Tommie Goerz: Im Schnee

  Melancholisch und beglückend

Das wunderschöne Cover des Romans Im Schnee täuscht gleich doppelt: Einerseits gaukelt es eine ruhige dörfliche Idylle vor, die es, wie man während der Lektüre erfährt, nie gab. Andererseits könnte der fehlende Rauch aus den Schornsteinen auf verlassene Höfe und Häuser hindeuten. Doch noch sind die meisten Gebäude in Austhal bewohnt, jenem fiktiven oberfränkischen Dorf zwischen Arzberg und Wunsiedel. Aber wie lange noch? Umso wichtiger deshalb, dass es Autoren wie den 1954 in Erlangen geborenen Tommie Goerz gibt, die über diese verschwindende dörfliche Welt schreiben, unsentimental und nicht reaktionär oder kitschig, dicht, dem Inhalt entsprechend sprachlich einfach gehalten und beglückend – trotz der Schwermut.

Ein Blick zurück
Vieles ist in Austhal in den letzten Jahrzehnten verschwunden: der Bäcker, der Metzger, der Dorfladen, der Schuhmacher, das zweite Wirtshaus, die Hofhunde und der Uhu, die Schule und der Pfarrer, und nun läutet wieder einmal das Totenglöckchen. Über den friedlich und sanft fallenden Schnee hinweg verkündet es den Tod von Georg Wenzel, dem Schorsch. Am Küchenfenster seines Hauses steht der über 80-jährige Max Malter, Schorschs bester Freund, mit dem er fast sein ganzes Leben teilte. Selbst als beide die Maicherd heiraten wollten, zerbrach ihre Freundschaft nicht. Schorsch bekam sie, Max blieb ohne Groll allein.

Mit Schorschs Tod setzt ein traditionelles Trauer- und Abschiedsritual ein, beginnend mit der Totenwacht der Männer bis Mitternacht, bei der man trinkt, isst, sich erinnert und vor allem Geschichten erzählt. Dann lösen die Frauen sie bis zum Morgen ab, richten den Toten her, der aufgebahrt auf seinem Sofa liegt, essen, trinken, singen, tauschen Rezepte aus, machen Handarbeiten, knacken Nüsse und reden. Nur Max, der zwei Äpfel der Lieblingssorten des Verstorbenen für ihn mitgebracht hat, darf auch bei der Wacht der Frauen bleiben. Immer wieder nickt er ein, dazwischen hängt er seinen Erinnerungen nach, trauert um den Schorsch und einen Teil seines eigenen Lebens und hat eine Vorahnung vom eigenen Tod.

Tommie Goerz: Im Schnee. Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Piper.

Nicht nur der Verstorbene, auch 80 Jahre Dorfgeschichte werden in dieser Nacht wieder lebendig, während der Schnee die Gebäude immer mehr verschluckt. Viele Erinnerungen sind gut, handeln von Tradition, Ritualen, Verbundenheit, klaren Regeln und Zusammenhalt, aber es gibt auch die räumliche Enge und Engstirnigkeit, mit der man konsequent alles Fremde ablehnt. Selbst nach Jahrzehnten bleiben die Zugezogenen „Neubürger“ ohne einen Platz am Stammtisch. Zur Verhinderung von Schwarzen im Dorf nahm man das Recht auch mal in die eigene Hand, ein rothaariges Kind wurde rigoros weggesperrt und Gewalt stumm geduldet:

Aber solange man nichts davon wusste, hatte man damit nichts zu tun. (S. 107)

Max, der sich ein Leben außerhalb des Dorfes nie hätte vorstellen können, wehrt jede Verklärung ab:

Dieses Dorf […] ist wie jedes Dorf. Da wohnen Leute, und da gibt es Misthaufen. Und je näher man herankommt, desto mehr stinkt es. (S. 159)

Leise und eindringlich
Tommie Goerz hat 2023 mit Im Tal sein literarisches Debüt veröffentlicht, nachdem er für seine Franken-Krimis unter anderem 2021 den Friedrich-Glauser-Preis bekam. In seinem nur 173 umfassenden zweiten Roman Im Schnee erzählt er eine Dorfgeschichte, eingebettet in die etwa sieben Tage von der Totenglocke bis zur „Leich“ und zwei Tage darüber hinaus. Ein sehr beeindruckendes literarisches Kleinod und eine große Leseempfehlung!

Tommie Goerz: Im Schnee. Piper 2025
www.piper.de

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