem Kringel unterschreiben.

Bildung als Sprungbrett
Doch Simon ist ebenso intelligent wie ehrgeizig: Innerhalb von 18 Monaten lässt er sich von einem Helfer das Lesen und Schreiben beibringen. Nach sieben Jahren im Gefängnis schreibt er Briefe für die Mithäftlinge gegen Bezahlung, kurz darauf sucht er sich eine Brieffreundin außerhalb der Gefängnismauern:

… denn, so geht es Simon durch den Kopf, wenn Leute Briefe an Fremde schreiben, befinden sie sich am Wendepunkt zwischen zwei Lebensphasen, wie Schlangen, die sich aus einer alten, zu engen Haut kämpfen. (S. 39)

© B. Busch

Dank seiner Intelligenz lernt er aus Fehlern, ändert nach Misserfolgen die Strategie, gibt nie auf und strebt nach immer höherer Bildung. Einerseits achten ihn seine Betreuerinnen und Betreuer dafür, andererseits scheinen manche geradezu Angst vor ihm zu haben, fühlen sich von seiner Weigerung zur Teilnahme am sexualverhaltenstherapeutischen Programm herausgefordert und fürchten, von ihm manipuliert zu werden – so wie ich als Leserin übrigens auch. Allerdings erkennen alle seine langsam beginnende Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und der Straftat an:

Jahrelang war die Vergangenheit Sperrgebiet, eine Art trüber Schleier, ein schummrig beleuchteter, feuchtkalt riechender Flur irgendwo, wo niemand hinwill, mit verschlossenen Türen, wie eine Vorahnung dessen, wo er am Ende tatsächlich gelandet ist. Aber jetzt gehen ein paar Lichter an: Erinnerungen, gute, schlechte, alles Mögliche. (S. 93/94)

Ein Trans-Häftling stößt Simon ein entscheidendes Tor zur Erkenntnis auf:

„Was er getan hat, wird sich nie in Luft auflösen. Für ihn gibt es keine Scheiß-OP, klar?“ (S. 310)

Obwohl die fiktionale Geschichte im britischen Strafvollzug angesiedelt ist, ist sie doch universell, denn es geht es um so spannende Themen wie die Organisation des Strafvollzugs, Therapieansätze, Rehabilitation, Risikoprognosen, Interaktion der Häftlinge und Umgang mit eigener Schuld, die Kathy Page gekonnt in einen gut konstruierten Roman verpackt.

Kathy Page: Alphabet. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Wagenbach 2021
www.wagenbach.de

Douglas Stuart: Shuggie Bain

Schattenseiten der Thatcher-Regierung

Mit dem einjährigen Bergarbeiterstreik 1984/85 erreichte der Widerstand gegen die Politik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher einen Höhepunkt. Bis heute werfen die Auswirkungen des Thatcherismus besonders in Schottland lange Schatten, denn die schlimmste Rezession seit den 1930er-Jahren zerstörte ein Fünftel der industriellen Basis und führte zu einem drastischen Anstieg von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogensucht, psychischen Erkrankungen, Gewalt und Selbstmordrate. Im Glasgower Stadtteil East End sank die Lebenserwartung um elf Jahre.

Douglas Stuart wuchs während dieser Zeit in Glasgow auf. Sein Debütroman Shuggie Bain, für den er mit dem Booker Prize 2020 ausgezeichnet wurde, ist zwar nicht autobiografisch, wurde jedoch von eigenen Erfahrungen und der Erinnerung an seine alkoholabhängige Mutter inspiriert, die er nicht retten konnte.

Glasgows dunkle Seite
Shuggie Bain stammt aus der zweiten Ehe seiner Mutter Agnes, die zum Entsetzen ihrer katholischen Eltern mit ihren beiden älteren Kindern aus der Ehe mit einem verlässlichen, aber langweiligen Katholiken ausbricht und mit dem Protestanten Shug wieder bei ihren Eltern in eine Hochhauswohnung im Glasgower Stadtteil Sighthill einzieht:

Für die Siedlung hatte man die Familien aus den alten Glasgower Mietskasernen geholt, und alles sollte anders sein, modern, eine große Verbesserung. Aber in Wirklichkeit war die Siedlung zu brutal, zu spartanisch, zu schlecht gebaut, um besser zu sein. (S. 94)

Shug fährt nachts Taxi, geht fremd und ist gewalttätig. Agnes trinkt zwar schon lang, doch erst als Shug sie 1982 in die dystopische Bergarbeitersiedlung Pithead am Rande von Glasgow verschleppt und sie gleichzeitig verlässt, gerät ihr Konsum von Special Brew und Wodka aus Teetassen völlig außer Kontrolle.

© B. Busch


Unaufhaltsame Abwärtsspirale
Nun müssen Agnes und die Kinder sich allein durchschlagen. Shuggies ältere Halbschwester Catherine sucht als erste das Weite, den künstlerisch begabten Halbbruder Leek wirft Agnes im Suff hinaus, und so ist Shuggie mit nur dreizehn Jahren alleine für sie verantwortlich: als Beichtvater, Pfleger, als Schutzschirm gegen trinkende und sexuell übergriffige Nachbarinnen und Nachbarn und beim Beiseiteschmuggeln von Geld für Essen. Dabei bräuchte er selbst Hilfe, denn so wie Agnes mit ihrem Streben nach Schönheit und Gepflegtheit Außenseiterin in diesem Milieu bleibt, gehört er als schwuler Junge nicht dazu.

Keinen Tritt auf der Leiter abwärts spart Douglas Stuart aus. Überwiegend wird die trostlose Geschichte in personaler Erzählform aus der Sicht des 1981 fünfjährigen, am Ende siebzehnjährigen Shuggie erzählen. Die Dialoge im Arbeiterslang klingen authentisch. Shuggies innige, zerstörerische Liebe zu seiner dysfunktionalen Mutter, seine Bewunderung für ihre Schönheit und Würde und seine Scham über die eigene Hilflosigkeit sind nachhaltig erschütternd.

Preiswürdig, aber trotzdem verbesserungsfähig
Obwohl mich die dramatischen gesellschaftlichen Umstände sehr interessierten, hätte mich der Autor bei den sich wiederholenden Alkoholabstürzen beinahe verloren, denn es setzte eine gewisse Ermüdung und bedauerlicherweise Abstumpfung ein. Zwar hat Douglas Stuart, wie er sagt, das ursprüngliche Manuskript von 900 engbedruckten Seiten extrem gekürzt, doch hätte eine weitere Straffung aus meiner Sicht den Roman noch eindringlicher gemacht. Verstehen kann ich die Ausführlichkeit trotzdem, hängen doch an vielen Episoden sicherlich Erinnerungen.

Wie Douglas Stuart es nach einer Kindheit in diesem Milieu und früh verwaist zu einem Studium am Londoner Royal College of Art und einer Karriere als Modedesigner in New York brachte, wäre sicher ein eigenes Buch wert. Vielleicht erfahren wir es irgendwann, denn inzwischen widmet er sich ganz dem Schreiben und will zeitweise nach Schottland zurückkehren.

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Aus dem Englischen von Sophie Zeitz. Hanser Berlin 2021
www.hanser-literaturverlage.de

 

Weitere Rezension zu einem mit dem Booker Prize prämierten Roman:

2017

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy

  Zurück auf Barrøy

 

Im Herbstprogramm 2021 der Verlage habe ich mich auf einen Roman besonders gefreut: Die Kinder von Barrøy setzt als vierter Band die Barrøy-Saga von Roy Jacobsen fort. Zum Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 erschienen die ersten drei Teile unter dem Titel Die Unsichtbaren in einem Sammelband im Verlag C.H. Beck, für mich ein absolutes Messe-Highlight.

© B. Busch

Der erste Teil, der wie der Sammelband Die Unsichtbaren heißt, erzählt vom Leben einer Familie auf der fiktiven, windumtosten und lebensfeindlichen Schäreninsel Barrøy vor der nordnorwegischen Helgelandküste in den Jahren 1913 bis 1928 und der Kindheit von Ingrid Barrøy, der Protagonistin aller Bände. Ihre Stärke, ihr Mut, ihr Durchsetzungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein als rechtmäßige Insel-Erbin fesseln mich mittlerweile seit fast 900 Seiten.

Im zweiten Teil, Weißes Meer, kommt 1944/45 der Zweite Weltkriegs auf die abgelegene Insel, Flüchtlinge aus der Finnmark, angeschwemmte Ertrunkene und ein schwerverletzter russischer Kriegsgefangener, Alexander, den Ingrid unter Lebensgefahr rettet und von dem sie schwanger wird.

Im dritten Teil, Die Augen der Rigel, durchquert Ingrid 1946 vergeblich mit der Tochter Kaja ein kaum befriedetes Nachkriegs-Norwegen auf der Suche nach Alexander.

Der vierte Teil
Ingrid ist heimgekehrt nach Barrøy , wo inzwischen mehr Menschen leben als je zuvor: vierzehn Familienangehörige, darunter sieben Kinder. Das Personenverzeichnis am Ende des Buches führt sie lobenswerterweise auf für alle, die die Vorgängerbände nicht mehr ganz präsent haben, denn wir sind sofort mitten im Geschehen.

Auch etwa fünf Jahre nach Kriegsende sind Narben sichtbar, Geheimnisse unentdeckt:

Ist auch auf Barrøy der Krieg zu Ende?
Nicht ganz. (S. 54)

Ingrid kann Alexander nicht vergessen, Kriegs-Kollaborateure leben unbehelligt und das Schicksal führt ein „Deutschenbalg“, den fünfjährigen Mathias, genannt Mattis, nach Barrøy. Trotz des täglichen Überlebenskampfes nimmt Ingrid ihn bedenkenlos auf:

Sie konnten ihn ja auch nicht gut ins Meer werfen. (S. 36)

Ein Kommen und Gehen herrscht von etwa 1950 bis 1960 auf Barrøy und Norwegen verändert sich. Zwergschulen sollen einer zentralen Schule weichen, in Briefen aus Oslo tauchen unbekannte Begriffe wie „Freizeit“, „Dreizimmerwohnung“ oder „Wohnungsbaugenossenschaft“ auf und ein Fahrrad kommt auf die Insel, doch bestimmen weiterhin Jahreszeiten und Natur das Leben: das Eintreffen des Herings und der Eiderenten, das Säen, Pflanzen und Ernten, die gefährliche winterliche Fahrt zum Fischfang auf den Lofoten.

Nur eine Mutter
Viel treffender als der deutsche Titel ist der norwegische Originaltitel Bare en mor (Nur eine Mutter), denn im Mittelpunkt steht klar eine durch mütterliche Gefühle veränderte Ingrid:

Sie sieht […] die Zerbrechlichkeit des Lebens. Ingrid ist schwach geworden, nicht durch Krieg oder Leben oder Verlust der Liebe und Alexanders, aber davon, Mutter zu sein, eine neue, zitternde Angst, die diese Tiefe ihr vorhält. (S. 139)

Schwach erschien sie mir allerdings nie, eher verletzlich. Sie kämpft um die Adoption, um Mattis‘ finanzielle Belange, um die Zukunft Barrøys und lässt doch gehen, wer die Insel verlassen will. Nach einer völlig unerwartet eintretenden Katastrophe bleibt Ingrid aufrecht – zum Wohle ihrer Kinder.

Aus einem Guss
Die Kinder von Barrøy ist eine nahtlose Fortsetzung der atemberaubenden Barrøy-Saga, ebenso warm, glaubwürdig, intensiv und inhaltsreich wie die Vorgängerbände. Man spürt, dass der 1954 geborene Roy Jacobsen die Sommer seiner Kindheit auf einer ebensolchen Insel, der Heimat seiner Mutter, verbrachte und lange in Nordnorwegen lebte. Interessante Charaktere, ultraknappe dialektale Dialoge voll Ungesagtem, Beschreibungen von Natur, altem Handwerk und gesellschaftlichen Veränderungen, die Sicht auf die brutale Zerbrechlichkeit des Lebens und die außergewöhnliche Frauenfigur haben mich sofort wieder in Bann gezogen.

So überraschend diese Fortsetzung für mich kam, so sehr bin ich nun überzeugt, dass es weitergeht, ja weitergehen muss. Ich freue mich schon jetzt darauf!

Roy Jacobsen: Die Kinder von Barrøy. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann. C.H. Beck 2021
www.chbeck.de

 

Weitere Rezension zu Teil 1 bis 3 der Barrøy-Saga von Roy Jacobsen auf diesem Blog:

Daniela Krien: Der Brand

  Drei Wochen in der Uckermark

 

 

Im August 2020 brennt nicht nur die von Rahel und Peter Wunderlich gemietete Ferienhütte in den Ammergauer Alpen kurz vor ihrer Anreise ab, auch in ihrer Ehe lodert es bedrohlich:

Sein feiner Humor kippt nun öfter ins Zynische, und an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche ist eine distinguierte Freundlichkeit getreten. Damit einhergehend – und das ist das Schlimmste – hat er aufgehört, mit ihr zu schlafen. (S. 11)

Ein weiterer Brandherd ist Peters Arbeitsplatz als Literaturwissenschaftler an der Universität, seit er sich ahnungslos im Umgang mit einer diversen Studentin zeigte und damit einen Shitstorm auslöste. Von seiner Frau fühlt er sich diesbezüglich unverstanden. Rahels Beziehung zu ihrer ihr wesensfremden Tochter Selma gleicht einem Pulverfass, für das es jederzeit nur eines Funkens bedarf, und der Brand Dresdens 1945 war ursächlich für die dauerhafte Traumatisierung von Rahels Großmutter.

© B. Busch

Uckermark statt Alpen
Statt drei Wochen Oberbayern geht es nun also in die Uckermark. Die beste Freundin von Rahels verstorbener Mutter, Ruth, muss ihren Mann Viktor nach einem Schlaganfall in die Reha begleiten und bittet Rahel und Peter, währenddessen ihren Hof und die Tiere zu versorgen. Peter beugt sich Rahel einsamem Entschluss.

Ein bunter Strauß von Problemen
Obwohl der Hof viel Arbeit macht, hat Rahel genug Zeit zum Nachdenken. Was ist nach fast 30-jähriger Ehe noch an Gefühlen übrig? Warum hat Peter das sexuelle Interesse an ihr verloren? Wie soll die 49-jährige Psychotherapeutin mit den Vorboten der Menopause und ersten körperlichen Verfallserscheinungen umgehen? Warum profitiert sie beim Umgang mit der Tochter nicht von ihrer professionellen Erfahrung? Welchen Einfluss hatte und hat das großmütterliche Kriegstrauma auf die nachfolgenden Generationen? Kann es sein, dass sie dem Geheimnis ihres unbekannten Vaters auf der Spur ist?

Für die Schlagzeilen der Weltpresse, die im Hintergrund mitlaufen, bleibt kaum Raum. Längst lesen sich Rahel und Peter nicht mehr am Frühstückstisch aus verschiedenen überregionalen Zeitungen vor und diskutieren über aktuelle Fragen.

Schwierige Figuren
Daniela Krien, 1975 in Neu-Kaliß geboren und damit ähnlich alt wie ihre Protagonistin Rahel, seziert die Probleme mit scharfem Blick, respektvoll und ohne Tabus. Ihre Sätze sind auf das absolut Notwendige verknappt und die Bilder stimmen. Sympathien konnte ich allerdings für keine der Figuren entwickeln, weder für die selbstgerecht jammernde, weitgehend kritikimmune Rahel mit ihrer mangelnden Empathie für ihre Familienmitglieder genauso wie für ihre Patientinnen und Patienten, noch für den resignierten, depressiven Peter oder die orientierungslose Selma. Dem 55-jährigen Peter als professoralem Bücherwurm kann ich die Weltfremdheit und die Weigerung, sich mit den Minenfeldern des Zeitgeistes auseinanderzusetzen, noch abnehmen, aber Rahel, die doch als Psychotherapeutin mit beiden Beinen im Leben stehen und neueren Entwicklungen gegenüber offener sein müsste, erscheint mir deutlich älter, als sie nach Jahren ist.

Reichlich Diskussionsstoff
Schon bei Daniela Kriens Bestseller Die Liebe im Ernstfall taten mir – trotz ihrer Schwächen – eher die Männer leid, nun war es ebenso. Auch wenn ich ihre Meinung oft nicht teile, bietet auch Der Brand reichlich Diskussionsstoff: in die Jahre gekommene Beziehungen, Altern, Generationenkonflikte, transgenerationale Traumatisierung und vieles andere mehr, nicht zuletzt den bei ihr allzeit präsente Ost-West-Konflikt mit für mich als Westdeutsche überraschenden Aspekten.

Daniela Krien: Der Brand. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Daniela Krien auf diesem Blog:

Edvard Hoem: Die Hebamme

  Ein Frauenleben, eine Landschaft und fast ein Jahrhundert

Sie lebten so, wie es Menschen zu allen Zeiten in Norwegen und dem Norden getan haben: Sie lebten mit den Jahreszeiten, die gerade hier so wechselhaft waren. (S. 320)

Edvard Hoem, geboren 1949 im westnorwegischen Molde, ist als Romanautor, Dramatiker und Lyriker in seiner Heimat sehr bekannt und vielfach ausgezeichnet. Besonders erfolgreich sind seine Romane über sich und seine Vorfahren aus Romsdal, von denen auf Deutsch 2007 Die Geschichte von Mutter und Vater und 2009 Heimatland. Kindheit erschienen. Die Hebamme führt nun weiter zurück und schildert das Leben seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang dort die erste staatlich bestellte Hebamme war:

Das war ein Leben. Marta Kristine Andersdatter Nesje hatte mehrere Zeitalter durchlebt, sieben Könige überlebt und unter vieren gedient. […] Sie hatte immer genug zu tun gehabt und […] mehr als tausend Kinder in Empfang genommen. (S. 335) 

Ein aufgewecktes Mädchen
Der erste Teil des Romans beginnt, als Marta Kristines Familie 1800 die Fjordseite wechselt und in eine Häuslerkate in Nesje zieht. Der Vater, Anders Knudsen, Schuhmacher und eine der beeindruckendsten Figuren des Romans, ist klug und vorausschauend und schickt seine Tochter in die Dorfschule. Dort lernt sie ihren späteren Mann Hans Nesje kennen, ihren einzigen Freund und jüngsten Sohn des Großbauern. Es ist ein langer Weg bis zur Hochzeit im Juli 1817, als sie bereits eine uneheliche Tochter von einem anderen hat und durch traumatisierende Kriegserlebnisse bei Hans der Grundstock für seine lebenslange Schwermut gelegt ist.

Marta Kristines Tür zur Welt
Beharrlich verfolgt Marta Kristine, angeregt durch den von ihr verehrten Pastor, den Plan, sich zur Hebamme ausbilden zu lassen, eine Möglichkeit, die nur „sittlichen Frauen“ offenstand. Im Herbst 1817 kann sie trotzdem als eine der Ersten einen sechswöchigen Kurs in Molde belegen.

© B. Busch

Im zweiten Teil ist Marta Kristine ordentlich zur Hebamme bestellt, wird jedoch aufgrund von Armut, Misstrauen und Aberglaube trotz der von der Kanzel verkündeten Hebammenverordnung kaum gerufen. Nachdem sie drei weitere Kinder geboren hat, wandert „Hebammen-Stina“ deshalb im Herbst 1821 600 Kilometer zu Fuß nach Christiania, dem heutigen Oslo, um ihre Qualifikation am dortigen Geburtshilfestift zu vervollständigen. Als sie nach neun Monaten zurückkehrt, hat sich Hans‘ Zustand endgültig verschlechtert.

Zehn eheliche Kinder bringt Marta Kristine zur Welt, die sie mit Hans und der Hilfe ihrer Eltern und der unehelichen Tochter in ständiger Armut in einer Häuslerkate großzieht. Obwohl sie auch Einkünfte aus der Pockenimpfung bezieht und Hans sich im Fischen versucht, verliert sie nach seinem frühen Tod fast alles an Gläubiger und muss noch einmal neu beginnen.

Der dritte Teil ist dem Leben Marta Kristines als Witwe gewidmet.

Fakten und Fiktion

Es ist ein Roman, geschrieben auf der Grundlage dokumentierter Fakten. Die Darstellung der Personen fußt auf vereinzelten, spärlichen Informationen. Niemand weiß mehr, wer sie waren. (Vorwort)

Streng chronologisch, sehr ausführlich und mit vielen Fakten aus Archiven gespickt, zeichnet Edvard Hoem auf beeindruckend glaubwürdige Weise die Welt des 19. Jahrhunderts in Norwegen. Die außergewöhnlich starke Frauenfigur, die bewegende Liebesgeschichte, die Anfänge der professionellen Geburtshilfe, das Porträt der notleidenden bäuerlichen Gesellschaft und die alles beherrschende Natur – darüber erzählt Edvard Hoem vor dem Hintergrund der Geschichte Norwegens so mitreißend gut, dass ich mich beim Lesen ganz und gar hineinverloren habe.

Edvard Hoem: Die Hebamme. Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer. Urachhaus 2021
www.urachhaus.de

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm!

  Großprojekt Lehrerrettung

Mattis Hansen aus der 3c sammelt Schneckenhäuser, Kaugummipapiere und abgerissene Kinokarten, seine Mutter sammelt die schlimmen Briefe, die über ihren Sohn aus der Schule kommen. Weil aber die fürchterlichen Dinge, die in den Briefen stehen, aus Mattis‘ Sicht überhaupt nicht stimmen, muss er sie richtigstellen, denn leider nimmt die Mutter sie viel zu ernst. In jedem Band der Mattis-Reihe für Erstleserinnen und Erstleser ab sieben Jahren schreibt Mattis deshalb eine Gegendarstellung:

Damit Mama wieder an mich glaubt. (S. 13)

Lehrer Storm – ein multipler Problemfall
Wer Mattis‘ Klassenlehrer aus den drei vorangegangenen Bänden noch nicht kennt: Herr Storm ist wirklich der schrecklichste Lehrer, den man sich nur ausmalen kann, humorlos, übellaunig, jähzornig und ungerecht. Aber Mattis wäre nicht Mattis, würde er nicht trotzdem dessen Hilfebedürfnis erkennen, denn schließlich ist auch Herr Storm „nur ein Mensch“:

Ich würde meinem Klassenlehrer helfen. Bei all seinen Problemen. Und das sind ja so einige. (S. 21)

Mit den „Flitzegedanken“ in seinem Hirn heckt Mattis einen Plan aus, der Herrn Storm nicht nur von seiner schlechten Laune und seinen Wutanfällen, sondern auch von seiner Spinnenphobie heilen soll – ganz nach dem Motto von Mattis‘ Vater: „Manche Menschen muss man zu ihrem Glück zwingen.“ (S. 59). Dass dann trotz aller Genialität, dreitägiger mühevoller Vorbereitung und Einsatz des gesamten Taschengelds mehr schiefgeht als beim Bau des Berliner Flughafens, ist wieder einmal ausgesprochenes Pech! Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte erstmals so etwas wie Mitleid mit dem schrecklichen Herrn Storm empfunden, dessen Gesichtsfarbe von einem Krebsrot über ein kurzes, hoffnungsvolles Himbeerrot zu Hummerrot wechselt, bevor er kurz vor seiner Ohnmacht gänzlich erblasst.

© B. Busch

Erfrischend und mit leichter Hand verfasst
Seit ihrem ersten Kinderbuch „Pernilla oder Wie die Beatles meine viel zu große Familie retteten“ aus dem Jahr 2015 bin ich Fan der Kinderbücher von Silke Schlichtmann, die so quicklebendig und sprühend vor Fantasie aus Kinderperspektive schreibt. Der pfiffige achtjährige Ich-Erzähler Mattis, der seine Mutter und seinen Lehrer fast in den Wahnsinn treibt, ist mir im Laufe der mittlerweile vier Bände sehr ans Herz gewachsen – trotz aller Schrecken, die er immer wieder ungewollt verbreitet.

Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm ist wie alle Bände der Reihe in größerer Schrift gedruckt und von Maja Bohn perfekt zum Text passend illustriert. Die 69 Seiten sind altersgerecht in zwölf überschaubare Kapitel unterteilt. Nicht nur Erstleserinnen und Erstleser ab der zweiten Klasse haben hier ihren Spaß, auch für große Vorleserinnen und Vorleser und ihr Publikum kann ich beste Unterhaltung wie immer garantieren.

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis – Der spinnt, der Lehrer Storm! Hanser 2021
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-kinderbuch

Bd. 1
Bd. 2
Bd. 3

 

Carola Sieverding & Sylvia Tress: Gute Nacht, kleiner Bär!

Wenn Bärenkinder müde werden

Auch kleine Bären werden irgendwann müde. Dann gähnt der kleine Bär und das Spielen macht keinen Spaß mehr. „Höchste Zeit zum Schlafengehen!“, findet Mama Bär. Aber vorher wird noch der Schlafanzug übergezogen, die Zähne werden geputzt, das Lieblingskuscheltier gesucht, ein Glas Wasser getrunken und eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

Auf fünf Doppelseiten des Pappbilderbuchs Gute Nacht, kleiner Bär! können die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer genau dabei behilflich sein, indem sie an Stoffschlaufen ziehen und das Bild dadurch verändern. Das klappt auch bei meinem knapp zweijährigen Versuchskind schon gut, das den Mechanismus sofort durchschaute und viel Spaß beim Ziehen hat, dabei allerdings leider vom Zuhören abgelenkt wird.

Was mir besonders gut an diesem Bilderbuch mit den Illustrationen von Carola Sieverding gefällt, sind die ruhige Atmosphäre im Bärenheim, die zur abendlichen Stimmung passenden, kindgerecht bunten und doch warmen Farben, die freundlichen Gesichter sämtlicher Mitglieder der Bärenfamilie und der Kuscheltiere und die Fülle an potentiellen Geschichten, die sich über die drei bis sechs Zeilen umfassenden Texte von Sylvia Tress hinaus hinter den Bildern verbergen. Die Gegenstände im Bärenkinderzimmer, im Bad und in der urgemütlichen Küche sind übersichtlich in ihrer Anzahl und so klug gewählt, dass Kinder sie benennen können. Das Weitererzählen drängt sich dabei geradezu auf. Wer genau hinsieht, kann sogar auf jeder Doppelseite ein kleines, vorwitziges Mäuschen entdecken. Schade nur, dass der nette, Zeitung lesende Bärenpapa nicht aktiver in das Abendritual eingreift.

Ich empfehle dieses hübsche Pappbilderbuch für nicht zu stürmische Kleinkinder ab zwei Jahren oder kurz davor, wegen der Mechanik vorzugsweise zum gemeinsamen Betrachten.

Carola Sieverding & Sylvia Tress: Gute Nacht, kleiner Bär! Esslinger 2021
www.thienemann-esslinger.de