Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

  Familiengeschichte aus Mäuseperspektive

 

Geschwiegen wird von jeher viel in der jüdisch-russischen Familie im Roman Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Es ist das zweite Buch der 1988 in Moskau geborenen Autorin Yulia Marfutova, die in Deutschland studierte und promovierte und inzwischen in Boston lebt. Wie das Schweigen der Vorfahren auf die nachgeborene Generation wirkt, beschreibt sie so:

„…was die eine Generation beschweigt, wird der nächsten als dröhnende Stille vererbt.“ (S. 86)

Zwischen Privileg und Bürde
In die Köpfe der drei 17, 16 und 10 Jahre alten Mädchen, die weder die russische Heimat ihrer Mutter und Großmutter noch deren Geschichte kennen, „ragt eine Zeit hinein, die nicht die unsere ist“ (S. 127). Ihre Stellung als Nachgeborene empfinden sie als „Privileg und Bürde zugleich“ (S. 101).

Weil sie ihre Großmutter Nina nie kennengelernt haben und ihre Mutter Marina ihnen vorenthält, was belastend für sie sein könnte, obwohl „deren Geschichte unsere ist, ob sie es will oder nicht. Ob wir es wollen oder nicht.“ (S. 117), sind sie auf andere Quellen angewiesen. Wer könnte mehr wissen als die vorwitzigen, redseligen, von sich selbst überzeugten, sich allwissend gebenden Mäuse, die der Mutter im Flugzeug nach Deutschland folgten?

Alle Familiengeschichten sind Mäusegeschichten. Wer soll sie sonst erzählen, die Geschichten, wenn nicht die Mäuse, die sich so schmal machen können, dass sie durch die kleinsten Ritzen gelangen? (S. 97)

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Foto: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

In den Berichten der Mäuse lernen die Töchter ihre sprachlose Mutter völlig neu kennen, die in einer Moskauer Plattenbausiedlung bei ihrer alleinerziehenden Mutter, einer Ingenieurin mit hellseherischen Fähigkeiten, aufwuchs. Als Jugendliche erlebte sie Ende der 1980er-Jahre den politischen Umbruch und die Massenauswanderung. Bald träumte sie selbst vom Westen und war schließlich wildentschlossen, jede noch so kleine sich bietende Chance auf ein anderes Leben fern ihrer Heimat zu ergreifen.

Puzzlesteine und Andeutungen
Yulia Marfutova erzählt die Geschichte der Frauen überaus originell und experimentell. Einerseits hat mir diese knappe Erzählweise aus Puzzlesteinen der mal mehr, mal weniger vertrauenswürdigen Mäuse gut gefallen, andererseits verstellte mir der kunstvolle Aufbau bisweilen den Blick auf den Inhalt, so abgelenkt war ich von der Verpackung. Hilfreich ist Vorwissen zur Geschichte der Sowjetunion, da die arroganten Mäuse es häufig bei Andeutungen belassen.

Besonders beeindruckend sind die Abschnitte, die das von Generation zu Generation vererbte Schweigen und seine Folgen zeigen. Bereits die Großmutter Nina wuchs mit der Sprachlosigkeit ihrer aus der Ukraine stammenden Eltern zur deutschen Besatzung und zum Holodomor auf. Ihr Jiddischsein legte die Familie beim Umzug nach Moskau ab. Wie nebenbei schildert Yulia Marfutova die Abschwächung des Hungertraumas über die nachfolgenden Generationen: Während Nina die Fettaugen auf der Suppe noch liebte, aß ihre Tochter Marina sie stoisch. Ninas Enkelinnen empfinden Scham darüber, dass sie sie zurückweisen würden.

Ein lesenswerter, äußerst innovativ geschriebener kurzer Roman über Heimat und Herkunft, generationenübergreifende staatliche Verfolgung, politische Umbrüche, innerfamiliäre Sprachlosigkeit und vererbte Traumata.

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Rowohlt 2025
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Yulia Marfutova auf diesem Blog:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert