Manchmal braucht es Blitz und Donner
Dunkelgrün wie das Meer ist ein thematisch, sprachlich und gestalterisch wunderbares Kinderbuch in hochwertiger Aufmachung, wie es das Feuilleton und Eltern lieben. Vielleicht greifen Kinder nicht spontan danach, denn es ist weder grellbunt, noch verspricht es die ganz große Spannung, aber wir sollten sie dazu ermutigen, es zu lesen, denn hier werden Gefühle thematisiert, die sicher jedes Kind schon einmal erlebt hat.
Die neunjährige Linn hat sich so auf die Ferien im Schiffhaus am Strand in Holland und auf ihre Freundin Smilla gefreut. Aber dann geht von Anfang an alles schief: Die Eltern, die sich kurz zuvor beim zehnten Hochzeitstag noch so liebhatten, streiten, weil der Vater während der ersten beiden Urlaubstage noch einmal zurück ins Büro muss, und die sonst so gemütliche Rückbank des Autos fühlt sich an „wie ein Fach im Kühlschrank“. Die Eltern sitzen in einer „Zornkabine, mit langen Gesichtern und einem Schweigen von der Größe eines Containerschiffs“. Kaum angekommen, muss Linn erkennen, dass die drei Jahre ältere Smilla eine neue beste Freundin hat und sie mit Verachtung straft. Mit der Mutter kann sie nicht reden, denn die führt endlose Handytelefonate, in denen sie sich über das Verhalten des Vaters beklagt, und weint, und in Linn wird die Angst vor einer Trennung der Eltern immer größer. Nichts ist wie im letzten Sommer, selbst die Wiese ist nicht so bunt und die Steine sind nicht so außergewöhnlich gemustert. Nicht einmal ihr altes Kindergartengutelaunelied kann Linn Trost spenden. Eindringlich schildert die kleine Ich-Erzählerin ihre Verlustängste und als Erwachsener ahnt man, dass neben den vordergründigen Sorgen um die Eltern und die Freundin auch eine Ahnung vom Ende der Kindheit heraufzieht.
Doch dann kommt erst einmal in Form eines ungeheuerlichen Gewitters buchstäblich Hilfe von oben. Hagel, Blitz und Donner reinigen nicht nur die Luft. Die Eltern vertragen sich wieder und Linn nimmt sich vor, sich am nächsten Tag mit Smilla auszusprechen…
Ich bin mir sicher, dass am Ende, als Linn endlich zwischen ihren Eltern im Bett liegt und der Urlaub richtig beginnt, nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen aufatmen. Die tiefe Traurigkeit des Buches ist einer fröhlich-optimistischen Stimmung gewichen und wer wollte daran zweifeln, dass Linns Versöhnungsversuch mit der Freundin erfolgreich verläuft?
Ein leises, eindrucksvolles Kinderbuch für Mädchen ab acht mit einer perfekten Symbiose zwischen dem Text von Ute Wegmann und den in braun-orange-türkis gehaltenen Bildern von Birgit Schössow.
Ute Wegmann & Birgit Schössow: Dunkelgrün wie das Meer. dtv 2016
www.dtv.de
Als säße Isabel Allende hier an meinem Kaffeetisch erzählt sie über ihr Familienleben und die Zeit nach dem frühen Tod ihrer Tochter Paula 1992. Insofern ist Das Siegel der Tage die Fortsetzung ihres Romans Paula, geschrieben für ihre Tochter („Ich will dir erzählen, was seit 1993 aus uns geworden ist“), kein magischer Realismus wie in Das Geisterhaus, sondern eine detaillierte Beschreibung der Trauer und des Neubeginns.
Während ihre Ehemänner im Rampenlicht stehen, werden die Frauen der Bundespräsidenten meist nur wegen ihrer Ehrenämter wahrgenommen. Dass alle acht hier porträtierten „Amtsinhaberinnen“ mehr konnten als nur Spenden sammeln, dass alle eine eigene Karriere zugunsten des Amtes ihres Mannes aufgaben, kann man den sowohl unterhaltsamen als auch informativen Kurzbiografien von Ursula Salentin entnehmen.
Die Autorin und Illustratorin Dagmar Geisler, bekannt vor allem für ihre exzellenten Kindersachbücher und die von Kindern, Eltern und Buchhändlern gleichermaßen geliebte Wanda-Reihe, hat mit Die Tintenkleckser – Mit Schlafsack in die Schule erneut einen sehr empfehlenswerten Auftaktband zu einer Reihe für alle ab ca. sechs Jahren zum Vorlesen, ab der dritten Klasse zum Selberlesen, geschrieben und illustriert. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Reihe sowohl für Jungs als auch für Mädchen geeignet ist, da eine ganze Klasse im Mittelpunkt steht. Die sehr zahlreichen, schwarz-weiß-blauen, comicartigen Zeichnungen ergänzen den Text wunderbar, die ausführliche Vorstellung aller Kinder hilft beim Kennenlernen der Klasse, die Schrift ist groß und sehr deutlich und die Textmenge pro Seite und pro Kapital für Achtjährige durchaus zu bewältigen.
Granola heißt nicht nur wie ein Schokoladenkeks, sie ist genauso zuckersüß und sympathisch. Die Grundschülerin und Ich-Erzählerin in Timm Milans Kinderbuch Kaninchenschmuggel oder Wie ich Mehlchen vor dem Verschimmeln rettete ist mir wegen ihrer Direktheit, ihrer Ehrlichkeit und ihrem sonnigen Gemüt schnell ans Herz gewachsen, obwohl sie manchmal Ideen hat, bei denen sie sich selbst nicht sicher ist, ob sie gut sind. Dabei hätte sie jede Menge Gründe dafür, traurig und schlecht gelaunt zu sein: Ihre Lieblingslehrerin, Frau Mehl, wird nach einem Unfall durch die desinteressierte, handyspielende Frau Korn ersetzt, die absolut nichts davon mitbekommt, dass Granola und andere in der Klasse gemobbt werden, ihre beste Freundin Jule hat sich von ihr ab- und Vanessa zugewandt, die Mutter erlaubt kein Kaninchen als Haustier und darüber hinaus kämpft Granola gegen das, was sie als „Grammatik-Intoleranz“ bezeichnet: Wortverdrehungen, -verwechslungen und Rechtschreibprobleme.
Ich hatte zugegebenermaßen hohe Erwartungen an diesen Thriller, aber er hat mich enttäuscht. Weder hat er gehalten, was die Leseprobe oder der Klappentext versprochen haben, noch kann ich die euphorischen Kommentare wie „ein Pageturner, der süchtig macht“ (oprah.com) oder „temporeich und packend“ (The Independent) wirklich nachvollziehen. Vielmehr war die Autorin einer an sich sehr guten Idee nicht so richtig gewachsen und hat viel Potential verschenkt. Trotz aller Kritik hätte ich das Buch aber nicht weglegen wollen, dazu war ich dann doch zu neugierig auf das Ende.
Deon Meyer wird gerne als der Henning Mankell Südafrikas bezeichnet, und obwohl ich solche Vergleiche eigentlich eher nicht mag, ist dieser nicht aus der Luft gegriffen. Wie Mankell bringt uns auch Meyer die Gegenwart seines Landes nahe und zeigt darüber hinaus auf, wie der Kolonialismus, die Befreiungskriege und die Jahre der Apartheit heute noch nachwirken. Neben seiner Fähigkeit, Charaktere lebendig werden zu lassen und atemlose Spannung über hunderte von Seiten aufrecht zu erhalten, macht dies den Hauptreiz seiner Thriller für mich aus – obwohl ich sonst eher kein Fan dieses Genres bin.
Eines vorweg: Ich liebe die Bücher von Theodor Fontane (1819 – 1898) und auch Unwiederbringlich ist sprachlich überaus elegant, psychologisch raffiniert konzipiert und ergreifend. Trotzdem konnte mich dieser Roman nicht überzeugen, da mir der Raum, den Fontane der Tagespolitik und ihren kleinen, nur angedeuteten Episoden und Anekdoten widmet, zu groß war. Trotz Recherchen im Internet konnte ich leider sehr vieles nicht nachvollziehen, was dem zeitgenössischen Leser sicher vertraut war.
…diese Liedzeile seines Bruders Leff scheint wie für Anton gemacht: Der 18-jährige Ich-Erzähler und Schüler an einer EOS (=erweiterte Oberschule) ist zum Entsetzen seiner Umwelt noch unentschlossen über sein Studienfach. Während die Klassenkameraden klare Ziele verfolgen, muss er beim Direktor vorsprechen, weil er keine fristgemäße Bewerbung eingereicht hat. Doch da er aus „kaderpolitischen Gründen“, d. h. wegen Westverwandtschaft, kein Journalistik-Studium aufnehmen darf, hat es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Direktor unterstellt ihm „eine gewisse Gleichgültigkeit“, zumal er sich auch nicht für einen verlängerten Dienst bei der Volksarmee beworben hat, und droht damit, einem „Luftikus“ wie ihm kein Reifezeugnis auszustellen. Obwohl Anton nach eigener Meinung großes Glück mit seinen Eltern hat, können auch sie ihm in dieser Situation nicht Ratgeber sein. Ohne Selbstbewusstsein und Ziel irrt er durch die Wochen vor dem Abitur: „Ich wollte nicht mehr mein Freund sein, weil ich dachte, ich bin einfach zu blöd für alles und stehe mir bloß im Wege und bereite mir immer bloß Ärger und Kummer.“ Dabei ist die fehlende Begeisterung für ein Studienfach nicht sein einziges Problem: Anton hält seine Sexualität für nicht normal, trauert der vergangenen Kindheit nach, stellt die Lehrer und das Schulsystem in Frage, leidet unter seiner Einsamkeit und den vielen unbeantworteten Fragen und hadert mit den politischen Verhältnissen. Erst ein einfühlsames Gespräch am Abend nach der Abiturprüfung mit seinem unangepassten Bruder öffnet ihm die Augen, denn: „Dir kann geholfen werden.“