Nadine Schneider: Das gute Leben

   Falsche Perlen

Der Traum vom guten Leben führt Anni Hoffmann aus der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens Mitte der 1960er-Jahre vom Banat nach Deutschland. Von ihrer Flucht und ihrem Ankommen im Wirtschaftswunderland, ihrer Rastlosigkeit, dauerhaften Verlorenheit, Einsamkeit, Erschöpfung und Sprachlosigkeit, ihren Enttäuschungen und den schwierigen Beziehungen zwischen vier Frauengenerationen ihrer Familie erzählt die 1990 in Nürnberg geborene Autorin Nadine Schneider, selbst Tochter rumäniendeutscher Eltern, in ihrem dritten Roman Das gute Leben.

Zu spät
Viel weiß die Enkelin Christina nicht über Anni, als die Großmutter unerwartet mit 75 Jahren stirbt. Christina war bei ihr aufgewachsen, als ihre Mutter Helene in die USA ging, eine Flucht vor Anni nach einer lieblosen Kindheit. Christina, die in Berlin lebt und nach dem Studium im Marketing einer Firma begonnen hat, ist mit dem Erbe von Annis altem Häuschen nahe Nürnberg emotional überfordert. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie so wenig über Anni weiß:

Annis Tod war noch keine Möglichkeit für mich gewesen. […] Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können […] (S. 176)

Zeitlich und perspektivisch springend folgt der Roman in 62 kurzen Kapiteln mal Christina, die in der Ich-Form über einige Spätsommertage in Annis Haus und Garten kurz nach deren Tod und von ihren spärlichen Erinnerungen erzählt, mal dem Rückblick auf Annis Leben in personaler Erzählform.

Ein desillusionierender Start
Mit 22 Jahren, schwanger und ohne den Kindsvater floh Anni nach Nürnberg, dem älteren Bruder, Tante und Onkel nach, um ihrem Kind ein „Leben im Dreck“ (S. 30) zu ersparen. Annis Mutter, die über den Entbehrungen als verlassene, alleinerziehende Frau, deren Mann nach dem Krieg ein neues Leben in Österreich begonnen hatte, verbittert und hart geworden war, weigerte sich zeitlebens, ihr zu folgen. Sie gestattete Anni nur Besuche, nicht die Rückkehr.

Annis Start in Deutschland war mehrfach enttäuschend. Sie fand wenig Unterstützung bei der Familie, war vom Alltag als alleinerziehende Mutter in prekären Verhältnissen überfordert und fühlte sich dauerhaft fremd. Um zu überleben, legte sie sich einen Panzer zu, der nie wieder zerbrach. Die Energie der couragierten, nie um Worte verlegene junge Frau schien mit der Flucht aufgebraucht:

Anni wird still in Deutschland. (S. 128)

Zur Ersatzheimat wurde ihr das Versandhaus Quelle, wo sie 35 Jahre hingebungsvoll schuftete, bis man ihren Arbeitsplatz kurz vor ihrem Renteneintritt abbaute. Längst hatte sie das Häuschen ihres Onkels geerbt und zog ihre Enkelin groß, die sie im Gegensatz zum eigenen Kind auf ihre schroffe Art liebte, trotzdem verwand sie diese Kränkung nie.

Unerfüllte Sehnsucht
Obwohl Annis Perlen im Gegensatz zu denen der von ihr verehrten Quelle-Chefin Grete Schickedanz unecht waren, erreichte sie viel. Ihre Sehnsucht nach dem guten Leben blieb trotzdem unerfüllt:

Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat. (S. 291)

Nadine Schneider: Das gute Leben. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © S. Fischer.

Melancholie und Hoffnung
Anni ist eine sehr stimmige, jedoch mit ihrem verschlossenen, abweisenden Charakter und ihrem verletzenden Verhalten keine sympathische Romanfigur. Allerdings wuchs während der Lektüre mein Verständnis für sie genauso wie für die drei anderen Frauen, die in tragischer Weise Verhaltens- und Kommunikationsmuster wiederholen. Jede leidet unter dem Trauma des Verlassenwerdens, Annis Mutter vom Ehemann, Anni, Helene und Christina von ihren Müttern.

Obwohl über dem ganzen Roman Melancholie hängt, schimmert am Ende Hoffnung durch: für Helene und Christina, die endlich wieder miteinander reden können, und für Christina, die einen Trieb von Annis rumänischem Weinstock für ihren Berliner Balkon mitnimmt.

Ein sehr gut geschriebener, ruhiger, klug durchdachter und nahezu männerfreier Roman, der Leerstellen nicht scheut, und den ich mit viel Freude gelesen habe.

Nadine Schneider: Das gute Leben. S. Fischer 2026
www.fischerverlage.de

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