Hannah Häffner: Die Riesinnen

  Vom Weggehen und Bleiben

Das fiktive Dorf Wittenmoos im Südschwarzwald ist der Schauplatz des literarischen Debüts der Autorin Hannah Häffner, die zuvor bereits drei Nord- bzw. Ostseekrimis veröffentlicht hat.

In einer dörflichen Gemeinschaft, die jede Form von Individualität ausgrenzt, fallen die Frauen der Familie Riessberger schon durch ihr Äußeres aus dem Rahmen: mit ihrer auffallenden Größe, hageren Gestalt, geradem Rücken, roten Locken und heller Haut. Was sie einerseits einschränkt, eröffnet ihnen gleichzeitig Freiräume abseits der üblichen Wege.

In fünfzehn Kapiteln, fünf für jede der drei Frauen aus drei Generationen, erzählt Hannah Häffner chronologisch weit mehr als nur deren Lebensgeschichte. Es geht um Zugehörigkeit und Außenseitertum, Fernweh, Wurzeln, die einerseits Sicherheit geben, andererseits binden, Freiheit, die im Gehen oder Bleiben liegen kann, Fremd- und Selbstbestimmung, Mütter und Töchter, Freundschaft und Liebe, allmähliche Veränderungen in der Dorfgesellschaft, zeitgeschichtliche Ereignisse wie die Anti-Atomkraftproteste in Wyhl oder den Mauerfall und vor allem um Heimat, die allen in den Knochen steckt, ob sie wollen oder nicht:

Was ist Heimat, wenn nicht eine Zuflucht vor einer Angst, die du ohne sie nicht hättest? (S. 100)

Drei Frauen und ihr Wald
Neben Liese, Cora und Eva steht der Wald als vierter Protagonist im Mittelpunkt, ohne den man sie nicht verstehen kann. Er ist ihnen Ruhe-, Trost-, Kraft- und Zufluchtsort, wenn sie nicht mehr weiterwissen:

Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. (S. 6)

Hannah Häffner: Die Riesinnen. Schwarzwald-Fotos: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Penguin.

Es beginnt mit Liese, die Anfang der 1960er-Jahre in einer lieblosen Ehe mit dem dominanten designierten Metzgereierben Bernhard feststeckt. Die Geburt ihrer Tochter Cora setzt ihren Träumen vom Weggehen ein Ende. Nach Bernhards frühem Unfalltod kämpft sie als alleinerziehende Mutter wie eine Löwin um ihre und Coras Zukunft. Mit  großer Willenskraft und Fleiß ertrotzt sie sich zwar nicht Zuneigung, doch zumindest Anerkennung im Dorf.

Cora vermisst Bernhard genau so wenig wie Liese. Mobbing und Übergriffe auf das „Satanskind“ lassen sie zu einer wütenden Jugendlichen heranwachsen mit nur einem Ziel: fort aus Wittenmoos. Liese respektiert Coras Freiheitsdrang und nimmt sie bei ihrer unfreiwilligen Rückkehr ohne Vorwürfe wieder auf:

Aber das ändert ja nichts daran, dass sie für so ein Leben nicht gemacht, nie gedacht gewesen ist. Sie hat die ganze Welt sehen wollen, stattdessen ist ihre Welt nun winzig. (S. 223)

Coras Tochter Eva kennt kein Außenseitertum, die Welt hat sich auch in Wittenmoos verändert, sie ist lustig, beliebt und strotzt vor Selbstbewusstsein. Cora legt ihr die Welt zu Füßen, aber Evas Vorstellung von Freiheit ist eine andere:

Sie könnt alles werden, aber es scheint, als wollt sie dies Alles gar nicht. (S. 260)

Literarisch, intensiv, unterhaltsam
Die Riesinnen
ist ein Roman mit einem ganz eigenen Zauber, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat, und beweist, dass literarischer Anspruch und gute Unterhaltung kein Widerspruch sind. Nachhaltig beeindruckt hat mich die enge Verbindung der Frauen, die sich dennoch Freiräume lassen, Entscheidungen akzeptieren, die sie nicht verstehen, und Geheimnisse respektieren.

Die 1985 in Heidelberg geborene Hannah Häffner hat einen Heimatroman im besten Sinn geschrieben, einen Dorf- und Familienroman ohne Pathos und Klischees, anrührend ohne Rührseligkeit, mit mehrdimensionalen, unvergesslichen Protagonistinnen und fantastischen Waldbeschreibungen. Die Erzählstimme ist je nach Hauptfigur moderat angepasst, jedes Wort und Bild sitzt, die Sätze sind präzise, ruhig, oft poetisch und brennen sich ein:

Man muss einen Ort nicht lieben, um ihn nicht loszuwerden, wohin man gehört, entscheidet man schließlich nicht selbst. Man steuert seine Wurzeln nicht, sie suchen sich selbst ihr Stück Erde, und man muss dann damit leben. (S. 340)

Unbedingt lesen!

Hannah Häffner: Die Riesinnen. Penguin 2026
www.penguin.de

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