Jon Fosse: Vaim

   Rätselhafte Macht und Ohnmacht

Bei einer Abendveranstaltung des Gastlands Norwegen auf der Leipziger Buchmesse 2025 hatte ich das große Glück, den Schauspieler Joachim Król bei einer Vorablesung aus Vaim, dem ersten Buch von Jon Fosse nach der Literaturnobelpreisverleihung 2023, zu erleben. Mit Hinrich Schmidt-Henkel im Publikum, dem sämtliche großartigen Übersetzungen dieses Autors ins Deutsche zu verdanken sind, las Joachim Król großartig und mit sparsamen Gesten die ersten Seiten. Darin wird der Ich-Erzähler Jatgeir beim Kauf von Nadel und Faden zum Annähen loser Knöpfe von der Besitzerin eines Kleiderladens gründlich abgezockt und fügt sich nach innerem Kampf in die Demütigung.

Joachim Król (links) und der Moderator Thomas Böhm (rechts) bei der Norwegischen Nacht im März 2025 in Leipzig. © B. Busch.

Drei männliche Ich-Erzähler
Die aberwitzige Komik dieser Szene kam für mich beim Zuhören noch deutlicher zur Geltung als beim Lesen. Nun überwog das Mitgefühl mit dem unbeholfenen älteren Mann aus dem fiktiven Dorf Vaim an der norwegischen Westküste, der extra wegen dieses Anliegens mit seinem über alles geliebten Holzboot in die Stadt Bjørgvin segelt. Er erleidet an diesem Tag noch eine weitere Niederlage in einem Kolonialwarenladen in Sund auf Santor, bevor das Schicksal mit einer großen Überraschung aufwartet. Plötzlich hört er seinen Namen, gerufen von seiner heimlichen, nie vergessenen Jugendliebe Eline, die Vaim vor vielen Jahren verließ und einen Fischer auf Santor heiratete. Kaum hat er sich davon überzeugt, dass er nicht halluziniert, teilt Eline ihm mit, dass sie ihren Mann verlassen, mit ihrem Koffer auf seinem Boot nach Vaim zurückkehren und bei ihm einziehen wird. Wer denkt, für den einsamen Jatgeir ginge ein Wunschtraum in Erfüllung, irrt:

[…] wollte ich nicht lieber weiter allein wohnen, wie ich es getan hatte, ja seit dem Tod meiner Eltern, und das waren mittlerweile ein paar Jahre, aber jetzt ging es wohl nicht mehr darum, was ich wollte oder nicht wollte, jetzt herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille, alles war irgendwie auf einmal verändert, jetzt herrschte hier Elines Wille […] (S. 55)

Jon Fosse: Vaim. Fotos: © M. u. B. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

Im zweiten Teil des Romans geht die Erzählstimme auf Jatgeirs einzigen Freund Elias über, einen Außenseiter wie er, im Gegensatz zu ihm jedoch gläubiger Kirchgänger. Elias ist nicht gut auf Eline zu sprechen, denn seit sie Chefin in Jatgeirs Haus ist, ist er einsamer denn je. Der Tag, an dem er erzählt, beschert ihm ein übernatürliches Erlebnis.

Dritter Erzähler ist Olav, der verlassene Ehemann. Er hat Eline als ebenso übergriffig erlebt wie Jatgeir, nicht nur, weil sie ihn von Beginn an Frank nannte. Überhaupt ist das Spiel mit den Namen kurios: Jatgeir heißt eigentlich Geir, Eline eigentlich Josefine und Bjørgvin ist der alte Name von Bergen, obwohl es Hinweise gibt, dass der Roman in einer nähergelegenen Vergangenheit spielt.

Ein stummes Zentrum
Vaim
ist der erste Band einer Triologie. Nur die männlichen Protagonisten geben hier ihre Sicht wieder, während Eline, die die Männer wie Schachfiguren herumschiebt, stumm und undurchschaubar bleibt. So bleibt es uns Lesenden überlassen, ihr rätselhaftes Durchsetzungsvermögen einzuordnen, zu bewerten und zu diskutieren.

Das Fosse-Virus
Nach der Novelle Das ist Alise war Vaim das zweite Buch von Jon Fosse für mich, ebenso frei von Punkten und Anführungszeichen und mit nur wenigen Zeilensprüngen, einem atemlosen Wortstrom mit hypnotisierendem Rhythmus, wiederkehrenden Motiven, viel nordischer Atmosphäre und nun sogar feinem Humor.

Wer dem typischen Fosse-Stil nichts abgewinnen kann, wird auch Vaim nicht mögen. Wer allerdings vom Fosse-Virus genauso infiziert ist wie ich oder sich anstecken lassen möchte, dem lege ich den nur 156 Seiten kurzen, nicht schwer zu lesenden Roman wärmstens ans Herz.

Jon Fosse: Vaim. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt 2025
www.rowohlt.de

 

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