Bei den Nenzen
Nicht nur in Kanada (Richard Wagamese: Der gefrorene Himmel) oder in Schweden (Ann-Helén Laestadius: Die Zeit im Sommerlicht) wurden indigene Kinder zwangsweise von ihren Eltern getrennt, auch die Sowjetunion verfuhr in gleicher Weise. Die aus Nordwestsibirien stammende, 1951 geborene Autorin Anna Nerkagi, die zur Minderheit des als Rentier-Nomaden umherziehenden Volkes der Nenzen gehört, wurde mit sechs Jahren von den Behörden zur Umerziehung in einem Internat untergebracht. Im Gegensatz zu vielen anderen kehrte sie nach einem Studium 1980 zurück und gründete 1990 eine Schule für nenzische Kinder in der Tundra, in der sie auch unterrichtet.
Weiße Rentierflechte ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman einer nenzischen Autorin und handelt von den schmerzlichen Lücken, die die Wegziehenden hinterlassen, der Konfrontation traditioneller indigener Lebensweise mit der Moderne und der Entfremdung zwischen den Generationen.
Eine Hochzeit wie eine Beerdigung
Das kleine Nomadenlager im Roman besteht nur noch aus zwei kegelförmigen Wohnzelten, sogenannten Tschums, seit ein Jahr zuvor Lamdo, die Frau von Petko, gestorben ist. Wo keine Frau mehr über das Feuer wacht, muss der Mann Unterschlupf bei Nachbarn suchen, denn obwohl die Frauen in völliger Unterordnung leben, sind sie die unbestrittenen Herrinnen des Tschums und seines Feuers. Petkos Tochter Ilne ist seit sieben Jahren nicht mehr zu Besuch gekommen und nicht nur der Vater, der sich in Einsamkeit und Resignation auf seinen Tod vorbereitet, auch der Nachbar Aljoschka, dem sie sich einst versprochen hatte, leidet an gebrochenem Herzen.

Doch nun kann sich der 26-jährige Aljoschka, der seiner großen Liebe aus Verantwortung für die Familie und die Tradition nicht in die Stadt folgte, dem Drängen der Mutter und der Gemeinschaft zur Hochzeit mit einem für ihn in einem anderen Nomadenlager ausgesuchten Mädchen nicht mehr entziehen:
Das hier ist eine Beerdigung und keine Hochzeit. Heute beerdigt er das, was in ihm lebte, verborgen vor anderen, süß, quälend und freudvoll – das Liebste und Strahlendste, das er in seinem Leben erfahren hat.
Er beerdigt seine Liebe. (S. 11)
Äußerlich beugt sich Aljoschka, aber er rebelliert still, indem er das Mädchen nicht anrührt und sich die Möglichkeit ihrer Rückgabe an die Familie offenhält. Ihr, seiner Mutter und der nenzischen Gemeinschaft fügt er damit eine große Kränkung zu, die die Frauen mit Klugheit und Ausdauer zu überwinden versuchen.
Eine literarische Perle
Anna Nerkagi erzählt diese äußerst bewegende, nur 165 Seiten umfassende Geschichte über das mit der Verantwortung für die Gemeinschaft kollidierende Glück des Einzelnen und den Generationenkonflikt vor dem Hintergrund der archaischen Lebensweise und der Mythen traditioneller Rentier-Nomaden, deren Überleben in menschenfeindlicher Umgebung nur durch Zusammenhalt möglich ist. Ebenso lehrreich wie gut verständlich sind die 14 Seiten umfassenden Erläuterungen, Kleines ABC des nenzischen Lebens im Anhang. In dichter, ruhiger, poesievoller Erzählweise vermittelt der im russischen Original bereits 1996 erschienene Roman tiefe Einsichten in eine unbekannte Welt. Die erste deutsche Ausgabe in der ausgezeichnet zu lesenden Übersetzung von Rolf Junghanns erfolgte 2021 im Verlag Faber & Faber mit Fotos des brasilianischen Fotografen und Friedenspreisträgers Sebastião Salgado, die Taschenbuchausgabe von 2024 stammt aus dem Unionsverlag.
„Vieles, was über kleine Völker geschrieben wird, ist eine Fantasie von Leuten, die durch ein Fernglas auf das Ufer schauen“, schrieb der tschuktschische Autor Juri Rytchëu (1930 – 2008). Für Richard Wagamese, Ann-Helén Laestadius und Anna Nerkagi gilt das glücklicherweise nicht, was ihre Bücher umso wertvoller und höchst lesenswert macht.
Anna Nerkagi: Weiße Rentierflechte. Aus dem Russischen von Rolf Junghanns. Unionsverlag 2024
Rezension zu einem weiteren Roman mit Bezug zum Volk der Nenzen auf diesem Blog: