Abschiedsfahrt

An einem ruhigen, regnerischen achten November erwacht der Fährmann Nils Vik und weiß, dass es der letzte Tag seines Lebens sein wird. Er ist alt geworden, seine geliebte Frau Marta und seine Hündin Luna sind längst tot, die Töchter Eli und Guro leben ihr ihm fremdes Leben in der Stadt und eine Brücke über den Fjord ersetzt seine Dienste. Der Blick in den Spiegel zeigt ihm, dass seine Zeit um ist:
Jetzt sah er einen Mann, der nicht länger wusste, wohin er unterwegs war. (S. 6)
Er absolviert sein Morgenritual, bringt das Haus, in dem er immer gelebt hat, in Ordnung, verbrennt seine Matratze und hinterlässt seinen Töchtern eine Karte:
Ich bin weggefahren und kehre nicht mehr zurück. Passt gut auf euch auf. Vater. (S. 8)
Er wird den Tag auf seinem geliebten Boot verbringen, auf dem Fjord kreuzen, wie er es immer getan hat, und dann das offene Meer ansteuern.
Ein ganzes Leben
Was zu Beginn wie ein Buch über den Tod wirkt, entpuppt sich schnell als würdevolle Abschiedsfeier, denn viele inzwischen Verstorbene, die er einst zuverlässig befördert hat, erweisen ihm noch einmal die Ehre. In seinen Logbüchern hat er sie alle verzeichnet, nebst Wind und Wetter, Seegang und besonderen Vorkommnissen. Sie warten auf ihn am Ufer, an den Anlegestellen und auf der Brücke, strömen aus dem Wald und aus dem Gebüsch herbei, allen voran seine vor Jahrzehnten verunglückte Hündin, die ihm den ganzen Tag Gesprächspartnerin ist.
Viele kleine Episoden aus dem eigentlich unspektakulären, nicht immer leichten Leben eines gewöhnlichen Fährmanns erzählt der 1960 geborene Norweger Frode Grytten in seinem nur 186 Seiten umfassenden Roman Der letzte Tag des Fährmanns, und doch gehen sie nah. Sie zeichnen das Bild eines zutiefst rechtschaffenen, empathischen, bescheidenen, unperfekten und liebenswerten Mannes. Nils Vik erfüllte als Fährmann immer mehr als nur seine Pflicht, wenn er die Menschen über den Fjord zu Einkäufen, zur Kirche, Arbeit oder Schule, zum Arzt, zu Hochzeiten, Beerdigungen oder zur Brautschau fuhr. Er war Gesprächspartner, vor allem jedoch Zuhörer, offen für ihre Höhen, Tiefen und Sehnsüchte und griff bisweilen still und beherzt ein, ohne Dank zu erwarten. Nun danken sie es ihm, indem sie ihn an diesem letzten Tag begleiten.

Bunter Reigen
Nicht nur Nils Vik und die großartige Natur am Fjord durch alle Jahreszeiten lernt man im Laufe der Lektüre immer besser kennen, auch die Reisenden mit ihren ganz unterschiedlichen Schicksalen werden lebendig. Es entsteht ein farbenfrohes, vielstimmiges Bild des Lebens am Fjord, wie es war, als man noch einen Fährmann brauchte, und wie es sich über die Jahrzehnte veränderte.
Je weiter Nils Vik Richtung Meer fährt, desto mehr verschwimmen Realität und Fiktion, bis schließlich bei Einbruch der Nacht alle aufs Boot strömen und aus dem wiedererwachten Radio Nachrichten wie diese zu ihm ins Ruderhaus dringen:
Er hat in allen das Gute gesehen, denke ich, er sorgte sich um alle, ich habe ihm so viel zu verdanken. (S. 182)
Mich hat dieser ruhig und völlig unsentimental erzählte, nicht dunkle, sondern tröstliche Roman mit dem wunderschönen Cover über einen Mann, der so würdevoll in den Tod geht, wie er gelebt hat, bezaubert und außerordentlich berührt. Der letzte Tag des Fährmanns bietet alles, was ich an norwegischer Literatur liebe, und ich verstehe sehr gut, warum Frode Grytten 2023 dafür unter anderem mit dem renommierten Brageprisen ausgezeichnet wurde.
Frode Grytten: Der letzte Tag des Fährmanns. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Penguin 2025
www.penguin.de/verlage/penguin
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