Henrik Ibsen: Ein Volksfeind

  Einer gegen alle

Gleich zwei Romanen des Jahres 2025 nehmen Bezug auf das naturalistische Schauspiel Ein Volksfeind des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Henrik Ibsen (1828 1906), dem eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. Im Roman Halbinsel von Kristine Bilkau, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025, erkennt die Protagonistin Parallelen zwischen dem unbestechlichen Idealisten, der durch das Verkünden einer unbequemen Wahrheit zum Volksfeind wird, und ihrer Tochter, einer Umweltwissenschaftlerin in der Sinnkrise:

An den Fakten würde das nichts ändern, sie würden dadurch nicht weniger wahr. Aber sie glaube nicht mehr daran, dass Menschen sich durch Fakten beeinflussen ließen. (Halbinsel, S. 146)

Im Roman Acht Jahreszeiten der samisch-norwegischen Autorin Kathrine Nedrejord stemmt sich die Ich-Erzählerin gegen den Vorwurf der Besserwisserei beim Aussprechen dessen, was sie für wahr hält:

Was spielt es für eine Rolle, ob die Erde rund ist? «Ein Volksfeind» sagte etwas anderes. (Acht Jahreszeiten, S. 349)

Nicht nur zitiert wird Ein Volksfeind bis heute, das Drama wird auch seit der erfolgreichen Erstaufführung 1883 gespielt und dient als Schullektüre.

Idealist versus Pragmatiker, Wahrheit versus Egoismus
Doktor Tomas Stockmann ist Badearzt in einem Ort an der norwegischen Südküste und Initiator des Kurbetriebs seiner Heimatstadt. Nach ärmlichen Jahren im Norden ist er mit seiner Familie dorthin zurückgekehrt und profitiert – wie alle in der Stadt – von der neuen Einnahmequelle.

Aufgeschreckt durch vermehrte Erkrankungen unter den Badegästen hat er heimlich Proben an die Universität geschickt, die darin eine gesundheitsschädliche Häufung von Bakterien findet. Nachdem er zunächst für seine Entdeckung gefeiert wird, schlägt die Stimmung um, als sein älterer Bruder Peter Stockmann, Stadtrichter, Polizeidirektor und Vorsitzender der Badeverwaltung, der Bevölkerung die Kosten für die notwendigen Baumaßnahmen und eine zweijährige Schließung vorrechnet:

Ein Mann, der seine eigene Vaterstadt auf eine solche Weise beschimpft, muss ein Feind der Gesellschaft sein. (2. Akt)

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. © B. Busch.

Revolution!
Die chemische Analyse wird angezweifelt, man versucht, den Idealisten und Vorkämpfer für die Wahrheit mundtot zu machen. Nun geht es für den Arzt plötzlich um Größeres:

Denn jetzt handelt es sich nicht mehr etwa nur um das Wasserwerk oder um die Sickergrube. Nein, unsere ganze Gesellschaftsordnung muß gereinigt, muß desinfiziert werden – . (3. Akt)

Die Volksversammlung im vierten Akt zementiert seine Niederlage, in deren Folge es zu Handgreiflichkeiten und Angriffen auf seine Integrität kommt. Angestachelt vom Widerstand verliert er zunehmend die Kontrolle und verzweifelt am in seinen Augen scheinheiligen, korrupten politischen System, an der Demokratie und der Majortät:

Ich bin entschlossen, Revolution zu machen gegen die Lüge, daß die Mehrheit die Wahrheit gepachtet hätte. (4. Akt)

Auch die Ursachen für die Manipulierbarkeit des Volkes benennt er klar:

Nein, es sind die Verdummung, die Armut, die Dumpfheit der Lebensbedingungen, die diese verheerende Wirkung haben. (4. Akt)

Beruflich kaltgestellt und privat geächtet, will er sich, anstatt auszuwandern, fortan der Erziehung der Massen widmen, insbesonders der „Straßenköter“.

Auch wenn Tomas Stockmanns Zweifel an der Demokratie gerade heute angesichts vielfältiger weltweiter Angriffe auf diese Herrschaftsform höchst gefährlich sind, erfährt das gesellschaftskritische Drama Ein Volksfeind über Themen wie Wahrheit, Freiheit, Mehrheit und Manipulation durch seine verblüffende Aktualität zurecht immer noch große Beachtung.

Henrik Ibsen: Schauspiele. Übertragen von Hans Egon Gerlach. Mit einem Vorwort von Joachim Kaiser. Hoffmann und Campe 1977. Darin: Ein Volksfeind. S. 395 – 492.

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