Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten

   Wütend und laut

Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: Norwegen (ca. 40.000 – 65.000 Sámi), Schweden (ca. 20.000 – 40.000), Finnland (ca. 8.000 – 10.000) und Russland (ca. 2.000). Auch ohne blutige Kolonialkriege wurde die Bewegungsfreiheit der Urbevölkerung immer stärker eingeschränkt, ihre Kultur, Sprache, Musik, Kleidung, Traditionen, Religion und Kunst zu Gunsten einer staatlichen Homogenisierung bekämpft, ihre Geschichte geleugnet, ihr Territorium besiedelt, ihre Schädel von Rassentheoretikern vermessen, ihr Stolz und Selbstbewusstsein zerstört. Obwohl heute wieder samisch gesprochen werden darf, Weiderecht für Rentiere festgeschrieben ist, samische Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden für gewisse Mitspracherechte sorgen und zumindest Norwegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat, bleibt das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung problematisch.

Sápmi-Flagge, umgeben von den Flaggen Dänemarks, Norwegens, Finnlands und Russlands. © B. Busch.

Ein Sámi-Problem?
Die 1987 geborene samisch-norwegische Autorin Kathrine Nedrejord hat darüber einen Roman geschrieben, der auf Deutsch nach der samischen Jahreseinteilung Acht Jahreszeiten heißt, im norwegischen Original jedoch wesentlich provokanter Sameproblemet.

Im Mittelpunkt steht die Samin und Journalistin Marie Engmo, samisch Márjá, die wie die Autorin seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte sie im mehrheitlich samischen Márkannjárga an der norwegisch-finnischen Grenze, bevor sie in Seifjord an der Westküste als einzige Sámi ihrer Klasse Spott und Hass erfuhr, dadurch wirklich Sámi wurde und gleichzeitig ihre Sprache verlor. Nach dem Abitur im Internat in Alta suchte sie im Studium Abstand in Oslo, fühlte sich dort jedoch zerrissener und fremder im eigenen Land denn je:

Ich befand mich zu nah an der Finnmark und doch zu weit weg. (S. 70)       

Erst in Frankreich konnte Marie ihre schmerzhaften Erinnerungen verbannen, indem sie ihre Herkunft ausblendete und sich weigerte, über den Norden zu schreiben.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Hintergrundfoto (bei Márkannjárga): © M. Busch. Kleine Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Eichborn.

Zwei Ereignisse erschüttern die Verdrängung ihres samischen Traumas: Zuerst wird sie Mutter und begreift, dass „ich nicht weiß, wie man Mutter in einer anderen Sprache als der eigenen ist“ (S. 52). Vier Monate später stirbt ihre Áhkku, ihre Großmutter. Marie kehrt zur Beerdigung alleine nach Márkannjárga zurück. Sofort ist sie wieder „Teil des Familienorganismus“ (S. 62), den sie jahrelang gemieden hat, gute wie schmerzhafte Gefühle und Gedanken kehren zurück. Schlagartig begreift sie, dass sie zwar nicht über den Norden, wohl aber über ihre Áhkku schreiben kann. Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend mischen sich mit Geschichten über die Frauen der Familie, insbesondere die Großmutter.

Neue indigene Frauenstimmen
Mit den Romanen der schwedisch-samischen Autorinnen Ann-Helén Laestadius (Das Leuchten der Rentiere und Die Zeit im Sommerlicht) und Elin Anna Labba (Das Echo der Sommer) sowie der kvenisch-norwegischen Autorin Ingeborg Arvola (Der Aufbruch) gibt es inzwischen erfreulicherweise immer mehr vielbeachtete, teilweise preisgekrönte Texte aus indigener Perspektive. Alle rücken das Unrecht gegenüber der Urbevölkerung ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung, keine jedoch ist ähnlich wütend, bitter, laut und zerrissen wie Kathrine Nedrejord mit Maries Weigerung, „über historische Wunden [zu] sprechen, als handle es sich um neutrale Fakten“ (S. 165) und deren Wutausbrüchen in Großbuchstaben:

WIR WOLLTEN EXISTIEREN, UND WIR WOLLTEN SÁMI SEIN.
EINS VON BEIDEN WAR ZU VIEL. (S. 165)

Acht Jahreszeiten ist ein fordernder Roman in wunderschöner Aufmachung, der zeitlich springt, aufrüttelt, sich auf das Schicksal anderer Minderheiten übertragen lässt und überhaupt nicht zum positiven Image des wunderbaren Reiselands Norwegen passt.

Glücklicherweise irrt Marie mit ihrer Vermutung, ihr Text würde, wie der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Assimilierungspolitik der norwegischen Minderheiten von 2023, weitgehend unbeachtet bleiben. Immerhin hat Kathrine Nedrejord für diese politische Wutrede und ihr Plädoyer für gleichberechtigte Inklusion statt Homogenisierung unter anderem 2024 den renommierten Brageprisen erhalten.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Übersetzung aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat. Eichborn 2025
bastei-luebbe.de/unternehmen/unsere-verlage/eichborn

 

Weitere Romane über die nordischen Minderheiten der Sámi und Kvenen auf diesem Blog:

           

Weitere Rezension zu  einem Roman, der mit dem renommierten Brageprisen in der Kategorie „Belletristik für Erwachsene“ ausgezeichnet wurde:

2000
2022

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