Die dänische Schreibtischrevolution

Die Eckpunkte der dramatischen Ereignisse um den deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee (1737 – 1772) am dänischen Königshof sind so hinlänglich bekannt, dass der erste Satz des historischen Romans Der Besuch des Leibarztes von Per Olof Enquist (1935 – 2020) der Spannung keinen Abbruch tut:
Am 5. April 1768 wurde Johann Friedrich Struensee als Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. angestellt und vier Jahre später hingerichtet.
Die Hintergründe dafür deckt der Autor, der für seinen Roman 1999 mit dem August-Preis, dem renommiertesten schwedischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde, in meist chronologischer Erzählweise auf, ausgehend von der Kindheit des späteren Königs Christian VII. (1749 – 1808). Ob dieses intelligente, bereits mit zwei Jahren mutterlose Kind durch eine unbarmherzige, durch psychische wie physische Gewalt geprägte Erziehung oder eine Geisteskrankheit seinen Verstand verlor, bleibt offen. Bereits mit 16 Jahren folgte Christian seinem für einen ausschweifenden Lebenswandel berüchtigte Vater Friedrich V. (1723 -1766) als absolutistischer Monarch nach und wurde im gleichen Jahr mit seiner Cousine Caroline Mathilde (1751 – 1775), Schwester des englischen Königs, verheiratet. Obwohl aus der Ehe 1768 nach mutmaßlich einmaligem Beischlaf ein Sohn hervorging, war das Arrangement eine Katastrophe.
Ein Vertrauter
Als Begleiter auf einer europäischen Bildungsreise vom Mai 1768 bis Januar 1769 suchte man für den von unkontrollierten Spasmen, Tobsuchtsanfällen und Melancholie heimgesuchten jungen König einen Leibarzt und wurde in Altona, einer Brutstätte der Aufklärung, fündig. Der in Halle geborene Stadtphysikus und Armenarzt Johann Friedrich Struensee hatte sich dort durch seine Pockenimpfungen mächtige Feinde in Kirchenkreisen gemacht, die ihn des Eingriffs in die göttliche Vorsehung bezichtigten.

Nach dem abrupten Ende der Reise, während der Struensee ein Vertrauensverhältnis zu Christian VII aufgebaut hatte, kehrte er mit ihm nach Kopenhagen zurück und übernahm allmählich die Staatsgeschäfte. Struensee erließ fast 650 Dekrete im Sinne der Aufklärung, darunter solche zur Pressefreiheit, Abschaffung der Folter und Reduzierung der höfischen wie militärischen Ausgaben. Dass er ab Spätsommer 1770 ein Verhältnis mit der Königin einging, aus dem die vom desinteressierten König als leiblich anerkannte Tochter Luise Augusta (1771 – 1843) hervorging, lieferte seinen reaktionären Widersachern 1772 den Vorwand für seine Verhaftung und Hinrichtung. Caroline Mathilde wurde nach Celle verbannt, wo sie mit nur 23 Jahren starb.
Später Triumph
Würde der Roman mit Struensees Tod enden, er wäre die Geschichte eines Scheiterns. Struensee unterlag nach einer Intrige dem Reaktionär und Emporkömmling Ove Guldberg (1731 – 1808), der mit seinen Anhängern das Rad noch einmal zurückdrehen konnte, und doch triumphierten die Ideen seiner unblutigen Schreibtischrevolution wenige Jahre später. Seine und Caroline Mathildes Enkelin wurde dänische Königin und es ist eine Ironie der Geschichte, dass fast überall in europäischen Königshäusern einschließlich des ehemaligen deutschen Kaiserhauses Struenseeblut fließt.
Der schwedische Autor, Journalist und Dramaturg Per Olov Enquist hat aus der ungewöhnlichen Dreiecksgeschichte einen fesselnden historischen Roman gemacht, eine Mischung aus gut recherchierten Fakten und Fiktion, die nicht leicht zu trennen sind. Herausragend sind die Figurenzeichnung, die lebendigen Dialoge und inneren Monologe sowie die Atmosphäre kurz vor der Französischen Revolution. Der Emanzipationsprozess der intelligenten, aufgeschlossenen Königin ist ebenso faszinierend wie erschreckende Gegenwartsbezüge zu Fakenews oder zur Skepsis des Volkes bezüglich Freiheit und Vernunft. Auf die ohne Mehrwert gar zu detailliert beschriebene Folter, Hinrichtungen und Sexualität, nicht nur zwischen Struensee und Caroline Mathilde, hätte ich dagegen gerne verzichtet, genauso wie auf einige zähe theoretische Passagen.
Trotz der klaren, angenehmen Stimme des Sprechers Gert Heidenreich in erfreulich gemäßigtem Tempo habe ich wegen der vielen Namen nach der ersten Stunde einen zweiten Anlauf für das Hörbuch gebraucht, um danach jedoch die mehr als 13 Stunden währende ungekürzte Lesung zu genießen.
Per Olov Enquist: Der Besuch des Leibarztes. Ungekürzte Lesung mit Gert Heidenreich. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. BR Bayern 2. Der Audio Verlag 2024
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