Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren

  Alte und neue Geister

In ein namenloses russisches Dorf an einem namenlosen Fluss dringen 1918 Neuigkeiten von außen nur spärlich. Weder weiß man vom Ende des Ersten Weltkriegs, noch ist die Kunde von der Oktoberrevolution angekommen. Doch bleibt auch hier die Zeit nicht stehen: Ilja, der weißbärtige, verrunzelte, halb blinde Dorfälteste, hat ein Röhrchen aus dem Fluss gefischt, dessen Quecksilbersäule ihm bei der Wetterprognose hilft. Seither zerfällt die Bewohnerschaft in zwei Teile: Die Iljianer vertrauen auf das Neue, die Pjotrianer auf den zweitältesten Pjotr, der lieber den Fluss und seine Geister befragt:

Das Röhrchen. Das kann einfach nicht gutgehen auf die Dauer. […] Nicht umsonst sagt man: Wo man den Geistern die Tür weist, da gehen sie nicht mehr hinein. (S. 20)

Inna Nikolajewna, Iljas Frau, misstraut den Röhrchenweisheiten ihres Mannes ebenfalls und hängt mehr ihrer ersten Liebe Pjotr und dem Aberglauben an. Als ihr ein Messer aus der Hand fällt, weiß sie es zu deuten:

Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin, Messer dagegen maskulin sind, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses. (S. 16)

Bald kommt ein junger Mann barfuß und in schmutzig-schäbiger Uniform ins Dorf, aus dem sonst alle jungen Männer verschwunden sind. Sie lädt ihn ein in ihr altes Haus mit der niedrigen Decke, den kleinen Fenstern und dem leicht muffigen Geruch und er bleibt, genau beobachtet von der pfiffigen Annuschka, Enkelin von Inna und Ilja. Mit Wadik, wie er vielleicht heißt, kommen erstmals „Ideen“ ins Dorf und er veranlasst, dass die alte vertraute Ikone aus ihrer Ecke verbannt wird. Sogar Ilja taut auf, als er Wadiks Interesse für sein Röhrchen spürt:

Dieses hier, dieses Stück Glas und Quecksilber ist der Fortschritt, dem man dienen muss, weil er nicht aufzuhalten ist. (S. 65)

© B. Busch

Es bleibt nicht bei diesem einen Neuzugang und auch nicht bei der Zahl der unbegrabenen Toten, die Annuschka, die sich bald erwachsen Anna nennt, bei ihrer „Dorfinventur“ aufzählt. Während Pjotr wie vom Erdboden verschluckt ist, kommen die „Realitäten“ der Revolution, die Mitja-Realität und die Kostja-Realität, ins Dorf, hungrig und ebenso fordernd wie zuvor der ferne Gutsbesitzer und sein Gehilfe mit den sauberen Nägeln…

Einzigartiger Erzählstil
Die 1988 in Moskau geborene Yulia Marfutova, die in Deutschland Germanistik und Geschichte studierte und inzwischen in Boston lebt, war mit ihrem auf Deutsch verfassten Debüt 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Herausstechend ist die lebendige, spielerisch-poetische Sprache mit Anklängen an die russische Märchentradition. Die Personen sind mehr Typen als Figuren aus Fleisch und Blut: die Abergläubigen und die Fortschrittsgläubigen, die Verrückte, die junge Unschuld, der Steuereintreiber, der Kriegstraumatisierte, die Schwätzer und die Schweiger.

Diese absolut originelle Erzählstimme mit den Abschweifungen, Wiederholungen und Andeutungen ist es, die mir im Gedächtnis bleiben wird, noch mehr als die hohe Konzentration erfordernde, wie das Cover leicht verschwommene Handlung in einem russischen Provinzdorf an der Schwelle zur Neuzeit.

Yulia Marfutova: Der Himmel vor hundert Jahren. Rowohlt 2021
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezensionen zu einem Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021:

  

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway

  Gedanken- und Gefühlswelten

 

 

In ihrem erhellenden Nachwort zur hübschen, handlich-kleinen Manesse-Ausgabe mit zahlreichen Fußnoten von Virginia Woolfs Mrs. Dalloway in einer Neuübersetzung von Melanie Walz stellt die Autorin Vea Kaiser das Revolutionäre dieses 1925 erstmals veröffentlichten Klassikers der modernen Literatur heraus:

Mrs. Dalloway wurde nach seinem Erscheinen zu einem für die damalige Zeit großen Erfolg und begründete Woolfs Weltruhm. […] Nicht nur aufgrund seiner bahnbrechenden, neuen Erzählweise, die bis in die zeitgenössische Literatur hineinwirkt, lohnt sich das Lesen und Wiederlesen des Romans heute, sondern vor allem aufgrund seines Interesses am Innenleben von Menschen, die nach außen hin ganz anders wirken. (S. 388/389)

Big Ben schlägt den Takt
Der Roman spielt an einem einzigen Tag in London, den wie immer die Glockenschläge von Big Ben unterteilen. Im Laufe dieses Werktags im Juni 1923, an dessen Beginn Mrs. Clarissa Dalloway, Anfang 50, Mitglied der Upperclass mit einem Haus in Westminister, Blumen einkauft und an dessen Ende sie eine Party gibt, lernen wir zahlreiche Personen kennen. Teils enger, teils nur durch eine zufällige Begegnung miteinander verbunden, sind sie fast alle physisch oder als Gesprächsstoff bei der Abendgesellschaft präsent.

© B. Busch. – „Mrs. Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst kaufen.“ (1. Satz, S. 5).

Da ist Clarissas Gatte Richard Dalloway, konservativer Parlamentsabgeordneter, der es nie ins Kabinett geschafft hat, die 17-jähige Tochter Elizabeth mit ihrer von Mrs. Dalloway für ihre Armut, Bildung und das enge Verhältnis zu ihrem Kind gehasste Lehrerin Miss Kilman, Clarissas verflossene Jugendliebe Peter Walsh, der nie reüssierte und ihr nachtrauert (so wie sie ihm manchmal auch), ihre Cousine und erste Liebe Sally Seaton, mit der sie linksliberales Gedankengut teilte, bevor beide konservative Ehemänner heirateten, verschiedene Bedienstete und einige andere mehr. Die mit Abstand für mich interessanteste Figur ist der ehemalige Soldat Septimus Warren Smith, der schwer kriegstraumatisiert dahinvegetiert. Dass weder seine italienische Frau Lucrezia noch seine Ärzte Art und Schwere seines Leidens einschätzen können, wird ihm zum Verhängnis.

Nicht so fesselnd wie erhofft
Ich habe Mrs. Dalloway mit lang gehegten, großen Erwartungen und viel Vorfreude begonnen, doch leider wich dieses Gefühl rasch der Ernüchterung. Schuld daran war nicht die manchmal beklagte Handlungsarmut, sondern der Umstand, dass mir die Figuren, allen voran Mrs. Dalloway, nicht nur unsympathisch waren, was Romanfiguren durchaus sein dürfen, sondern schlichtweg egal. Die Überheblichkeit, Oberflächlichkeit und Eitelkeit der Upperclass mit ihren Luxus-Problemchen und der Banalität ihrer ausschließlich um sich selbst kreisenden Gedanken vermochten mich nicht zu fesseln, ja, langweilten mich sogar über weite Strecken. „Rasant“, wie Vea Kaiser schreibt, erschien mir der Roman daher keineswegs. Einzige Ausnahme war das Schicksal des traumatisierten Septimus, dessen Visionen und hilfloses Ringen Virginia Woolf überragend nachvollzieht.

Lesenswert machen den Roman neben Septimus‘ Schicksal der Aufbau mit dem den Takt schlagenden Big Ben, die beständigen, volle Konzentration fordernden Perspektivsprünge, die Wechsel zwischen Dialogen und inneren Monologen, dem sogenannten „Bewusstseinsstrom“, die Themenvielfalt und die kunstvolle Verknüpfung der Einzelschicksale mit mehr oder weniger dicken Fäden.

Ohne Zweifel ist Mrs. Dalloway ein Meilenstein der modernen Literaturgeschichte, den es zu würdigen gilt, ein Lesevergnügen war es für mich jedoch nur teilweise.

Virginia Woolf: Mrs. Dalloway. Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz. Nachwort von Vea Kaiser. Manesse 2022
www.penguinrandomhouse.de/Verlag/Manesse

Matthias Jügler: Raubfischen

  Abschied

Kein Mensch ist vor den Momenten sicher, in denen sich alles von Grund auf ändert und das eigene Leben plötzlich in anderen Bahnen verläuft als erhofft. (Matthias Jügler: Die Verlassenen. Penguin 2021, S. 27)

Dieses Zitat aus dem zweiten Roman von Matthias Jügler, Die Verlassenen, passt ebenso gut zu Raubfischen, seinem Debüt aus dem Jahr 2015. Es trifft auf den Ich-Erzähler Daniel und seine Familie zu, als er an seinem 16. Geburtstag von der Diagnose seines Großvaters Hannes erfährt: ALS, eine schwere, unheilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems, bei der die Patienten schubweise die Kontrolle über ihren Körper verlieren und nach wenigen Jahren versterben.

An diesem Tag beginnen wir mit den Lügen. Keine Angst. Es wird wieder gut werden. (S. 15)

Eine besondere Großvater-Enkel-Beziehung
Schon bevor die Merseburger Großeltern 1993 eine Hütte in der schwedischen Provinz Västergötland unweit von Gislaved am Tostaholmen kauften, nahm der Großvater den kleinen Daniel zum Angeln mit, eine Leidenschaft, die die beiden bald verband. Es folgten gemeinsame Angelurlaube in Schweden, jäh unterbrochen, als Daniel das strikte, für ihn unverständliche Redeverbot mit den Nachbarn Åke Mortensson und seinem Sohn Henrik brach:

Ich müsste Erklärungen einfordern. Der Tag auf dem Eis. Das Redeverbot, das ich seitdem strikt befolge. Warum soll ich mit niemandem hier mehr reden? (S. 23)

Die besondere Verbindung zwischen Großvater und Enkel scheint zerstört – bis zu jenem 16. Geburtstag. Doch nun tritt etwas Neues in die Beziehung, heimliches Beobachten, die Suche nach Krankheitszeichen, Sanftheit, kostbare Tage, Hoffnung, Angst, schließlich Ernüchterung:

Ich habe das Vertrauen verloren. Das Vertrauen darin, dass er dieser Krankheit die kalte Schulter zeigt. (S. 68)

Aufgeben aber will und kann Daniel nicht. Während die Ehe seiner Eltern über der Krankheit zerbricht, möchte er den letzten Wunsch seines Großvaters erfüllen:

Als er noch mit dem Stift schreiben konnte, und später, als er auf dem Sprachcomputer schrieb, gab er mir zu verstehen, was er wollte: Nach Schweden fahren. (S. 119)

© B. Busch

Ein Autor mit eigenem Ton
2021 habe ich Die Verlassenen von Matthias Jügler eher zufällig, aber mit umso mehr Begeisterung gelesen, und war deshalb sehr gespannt auf sein sechs Jahr zuvor erschienenes Debüt. Zu meiner großen Freude kam mir der Ton des Buches sofort vertraut vor. Die klare Sprache, die kurzen, auf das Notwendigste reduzierten Sätze, die skandinavisch anmutende Melancholie, die Andeutungen mit dem Spielraum für Fantasie und die überaus kunstvolle Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit sind auch hier vorzüglich gelungen. Man muss kein Angelenthusiast oder Spezialist für Hechte, Barsche, Karauschen und Plötzen sein, um diese bewegende, so ruhig und sensibel erzählte Geschichte mit der besonderen Großvater-Enkel-Verbundenheit, der traurigen Krankheitschronologie, dem Geheimnis um ein altes Zerwürfnis und der Liebe zu einem schwedischen See großartig zu finden.

Bei aller Trauer über den bevorstehenden Abschied stimmt der Blick in die Zukunft auch hoffnungsvoll:

Henrik sagt etwas. […] dass er glaube, wir zwei, wir könnten später, wenn mir die Hütte tatsächlich mal gehöre, gute Nachbarn werden. »Ja«, rufe ich, «ja, warum nicht.« (S. 203)

Matthias Jügler: Raubfischen. Blumenbar 2015
www.aufbau-verlage.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Matthias Jügler auf diesem Blog:

Stefan Hertmans: Der Aufgang

  Belgische Geschichtsstunde

 

Aus einem Impuls heraus erwirbt der Ich-Erzähler 1979 ein altes Patrizierhaus im Genter Altstadtviertel Patershol, einem Stadtteil, gegen dessen Abriss er in den 1960er-Jahren protestierte. Den heruntergekommenen Zustand nimmt er zur Kenntnis, doch halten Schimmel, Feuchtigkeit, Moder, ein vollgelaufener Keller und Ratten ihn nicht ab:

Das alles nahm ich mit Schrecken und mit Begeisterung wahr, denn etwas in mir ahnte bereits, dass ich dem Haus nicht würde widerstehen können. (S. 165)

Ein geschichtsträchtiges Haus
Erst nachdem er es 20 Jahre später wieder verkauft hat, beginnt er, sich intensiver mit einem der früheren Mieter auseinanderzusetzen, dem SS-Mann, Kollaborateur und Kriegsverbrecher Willem Verhulst, Vater seines ehemaligen Geschichtsprofessors. Fortan lässt ihn die Lebensgeschichte von Willem Verhulst und seiner Familie nicht mehr los. Er sucht dessen noch lebende Töchter auf, liest Gerichtsakten, Tagebücher und Lebenserinnerungen verschiedener Familienmitglieder und bereist wichtige Schauplätze aus deren Biografie. Der Aufgang ist daher mehr Dokumentation als Roman und spürbar das Ergebnis jahrelanger akribischer Recherchearbeit.

Äußerer Rahmen ist die Hausbegehung mit dem Verkäufer, dem Notar De Potter, dessen Vater nicht nur Verhulsts Vermieter, sondern auch sein Anwalt im Kriegsverbrecherprozess von 1947 war. So wird der Gang von unten nach oben durchs Haus zu einem Gang durch ein bewegtes Leben.

Vom Flaminganten zum SS-Spitzel
Willem Verhulst wurde 1898 bei Antwerpen als Sohn eines Diamantschleifers geboren. Der Verlust der Sehkraft auf einem Auge, der frühe Tod der Mutter und die Rivalität mit den franko-belgischen Bürgersöhnen begründeten seinen Minderwertigkeitskomplex, der ihn  anfällig für radikale Ideen machte. Sein Hass auf den belgischen Staat führte ihn in radikale proflämische Kreise, seine Sympathien für ein großgermanisches Reich unter deutscher Führung nach der Besetzung Belgiens zur SS. Als „Schreibtischtäter“, Spion und V-Mann schickte er eine unbekannte Anzahl von Juden, Widerständlern und Freimaurern in den Tod. Obwohl zunächst zum Tode verurteilt, saß er nach dem Krieg nur wenige Jahre in Haft, radikalisierte sich dort sogar noch und blieb bis zu seinem Tod 1975 unbelehrbar.

© B. Busch

Verhulst und seine Frauen
Nach dem frühen Tod seiner jüdischen Frau Elsa Meissner heiratete er die niederländische Großbauerntochter Harmina Wijers, genannt Mientje. Obwohl sie als streng gläubige Calvinistin und Pazifistin Willems politische Überzeugungen nicht teilte und unter dessen langjähriger Geliebter Greta Latomme, genannt Griet, litt, blieb sie ihm bis ihrem Tod 1968 verbunden. Anders als der Egozentriker, Blender und zum Jammern neigende Verhulst war Mientje warmherzig, gütig, zupackend und intelligent und sorgte aufopferungsvoll für die drei Kinder, die „mit der Bürde des Vaters auf den Schultern“ (S. 177) leben mussten.
Dritte Ehefrau wurde nach Mientjes Tod seine Geliebte Griet, eine Gesinnungsgenossin, die ihm die von Mientje versagte Bewunderung schenkte. Sie starb 2003 mit einem Hitler-Porträt an ihrer Wand, von belgischen Rechtsradikalen betrauert.

Empfehlenswert
Ich habe Der Aufgang gern gelesen als klar strukturiertes, sehr informatives Zeugnis über einen belgischen Nazi-Kollaborateur, inhaltlich vergleichbar mit Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger über einen ähnlichen Fall in Norwegen. Der Wechsel zwischen atmosphärischer Hausbeschreibung und nüchterner Biografie gefiel mir gut. Obwohl der knapp 380 Seiten starke Roman mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Bildchen in Deutschland sicher nicht die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie in Belgien, halte ich das Thema für relevant und mit dem bis heute schwelenden flämisch-wallonischen Konflikt leider auch für aktuell.

Stefan Hertmans: Der Aufgang. Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Anna Burns: Amelia

  Kollateralschäden

Amelia ist bei Ausbruch der Unruhen in Nordirland 1969 sieben Jahre alt, genau wie die 1962 in Belfast geborene Autorin Anna Burns, und wächst wie diese im katholischen, irisch-nationalistisch geprägten Arbeiterviertel Ardoyne auf. Schlagartig verändert sich das Leben aller Nordiren, Gewalt und Gegengewalt werden allgegenwärtig, zuerst auf den Straßen, dann auch innerhalb der Familien. 1971 soll ihre Schulklasse ein Friedensgedicht schreiben:


Amelia war genauso verwirrt wie die anderen. Nicht, dass sie etwas gegen Frieden gehabt hätte. Nur hatte sie auch nichts dafür. Was wusste sie denn? Wen konnte sie denn fragen? Niemanden. Niemand, den sie kannte, wusste irgendwas über Frieden. (S. 46)

In 23 lose zusammenhängenden Kapiteln mit Jahresangaben von 1969 bis 1994 geht es um Amelia, ihre Familie und ihre Freunde. Viele sind aktiv in den Konflikt verwickelt, einige kommen um, alle leiden unter psychischen Störungen:

Alles wurde in den Schatten gestellt, immer aufs Neue, vom nächsten, jüngsten, burtalsten Todesfall. (S. 128)

Im Trommelfeuer aus Gewalt, Hass und Rachegedanken flüchten sie in Alkohol, Drogen oder Essstörungen, entwickeln eine Borderline-Symptomatik, Depressionen oder Psychosen. Anders als bei Familienmitgliedern und Freunde löst die Gewalt bei Amelia „nie einen Kick“ aus. Obwohl sie das verhasste Ardoyne verlässt und 1989 gar nach London geht, verfolgen sie die Geister der Verstorbenen.

Eine Rückkehr zur Normalität scheint den Überlebenden sogar im Friedensprozess 1994 unmöglich:

Trotz aller Hoffnung und der vorübergehenden Besserung ihrer Laune fiel es ihnen daher schwer, das vertraute Grauen abzulegen […].  (S. 368)

Allgemeingültigkeit statt Nordirland-Problematik
Manchmal beginne ich ein Buch mit völlig falschen Erwartungen und werde trotzdem nicht enttäuscht. Leider war das bei Anna Burns Debütroman Amelia aus dem Jahr 2001, der  nach dem großen Erfolg ihres 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Romans Milchmann nun auf Deutsch erschien, anders. Ich hatte auf einen politischen Roman zum Nordirlandkonflikt gehofft, einem Thema, das mich nicht erst seit einer Reise nach Londonderry und Belfast 2018 sehr interessiert, und das leider als Folge des Brexits aktuell wieder an Brisanz gewinnt. Bekommen habe ich stattdessen einen Episodenroman über Kollateralschäden von Krieg für die betroffene Bevölkerung, wie es sie an jedem Konfliktherd gibt. Dass Gewalt dramatische Folgen für die psychische Gesundheit aller, besonders aber für Heranwachsende hat, ist keine überraschende Neuigkeit, führt aber noch einmal die absolute Notwendigkeit der Aufnahme von Kriegsflüchtlingen vor Augen.

Entlang des Peace Walls in West-Belfast heute. © M. Busch

Ein sehr durchwachsenes Fazit
Eine abschließende Bewertung dieses bei seinem ersten Erscheinen in Großbritannien hoch gelobten Romans fällt mir schwer. Einerseits habe ich mich durch viele der Kapitel gequält, vermisste schmerzlich politische Hintergrundinformationen und einen Anhang zu den Abkürzungen bürgerkriegswichtiger Organisationen und der Bedeutung von Straßen und Bezirken. Auf manches brutale Detail zu oft eher zufälligen Morden, Kniescheibenzerschießungen, unvorstellbaren häuslichen Gewaltexzessen, Vergewaltigungen oder außer Kontrolle geratenen Teenager-Gangs hätte ich gerne verzichtet. Einige Episoden waren mir zu ausschweifend, zu übertrieben oder eindeutig (absichtlich?) unrealistisch. Andererseits ist der Romanaufbau mit den in sich abgeschlossenen, aber immer wieder aufgenommenen Handlungssträngen durchdacht, der distanziert-unsentimentale Stil macht die Geschichten umso eindrücklicher und die fast völlige Beschränkung auf die Folgen der Gewalt verleiht dem Buch Allgemeingültigkeit. Trotzdem hätte ich wesentlich lieber ein Buch mit einem stärkeren Bezug zur Nordirland-Frage gelesen.

Anna Burns: Amelia. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Tropen 2022
www.klett-cotta.de/buecher/tropen

 

Weitere Rezension zu einem Roman zum Nordirland-Konflikt auf diesem Blog:

Kristine Bilkau: Nebenan

  Landleben heute

Dorfromane haben nicht erst Konjunktur, seit die Städte durch Corona-Lockdown und Homeoffice-Pflicht an Attraktivität eingebüßt haben. In diesem Genre treffen Neuzugezogene und Alteingesessene aufeinander, Traum und Alptraum liegen oft eng beieinander.

Der dritte Roman Nebenan der Hamburgerin Kristine Bilkau gehört in dieses Genre, sticht aber zugleich angenehm heraus. Nach ihrem Debüt Die Glücklichen von 2015 über ein junges, von Abstiegsängsten gelähmtes Paar und Eine Liebe in Gedanken von 2018 über eine Tochter auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter spielt Nebenan in einem namenlosen Dorf am, genauer rechts und links vom Nord-Ostsee-Kanal und in der fünf Kilometer entfernten Kreisstadt.

© B. Busch

Zwei Frauen
Julia und ihr Mann Chris, eine mit ihrer beruflichen Situation in Hamburg unglückliche Kunsthistorikerin und ein Biologe, beide Ende 30, versuchen im Dorf einen Neuanfang. Im efeuumrankten kleinen Backsteinhaus von 1921 mit Garten soll die Familiengründung endlich klappen.

Astrid, Ärztin kurz vor der Rente mit eigener Praxis, wuchs im Haus ihrer Tante Elsa neben dem Efeuhaus auf. Sie arbeitet und lebt mit ihrem Mann Andreas in der Kreisstadt. Die drei Söhne haben die Heimat längst hinter sich gelassen.

Für Kindergarten, Schule und Einkäufe sind die Dörfler auf die Kreisstadt angewiesen, doch auch dort bröckelt die Infrastruktur. Läden schließen, das leerstehende Kaufhaus wird abgerissen und das Jugendzentrum wegen Einsturzgefahr geräumt:

Ladenflächen bleiben leer und Häuser verfallen, weil es für wenige steuerlich von Vorteil ist […]. (S. 110)

Julias neueröffneter Keramikladen scheint ein Hoffnungsschimmer, lebt aber hauptsächlich vom Onlinehandel.

Keine heile Provinzwelt
Wer hier Idylle erwartet, wird enttäuscht. Astrid findet bei einer Leichenschau Spuren von Misshandlung, leidet unter einer zerbrochenen Frauenfreundschaft, anonymen Drohbriefen und der Sorge um ihre alte Tante. Julias Kinderwunsch bleibt trotz Kinderwunschklinik vorläufig unerfüllt, Chris deckt einen Umweltskandal auf und das Einleben wird nicht zuletzt wegen Julias Menschenscheu schwieriger als gedacht:

[…], in diesem Dorf, in dem einige Leute aufeinander achten, aber nur einige, und zu denen gehören sie hier noch nicht. (S. 244)

So ist es erstaunlicherweise die Zugezogene, die sich die meisten Gedanken um das plötzliche Verschwinden der Patchworkfamilie im hässlichen Gelbklinker gegenüber macht.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Frauen gegensätzlich, einerseits die verzagte Julia mit ihrer Zurückgezogenheit, ihrem „wartenden Zimmer“ und ihrem sehnsüchtigen Stöbern nach Familienidylle in pastellfarbenen Internetforen, andererseits die tatkräftige, zugewandte Astrid mit dem nach außen perfekten Leben. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt man ihre unerfüllten Sehnsüchte, ihre Ängste und Nöte, die sie auch vor ihren durchaus empathischen Männern verbergen.

Ein bunter Themenstrauß und Raum für Fantasie
In 42 Kapiteln, meist abwechselnd aus personaler Sicht der Protagonistinnen erzählt, zeigt die detailgenaue Beobachterin Kristine Bilkau zwei Frauenleben und die Veränderungen auf dem Land, unterschiedlichste Familienmodelle einschließlich Jugendwohngruppe, Grenzen zwischen Kümmern und Übergriffigkeit, Niedergang dörflicher und kleinstädtischer Strukturen, Leere und Einsamkeit, pastellfarbene Social-Media-Scheinwelten und das Unheimliche, das überall lauern kann.

Während mir bei der ersten Lektüre viele Erzählstränge offen und in der Schwebe vorkamen, wie es das immer wiederkehrende Motiv des Wassers nahelegt, fügte sich bei der zweiten alles wie von selbst. Ob die Fantasie da zu sehr mit mir durchgegangen ist? Nun schien mir das Ende dieses melancholisch-stillen, stilsicher geschriebenen und absolut empfehlenswerten Romans hoffnungsvoll:

Manches ist offenbar ganz von allein miteinander verbunden, ohne dass man etwas dafür tun muss. (S. 267)

Kristine Bilkau: Nebenan. Luchterhand 2022
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Kristine Bilkau auf diesem Blog:

Margaret Laurence: Eine Laune Gottes

  Schrei nach Freiheit


Margaret Laurence (1926 – 1987)
gehört zu den wichtigsten Autorinnen Kanadas und beeinflusste maßgeblich Alice Munro und Margaret Atwood. Letztere schildert in ihrem vorzüglichen Nachwort zu Eine Laune Gottes eine unvergessliche Begegnung mit ihrem literarischen Idol anlässlich der Verleihung des Governor Generals’s Award 1967 und begründet, warum sie ihn für deren besten Roman hält.


Die Manawaka-Serie

Zentral im Werk von Margaret Laurence sind die fünf Romane der Manawaka-Serie, jener fiktiven Kleinstadt in Manitoba, die ihrer 170 Kilometer von Winnipeg entfernten Geburtsstadt Neepawa ähnelt. 2020 erschien der erste Teil aus dem Jahr 1964 in neuer Übersetzung von Monika Baark im Eisele Verlag unter dem Titel Der steinerne Engel, nun der zweite, gänzlich unabhängig zu lesende, aus dem Jahr 1966, der somit fast zeitgleich mit John Williams‘ Stoner erschien. Sowohl in Stoner als auch in Eine Laune Gottes sind die Protagonisten in einer klaustrophobischen Welt gefangen. In Stoner wird das ganze Leben eines Mannes erzählt, in Eine Laune Gottes von einer kurzen Spanne im Leben einer Frau, die zum Wendepunkt werden könnte.

© B. Busch

Ewig Tochter
Rachel Cameron, 34 Jahre alt und Ich-Erzählerin, sah sich nach dem Tod des Vaters gezwungen, ihren Ausbruchsversuch zum Studium nach Winnipeg abzubrechen und fortan die hypochondrische, sanft auftretende, aber anmaßende und hochgradig manipulative Mutter zu umsorgen:

Ihre Waffen sind unsichtbar, und sie würde nie zugeben, welche zu tragen, geschweige denn, zu ihnen zu greifen. (S. 61/62)

Rachel kehrte als Lehrerin an ihre frühere Grundschule zurück, bezog ihr unverändertes Kinderzimmer und nahm ihre Rolle als braves, schüchternes, wegen ihrer überdurchschnittlichen Körpergröße linkisches Mädchen wieder ein, dem inzwischen bereits etwas Altjüngferliches anheftet. Das Feststecken in der engen Welt ihrer Kindheit und die erdrückende Konventionalität des Präriestädtchens ließen sie bitter werden. Nach außen still und angepasst, herrschen in ihrem Kopf ganz andere Gefühle und Gedanken vor: Enttäuschung, Verzweiflung, Ängste, Einsamkeit, Selbstironie, beißender Spott und Wut gegen alles und alle in ihrer Umgebung, aber auch erotische Fantasien. Trotz ihrer analytischen Klarheit und Intelligenz kann sie sich nicht von fremden Erwartungen und der bösartigen Mutter lösen:

Derlei Worte bleiben mir im Gedächtnis hängen wie Kletten in den Haaren, und ich schaffe es irgendwie nie, sie rauszubürsten, wie ich es eigentlich tun sollte. (S. 189) 

Eine überraschende Chance
Als ihr früherer Schulkamerad Nick Kazlik, Sohn des ukrainischen Milchmanns, die Sommerferien in Manawaka verbringt, gehen die beiden mit unterschiedlichen Erwartungen eine sexuelle Beziehung ein. Während sich Rachel erstmals mütterlichen Wünschen widersetzt, klammert sie sich zugleich wie die oben zitierte Klette an Nick. Kann die Affäre so zum Tor in die Freiheit werden oder führt sie zu einer weiteren Niederlage?

Zeitloser Klassiker
2020 mochte ich Der steinerne Engel mit der 90-jährigen Ich-Erzählerin Hagar Shipley, nun gefiel mir Eine Laune Gottes sogar noch besser. Die ebenso raffiniert wie borniert und rücksichtslos um ihre Autonomie kämpfende Hagar ist zwar als literarische Figur interessant, konnte aber nicht wie Rachel mein Mitgefühl wecken. Beide Romane sind elegant geschrieben, voller Anspielungen und Bilder, meiden jede Sentimentalität, bestechen durch ihre verblüffende Zeitlosigkeit und sind absolut lesenswert. Die Wendungen in Eine Laune Gottes bis hin zum glaubhaften Ende sind allerdings noch meisterhafter.

Margaret Laurence: Eine Laune Gottes. Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark. Eisele 2022
eisele-verlag.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Margaret Laurence auf diesem Blog:

Christoph Poschenrieder: Ein Leben lang

  Was macht Freundschaft aus?

Der sogenannte Münchner „Parkhausmord“ von 2006 an einer Millionärin lieferte Christoph Poschenrieder die Anregung zu seinem fiktionalen Roman Ein Leben lang. Was zunächst wie einer der derzeit beliebten True-Crime-Krimis wirkt, ist vielmehr das Psychogramm einer Clique, der lauten Freundesgruppe des Tatverdächtigen, deren Treue über den Schuldspruch mit dem Prädikat „besondere Schwere der Schuld“ hinaus währt. Erst in zweiter Linie interessiert sich Poschenrieder für die brutale Tat selbst und das Whodunit.

Die fiktive Bearbeitung
15 Jahre nach dem Mord an einem reichen Unternehmer und 13 Jahre nach der Verurteilung seines Neffen in einem langwierigen Indizienprozess lässt eine Journalistin die fünf Mitglieder seiner engsten Freundesgruppe in getrennten Sitzungen für ein eventuelles Buchprojekt erzählen:

Fünf Blickwinkel, fünf Mal Vergessen, fünf Mal Erinnern, fünf Mal das Gleiche und am Ende doch nicht dasselbe. (S. 22)

Sebastian („der Boss“), Till („der Stellvertreter“), Benjamin („der Beflissene“), Sabine („die schnippische Altkluge“) und Emilia („die Allesumsorgende“, S. 91) waren sofort fest von der Unschuld ihres im Roman namenlosen Freundes („der Spaßmacher“) überzeugt. Obwohl sie zum Zeitpunkt des Mordes bereits um die Dreißig und nur noch in loser Verbindung waren, formierten sie sich spontan neu:

Wir haben uns – quasi ein Reflex – darauf verständigt, dass er es nicht war. Eigentlich ohne Worte. Es war klar, und keiner musste das sagen. (Benjamin, S. 59)

© B. Busch


Ein Roman in Montagetechnik
Die kurzen Erzählsequenzen, überschrieben mit dem Namen des Berichtenden, werden von Beiträgen des Anwalts, des Gefangenen sowie Memos der Journalistin unterbrochen. Man erfährt von ihrer Freundschaft in einer typischen Vorstadtsiedlung und vom Alleinstellungsmerkmal des Freundes: dem reichen Erbonkel, Fluch und Segen zugleich, denn er mischte sich maßgeblich und unangenehm in sein Leben ein.

Nach der Festnahme setzten die Freunde auf der Suche nach dem „wahren Täter“ Himmel und Hölle in Bewegung, versuchten, die Berichterstattung zu beeinflussen, und erklärten den Justizapparat zum befangenen Feind.

Den euphorischen Tatendrang stellte ein zermürbender Prozess auf eine lange Geduldsprobe, dessen von der Clique empfundene Kleinteiligkeit sich beim Lesen sehr gut überträgt. Erschreckende Indizien tauchten auf, aber auch unerklärliche Fakten, die den Optimismus immer wieder anheizten. Trotzdem und trotz des bestehenden Drucks innerhalb der Gruppe ließen sich aufkommende Zweifel nicht verhehlen, insbesondere als überraschend andere Unaufrichtigkeiten des Freundes ans Tageslicht kamen.

Viele offene Fragen
Obwohl ich zusammenhängende Texte in Romanen bevorzugen, sorgt die geschickt eingesetzte Montagetechnik mit den sich immer wieder in Nuancen widersprechenden Aussagen für einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Natürlich schwebt die Frage von Schuld oder Unschuld des Freundes über allem, doch stand die Gruppendynamik für mich deutlich im Vordergrund: Was ist Freundschaft? Wie weit muss Loyalität gehen? Kann ein Mörder ein Freund bleiben? Kämpft die Clique nur um des Freundes oder auch um ihrer selbst willen? Sabine, promovierte Astronomin, klug, reflektiert, direkt, sarkastisch und für mich das ehrlichste Gruppenmitglied, stellt nach dem Prozess die vielleicht interessanteste Frage:

Wäre das vielleicht alles anders gelaufen, wenn wir unserem Freund nicht von Anfang an den Heiligenschein verpasst hätten? Könnte es sein, dass wir ihn in diese Rolle [..] hineingezwungen haben? (S. 276)

Ein Leben lang ist ein empfehlenswerter Roman mit viel Diskussionspotential, der einen garantiert grübelnd zurücklässt.

Christoph Poschenrieder: Ein Leben lang. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Jonathan Lee: Der große Fehler

  Andrew Haswell Green, der vergessene Vater von Greater New York

 

Wie kann ein Mann, der New York in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so maßgeblich veränderte, derart in Vergessenheit geraten? Jonathan Lee, 1981 in Großbritannien geborener Autor, stieß im Central Park auf eine Bank mit einer Inschrift, die ihn zu jahrelangen Recherchen und schließlich zu diesem Roman veranlasste:

IN HONOR OF ANDREW HASWELL GREEN
DIRECTING GENIUS OF CENTRAL PARK IN ITS FORMATIVE PERIOD
FATHER OF GREATER NEW YORK […]

Aufstieg eines Außenseiters
Andrew Green kam 1820 in Massachusetts auf der Farm einer angesehenen, jedoch in Schulden geratenen kinderreichen Familie zur Welt. Früh verhielt er sich anders als andere Kinder, las, nachdem er kurz vor seinem 15. Geburtstag endlich eine Brille bekommen hatte, wie ein Besessener, war schmächtig und ein Ordnungsfanatiker. Wegen seiner gesellschaftlich nicht akzeptierten Zuneigung zu einem Freund schickte der Vater ihn mit 15 Jahren als Lehrling in eine Gemischtwarenhandlung nach New York. Die Begegnung mit dem sechs Jahre älteren aufstrebenden Juristen und späteren demokratischen Präsidentschaftskandidaten Samuel Tilden aus reichem Hause veränderte Greens Leben und ermöglichte ihm nach diversen anfänglichen Rückschlägen den Aufstieg. Er studierte Jura und setzte sich für seine Herzensanliegen ein: öffentlicher Raum für jedermann, Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für Schwarze. Auf ihn gehen viele, teils umstrittene stadtplanerische Maßnahmen zurück, unter anderem der Central Park, das Metropolitan Museum of Art, das American Museum of Natural History, die New York Public Library und die Vereinigung von fünf Bezirken, wodurch Brooklyn seine Unabhängigkeit verlor, für manche ein großer Fehler, einer von mehreren im Roman.

Der „Mordfall des Jahrhunderts“
Der Roman beginnt mit der Ermordung des 83-jährigen Green 1903 mittels fünf Schüssen auf offener Straße. Die Suche nach dem Motiv des Schwarzen Cornelius Williams zieht sich durch den gesamten Roman und Inspector McClusky gerät mächtig unter Druck. Trotzdem ist Der große Fehler kein Krimi, denn im Mittelpunkt stehen Episoden aus Greens Leben, aber auch unzählige, oft bizarre Anekdoten wie die eines Elefanten, der mit New Yorker Stadtplan das Cover schmückt. Die von Green erdachten Tor-Namen des Central Park, „jeder Name eine Perspektive auf den Charakter der Stadt“ (S. 53), dienen, mal mehr, mal weniger passend, als Kapitelüberschriften.

Mehr Anekdoten als Fakten
So interessant die Figur Andrew Green ist, so wenig überzeugte mich die Konzeption des Romans. Anekdoten dürfen einen biografischen Roman schmücken, aber wenn, wie hier, der Porträtierte zu ihren Gunsten aus dem Fokus gerät, der Text kapitelweise zerfasert und dahinplätschert, geht die Balance verloren. Viele Fragen blieben deshalb leider unbeantwortet: Wie konnte jemand mit lückenhafter Schulkarriere Jura studieren? Wie wurde Green vom Anwalt zum Stadtplaner? Auf welche Weise engagierte er sich für Bildungsgerechtigkeit und gegen Rassendiskriminierung? Wie kam es zu Samuel Tildens Präsidentschaftskandidatur? Hätte ich nicht parallel das Internet bemüht, der Wissenszuwachs wäre enttäuschend gewesen.

Dagegen gefiel mir die ebenso empathisch wie diskret beschriebene lebenslange Sehnsucht Greens nach Liebe, die er als Kind schmerzlich vermisste und als Erwachsener nicht ausleben durfte, um seine und Tildens Lebensprojekte nicht zu gefährden:

Wenn wir uns nicht auf Zehenspitzen bewegen müssten, es uns nicht so wichtig wäre, etwas zu leisten, wir uns nicht immer gegenseitig über die Schulter sehen müssten, um Fehltritte zu vermeiden? (S. 284)

Leider verschenkt der biografische Roman über einen interessanten Visionär in bewegter Zeit insgesamt viel Potential.

Jonathan Lee: Der große Fehler. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Markus Orths: Max

  Ein Künstlerroman zum Hören

Max Ernst (1891 – 1976) gehört zu den bedeutendsten Malern, Grafikern und Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Der Autodidakt war 1919 Mitbegründer der Kölner Dada-Gruppe und gehörte ab 1922 zu den Surrealisten um den Dichter André Breton. Geboren im Rheinland, kam er Anfang der 1920er-Jahre nach Frankreich. 1941 floh er von dort mit Unterstützung des berühmten Fluchthelfers Varian Fry vor der Gestapo in die USA. 1953 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er bis zu seinem Tod am Tag vor seinem 85. Geburtstag lebte.

Egal wo er sich aufhielt, welcher Strömung er folgte, in welcher Technik und mit welchem Material er arbeitete, Max Ernst war kein Mann, der alleine blieb. Zahlreiche Frauen begleiteten ihn ab seinem 19. Lebensjahr. Die sechs wichtigsten stellt der Autor Markus Orths in seinem biografischen Roman Max neben dem Künstler in den Mittelpunkt und benennt nach ihnen die sechs Kapitel, denen ein kurzer Prolog vorausgeht. Mit vier der Frauen war Max Ernst verheiratet. Fünf begleiteten ihn während 33 Jahren, die letzte weitere 33 Jahre bis zu seinem Tod.

© B. Busch

Kapitel „Lou“ und „Galapaul“
Den Reigen der Frauen eröffnet Luise Straus, genannt Lou, die Max Ernst 1918 heiratete, Mutter seines einzigen Kindes, dem Sohn Hans-Ulrich, genannt Jimmy. Als selbstbewusste, durchsetzungsfähige und intelligente Frau konnte die promovierte Kunsthistorikerin und Journalistin für sich und ihren Sohn sorgen, nachdem Max Ernst sie verließ. Doch weder er noch der Sohn konnten die Jüdin vor der Deportation aus ihrem französischen Exil und der Ermordung in Auschwitz retten.

Die erste Ehe tauschte Max Ernst 1922 gegen eine Ménage-à-trois mit dem Lyriker Paul Éluard und dessen Frau Gala, der späteren Frau von Salvador Dalí, ein.

Kapitel „Marie-Berthe“ und „Leonora“
Ehefrau Nummer zwei des mittlerweile 35-jährigen Künstlers wurde 1927 überstürzt die 21-jährige Marie-Berthe Aurenche, die psychisch nie über die Trennung hinwegkam. Leonora Carrington, eine britische Künstlerin, war 20, als der 46-jährige Max Ernst sie 1937 kennenlernte. Sie war seine große Liebe, mit der er zeitweise in einem gemeinsamen Haus in Saint-Martin-d’Ardèche lebte.

Kapitel „Peggy“ und „Dorothea“
Als die Beziehung zu Leonora in den Kriegswirren zerbrach, wurde 1941 die reiche, kapriziöse US-amerikanische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim Ernsts dritte Ehefrau, eine Verbindung, die sich schnell als Irrtum erwies. Erst als er 1943 die Malerin Dorothea Tanning kennenlernte, die 1946 seine vierte und letzte Ehefrau wurde, kam er zur Ruhe.

Mehr als schmückendes Beiwerk
Markus Orths gibt jeder der Frauen breiten Raum, stellt ihre Biografien, ihre Stärken, Ambitionen und Schwächen in den Mittelpunkt und reduziert sie nicht zum Anhängsel des berühmten Künstlers. Fast alle waren auf ihre Art beeindruckende Frauen, wobei Luise Straus für mich herausragt.

Leider gekürzt
Der Sprecher Torben Kessler liest das Hörbuch auf sechs CDs mit 456 Minuten ausgesprochen angenehm, allerdings bedauere ich sehr, dass es sich um eine gekürzte Fassung handelt. Sind die auf nur einer, der letzten, CD zusammengefassten Jahre ab 1941 eine Folge dieser Kürzung? Gerne hätte ich den vollständigen Text gehört. Trotzdem ist auch das Hörbuch empfehlenswert, gewährt es doch nicht nur Einblicke in das Leben des unermüdlichen Kunst-Erneuerers Max Ernst, sondern auch in das seiner Partnerinnen und vieler zeitgenössischer Künstlerkollegen eines überaus spannenden Jahrhunderts.

Markus Orths: Max. Sprecher: Torben Kessler. Audiobuch 2017
www.sagaegmont.com/germany/

 

Weitere Rezension zu einem Kinderbuch von Markus Orths auf diesem Blog: