Henrik Ibsen: Ein Volksfeind

  Einer gegen alle

Gleich zwei Romanen des Jahres 2025 nehmen Bezug auf das naturalistische Schauspiel Ein Volksfeind des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Henrik Ibsen (1828 1906), dem eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. Im Roman Halbinsel von Kristine Bilkau, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2025, erkennt die Protagonistin Parallelen zwischen dem unbestechlichen Idealisten, der durch das Verkünden einer unbequemen Wahrheit zum Volksfeind wird, und ihrer Tochter, einer Umweltwissenschaftlerin in der Sinnkrise:

An den Fakten würde das nichts ändern, sie würden dadurch nicht weniger wahr. Aber sie glaube nicht mehr daran, dass Menschen sich durch Fakten beeinflussen ließen. (Halbinsel, S. 146)

Im Roman Acht Jahreszeiten der samisch-norwegischen Autorin Kathrine Nedrejord stemmt sich die Ich-Erzählerin gegen den Vorwurf der Besserwisserei beim Aussprechen dessen, was sie für wahr hält:

Was spielt es für eine Rolle, ob die Erde rund ist? «Ein Volksfeind» sagte etwas anderes. (Acht Jahreszeiten, S. 349)

Nicht nur zitiert wird Ein Volksfeind bis heute, das Drama wird auch seit der erfolgreichen Erstaufführung 1883 gespielt und dient als Schullektüre.

Idealist versus Pragmatiker, Wahrheit versus Egoismus
Doktor Tomas Stockmann ist Badearzt in einem Ort an der norwegischen Südküste und Initiator des Kurbetriebs seiner Heimatstadt. Nach ärmlichen Jahren im Norden ist er mit seiner Familie dorthin zurückgekehrt und profitiert – wie alle in der Stadt – von der neuen Einnahmequelle.

Aufgeschreckt durch vermehrte Erkrankungen unter den Badegästen hat er heimlich Proben an die Universität geschickt, die darin eine gesundheitsschädliche Häufung von Bakterien findet. Nachdem er zunächst für seine Entdeckung gefeiert wird, schlägt die Stimmung um, als sein älterer Bruder Peter Stockmann, Stadtrichter, Polizeidirektor und Vorsitzender der Badeverwaltung, der Bevölkerung die Kosten für die notwendigen Baumaßnahmen und eine zweijährige Schließung vorrechnet:

Ein Mann, der seine eigene Vaterstadt auf eine solche Weise beschimpft, muss ein Feind der Gesellschaft sein. (2. Akt)

Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. © B. Busch.

Revolution!
Die chemische Analyse wird angezweifelt, man versucht, den Idealisten und Vorkämpfer für die Wahrheit mundtot zu machen. Nun geht es für den Arzt plötzlich um Größeres:

Denn jetzt handelt es sich nicht mehr etwa nur um das Wasserwerk oder um die Sickergrube. Nein, unsere ganze Gesellschaftsordnung muß gereinigt, muß desinfiziert werden – . (3. Akt)

Die Volksversammlung im vierten Akt zementiert seine Niederlage, in deren Folge es zu Handgreiflichkeiten und Angriffen auf seine Integrität kommt. Angestachelt vom Widerstand verliert er zunehmend die Kontrolle und verzweifelt am in seinen Augen scheinheiligen, korrupten politischen System, an der Demokratie und der Majortät:

Ich bin entschlossen, Revolution zu machen gegen die Lüge, daß die Mehrheit die Wahrheit gepachtet hätte. (4. Akt)

Auch die Ursachen für die Manipulierbarkeit des Volkes benennt er klar:

Nein, es sind die Verdummung, die Armut, die Dumpfheit der Lebensbedingungen, die diese verheerende Wirkung haben. (4. Akt)

Beruflich kaltgestellt und privat geächtet, will er sich, anstatt auszuwandern, fortan der Erziehung der Massen widmen, insbesonders der „Straßenköter“.

Auch wenn Tomas Stockmanns Zweifel an der Demokratie gerade heute angesichts vielfältiger weltweiter Angriffe auf diese Herrschaftsform höchst gefährlich sind, erfährt das gesellschaftskritische Drama Ein Volksfeind über Themen wie Wahrheit, Freiheit, Mehrheit und Manipulation durch seine verblüffende Aktualität zurecht immer noch große Beachtung.

Henrik Ibsen: Schauspiele. Übertragen von Hans Egon Gerlach. Mit einem Vorwort von Joachim Kaiser. Hoffmann und Campe 1977. Darin: Ein Volksfeind. S. 395 – 492.

Tommie Goerz: Im Schnee

  Melancholisch und beglückend

Das wunderschöne Cover des Romans Im Schnee täuscht gleich doppelt: Einerseits gaukelt es eine ruhige dörfliche Idylle vor, die es, wie man während der Lektüre erfährt, nie gab. Andererseits könnte der fehlende Rauch aus den Schornsteinen auf verlassene Höfe und Häuser hindeuten. Doch noch sind die meisten Gebäude in Austhal bewohnt, jenem fiktiven oberfränkischen Dorf zwischen Arzberg und Wunsiedel. Aber wie lange noch? Umso wichtiger deshalb, dass es Autoren wie den 1954 in Erlangen geborenen Tommie Goerz gibt, die über diese verschwindende dörfliche Welt schreiben, unsentimental und nicht reaktionär oder kitschig, dicht, dem Inhalt entsprechend sprachlich einfach gehalten und beglückend – trotz der Schwermut.

Ein Blick zurück
Vieles ist in Austhal in den letzten Jahrzehnten verschwunden: der Bäcker, der Metzger, der Dorfladen, der Schuhmacher, das zweite Wirtshaus, die Hofhunde und der Uhu, die Schule und der Pfarrer, und nun läutet wieder einmal das Totenglöckchen. Über den friedlich und sanft fallenden Schnee hinweg verkündet es den Tod von Georg Wenzel, dem Schorsch. Am Küchenfenster seines Hauses steht der über 80-jährige Max Malter, Schorschs bester Freund, mit dem er fast sein ganzes Leben teilte. Selbst als beide die Maicherd heiraten wollten, zerbrach ihre Freundschaft nicht. Schorsch bekam sie, Max blieb ohne Groll allein.

Mit Schorschs Tod setzt ein traditionelles Trauer- und Abschiedsritual ein, beginnend mit der Totenwacht der Männer bis Mitternacht, bei der man trinkt, isst, sich erinnert und vor allem Geschichten erzählt. Dann lösen die Frauen sie bis zum Morgen ab, richten den Toten her, der aufgebahrt auf seinem Sofa liegt, essen, trinken, singen, tauschen Rezepte aus, machen Handarbeiten, knacken Nüsse und reden. Nur Max, der zwei Äpfel der Lieblingssorten des Verstorbenen für ihn mitgebracht hat, darf auch bei der Wacht der Frauen bleiben. Immer wieder nickt er ein, dazwischen hängt er seinen Erinnerungen nach, trauert um den Schorsch und einen Teil seines eigenen Lebens und hat eine Vorahnung vom eigenen Tod.

Tommie Goerz: Im Schnee. Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Piper.

Nicht nur der Verstorbene, auch 80 Jahre Dorfgeschichte werden in dieser Nacht wieder lebendig, während der Schnee die Gebäude immer mehr verschluckt. Viele Erinnerungen sind gut, handeln von Tradition, Ritualen, Verbundenheit, klaren Regeln und Zusammenhalt, aber es gibt auch die räumliche Enge und Engstirnigkeit, mit der man konsequent alles Fremde ablehnt. Selbst nach Jahrzehnten bleiben die Zugezogenen „Neubürger“ ohne einen Platz am Stammtisch. Zur Verhinderung von Schwarzen im Dorf nahm man das Recht auch mal in die eigene Hand, ein rothaariges Kind wurde rigoros weggesperrt und Gewalt stumm geduldet:

Aber solange man nichts davon wusste, hatte man damit nichts zu tun. (S. 107)

Max, der sich ein Leben außerhalb des Dorfes nie hätte vorstellen können, wehrt jede Verklärung ab:

Dieses Dorf […] ist wie jedes Dorf. Da wohnen Leute, und da gibt es Misthaufen. Und je näher man herankommt, desto mehr stinkt es. (S. 159)

Leise und eindringlich
Tommie Goerz hat 2023 mit Im Tal sein literarisches Debüt veröffentlicht, nachdem er für seine Franken-Krimis unter anderem 2021 den Friedrich-Glauser-Preis bekam. In seinem nur 173 Seiten umfassenden zweiten Roman Im Schnee erzählt er eine Dorfgeschichte, eingebettet in die etwa sieben Tage von der Totenglocke bis zur „Leich“ und zwei Tage darüber hinaus. Ein sehr beeindruckendes literarisches Kleinod und eine große Leseempfehlung!

Tommie Goerz: Im Schnee. Piper 2025
www.piper.de

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten

   Wütend und laut

Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: Norwegen (ca. 40.000 – 65.000 Sámi), Schweden (ca. 20.000 – 40.000), Finnland (ca. 8.000 – 10.000) und Russland (ca. 2.000). Auch ohne blutige Kolonialkriege wurde die Bewegungsfreiheit der Urbevölkerung immer stärker eingeschränkt, ihre Kultur, Sprachen, Musik, Kleidung, Traditionen, Religion und Kunst zu Gunsten einer staatlichen Homogenisierung bekämpft, ihre Geschichte geleugnet, ihr Territorium besiedelt, ihre Schädel von Rassentheoretikern vermessen, ihr Stolz und Selbstbewusstsein zerstört. Obwohl heute wieder samisch gesprochen werden darf, Weiderechte für Rentiere festgeschrieben sind, samische Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden für gewisse Mitspracherechte sorgen und zumindest Norwegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat, bleibt das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung problematisch.

Sápmi-Flagge, umgeben von den Flaggen Dänemarks, Norwegens, Finnlands und Russlands. © B. Busch.

Ein Sámi-Problem?
Die 1987 geborene samisch-norwegische Autorin Kathrine Nedrejord hat darüber einen Roman geschrieben, der auf Deutsch nach der samischen Jahreseinteilung Acht Jahreszeiten heißt, im norwegischen Original jedoch wesentlich provokanter Sameproblemet.

Im Mittelpunkt steht die Samin und Journalistin Marie Engmo, samisch Márjá, die wie die Autorin seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte sie im mehrheitlich samischen Márkannjárga an der norwegisch-finnischen Grenze, bevor sie in Seifjord an der Westküste als einzige Sámi ihrer Klasse Spott und Hass erfuhr, dadurch wirklich Sámi wurde und gleichzeitig ihre Sprache verlor. Nach dem Abitur im Internat in Alta suchte sie im Studium Abstand in Oslo, fühlte sich dort jedoch zerrissener und fremder im eigenen Land denn je:

Ich befand mich zu nah an der Finnmark und doch zu weit weg. (S. 70)       

Erst in Frankreich konnte Marie ihre schmerzhaften Erinnerungen verbannen, indem sie ihre Herkunft ausblendete und sich weigerte, über den Norden zu schreiben.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Hintergrundfoto (bei Márkannjárga): © M. Busch. Kleine Fotos & Collage: © B. Busch. Cover: © Eichborn.

Zwei Ereignisse erschüttern die Verdrängung ihres samischen Traumas: Zuerst wird sie Mutter und begreift, dass „ich nicht weiß, wie man Mutter in einer anderen Sprache als der eigenen ist“ (S. 52). Vier Monate später stirbt ihre Áhkku, ihre Großmutter. Marie kehrt zur Beerdigung alleine nach Márkannjárga zurück. Sofort ist sie wieder „Teil des Familienorganismus“ (S. 62), den sie jahrelang gemieden hat, gute wie schmerzhafte Gefühle und Gedanken kehren zurück. Schlagartig begreift sie, dass sie zwar nicht über den Norden, wohl aber über ihre Áhkku schreiben kann. Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend mischen sich mit Geschichten über die Frauen der Familie, insbesondere die Großmutter.

Neue indigene Frauenstimmen
Mit den Romanen der schwedisch-samischen Autorinnen Ann-Helén Laestadius (Das Leuchten der Rentiere und Die Zeit im Sommerlicht) und Elin Anna Labba (Das Echo der Sommer) sowie der kvenisch-norwegischen Autorin Ingeborg Arvola (Der Aufbruch) gibt es inzwischen erfreulicherweise immer mehr vielbeachtete, teilweise preisgekrönte Texte aus indigener Perspektive. Alle rücken das Unrecht gegenüber der Urbevölkerung ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung, keine jedoch ist ähnlich wütend, bitter, laut und zerrissen wie Kathrine Nedrejord mit Maries Weigerung, „über historische Wunden [zu] sprechen, als handle es sich um neutrale Fakten“ (S. 165) und deren Wutausbrüchen in Großbuchstaben:

WIR WOLLTEN EXISTIEREN, UND WIR WOLLTEN SÁMI SEIN.
EINS VON BEIDEN WAR ZU VIEL. (S. 165)

Acht Jahreszeiten ist ein fordernder Roman in wunderschöner Aufmachung, der zeitlich springt, aufrüttelt, sich auf das Schicksal anderer Minderheiten übertragen lässt und überhaupt nicht zum positiven Image des wunderbaren Reiselands Norwegen passt.

Glücklicherweise irrt Marie mit ihrer Vermutung, ihr Text würde, wie der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Assimilierungspolitik der norwegischen Minderheiten von 2023, weitgehend unbeachtet bleiben. Immerhin hat Kathrine Nedrejord für diese politische Wutrede und ihr Plädoyer für Inklusion statt Homogenisierung unter anderem 2024 den renommierten Brageprisen erhalten.

Kathrine Nedrejord: Acht Jahreszeiten. Übersetzung aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat. Eichborn 2025
bastei-luebbe.de/unternehmen/unsere-verlage/eichborn

 

Weitere Romane über die nordischen Minderheiten der Sámi und Kvenen auf diesem Blog:

           

Weitere Rezension zu  einem Roman, der mit dem renommierten Brageprisen in der Kategorie „Belletristik für Erwachsene“ ausgezeichnet wurde:

2000
2022

Jon Fosse: Vaim

   Rätselhafte Macht und Ohnmacht

Bei einer Abendveranstaltung des Gastlands Norwegen auf der Leipziger Buchmesse 2025 hatte ich das große Glück, den Schauspieler Joachim Król bei einer Vorablesung aus Vaim, dem ersten Buch von Jon Fosse nach der Literaturnobelpreisverleihung 2023, zu erleben. Mit Hinrich Schmidt-Henkel im Publikum, dem sämtliche großartigen Übersetzungen dieses Autors ins Deutsche zu verdanken sind, las Joachim Król großartig und mit sparsamen Gesten die ersten Seiten. Darin wird der Ich-Erzähler Jatgeir beim Kauf von Nadel und Faden zum Annähen loser Knöpfe von der Besitzerin eines Kleiderladens gründlich abgezockt und fügt sich nach innerem Kampf in die Demütigung.

Joachim Król (links) und der Moderator Thomas Böhm (rechts) bei der Norwegischen Nacht im März 2025 in Leipzig. © B. Busch.

Drei männliche Ich-Erzähler
Die aberwitzige Komik dieser Szene kam für mich beim Zuhören noch deutlicher zur Geltung als beim Lesen. Nun überwog das Mitgefühl mit dem unbeholfenen älteren Mann aus dem fiktiven Dorf Vaim an der norwegischen Westküste, der extra wegen dieses Anliegens mit seinem über alles geliebten Holzboot in die Stadt Bjørgvin segelt. Er erleidet an diesem Tag noch eine weitere Niederlage in einem Kolonialwarenladen in Sund auf Santor, bevor das Schicksal mit einer großen Überraschung aufwartet. Plötzlich hört er seinen Namen, gerufen von seiner heimlichen, nie vergessenen Jugendliebe Eline, die Vaim vor vielen Jahren verließ und einen Fischer auf Santor heiratete. Kaum hat er sich davon überzeugt, dass er nicht halluziniert, teilt Eline ihm mit, dass sie ihren Mann verlassen, mit ihrem Koffer auf seinem Boot nach Vaim zurückkehren und bei ihm einziehen wird. Wer denkt, für den einsamen Jatgeir ginge ein Wunschtraum in Erfüllung, irrt:

[…] wollte ich nicht lieber weiter allein wohnen, wie ich es getan hatte, ja seit dem Tod meiner Eltern, und das waren mittlerweile ein paar Jahre, aber jetzt ging es wohl nicht mehr darum, was ich wollte oder nicht wollte, jetzt herrschte hier gewissermaßen ein anderer Wille, alles war irgendwie auf einmal verändert, jetzt herrschte hier Elines Wille […] (S. 55)

Jon Fosse: Vaim. Fotos: © M. u. B. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

Im zweiten Teil des Romans geht die Erzählstimme auf Jatgeirs einzigen Freund Elias über, einen Außenseiter wie er, im Gegensatz zu ihm jedoch gläubiger Kirchgänger. Elias ist nicht gut auf Eline zu sprechen, denn seit sie Chefin in Jatgeirs Haus ist, ist er einsamer denn je. Der Tag, an dem er erzählt, beschert ihm ein übernatürliches Erlebnis.

Dritter Erzähler ist Olav, der verlassene Ehemann. Er hat Eline als ebenso übergriffig erlebt wie Jatgeir, nicht nur, weil sie ihn von Beginn an Frank nannte. Überhaupt ist das Spiel mit den Namen kurios: Jatgeir heißt eigentlich Geir, Eline eigentlich Josefine und Bjørgvin ist der alte Name von Bergen, obwohl es Hinweise gibt, dass der Roman in einer nähergelegenen Vergangenheit spielt.

Ein stummes Zentrum
Vaim
ist der erste Band einer Triologie. Nur die männlichen Protagonisten geben hier ihre Sicht wieder, während Eline, die die Männer wie Schachfiguren herumschiebt, stumm und undurchschaubar bleibt. So bleibt es uns Lesenden überlassen, ihr rätselhaftes Durchsetzungsvermögen einzuordnen, zu bewerten und zu diskutieren.

Das Fosse-Virus
Nach der Novelle Das ist Alise war Vaim das zweite Buch von Jon Fosse für mich, ebenso frei von Punkten und Anführungszeichen und mit nur wenigen Zeilensprüngen, einem atemlosen Wortstrom mit hypnotisierendem Rhythmus, wiederkehrenden Motiven, viel nordischer Atmosphäre und nun sogar feinem Humor.

Wer dem typischen Fosse-Stil nichts abgewinnen kann, wird auch Vaim nicht mögen. Wer allerdings vom Fosse-Virus genauso infiziert ist wie ich oder sich anstecken lassen möchte, dem lege ich den nur 156 Seiten kurzen, nicht schwer zu lesenden Roman wärmstens ans Herz.

Jon Fosse: Vaim. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt 2025
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezension zu einem Buch von Jon Fosse auf diesem Blog:

Meine Lese-Highlights, Interviews und literarischen Begegnungen 2025

Lesen stärkt die Seele. (Voltaire)

© B. Busch

16 Bücher aus 14 Verlagen und unterschiedlichen Genres haben es auf meine persönliche Hitliste 2025 geschafft. Es sind Titel, die mich im Laufe des Jahres am nachhaltigsten beschäftigt haben und die zu Freunden wurden, weil sie mir die Welt nähergebracht und meine Seele gestärkt haben. Wie immer ist mein Kriterium nicht, dass die Bücher sich bereits über lange Zeit als Klassiker bewährt haben, oder die Überzeugung, dass sie auch in hundert Jahren noch gelesen werden. Es ist eine subjektive Auswahl von Werken, denen ich im für mich genau richtigen Augenblick begegnet bin. Sie alle haben nun einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal.

blauer Stern (von oben im Uhrzeigersinn):

Simon Stranger: Museum der Mörder und Lebensretter. A. d. Norweg. von Thorsten Alms. Eichborn 2025
Gaea Schoeters: Das Geschenk. A. d. Niederl. von Lisa Mensing. Zsolnay 2025
Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Staub. Tulipan 2025
Alice Berend: Frau Hempels Tochter. Reclam 2025
Samantha Harvey: Umlaufbahnen. A. d. Engl. von Julia Wolf. dtv 2024
Matthias Jügler (Hrsg.): Wir dachten, wir könnten fliegen. Mit Illustrationen von Barbara Dziadosz. Penguin 2025
Silke Schlichtmann: Mein merkwürdig schöner Sommer mit Luna. Illustriert von Verena Körting. Hanser 2025
Edvard Hoem: Die Hausmamsell. A. d. Norweg. von Antje Subey-Cramer. Urachhaus 2025

orangefarbener Stern (von oben im Uhrzeigersinn):

Jon Fosse: Das ist Alise. A. d. Norweg. von Hinrich Schmidt-Henkel. mare 2023
Elisabeth Gaskell: Norden und Süden. A. d. Engl. von Gerlinde Völker. Reclam 2025
Elin Anna Labba: Das Echo der Sommer. A. d. Schwed. von Hanna Granz. S. Fischer 2025
Anna Maschik: Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten.
Luchterhand 2025
Katharina Köller: Wild wuchern. Penguin 2025
William Heinesen: Noatun. A. d. Dän. von Inga Meincke u. Verena Stössinger. Guggolz 2025
Takis Würger: Für Polina. Diogenes 2025
Kristine Bilkau: Halbinsel. Luchterhand 2025

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Zwei Rubriken aus dem Jahr 2024 habe ich fortgesetzt: Literatur in Bildern mit Fotos zu Autorinnen, Autoren sowie literarischen Orte und Literarische Übersetzerinnen & Übersetzer im Interview. 2025 sind zwei neue Interviews entstanden:

Dr. Berthold Forssman. © privat.

 

 

Interview mit dem Übersetzer Bertold Forssman

 

 

 

Hanna Granz. © privat.

 

 

Interview mit der Übersetzerin Hanna Granz

 

 

 

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Neben dem Lesen und zwei eindrucksvollen Besuchen auf der Leipziger Buchmesse im März und auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2025 werden mir von diesem Jahr fünf Begegnungen mit drei Autorinnen und zwei Autoren im Gedächtnis bleiben: Im Januar trat Matthias Jügler im Rahmen der Lesart mit seinem Roman Maifliegenzeit in Esslingen auf, im Mai bzw. September war der wunderschöne Botnanger Buchladen Gastgeber für Takis Würger mit Für Polina und Katharina Köller mit Wild wuchern, im Oktober las Anna Maschik auf Einladung der ebenso herausragenden Buchhandlung Uwe Mumm in Pforzheim aus ihrem Roman Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten und im Dezember fand eine gemeinsame Veranstaltung des Stuttgarter Literaturhauses und des Naturkundemuseums mit Gaea Schoeters und ihrem Buch Das Geschenk im Schloss Rosenstein statt. 

Matthias Jügler: Maifliegenzeit. Veranstaltung im Rahmen der Lesart Esslingen am 14.01.2025. Fotos: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Penguin.
Takis Würger bei Gespräch und Lesung zu „Für Polina“ im Botnanger Buchladen am 22.05.2025. Fotos: © B. & M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Diogenes.
Katharina Köller bei Gespräch und Lesung zu „Wild wuchern“ im Botnanger Buchladen am 23.09.2025. © B. & M. Busch. Cover: © Penguin.
Anna Maschik bei einer Lesung der Buchhandlung Uwe Mumm in der Heilig-Geist-Kirche in Pforzheim-Dillweißenstein am 20.10.2025. © B. Busch. © Cover: Luchterhand.
Interview und Lesung mit Gaea Schoeters (rechts) im Naturkundemuseum Stuttgart – Schloss Rosenstein am 3.12.2025. © B. Busch. Cover: © Zsolnay.

 

Allen Besucherinnen und Besuchern auf meinem Blog wünsche ich ein gesundes, Frieden bringendes und erfülltes Jahr 2026!

 

Meine Lese-Highlights früherer Jahre:  

2019
2020
2020
2021
2022
2023

 

 

2024

 

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

   Heimat und Fremde

Die Autorin Shida Bazyar wurde 1988 in Deutschland als Kind iranischer Eltern geboren. Flucht und der Spagat zwischen neuer und alter Heimat sind auch die Themen ihres hochgelobten Debüts aus dem Jahr 2016, das trotz spürbarer autobiografischer Einflüsse ein Roman ist.

Vier Erzählstimmen einer Familie aus dem Iran, Vater, Mutter, Tochter und Sohn, in vier langen Kapiteln aus den Jahren 1979, 1989, 1999 und 2009 sowie eine fünfte, ebenfalls einer Tochter, im kurzen, undatierten Epilog sorgen für unterschiedliche Perspektiven und bilden den äußeren Rahmen.

Zwei Generationen, vier Perspektiven, eine überraschende Wendung
Beshad, im Iran Lehrer, seine Frau, die Literaturwissenschaftlerin Nahid, ihre Tochter Laleh, die bei der Flucht 1986 vier Jahre alt war, und Morad, der damals Einjährige, berichten von der iranischen Revolution, als Kommunisten wie Beshad zunächst an der Seite der Khomeini-Anhänger den Schah und die Amerikaner vertrieben, nach dem Sieg der Mullahs jedoch in den Untergrund gedrängt wurden:

Plötzlich weißt du nicht mehr, wann aus dem gemeinsamen Kampf während der Revolution ein Kampf gegeneinander um die neue Herrschaft geworden ist. (S. 47) 

Es geht um die Flucht 1986 über Istanbul nach Deutschland, um Schwierigkeiten beim Ankommen in Deutschland, um den Verlust von Heimat und Sprache, die unterschiedlich verlaufende Integration von Eltern und Kindern, die ungeplante Geburt der Tochter Tara und um eine Reise in den Iran von Mutter und Töchtern während einer Reformperiode 1999, wo sich Laleh zugehörig und fremd zugleich fühlte:

Du gehst anders, sagen sie, Du guckst anders.“ (S. 166)

Morad, der bummelige Student, entwickelt erst während der Grünen Revolution 2009 Interesse für das Land seiner Geburt, während ihn vorher seine auf Veränderungen im Iran fokussierten Eltern nervten:

Weil meine Eltern alles, was sie in den deutschen Nachrichten sehen, stillschweigend als etwas registrieren, was nicht ihr Problem ist. (S. 247)

Der kurze Epilog aus Taras Sicht stellt alles auf den Kopf.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Foto: © U. Gmähle. Collage: © B. Busch. Cover: © Kiepenheuer & Witsch.

Nicht ganz überzeugend
Prinzipiell lese ich gerne Migrationsromane, insbesondere Herkunft von Saša Stanišić       gehört zu meinen Lieblingsromanen, weshalb ich mich sehr auf Nachts ist es leise in Teheran gefreut hatte. Wer allerdings mehr über den Iran und seine neuere Geschichte erfahren möchte, wird hier vermutlich ebenso enttäuscht wie ich. Besonders der Abschnitt von Laleh über die Iran-Reise war mir zu oberflächlich, denn ich hätte mir mehr gewünscht als eine verwirrende Vielzahl von Verwandten und den Schönheitskult der weiblichen Familienangehörigen. Leider hat mich auch die sprachliche Umsetzung mit wenigen Absätzen und fehlenden Anführungszeichen nicht überzeugt. So gut mir die Idee der verschiedenen Erzählstimmen gefällt, so wenig gelungen ist die stilistische Differenzierung zwischen Behsad, Nahid und Laleh, weshalb bei mir keine Nähe zu den einzelnen Familienmitgliedern aufkam. Morads Jugendsprache hebt sich zwar deutlich ab, schön zu lesen ist sie allerdings nicht.

Insgesamt hat mich – mit Ausnahme des überraschenden Epilogs – jedes Kapitel weniger angesprochen als das vorhergehende. Im Gedächtnis bleiben mir daher ein politisch sehr erhellendes erstes Kapitel über die iranische Revolution, eine perfekte gelungene Überraschung im Epilog und ein klug konzipierter Aufbau.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. Kiepenheuer & Witsch 2017
www.kiwi-verlag.de

Jon Fosse: Das ist Alise

   23 Jahre und kein Ende

In einem abgelegenen alten Haus oberhalb eines westnorwegischen Fjords liegt im März 2002 die alte Signe grübelnd auf einer Bank in ihrer Stube. Ihre Gedanken kreisen um eine Katastrophe, die sich vor 23 Jahren ereignete. An einem Dienstag Ende November 1979 fuhr ihr Mann Asle bei Sturm, Regen, Kälte und Dunkelheit wie an jedem Tag mit seinem geliebten kleinen Holzruderboot auf den Fjord hinaus und verschwand. Nur die leere Jolle kam zurück.

Von ihrer Bank aus sieht Signe sich selbst am Fenster stehen, wie sie auf den Fjord und das Bootshaus hinunterstarrte und gleich Tausenden Frauen vor ihr auf ihren Mann wartete. Sie beobachtet noch einmal Asle, der angesichts des schlechten Wetters zögerte und doch der Anziehungskraft des Wassers erlag, blickt auf ihr gemeinsames Leben zurück, hört ihr letztes Gespräch und sieht ihn zum letzten Mal das Haus verlassen.

Übergangslos wechselt die Perspektive und gleitet von Signes zu Asles Gedanken und wieder zurück. Das Rätsel um seine Beweggründe für seinen riskanten Ausflug und sein Verschwinden kann Signe nicht lösen, der Verlust dominiert ihr Leben:

[…] es tut immer noch so weh, denkt sie, nein, sie will nicht mehr daran denken, denkt sie, er ist fort, er kommt nie wieder […] (S. 66)

Jon Fosse: Das ist Alice. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © mare.

Erinnerungen und Visionen
Nicht nur die Erinnerungen an ihren geliebten Asle suchen Signe heim, sondern auch Visionen von vier Generationen seiner Familie, die das alte Haus vorher bewohnten. Wendepunkte ihres Lebens entfalten sich vor Signes Augen, Menschen aus verschiedenen Zeiten bewegen sich gleichzeitig oder nacheinander durch ihr Haus und ihre Stube. Da ist die Ururgroßmutter von Asle, Alise, die ihren Sohn Kristoffer nur knapp vor dem Ertrinken im Fjord rettete, während Brita, Kristoffers Frau, am 17. November 1897 ihren Sohn, auch er mit Namen Asle, an seinem siebten Geburtstag nur noch tot aus dem Fjord bergen konnte. Die Szene, in der Brita ihr totes Kind zum Haus hochträgt, ist eine der bewegendsten und herzzerreißendsten der Novelle.

Obwohl es in der Gegenwart kaum Handlung gibt, erfahren wir doch auf nur 116 luftig bedruckten Seiten rückwirkend entscheidende Puzzlesteine einer Familiengeschichte über fünf Generationen. Wie der verschwundene Asle ist auch der Autor Jon Fosse kein Freund großer Worte, dafür umso mehr Meister innerer Monologe und der außergewöhnlichen Form. Ohne Punkte, Absätze oder Kapitel und in minimalistischer Sprache erzählt er eine dichte, melancholisch-düstere, bisweilen mystische Geschichte über unbewältigte Trauer, Verlust, Einsamkeit und Sehnsucht, die in wiederkehrenden Feuern aufleuchtet.

Hinrich Schmidt-Henkel auf der Leipziger Buchmesse 2025. © B. Busch

Keine Angst vor Jon Fosse!
Das ist Alise
aus dem Jahr 2003 ist das erste Buch, das ich vom 1959 in Haugesund an der norwegischen Westküste geborenen Dramatiker, Lyriker, Essayisten, Prosaautor und Literaturnobelpreisträger des Jahres 2023 Jon Fosse gelesen habe. Seit der Preisverleihung „für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme verleihen“ als vierter Norweger nach Bjørnstjerne Bjørnson (1903), Knut Hamsun (1920) und Sigrid Undset (1928) bin ich um seine Bücher herumgeschlichen und habe die Herausforderung von Form und Inhalt gescheut. Dabei ist Das ist Alise, das der Literaturkritiker Denis Scheck als Einstieg in sein Werk empfiehlt, keineswegs schwer zu lesen, wenn man die innere Hürde überwindet, sich Zeit nimmt und von der Erzählweise tragen lässt wie von den Wellen über den Fjord. Sobald man sich dem Stil und der von Hinrich Schmidt-Henkel fantastisch ins Deutsche übersetzten sanften, gesangartigen Sprache hingibt, entfaltet die Novelle eine mitreißende, geradezu hypnotische Wirkung und beschert ein garantiert einmaliges Leseerlebnis.

Jon Fosse: Das ist Alise. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. mare 2023
www.mare.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Literaturnobelpreisträgerinnen und -preisträgern auf diesem Blog:

1909
1920
1926
1932
1954
1993
2017

 

 

2021

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

  Familiengeschichte aus Mäuseperspektive

 

Geschwiegen wird von jeher viel in der jüdisch-russischen Familie im Roman Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Es ist das zweite Buch der 1988 in Moskau geborenen Autorin Yulia Marfutova, die in Deutschland studierte und promovierte und inzwischen in Boston lebt. Wie das Schweigen der Vorfahren auf die nachgeborene Generation wirkt, beschreibt sie so:

„…was die eine Generation beschweigt, wird der nächsten als dröhnende Stille vererbt.“ (S. 86)

Zwischen Privileg und Bürde
In die Köpfe der drei 17, 16 und 10 Jahre alten Mädchen, die weder die russische Heimat ihrer Mutter und Großmutter noch deren Geschichte kennen, „ragt eine Zeit hinein, die nicht die unsere ist“ (S. 127). Ihre Stellung als Nachgeborene empfinden sie als „Privileg und Bürde zugleich“ (S. 101).

Weil sie ihre Großmutter Nina nie kennengelernt haben und ihre Mutter Marina ihnen vorenthält, was belastend für sie sein könnte, obwohl „deren Geschichte unsere ist, ob sie es will oder nicht. Ob wir es wollen oder nicht.“ (S. 117), sind sie auf andere Quellen angewiesen. Wer könnte mehr wissen als die vorwitzigen, redseligen, von sich selbst überzeugten, sich allwissend gebenden Mäuse, die der Mutter im Flugzeug nach Deutschland folgten?

Alle Familiengeschichten sind Mäusegeschichten. Wer soll sie sonst erzählen, die Geschichten, wenn nicht die Mäuse, die sich so schmal machen können, dass sie durch die kleinsten Ritzen gelangen? (S. 97)

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Foto: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

In den Berichten der Mäuse lernen die Töchter ihre sprachlose Mutter völlig neu kennen, die in einer Moskauer Plattenbausiedlung bei ihrer alleinerziehenden Mutter, einer Ingenieurin mit hellseherischen Fähigkeiten, aufwuchs. Als Jugendliche erlebte sie Ende der 1980er-Jahre den politischen Umbruch und die Massenauswanderung. Bald träumte sie selbst vom Westen und war schließlich wildentschlossen, jede noch so kleine sich bietende Chance auf ein anderes Leben fern ihrer Heimat zu ergreifen.

Puzzlesteine und Andeutungen
Yulia Marfutova erzählt die Geschichte der Frauen überaus originell und experimentell. Einerseits hat mir diese knappe Erzählweise aus Puzzlesteinen der mal mehr, mal weniger vertrauenswürdigen Mäuse gut gefallen, andererseits verstellte mir der kunstvolle Aufbau bisweilen den Blick auf den Inhalt, so abgelenkt war ich von der Verpackung. Hilfreich ist Vorwissen zur Geschichte der Sowjetunion, da die arroganten Mäuse es häufig bei Andeutungen belassen.

Besonders beeindruckend sind die Abschnitte, die das von Generation zu Generation vererbte Schweigen und seine Folgen zeigen. Bereits die Großmutter Nina wuchs mit der Sprachlosigkeit ihrer aus der Ukraine stammenden Eltern zur deutschen Besatzung und zum Holodomor auf. Ihr Jiddischsein legte die Familie beim Umzug nach Moskau ab. Wie nebenbei schildert Yulia Marfutova die Abschwächung des Hungertraumas über die nachfolgenden Generationen: Während Nina die Fettaugen auf der Suppe noch liebte, aß ihre Tochter Marina sie stoisch. Ninas Enkelinnen empfinden Scham darüber, dass sie sie zurückweisen würden.

Ein lesenswerter, äußerst innovativ geschriebener kurzer Roman über Heimat und Herkunft, generationenübergreifende staatliche Verfolgung, politische Umbrüche, innerfamiliäre Sprachlosigkeit und vererbte Traumata.

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel. Rowohlt 2025
www.rowohlt.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Yulia Marfutova auf diesem Blog:

Elisabeth Gaskell: Norden und Süden

   Geschlechterrollen und Klassenkonflikte im viktorianischen Zeitalter

Als Fan der werkgetreuen BBC-Klassikerverfilmungen bin ich vor einigen Jahren auf den Namen der britischen Schriftstellerin Elisabeth Gaskell (1810 – 1865) gestoßen. Ich war sofort begeistert von Frauen und Töchter (1999), mehr noch von North & South (2004) mit Richard Armitage und Daniela Denby-Ashe und von Cranford (2007) bzw. Rückkehr nach Cranford (2009) mit Judy Dench. Sämtliche zugrundeliegenden Bücher erschienen zunächst als Fortsetzungsromane in Zeitschriften. Norden und Süden, ihr erster größerer Publikumserfolg, wurde 1854 und 1855 in der Wochenzeitschrift Household Words von Charles Dickens (1812 – 1870) abgedruckt und 1855 für die Buchfassung überarbeitet. Mit dem Herausgeber war Elisabeth Gaskell, die heute als eine der Hauptvertreterinnen des viktorianischen Romans gilt, ebenso befreundet wie mit Charlotte Brontë (1816 – 1855), deren Biografie sie verfasste.

Ein Kulturschock
Als Ehefrau eines unitarischen Pfarrers in Manchester erlebte Elisabeth Gaskell die Schattenseiten der Urbanisierung und Frühindustrialisierung, die sie in Norden und Süden einer breiten Öffentlichkeit vor Augen führte, hautnah. Das Buch ist Industrie-, Gesellschafts-, Entwicklungs- und Liebesroman gleichermaßen.

Margaret Hale, die knapp 20-jährige Protagonistin, die von ihrer vermögenden Tante in London erzogen wurde, kehrt nach der Heirat ihrer Cousine zu ihren Eltern ins ärmliche Pfarrhaus von Helstone zurück, einem fiktiven Dörfchen im Süden Englands. Nur kurz kann sie die geliebte verschlafene Idylle aus rosen- und geißblattumrankten Cottages und Natur genießen, weil ihr Vater wegen einer Gewissenskrise mit der anglikanischen Kirche bricht und als Privatlehrer ins ebenfalls fiktive Milton geht, einer schmutzigen, hässlichen und lauten aufstrebenden Industriestadt im Norden. Der neue Ort, unbekannte gesellschaftliche Umgangsformen, ein neuer Menschenschlag und ein ungewohnter Dialekt, in der sonst sehr guten Neuübersetzung von Gerlinde Völker in schwer zu lesender Ruhrpott-Mundart wiedergegeben, sind ein Schock für Margaret und ihre Mutter. Die Baumwoll-Fabrikanten verachtet Margaret als „Händler“ und Vertreter eines seelenlosen Kapitalismus. Da sie für ihre schwachen Eltern Stärke und Haltung zeigen muss, gilt sie schnell als hochmütig. Auch der Lieblingsschüler ihres Vaters, der schüchterne junge Fabrikant und Aufsteiger John Thornton, hält die abweisende Margaret für kühl und stolz, doch seine Neugier ist geweckt.

Durch die Bekanntschaft mit dem Gewerkschaftler Nicholas Higgins und seiner durch die Arbeit mit roher Baumwolle tödlich erkrankten Tochter Bessy erhält Margaret Einblicke in die verzweifelte Lage der Fabrikarbeiter. Kurz darauf kommt es zum Streik und zum Aufstand gegen die Fabrikbesitzer – und plötzlich sind sowohl Margaret als auch John Thornton mittendrin.

Ob es in der komplexen, geschickt verwobenen Geschichte nach vielen Wendungen, schmerzhaften Schicksalsschlägen und Missverständnissen zum Happy End kommt, wird hier natürlich nicht verraten.

Elisabeth Gaskell: Norden und Süden. Foto der Autorin: gemeinfrei. Gesamtfoto: © B. Busch. DVD-Cover: © BBC. Buchcover: © Reclam.

Unvergessliche Figuren
Elisabeth Gaskell ist eine Meisterin der Dialoge und Dispute, die sie Margaret Hale, John Thornton, Nicholas Higgins und den zahlreichen Nebenfiguren in den Mund legt. Statt in den politischen, sozialen oder gesellschaftlichen Konflikten Partei zu ergreifen, setzt sie auf die Utopie eines gedeihlichen Miteinanders.

Die liebenswürdige, charakterstarke und fürsorgliche Margaret Hale ist mit ihrer entflammenden Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit, ihrem wachsenden Freiheitsdrang und ihrer Fähigkeit, Vorurteile zu revidieren, eine unvergessliche literarische Heldin, genauso wie John Thornton, der im Laufe der Geschichte ebenfalls eine Wandlung durchläuft. Feministische Aspekte, die sich in Margarets Spott bezüglich übertriebener Hochzeitsvorbereitungen ihrer Cousine oder ihrem wachsenden Unabhängigkeitsstreben zeigen, machen den Roman abseits von Häubchen, Erröten und Erblassen überraschend modern.

Obwohl ich das Ende kannte, haben mich die gut 600 dicht bedruckten Seiten ausgezeichnet unterhalten. Mit einem zufriedenen Lächeln habe ich diesen leider zu wenig bekannten Klassiker über Geschlechterrollen und Klassenkonflikte im viktorianischen Zeitalter zugeklappt.

Elisabeth Gaskell: Norden und Süden. Aus dem Englischen von Gerlinde Völker. Mit einem Nachwort von Angelika Zirker. Reclam 2025
www.reclam.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Elisabeth Gaskell auf diesem Blog:

Ian McEwan: Was wir wissen können

  Sein und Schein

Der 1948 geborene britische Autor Ian McEwan blickt in seinem Roman Was wir wissen können weit in die Zukunft: ins Jahr 2119. Es ist kein hoffnungsvolles Bild, das er im ersten Teil wie nebenbei einflicht. Aufgrund eines Tsunamis 2042 durch eine fehlgeleitete russische Interkontinentalrakete wurde Großbritannien zum Archipel, alle wissenschaftlichen Einrichtungen liegen auf Hügeln, Städte wie Glasgow oder New York verschwanden. Deutschland wurde dem russischen Großreich einverleibt, in Amerika herrschen Warlords und Nigeria ist die führende IT-Nation. Die Menschheit schrumpfte durch begrenzte, KI-ausgelöste Atomkriege, Hungersnöte und Pandemien von neun auf vier Milliarden mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 62 Jahren und drei Viertel der Arten sind ausgestorben. Unter diesen veränderten Bedingungen, mit denen die Welt von 100 Jahren zuvor paradiesisch anmutet, hat sich ein stabiles Gleichgewicht eingestellt:

In unserer Zeit sind wir daran gewöhnt, dass sich über Generationen hinweg nicht viel ändert. (S. 165)

Ian McEwan: Was wir wissen können. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Diogenes.

Ein verschollener Sonettenkranz
Einer von denen, die gelassen mit den veränderten Lebensbedingungen umgehen, ist der Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe. Sein Spezialgebiet ist die englische Literatur von 1990 bis 2030, seine Obsession ein verschollener Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy (1950 – 2017), den dieser 2014 während eines legendären Abendessens zum 54. Geburtstag seiner Frau Vivien im Freundeskreis vortrug. Obwohl das Reisen zum Archiv mit dem Nachlass von Francis Blundy und den Tagebüchern von Vivien beschwerlich ist, trägt Tom immer mehr Material über das geheimnisvolle Gedicht zusammen, bis ihn die Last seiner Quellen fast erdrückt. Aufgrund Abertausender digitaler Nachrichten von Francis und Vivien Blundy, Surfgewohnheiten, Tagebüchern, Briefen und anderer Dokumente glaubt sich Tom befähigt, Lücken mit fundiert begründeten Annahmen zu füllen. Doch der Inhalt des Sonettenkranzes selbst bleibt ein Nährboden für Spekulationen:

Es ging nicht mehr allein um ein verschollenes, nach dem Abendessen vorgetragenes Gedicht, sondern um das, was aus diesem Gedicht dank seiner Nichtexistenz geworden war: ein Reservoir an Träumen, überbeanspruchte Nostalgie, nutzlose retrospektive Wut und Brennpunkt haltloser Verehrung. (S. 24)

Perspektivwechsel
Im 2. Teil des Romans wechselt die Ich-Perspektive von Tom Metcalfe zu Vivien und ihrer 2020 verfassten schriftlichen Beichte, die in überraschendem Kontrast zu ihren Tagebüchern steht:

Fast unmerklich wurden meine Tagebucheinträge zum Bericht meines besseren Selbst. Ich hätte es abgestritten, aber mit der Zeit hörten die Einträge auf, privat zu sein. Ich hatte einen Leser im Sinn. (S. 371)

Einen Leser wie den gutgläubigen, ein wenig in sie verliebten Nostalgiker Tom…

Wahrheit und Lüge, Schuld und Moral
Der Romantitel ist doppeldeutig: Was hätte man 2014 über zukünftige Katastrophen wissen können und auf welche Quellen ist Verlass, eine Frage, die angesichts zunehmender Bedeutung von KI immer drängender wird. Das raffinierte Spiel um Wahrheit und Lüge, Schuld und Moral, stand für mich daher im Mittelpunkt, garniert mit bisweilen satirisch angehauchten Elementen aus den Genres Krimi, Dystopie, Climate Fiction, Campus- und Eheroman, gewohnt brillant geschrieben und von Bernhard Robben hervorragend übersetzt.

Was wir wissen können ist ein Roman, der für mich mit dem Abstand einiger Tage immer mehr gewinnt, nachdem ich mich im ersten Teil streckenweise langweilte, einerseits, weil ich kein Fan von Science-Fiction-Szenarien bin, andererseits wegen thematischer und personeller Überfrachtung. Viel zu viele interessante Themen werden in unbefriedigender Kürze angerissen und geniale Ideen stehen in scharfem Kontrast zu langatmigen Details. Teil zwei war dann zwar weniger originell, dafür aber flüssiger zu lesen und überraschender in seinen Wendungen. Die kluge Gesamtkonstruktion versteht man erst auf den letzten der 462 Seiten und begreift spätestens dann, dass sich das Durchhalten unbedingt gelohnt hat.

Ian McEwan: Was wir wissen können. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes 2025
www.diogenes.ch

 

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