Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter

   Zwischen allen Stühlen

Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für Dann schlaf auch du zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher Übersetzung mit Das Land der Anderen der erste Band ihrer zwischen Frankreich und Marokko angesiedelten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Trilogie. Im Mittelpunkt stand die Elsässerin Mathilde, die den marokkanischen Offizier Amine Belhaj heiratete und ihm 1946 aus Liebe und Abenteuerlust in sein Heimatland folgte.

Bevor Leїla Slimani 2022 den zweiten Band, Schaut, wie wir tanzen, über die nächste Generation veröffentlichte, beschrieb sie in ihrem autobiografischen Memoir Der Duft der Blumen bei Nacht ihre Qualen beim Schreiben:

Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir. Nichts stellt sich ein. Weder ein Wort noch ein Bild, noch der Beginn einer Melodie, die mich dazu hinreißt, ein paar Sätze zu Papier zu bringen. (S. 11)

Noch stärker ausgeprägt ist die Schreibblockade ihrer Protagonistin Mia Daoud in der Rahmenhandlung des dritten Bandes, Trag das Feuer weiter. Diese Enkelin von Mathilde und Amine lebt als Schriftstellerin in Paris und wird von einem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns mit totaler Erschöpfung gequält. Ein Neurologe diagnostiziert „brain fog“ infolge einer Corona-Infektion. Er empfiehlt ihr Marcel Proust als Vorbild, der in einer berühmten Szene aus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit dem Eintauchen einer Madeleine in Tee seine Kindheit heraufbeschwört:

Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine. (S. 25)

Mias „Madeleine“ ist eine Reise nach Meknès zur Domaine Belhaj ihrer verstorbenen Großeltern.

Zwei Welten
Mia und ihre jüngere Schwester Inès wachsen in Rabat bei wohlhabenden. liberalen Eltern in einer Blase auf: Der Freiheit zuhause steht die Unfreiheit einer patriarchalen Diktatur draußen gegenüber. Ihre Mutter Aïscha ist Gynäkologin, hat in Straßburg studiert und Mehdi Daoud, einen ehrgeizigen Banker und Aufsteiger geheiratet, der von einer neuen Mittelschicht träumt. Die Mädchen besuchen mit anderen sorgfältig Auserwählten das französische Gymnasium, im Volksmund „Fette-Knete-Gymnasium“ genannt, mit Lehrkräften aus Frankreich:

Eine Enklave, in der eine auf ausländische Weise in einer ausländischen Sprache erzogene Elite sich selbst reproduzierte und, völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte, ohne schlechtes Gewissen herrschen würde. (S. 139)

Umso größer ist der Schock, als die lesbische Mia und Inès zum Studium nach Paris kommen, in das Land, dessen Kultur und Sprache sie beherrschen, das ihnen jedoch voller Klischees und Vorurteilen begegnet. Mia hat die Warnung ihres Vaters vor einer Rückkehr im Ohr, der nach einer Intrige entlassen, später verhaftet und erst 2011, acht Jahre nach seinem Tod, rehabilitiert wird:

Die Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln. […] Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. […] Mein Schatz, verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein, misstraue der Wärme deines Zuhauses. (S. 237)

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Foto & Collage: © B. Busch. Cover: © Luchterhand.

Ein großartiger Abschluss
Trag das Feuer weiter führt alle Fäden der Familiengeschichte zusammen und beleuchtet multiperspektivisch die zentralen Themen Identität und Integration, Heimat und Fremde, Frauenrechte und Patriarchat, Freiheit und Diktatur, Rassismus und Einsamkeit. Die Figuren agieren vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wie dem Fall der Berliner Mauer, dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und großen Fußballereignissen, ohne dass ihr Handeln be- oder gar verurteilt wird.

Das Ende der Trilogie nach gut 1200 Seiten vor Augen, habe ich immer langsamer gelesen, so ungern wollte ich die Familie verlassen. Dank und Anerkennung dafür gebührt sowohl der großartigen Erzählerin Leїla Slimani, als auch ihrer langjährigen Übersetzerin Amelie Thoma, die in angenehm fließendem Deutsch auch dieses Mal wieder genau den richtigen Ton trifft.

Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter. Aus dem marokkanischen Französisch von Amelie Thoma. Luchterhand 2026
www.penguin.de/verlage/luchterhand-literaturverlag

 

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