Der skrupellose Papst
Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst. C.H. Beck 2007
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Der skrupellose Papst
Volker Reinhardt: Der unheimliche Papst. C.H. Beck 2007
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Krimiliteratur à la Agatha Christie

Gilbert Adair schreibt im Stil der großen englischen Kriminalliteratur, sozusagen à la Agatha Christie.
Zum zweiten Mal lässt er Yard-Inspektor a. D. Eustace Trubshawe und die Krimiautorin Evadne Mount im London der Nachkriegszeit ermitteln. Ein berühmter Regisseur ist beim Brand seines Hauses umgekommen und als sein Assistent seinen letzten Film weiterdreht, stirbt eine Schauspielerin vor laufender Kamera und unter den Augen der beiden Hobbydetektive an Gift.
Ein nostalgischer Krimi mit pointierten Dialogen, aber etwas unglaubhafter Krimihandlung.
Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree. Heyne 2009
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Sozialer Druck und Abstiegsängste der Generation 30+

Isabell und Georg sind ein Paar wie aus dem Bilderbuch. Zwar hat keiner von ihnen eine wirklich große Karriere gemacht, denn sie ist Cellistin bei einem Musicalorchester, er Journalist bei einer Zeitung, doch sie können sich das Leben in der hochwertig sanierten Mietwohnung in Hamburg leisten, in der Isabell aufgewachsen ist, das Gemüse ist Bio, die Brötchen kommen aus der Manufaktur und der Babybrei für den gemeinsamen Sohn Matti wird – obwohl völlig unnötig – mit teurem Mineralwasser angerührt.
Wo eigentlich das höchste Glück herrschen müsste, entstehen aber erste Risse, als Isabell nach ihrer Rückkehr in den Beruf nicht mehr ihre gewohnte Leistung bringen kann. Die Hände zittern ihr beim Solo, sie ist dem Druck, sowohl zu Hause als auch im Beruf perfekt zu sein, nicht gewachsen. Sie lässt sich krankschreiben, sucht Orthopäden, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten auf, nur eines macht sie nicht: Sie kann nicht mit Georg über ihr Problem sprechen, aus Angst, dass das Zittern, indem sie darüber spricht, endgültig wird.
Dramatisch wird die Lage, als auch Georg durch den Verkauf seiner Zeitung arbeitslos wird. Nun kommt alles ins Rutschen, die Miete wird auf Dauer nicht zu bezahlen sein, der Lebensstandard kann nicht gehalten werden, und damit droht ein kompletter Identitätsverlust. Während Georg wenigstens versucht, sich ein einfacheres Leben vorzustellen, blockt Isabell wie ein bockiges Kleinkind alle Versuche, die Ausgaben einzuschränken und in eine günstigere Wohnung außerhalb zu ziehen, komplett ab. Wie bei der Verheimlichung ihres Zitterns befürchtet sie auch hier, dass allein das Denken an Veränderungen den Zustand zementiert.
Da beide Partner nicht miteinander reden, Kristine Bilkau dem Leser aber die Innensicht von Georg und Isabell zeigt, weiß dieser mehr als die Betroffenen. In einer klaren, schnörkellosen Sprache und mit viel Ruhe zeigt die Autorin in ihrem Debütroman, was die Angst vor dem Abstieg und dem Identitätsverlust aus diesem jungen Paar macht. Georg und Isabell stehen beispielhaft für die Generation 30+, die mit einer hohen Leistungsbereitschaft und einem übersteigerten Anspruch an sich selbst einen unerhörten Druck aufbaut, dem sie in Krisensituationen nicht mehr Stand halten kann. Kristine Bilkau analysiert dieses Szenario meisterhaft aus dem Blickwinkel der Soziologie und zeigt am Beispiel von Georg und Isabell die Abstiegsangst der Mittelschicht.
Aufgerüttelt durch den Tod von Georgs Mutter werden die Beiden schließlich aus ihrer Erstarrung gerissen, und obwohl das Ende weitgehend offen bleibt, legt man das Buch mit der Hoffnung aus der Hand, dass sie die Sprache wiedergefunden haben und nun gemeinsam einen alternativen Weg suchen werden.
Ich muss gestehen, dass ich lange zwischen vier und fünf Sternen geschwankt habe. Am Ende hat die Tatsache, dass mich das Buch auch Tage nach dem Ende noch stark beschäftigt, den Ausschlag für die Bestbewertung gegeben. Fünf Sterne gebühren außerdem auch dem Luchterhand Verlag für die absolut perfekte Gestaltung vom Cover über die Schriftwahl bis hin zur Gestaltung der Kapitelnummern und Seitenzahlen.
Kristine Bilkau: Die Glücklichen. Luchterhand 2015
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Mehr als ein Krimi
Siri hat vor einigen Jahren ihren geliebten Mann Stefan durch einen Tauchunfall verloren. Es wurde nie eindeutig geklärt, ob es sich dabei um einen Selbstmord handelte. Jahre hat sie gebraucht, um darüber hinwegzukommen, aber nun hat sie in dem Polizisten Markus eine neue Liebe gefunden und mit im zusammen einen kleinen Sohn, Erik. Doch noch gelingt es ihr nicht, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Bei der Durchsicht von Stefans Sachen stößt sie auf Dinge, die sie daran zweifeln lassen, wie gut sie Stefan wirklich kannte. Kann es sein, dass ihr Bild von ihm nichts mit der Wirklichkeit gemein hat? Wird sie sich jemals von der Vergangenheit befreien können?
Siri verbeißt sich in ihre Recherchen, gerät dabei in große Gefahr und nicht zuletzt setzt sie auch ihr neues Glück aufs Spiel…
Die beiden Schwestern Camilla Grebe und Åsa Treff haben auch mit diesem dritten Band einen nervenaufreibenden, spannenden, psychologisch einfühlsamen Krimi gelegt, in dem es um viel mehr als die reine Krimihandlung geht. Aus zwei Perspektiven und auf zwei Zeitebenen erzählen sie meisterhaft, wie dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit die Gegenwart der Protagonisten überschatten.
Ich kann diesen Krimi sehr empfehlen, auch wenn er meiner Meinung nach nicht ganz die Topqualität des ersten Bandes erreicht. Ich empfehle aber bei dieser Reihe auf jeden Fall, die Bände in der richtigen Abfolge zu lesen, da das Lesevergnügen so eindeutig höher ist!
Camilla Grebe & Åsa Träff: Bevor du stirbst. btb 2012
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Zweiter Krimi des schwedischen Schwesternduos
„Bilde ich mir alles nur ein, oder werde ich tatsächlich verfolgt?“

Siri Bergman ist Psychotherapeutin und arbeitet zusammen mit zwei Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis in Stockholm. Ihre Patienten leiden unter Zwangsvorstellung, Borderline-Syndrom, Ess- und Angststörung. Den Tod ihres Mannes ein Jahr zuvor hat Siri mehr verdrängt als verarbeitet und sich stattdessen in ihre Arbeit gestürzt. Das einsame Haus in den Schären will sie trotz ihrer panischen Angst vor Dunkelheit und dem Zureden ihrer Familie und Freunde nicht aufgeben.
Die Bedrohung kommt schleichend, und ohne dass Siri es zunächst wahrhaben will: Veränderungen an ihrem Haus, ein Drohbrief, das Verschwinden ihrer Katze und vor allem das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Erst als die Leiche einer ihrer Patientinnen an ihrem Steg treibt, kann ihr die Polizei klarmachen, dass sie sich in allergrößter Gefahr befindet. Der Täter muss Siri nahe stehen, denn er scheint sie und ihre Patienten genau zu kennen, und somit wird jeder in ihrem Umfeld zum Verdächtigen.
Der erste Krimi der schwedischen Schwestern Camilla Grebe, Betriebswirtin, und Åsa Träff, Psychologin, glänzt durch eine klug angelegte Handlung, viel Atmosphäre, wenig Blut, fundiertes psychologisches Fachwissen und sensibel dargestellte Protagonisten.
Besonders spannungsfördernd und gelungen finde ich den Wechsel zwischen der Ich-Erzählung Siris, den Therapieprotokollen und kurzen Einschüben aus der Sicht des unbekannten Täters.
Camilla Grebe & Åsa Träff: Die Therapeutin. btb 2011
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Chile – Sehnsuchtsland
„D
ieses Buch hat mir geholfen zu verstehen, dass ich mich nicht entscheiden muss: Ich kann mit einem Fuß hier und mit dem anderen dort stehen, schließlich gibt es Flugzeuge … Fürs erste ist Kalifornien mein Zuhause und Chile das Land meiner Sehnsucht. Mein Herz ist nicht zerrissen, sondern gewachsen. Ich kann fast überall leben und schreiben.“
Fakten und Fiktion mischt Isabel Allende in ihrer Hommage an ihre Heimat Chile, denn das Land ihrer Kindheit, das sie als Sechsjährige zum ersten Mal und nach Pinochets Putsch endgültig verließ, gibt es so nicht mehr oder hat es nie gegeben.
Mein erfundenes Land ist vieles in einem, doch zuerst ist es eine aus Fakten und Anekdoten zusammengesetzte Autobiografie und eine Biografie ihrer Familie. Vieles kann man wiedererkennen, vor allem die Figuren aus Das Geisterhaus werden lebendig, wenn sie die Familie ihrer Mutter, eine Sippe von Exzentrikern, Heuchlern und Machos, mit einer gehörigen Portion schrägem Humor beschreibt.
Genauso unterhaltsam, liebevoll und aber auch kritisch erzählt Isabel Allende über Chile: von der landschaftlichen Schönheit, der Geschichte, der Religion, der Politik, der Sozialstruktur, der Wirtschaft und vor allem von den Chilenen.
Sehr interessant ist Allendes zwiespältiges Verhältnis zu den USA. Dieses Land, das sie für Pinochets Putsch verantwortlich macht, ist ihr heute zur neuen Heimat geworden und sie fühlt sich spätestens seit dem Attentat vom 11. September als Teil der bunten Bevölkerung Nordamerikas.
Mein erfundenes Land ist eine überaus unterhaltsame und vergnügliche Lektüre, egal ob man nach Chile reist oder nicht.
Isabel Allende: Mein erfundenes Land. Suhrkamp 2008
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Entwicklung vom naiven, vergnügungssüchtigen Mädchen zur nachdenklichen jungen Frau