Nicolas Mathieu: Connemara

   Zuviel und Zuwenig

Man könnte vermuten, der französische Autor Nicolas Mathieu hätte mit seinem vierten Roman erstmals seine Heimatregion Grand Est verlassen, aber das erweist sich schnell als Irrtum. Connemara spielt nicht etwa im gleichnamigen malerischen Gebiet in Westirland, sondern in der fiktiven Kleinstadt Cornécourt zwischen Épinal am Südwestrand der Vogesen, wo der Autor 1978 geboren wurde, und Nancy, der ehemaligen Hauptstadt des Herzogtums Lothringen, wo er inzwischen lebt. Auf dieser Region und ihren Menschen ruht der analytische Blick des Soziologen Nicolas Mathieu, ihre Lebensrealität in der postindustriellen Provinz, ihre Träume, Erfolge, Niederlagen, Ausbrüchen oder Resignation ist der Stoff seiner Bücher.

Risse in der Lebensmitte
War es in seinem 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten zweiten Roman Wie später ihre Kinder das Aufwachsen Jugendlicher in den 1990er-Jahren in einer von Arbeits- und Perspektivlosigkeit gebeutelten lothringischen Provinzstadt, so ist es im 2022 erschienenen Connemara die Generation der Vierzigjährigen, die Nicolas Mathieu ins Visier nimmt. Helène Poirot stammt aus dem Kleinbürgertum und kannte immer nur ein Ziel: raus aus der Enge von Cornécourt, weg aus der ängstlichen Spießigkeit des elterlichen Milieus. Mit eiserner Disziplin, generalstabsmäßiger Planung und Fleiß schaffte sie es von der Klassenbesten über eine Top-Five-Universität in eine Pariser Consultingfirma. Dort wird die Luft jedoch dünn und mit 40 fällt sie in eine Sinnkrise. Vier Jahre nach einem Neustart in Nancy, der französischen „Provinz“, und parallel zur ersten Kandidatur von Emmanuel Macron für das Präsidentenamt 2017 tritt der Riss erneut zutage:

Und das, obwohl sie alles hatte, zumindest auf dem Papier, das Architektenhaus, den Job mit Personalverantwortung, eine Familie wie aus der «Elle», einen passablen Lebensgefährten, einen begehbaren Kleiderschrank und sogar eine gute Gesundheit. Blieb nur dieses schwer zu fassende Etwas, das sie fertigmachte, ein ständiges Zuviel und Zuwenig. Diese Zerrissenheit, die sie unbewusst in sich trug. (S. 13)

Da trifft sie zufällig Christophe Marchal wieder, ehemals umschwärmter Eishockeystar ihrer Schule und nun Handelsreisender für Hundefutter mit Bierbauch, nie aus Cornécourt herausgekommen, der bei seinem dementen Vater lebt, seinen Sohn kaum sieht und seiner Sportkarriere nachtrauert, die nie ganz nach oben führte.

Trennendes und Verbindendes
Auch wenn die meisten Stimmen Wie später ihre Kinder mehr loben als Connemara,  hat mir der neuere Roman deutlich besser gefallen: außergewöhnlich plastische, authentisch wirkende Figuren, die unter gesellschaftlichem wie familiärem Druck fast zerbrechen, die präzise Analyse des Kleinstadtlebens in der französischen Provinz und die Fallstricke des Bildungsaufstiegs, klug aufgebaut aus Kapiteln der Jetzt-Zeit und Rückblenden aus verschiedenen Blickwinkeln. Über den auch dieses Mal für meinen Geschmack viel zu detailliert beschriebenen, unnötig herausgestellten Sex konnte ich einigermaßen hinwegsehen, weil die Beziehung zwischen Helène und Christophe für mich nicht zentral war. Viel aufschlussreicher und spannender ist die Welt der Beraterfirmen mit ihren Exceltabellen, endlosen Meetings und Phrasen, diese von Männern geprägte Welt mit ihrer Vulgarität, Frauenverachtung und Abzockermentalität, die durch Großprojekte wie die von Paris verordnete Schaffung der neuen Großregion Grand Est befördert wird.

Nicolas Mathieu: Connemara. Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Piper.

Bleibt die Frage nach dem Titel, Connemara. Er steht für das, was im Roman ausnahmsweise alle verbindet, den in Frankreich äußerst populären Ohrwurm aus den 1980er-Jahren Les lacs de Connemara von Michel Sardou. Kult für die einen, Kitsch für die anderen, aber wenn er bei Familienfeiern, auf Volksfesten, in Nachtclubs oder auf Studentenfeten ertönt, tanzen alle mit.

Ein aufschlussreicher, kluger und unterhaltsamer Roman voller Melancholie, aber nicht völlig hoffnungslos.

Nicolas Mathieu: Connemara. Aus dem Französischen von Lena Müller u. André Hansen. Piper 2024
www.piper.de

 

Weitere Rezension zu einem Hörbuch von Nicolas Mathieu auf diesem Blog:

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