Stefanie vor Schulte: Schlangen im Garten

  Gesellschaftskonforme Trauer


Wie das ist, wenn plötzlich die Mutter stirbt, lässt Stefanie Höfler in ihrem Jugendroman Der große schwarze Vogel den 14-jährigen Ben erzählen. Fassungslos müssen er, sein sechsjähriger Bruder Krümel und ihr Pa miterleben, wie Sanitäter die Mutter nicht retten können. Ben erzählt von der Woche danach, von seinen Erinnerungen, beschreibt die unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien der Zurückgebliebenen, aber auch die Hilfe von außen, so dass der sehr realistische Roman traurig, aber zugleich hoffnungsvoll ist.

Im zweiten Roman von Stefanie vor Schulte ist die Ausgangslage ähnlich, denn auch die Familie Mohn mit dem zwanzigjährigen Steve, der zwölfjährigen Linne, dem elfjährigen Micha und dem Vater Adam in Schlangen im Garten ist mitten im Trauerprozess um die Mutter Johanne. Allerdings ecken sie mit ihrer Trauer an, gar zu lang, anders, undurchsichtig und heftig wirkt ihre Trauer auf die neugierige, unempathische, ungeduldige Umgebung. Linne mit ihrer Aggressivität und der introvertierte Micha stoßen in der Schule auf Ratlosigkeit, der resignierte, weltfremde Adam kündigt und einzig der nach Hause zurückgekehrte Student Steve hält ein Minimum an Ordnung aufrecht. Darf das sein? Herr B. Ginster, der Mann vom Traueramt, ist anderer Meinung und schickt eine erste Mahnung:

Über einen Zeitraum von drei Wochen finden sich fünf Beschwerden, die beim Traueramt eingegangen sind. […] Die Beschwerden legen den Verdacht nahe, es handele sich hier um verschleppte Trauerarbeit. (S. 58)

Zwei ganz unterschiedliche Romane über den frühen Tod einer Mutter und die verwaiste Restfamilie. © B. Busch


Ungehöriges Trauern
Mit Herrn Ginster kommt die Schlaflosigkeit. Die Mohns begreifen ihre Verfehlung nicht, wollen gar nicht weniger trauern und fürchten mehr als alles den Erinnerungsverlust. Doch das Traueramt stuft verschleppte Trauerarbeit als gefährlich ein:

Wer beim Trauern auffällt, richtet gesellschaftlichen Schaden an. (S. 76)

Unterstützung von überraschender Seite
Glücklicherweise tauchen nach und nach Menschen auf, die dank ihres eigenen Außenseitertums sehr viel mehr Einfühlungsvermögen mitbringen: Brassert, der einsame Schwänefütterer, die obdachlose Bille mit ihrem Einkaufswagen voller lichterfüllter Dinge und die junge Marlene mit dem künstlichen Bein. Sie stellen keine Forderungen, sondern sind einfach nur unverstellt da und während das Zuhause der Mohns langsam untergeht, erzählen sie fantastische Geschichten über Johanne.

Fantastik als Stilmittel
Spätestens mit dem Auftauchen von Herrn Ginster kippt die Romanhandlung ins Fantastische, ein literarischer Kunstgriff für das schwierige Thema Trauer, mit dem ich absolut nicht gerechnet hatte. Als gänzlich ungeübte Leserin in diesem Genre hat mich die Bild-, Symbol und Metaphernfülle zwar oft überfordert, trotzdem hatte ich fast immer das Gefühl, die Absicht dahinter mit dem Bauch zu erfassen. Nicht verstanden habe ich allerdings, warum die erfundenen Geschichten über Johanne der Familie helfen, wo sie doch die realen Erinnerungen gefährden könnten? Gleitet die Handlung anfangs sacht aus der Realität und hält die Grenzen zur Fiktion im Unscharfen, was mir sehr gut gefiel, wurde es mir am Ende doch etwas zu surreal. Besser hätte mir ein Schwenk zurück in die Realität gefallen. Und doch stimmen der innerfamiliäre Zusammenhalt und der Schlusssatz hoffnungsfroh:

Endlich ist der Sommer vorbei. (S. 239)

Ein mutiger, experimenteller, gesellschaftskritischer Roman voller außergewöhnlicher Ideen zum Thema Tod und Trauer, ein lesenswerter Appell für Toleranz und gegen normiertes Verhalten.

Stefanie vor Schulte: Schlangen im Garten. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia

  Verloren in Zeit und Raum

Ich habe mich in dieser Stadt niedergelassen, um dort auf das Ende der Welt zu warten. (S. 7)

So beginnt der Ich-Erzähler seinen Bericht über eine Zeit des Wartens auf seine Frau Cecilia. Erst im vorletzten der 52 kurzen, wie Gedankenschnipsel durch Raum und Zeit schwebenden Kapitel erfahren wir seinen Namen: Bruno. Während einer Reise hatte das Paar sich in die Stadt Lissabon verliebt, eine Wohnung gekauft und sich nun zum Umzug entschlossen. Bruno ist vorausgefahren, beaufsichtigt die Renovierungsarbeiten, packt Kisten aus. Denn während er sich nach dem Verlust seines verhassten Jobs als Frührentner nur noch um Cecilias Wohlergehen kümmern will, arbeitet sie als Forscherin im neurologischen Labor eines Nobelpreisträgers in New York und möchte vor ihrem Wechsel in ein entsprechendes europäisches Institut ihre derzeitige Arbeit abschließen. Gerade sie, die an Ratten die Mechanismen von Erinnerung und Angst erforscht, leidet seit den Anschlägen vom 11. September 2001 unter Albträumen, die in Lissabon der Vergangenheit angehören sollen.

Realität oder Wunschtraum?
So plausibel Brunos Erzählung zunächst klingt, so schnell schleicht sich bei der Lektüre Misstrauen ein. Während er zunächst mit den Arbeiten an der Wohnung beschäftigt ist und wenigstens mit dem vielseitigen Handwerker Alexis und der gesprächigen Putzfrau Cándida Umgang pflegt, kapselt er sich zunehmend in seiner mittlerweile fertigen Wohnung ein, einzig in Gesellschaft seiner Hündin Luria und seiner Bücher. Doch warum muss das neue Zuhause dem alten bis ins kleinste Detail gleichen? Wo ist Cecilia, für die er bei den Mahlzeiten ein Gedeck auflegt, wie ist es um ihre Beziehung wirklich bestellt? Warum gibt es keine Telefonate und vor allem: Wann kommt sie? All dies entfachte bei mir ein Kopfkino mit den aberwitzigsten Erklärungsvarianten, was dieses ruhige, fast lethargische Buch zumindest für mich zum psychologischen Spannungsroman machte. Je sicherer ich mir über die Unzuverlässigkeit des einsamen, immer stärker in Zeit und Raum desorientierten Ich-Erzählers wurde, desto drängender wurden meine Fragen.

© B. Busch

Das Ende
Während ich Bruno bei Joggingrunden am Tejo, im Lesesessel bei der Lektüre ähnlich isolierter Protagonisten, auf einer aberwitzigen Party, beim Verfolgen apokalyptischer Weltnachrichten oder beim Zitieren von Cecilias Wissen zur Hirnforschung begleitete, wuchs meine Sorge, ob es überhaupt eine Auflösung geben würde. Umso beglückter war ich, als das Ende meine offenen Fragen zu beantworten schien – jedenfalls so lange, bis sich in meiner Leserunde ganz andere Interpretationsvarianten auftaten… Aber ist es nicht genial, wenn verschiedene, wohlgemerkt begründete Schlüsse möglich sind, über die sich trefflich diskutieren lässt? Ich jedenfalls bleibe bei meiner Auslegung, die ich hier natürlich nicht preisgebe, obwohl mich der spanische Originaltitel Tus pasos en la escalera (Deine Schritte auf der Treppe) erneut ins Grübeln brachte…

Zwei Städte, zwei Flüsse, zwei Kulturen
Der 1956 in Andalusien geborene Antonio Muñoz Molina zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren seines Landes und macht Lust auf den Gastlandauftritt Spaniens bei der Frankfurter Buchmesse 2022. Sein Roman Tage ohne Cecilia von 2019, zu diesem Anlass nun von Willi Zurbrüggen übersetzt, hat mich durch den intensiven Erzählstil, Besessenheit und Kontrollverlust des Protagonisten, mitreißende Beschreibungen der sich allmählich zu einem Ort verdichtenden Städte Lissabon und New York,  ironische Sicht auf zwei Kulturen, Widersprüche, Rätsel und Deutungsmöglichkeiten, elegante Sprache und einen raffinierten Spannungsbogen überzeugt.

Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Penguin 2022
www.penguinrandomhouse.de

Silke Schlichtmann: Reißaus mit Krabbenbrötchen

  Ein Riesenschlamassel oder Was ist noch normal?

Wenn alles anders läuft als geplant, dann hat man genau zwei Möglichkeiten:
1. Den Kopf in den Sand stecken.
2. Sich was Neues ausdenken. (S. 99)

Wer die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Kinderbuchautorin Silke Schlichtmann kennt, weiß, für welche der beiden Varianten sich die zehnjährige Protagonistin Jonte in ihrem neuen Kinderroman Reißaus mit Krabbenbrötchen entscheidet: natürlich für die Kreativität! Denn die ist gefragt, als Opa Peter immer tüdeliger und rätselhafter wird. Für Jontes Mutter Gitte ist klar: Opa muss schnellstmöglich ins Heim. Aber ist man wirklich schon dement, wenn man 23 Gläser Senf im Vorratsregal hat, nackt durch den Garten läuft und das Handy im Kühlschrank aufbewahrt? Oder gibt es dafür vielleicht sogar logische Erklärungen? Jonte jedenfalls ist fest entschlossen, den Plan ihrer besorgten Mutter zu durchkreuzen. Helfen wollen ihr bester Freund Schippo, ein nachdenklicher Junge, der nichts so fürchtet wie Langeweile, und ihre älteren Geschwister, der sechzehnjährige, schwer pubertäre Tausendfüßlerzüchter Henrik und die verliebte Ditte mit dem „Wenn-man-vom Teufel-spricht-Talent“. Gemeinsam wird ein Diagnose- und Rettungsplan ausgeklügelt, damit Opa in seinem Häuschen mit Tischlerwerkstatt in Grünendeich im Alten Land bleiben kann.

Dass es schließlich so richtig turbulent wird und sogar Schippo sich keine Sekunde mehr langweilt, liegt auch daran, dass Jonte, wie sie selbstkritisch bemerkt, gerne spontanen Einfällen folgt:

Aber wenn man alles zu Ende denkt, hat man irgendwann keine Zeit mehr, um überhaupt anzufangen. (S. 191)

Zum Glück kommt Rettung in letzter Minute, denn wenn nicht jede und jeder nur eine Seite des Problems sieht, findet sich für alles eine Lösung…

Zutaten für Krabbenbrötchen à la Krabbenbrötchenverkäuferin Johanna aus Husum. Das geheime Rezept gibt’s hinten im Buch.  © B. Busch

Mit Jonte, ihrer Familie, Schippo und dem Hund Plato hat Silke Schlichtmann erneut eine Umgebung geschaffen, mit der sich zehnjährige Leserinnen und Leser bestens identifizieren können. Jede Figur ist mit viel Herz und Respekt gezeichnet und die Handlung ist ebenso lebendig wie spannend und oft so komisch, dass ich auch als Erwachsene wieder einen Heidenspaß hatte, besonders an den mit Wortwitz und Situationskomik gespickten Dialogen. Es ist herrlich, den manchmal schrägen, für sie durchaus logischen Gedankengängen der Ich-Erzählerin Jonte zu folgen und keine Sekunde zweifelt man daran, dass hier tatsächlich eine pfiffige Zehnjährige erzählt. Wie immer greift Silke Schlichtmann ein Problemthema aus der Erfahrungswelt der Kinder auf, nimmt ihre Nöte ernst und zeigt, dass man Lösungen am besten im Team findet.

Jens Rassmus, dessen witziges Bilderbuch Juhu, LetzteR! ich sehr liebe, hat Reißaus mit Krabbenbrötchen passend zur Textfarbe in Blau illustriert, punktgenau in den Details und Stimmungen.

Reißaus mit Krabbenbrötchen eignet sich für gute Leserinnen und Leser ab der dritten Klasse, zum Vorlesen auch früher. Besonders empfehlenswert sind Lesungen von Silke Schlichtmann selbst bei einer ihrer fantasievollen Veranstaltungen, für die sie 2019 auf der Leipziger Buchmesse als LesekünstlerIn des Jahres ausgezeichnet wurde.

Jontes Versprechen, uns bei nächster Gelegenheit mehr über Schippos Namen zu erzählen, nehme ich als Zusage für mindestens einen weiteren Band. Eine ausgezeichnete Idee, liebe Frau Schlichtmann!

Ein witziges Video zum Buch gibt es hier.

Silke Schlichtmann: Reißaus mit Krabbenbrötchen. Mit Zeichnungen von Jens Rassmus. Hanser 2022
www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-kinderbuch

 

Weitere Rezensionen zu Kinderbüchern von Silke Schlichtmann auf diesem Blog:

         

 

Alain Claude Sulzer: Doppelleben

  Eine doppelte Tragödie

Die Brüder Edmond (1822 – 1896) und Jules (1830 – 1870) Goncourt kannte ich bisher nur dem Namen nach für ihre zahlreichen gemeinsamen Tagebücher, als Mitbegründer des Naturalismus und als Initiatoren des wichtigsten französischen Buchpreises, des Prix Goncourt, der seit 1903 von der Académie Goncourt vergeben wird. Der biografische Roman Doppelleben des Schweizer Autors Alain Claude Sulzer vermittelte mir nun Einblick in ihr Leben und Schaffen, auch wenn es sich ausdrücklich nicht um eine Biografie handelt. Er spielt hauptsächlich während des letzten Lebensjahrzehnts von Jules, angereichert um zahlreiche Rückblenden und einen kurzen Abschnitt über Edmonds 26 Jahre währendes Leben nach dem Tod des jüngeren Bruders. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Entstehungsgeschichte ihres gemeinsamen Romans Germinie Lacerteux und der langsamen Syphilistod von Jules.

Brüderliche Symbiose
Das wunderschöne Cover mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde „Le Cercle“ von Jean Béraud zeigt einen Salon, wie ihn die Brüder Goncourt hätten bewohnen können, bourgeois, gemütlich und vor allem ruhig, ein entscheidendes Kriterium für diese stets vom Lärm ihrer Umgebung gequälten, überaus empfindsamen und verschrobenen Schöngeister. Für ihre Behaglichkeit sorgte, da sie beide nie verheiratet waren, sich stets selbst genügten und sogar die Geliebte teilten, Personal. Langjährige Haushälterin war Rosalie Malingre, genannt Rose, die mit 17 Jahren 1837 vom Land nach Paris kam. Nach dem Tod ihrer Mutter, der ihnen ein reichliches Erbe und lebenslanges Auskommen bescherte, blieb Rose als Haushälterin bei ihnen und sie ertrugen ihre mangelhaften Kochkünste, ließen sich von ihr umsorgen und bewachen, „knurrend … wie ein alter Kettenhund“ (S. 92), behandelten sie allerdings eher wie einen Gegenstand denn als Lebenswesen:

Sie war so diskret wie ein Tisch oder ein Schrank, sie gehörte so unverrückbar zu ihnen und ihrer Wohnung wie ein Möbelstück oder eine Tür, die man täglich unzählige Male öffnete und schloss, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, warum man es tat und ob es nötig war, es zu tun. (S. 91)

© B. Busch

Stoff für einen Roman
Folglich waren sie, die sich in ihren mehrere Tausend Seiten umfassenden, an die Nachwelt gerichteten Tagebüchern als so überaus genaue Beobachter ihrer Umgebung präsentieren, erstaunt und entsetzt, als sie nach Roses Tod im Jahr 1862 von deren dramatischem Doppelleben erfuhren. Dem schnellen Verzeihen und der Begleichung ihrer Schulden folgte der Entschluss, das Geschehen zum Roman zu verarbeiten: Germinie Lacerteux (1865), ist laut Wikipedia „die Geschichte eines Dienstmädchens, das quasi idealtypisch alles Gute und Böse erlebt, das einem Dienstmädchen widerfahren kann“, Roses angereicherte Lebensgeschichte also, die Sulzer wiederum als die wahre wiedergibt.

Ein Martyrium
Neben dieser Episode thematisiert Doppelleben Jules‘ 20 Jahre währende Syphiliserkrankung, die ihm, dem kultivierten Mann der Worte, allmählich alles für die Brüder Wichtige raubte: Sprache, Geist, Verstand, Handschrift, Erinnerung, Manieren und gesellschaftlichen Umgang. Alain Claude Sulzer spart hier nicht mit Details und schildert ausführlich Jules‘ Siechtum, aber auch Edmonds Mit-Leiden und sein beständiges Negieren und Verdrängen der Diagnose.

Ein empfehlenswerter historischer Roman
Während der zeitpolitische Kontext sehr gut einfließt, hätte ich gerne noch mehr über das gesellschaftliche Umfeld und das Schreiben der Goncourts erfahren. Überzeugend ist der Roman mit der doppelten Tragödie und dem doppeldeutigen Titel trotzdem, auch wegen seiner apart altmodischen Sprache und dem ruhigen Erzählfluss.

Alain Claude Sulzer: Doppelleben. Galiani Berlin 2022
www.galiani.de

Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit

  Die Last des Hoferben

Den 1949 an der norwegischen Westküste geborenen Schriftsteller und Theaterregisseur Edvard Hoem habe ich 2021 mit dem biografischen Roman über seine Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, Die Hebamme, entdeckt und unmittelbar danach Die Geschichte von Mutter und Vater gelesen, eine zutiefst berührende Liebesgeschichte über seine Eltern. Beide Bücher sind Familiengeschichte und Zeitdokument über das bäuerliche Leben in West-Norwegen zugleich. Sie haben mich so begeistert, dass ich während einer Norwegen-Reise im August 2022 die aus verstreut liegenden Höfen bestehende Siedlung Hoem und den Hoemschen Hof Bakken, die Kirche von Vågoy und den Friedhof mit dem Grab der Eltern besucht habe.

Der Hof Bakken in Hoem. © B. Busch
Die Kirche von Vågoy am Fjord.  © M. Busch

Außerdem hat mich der Roman Heimatland. Kindheit auf der Reise begleitet, im Original 1985 erschienen und auf Deutsch leider nur noch antiquarisch lieferbar, in dem Edvard Hoem in der Er-Form über seine ersten 14 Jahre bis zu seinem Weggang zur höheren Schule nach Molde erzählt. Es ist die Geschichte des Erstgeborenen von sechs Kindern – die ältere Halbschwester nicht eingerechnet –, der seine Bestimmung zum Hoferben nicht erfüllen konnte und wollte:

Denn weder wollte er Bethauserbauer werden noch Traktorfahrer. Diese Kombination schien die nächstliegende von allen, und er dachte: Wenn ich hierbleibe, werde ich ganz sicher verrückt. (S. 162)

Die Siedlung Hoem mit dem Hof Bakken im Hintergrund. © B. Busch

Große Erwartungen
Schon Edvards Vater Knut Hoem interessierte sich mehr für den Beruf des protestantischen Laienpredigers als für den Hof Bakken in Ytre Hoem nahe Molde. Wie sein Vater Edvard Knutsen Hoem war er Haugianer, Anhänger der Erweckungsbewegung des Wanderpredigers Hans Nielsen Hauge. Als er sich dem Erbe dennoch nicht entziehen konnte, reiste er zwischen der herbstlichen Kartoffelernte und der Frühjahrsaussaat über 40 Jahre zum Zwecke der Erweckung durch Westnorwegens Täler und arbeitete nur in den Sommermonaten als Landwirt. Die Erwartungen des Großvaters in den erstgeborenen Enkel waren daher so enorm wie erdrückend, zumal der bald anders gelagerte Neigungen verspürte:

Es war, als rückte eine lange Reihe toter Verwandter an, die ihn anstarrten und beschuldigten, die Verantwortung nicht übernehmen, die Last nicht tragen, das Erbe nicht annehmen zu wollen. (S. 72) 

Doch bevor Edvard Hoem sich in die Welt der Bücher verlor, erlebte er die Elektrifizierung der rückständigen Höfe, ein Segen, der jedoch viele Bauern zum winterlichen Heringsfang zwang, und den Bau des Betshauses, dem großväterlichen Traum. Seine Berufswünsche Pastor oder Missionar begrub er, nachdem er seinen Kinderglauben verloren hatte, ohne neues Ziel.

Ein Denkmal für die Familie
Ein trotz protestantischer Strenge verständnisvoller Vater, der ihn nicht zur Landarbeit zwingen wollte, und eine bildungsorientierte, unermüdlich bis zur Erschöpfung arbeitende, gütige Mutter ermöglichten Edvard Hoem, der heute wieder auf dem Nachbarhof, dem Bortehof, lebt, den Absprung in ein anderes Leben. Doch wie die Übersetzerin Ebba D. Drolshagen in ihrem vorzüglichen Nachwort darlegt, erfüllt er seine Pflichten heute doch:

Mit seinen Büchern ehrt er seine Vorfahren, er macht seine Familie und den Hof unsterblich. Kurz: Er erfüllt seine Pflichten als Hoferbe. (S. 215)

Edvard Hoem gehört mit seinen familienbiografischen Romanen inzwischen zu meinen Lieblingsschriftstellern. Ich freue mich schon jetzt, dass mit Der Geigenbauer im Herbst 2022 ein weiterer seiner Romane auf Deutsch erscheint, zumal der Protagonist Lars Olsen Hoem bereits in Heimatland. Kindheit Erwähnung findet.

Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit. Aus dem Norwegischen und mit einem Nachwort von Ebba D. Drolshagen. Insel 2009
www.suhrkamp.de/verlage/insel-verlag-s-22

 

Weitere Rezensionen zu familienbiografischen Romanen von Edvard Hoem auf diesem Blog:

 

Johan Borgen: Lillelord

  Klüfte und Spalten

Der Roman Lillelord aus dem Jahr 1955 ist der erste Teil einer Trilogie, dem Hauptwerk des Journalisten, Literaturkritikers, Dramaturgen und Schriftstellers Johan Borgen (1902 – 1979), und zählt zu den wichtigsten modernen Klassikern Norwegens. Im Mittelpunkt steht Wilfred Sagen, ein Junge aus den besten Kreisen von Kristiania, dem heutigen Oslo, der mit seiner verwitweten Mutter in einem herrschaftlichen Haus mit Blick über die Frognerbucht auf die Halbinsel Bygdøy und das Schloss Oscarshall lebt.

Der Blick aus Lillelords fiktivem Elternhaus über die Frognerbucht auf die Halbinsel Bygdøy und Schloss Oscarshall. © B. Busch

Doppelleben
Wer Wilfred Sagen, den Lillelord genannten 14-Jährigen mit den langen Locken, im ersten der 21 Kapitel bei einem der regelmäßigen Familiendinner mit Onkeln und Tanten erlebt, sieht einen außergewöhnlich wohlerzogenen, an alle familiären Spielregeln angepassten, intelligenten, eher kindlichen Jungen. Und doch ahnt man die Maskerade gegenüber der Mutter, Onkeln, Tanten und dem Dienstmädchen und sieht die versteckte Ironie. Wie ausgeprägt sein Doppelleben allerdings ist, erstaunt dann aber doch: Nicht nur schwänzt er die Schule, bedient sich in der mütterlichen Geldkassette, fälscht das Haushaltsbuch und die Korrespondenz mit seiner exklusiven Privatschule, er begibt sich auch in Stadtteile, von denen er nach Meinung seiner Mutter nichts ahnt. Dort lebt er seine dunkle Seite aus, wütet  durchtrieben, gewissenlos, kaltblütig und erschreckend brutal. Dabei hilft ihm, dass er als mütterlicher Augapfel diese fast nach Belieben manipulieren und aufkommende Zweifel im Keim ersticken kann und der allgemeine Respekt vor der höheren Klasse jeden Verdacht gegen ihn unterdrückt.

Skulptur im Frognerpark Oslo von Gustav Vigeland (1869-1943), dort aufgestellt zwischen 1923 und 1943. © B. Busch

Verwöhnt und vernachlässigt
Auf der Suche nach seinem wahren Ich, „der Sehnsucht nach dem Eigenen“ (S. 26)und nach Grenzen, im verzweifelten Kampf um Anerkennung und im Strudel der erwachenden Sexualität folgen wir Wilfred über etwa ein Jahr. Während ihn die Mutter mit ihrer „indolenten Abscheu vor allem Unbehaglichen“ (S. 169) am liebsten auf ewig als Kind sähe, will er vehement die Fesseln der Kindheit abstreifen. Einerseits überbehütet und verwöhnt, ist er andererseits vernachlässigt und einsam, es fehlt die Vaterfigur. So gerne er in verschiedene Rollen schlüpft, so sehr bewundert er alle, die „frei von allem So-tun-als-ob“ (S. 240) leben.

Ein lesenswerter moderner Klassiker
Johan Borgen, lange dem Kommunismus verbunden, porträtiert in Lillelord nicht nur die gespaltene Persönlichkeit eines Jugendlichen aus dem gehobenen Bürgertum, sondern zeigt auch eine zutiefst gespaltene Gesellschaft kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ich hatte das Glück, den Beginn des Romans während eines Osloaufenthalts zu lesen mit Wilfreds Stadtviertel und dem Drammenveien direkt vor Augen. Die ersten zwei Drittel haben mir sehr gut gefallen, das letzte zog sich etwas in die Länge. Trotzdem möchte ich irgendwann die Bände zwei und drei, Die dunklen Quellen (1956) und Wir haben ihn nun (1957) lesen, besonders aus Neugier auf Wilfreds politische Positionierung im Ersten beziehungsweise Zweiten Weltkrieg.

Der Verlag Fischer Taschenbuch hält die Trilogie dankenswerterweise mit einigen Tagen Vorlauf lieferbar. Es handelt sich allerdings um den unveränderten Reprint einer älteren Ausgabe, eng und bis an die Ränder bedruckt, manchmal unscharf und schwer offen zu halten, was mein Lesevergnügen leider getrübt hat.

Johann Borgen: Lillelord. Aus dem Norwegischen von Alken Bruns. Fischer 2015
www.fischerverlage.de

Shelly Kupferberg: Isidor

  Ein literarischer Stolperstein für den Urgroßonkel

Einer jüdischen Tradition gemäß stirbt ein Mensch zweimal: wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird. Genau wie der Künstler Gunter Demnig mit den von ihm erdachten Stolpersteinen oder der norwegische Autor Simon Stranger mit seinem Buch Vergesst unsere Namen nicht verschiebt auch Shelly Kupferberg mit ihrem Debüt diesen zweiten Tod ihres Urgroßonkel Dr. Isidor Geller. Nicht nur sein Leben zeichnet sie nach, auch das seiner Eltern, Geschwister, seines Neffen, seiner Geliebten und anderer, Schicksale, die ich teilweise sogar noch interessanter fand. Initialzündung für das Buchprojekt der 1974 in Tel Aviv geborenen, in Westberlin aufgewachsenen und heute in Berlin lebenden freien Journalistin und Moderatorin war ihre Moderatorentätigkeit bei einer internationalen Tagung zu Nazi-Raubkunst und Provenienzforschung in Berlin, die sie an diesen sehr betuchten Vorfahren erinnerte. Ihr detektivischer Spürsinn war geweckt und aus dem Plan zu einem Radiofeature wurde nach überraschend ergiebigen Funden von Fotoalben, Dokumenten und Familienbriefen auf dem großelterlichen Hängeboden in Tel Aviv, in Wiener Archiven und bei der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde dieses Buch. Eingeflossen sind außerdem Erinnerungen ihres verstorbenen Großvaters Walter Grab, der vor seiner Flucht als Neunzehnjähriger 1938 von Wien nach Palästina dem legendär reichen und erfolgreichen Onkel in dessen Kanzlei nachfolgen sollte und damit ein „gemachter Mann“ gewesen wäre.

Aufstieg und Fall
Als Sohn eines Talmudgelehrten im armen ostgalizischen Dorf Lokutni geboren, war eine Karriere als Jurist, Kommerzienrat und Wirtschaftsbereiter der österreichischen Staatsregierung dem 1886 als Israel Geller geborenen Urgroßonkel nicht in die Wiege gelegt. Ehrgeiz, Disziplin, Neugier und Aufstiegsdrang führten ihn über Kolomea und Lemberg nach Wien, wo er sich wie seine vier Geschwister gegen den Willen des Vaters niederließ. Schnell stieg er auf, assimilierte sich und erwirtschaftete nicht immer legal während des Ersten Weltkriegs ein großes Vermögen, von dem er fortan ein bequemes Leben in der Beletage eines Palais führte, umgeben von Kunstschätzen und als Liebhaber der Oper. Das größte Hochgefühl empfand der Dandy, kein reiner Sympathieträger, wie Shelly Kupferberg in Ihrem Nachwort schreibt, aber sympathisch in seiner Großzügigkeit, wenn er als „gleichberechtigtes Mitglied der guten Gesellschaft wahrgenommen wurde(S. 95). Dass er die Bedrohungen durch den Nationalsozialismus nicht ernstnahm, wurde ihm zum Verhängnis:

Seinen Glauben an Recht, Ordnung und den eigenen Aufstieg hatte er über alle Warnzeichen gestellt. Der ganze Hass der letzten Jahre und Jahrzehnte habe nichts mit ihm zu tun, dachte er immer. (S. 202)

© B. Busch

Geschichte in Form von Einzelschicksalen
Alleine wegen des Themas hätte ich zu diesem Buch wahrscheinlich nicht gegriffen, zu viele ähnliche habe ich in den letzten Jahren gelesen. Allerdings interessierte mich die Autorin Shelly Kupferberg, die ich als hervorragende Moderatorin von Autorenlesungen und –interviews sehr schätze, stets exzellent vorbereitet, klug fragend und angenehm zurückhaltend. Nun steht fest, dass sie auch schreiben kann, fundiert, klar formulierend, nachdenklich, abwägend und mit merklicher Betroffenheit, die berührt. Wer also wissen möchte, was es mit dem Reh auf dem Cover auf sich hat, und wer Geschichte gerne anhand gut erzählter Einzelschicksale liest, für den ist Isidor genau die richtige Lektüre.

Shelly Kupferberg: Isidor. Diogenes 2022
www.diogenes.ch

Impressionen aus dem Literaturland Norwegen 

© B. Busch

Keinesfalls möchte ich hier den Reiseblogs Konkurrenz machen, die mit oftmals sehr hilfreichen Berichten und Tipps Lust auf Norwegen machen und die Reiseplanung praktisch unterstützen. Diesen Part überlasse ich denen, die es besser können als ich, und berichte stattdessen über alles, was mir in Bezug auf das Literaturland Norwegen während meiner dreiwöchigen Tour durch Teile Südnorwegens bis hoch nach Trondheim begegnete. Schließlich gab den letzten Ausschlag für die Reise der überaus eindrucksvolle Gastlandauftritt Norwegens bei der Frankfurter Buchmesse 2019.

Ständig begleitet hat mich der im Frühjahr 2022 in der fünften Auflage erschienene (und tatsächlich aktualisierte!) Reiseführer Norwegen von Armin Tima aus dem Verlag Michael Müller. Ich kann ihn ebenso empfehlen wie die Landkarte Norwegen Süd von Marco Polo im Maßstab 1:325 000, die zwar im Auto nicht gerade handlich, bei entsprechender Faltung jedoch als Ergänzung zum Navi sehr hilfreich war. Beide verdanke ich der ausgezeichneten Beratung im Reisebuchladen Karlsruhe. Dritter Begleiter war als Vorleselektüre während langer Fahrstunden das Norwegenbuch für „Fjord-Geschrittene“ I did it Norway! der Nordeuropajournalistin Alva Gehrmann von dtv, das in leichtem Ton unterhaltsam und informativ von Land und Leuten erzählt.

© B. Busch

 

Oslo

Vor dem Nationaltheater in Oslo grüßen von ihren Sockeln Henrik Ibsen (1828 – 1906), dessen Drama Nora oder Ein Puppenheim meine erste Begegnung als Schülerin mit der norwegischen Literatur war und das mich damals wie heute begeistert, sowie der erste norwegische Literaturnobelpreisträger und Verfasser der norwegischen Nationalhymne, der Dichter Bjørnstjerne Bjørnson (1832 -1910).

Das Nationaltheater Oslo, links Bjørnstjerne Bjørnson , rechts Henrik Ibsen. © B. Busch

 

Henrik Ibsen begegnete mir wieder als Porträt des Malers Edvard Munch (1863 – 1944) im neuen Munch-Museum direkt am Wasser neben dem futuristischen Opernhaus, ebenso wie sein allerdings schwedischer Kollege August Strindberg (1849 – 1912).

Henrik Ibsen im Porträt von Edvard Munch 1909/10. Munch Museum Oslo. © B. Busch
August Strindberg im Porträt von Edvard Munch 1896. Munch Museum Oslo. © B. Busch

 

Ein Eldorado für Bücherfans ist die 2020 eröffnete Hauptstelle der Stadtbibliothek Deichman in unmittelbarer Nähe der Oper und des Munch-Museums mit atemberaubender Architektur außen wie innen und fast einer Million Bücher, viel Atmosphäre, unzähligen Arbeitsplätzen mit teils umwerfender Aussicht, großer Aktionsfläche für Kinder, Kino, Restaurant und Veranstaltungsräumen.

Blick auf die Deichman-Bibliothek vom Dach der Oper aus. © B. Busch
Innenansicht der Deichman-Bibliothek. © B. Busch

 

Leider hatte eine weitere Literaturattraktion, das Litteraturhuset Oslo direkt am Schlosspark, verkürzte Sommeröffnungszeiten, weswegen ich es nur von außen sehen konnte. Hier finden jährlich etwa 1700 Literaturevents statt, haben zahlreiche Autorinnen und Autoren unter dem Dach ein „skriveloft“, arbeiten und tauschen sich aus, gibt es einen Buchladen und ein Café. Manchmal findet das Literaturhaus sogar in Romanen Erwähnung, wie etwa in Bergljots Familie von Vigdis Hjorth.

Litteraturhuset Oslo. © B. Busch

 

An der Außenmauer der Festung Akershus liegt, dem Meer zugewandt, eine Gedenkstätte für die von hier nach Auschwitz deportierten norwegischen Juden. Von den leeren Stühlen erzählte der Autor Simon Stranger bei einer Veranstaltung im November 2019 in Stuttgart zu seinem Roman Vergesst unsere Namen nicht.

Mahnmal für die deportierten norwegischen Juden. © B. Busch

 

Meine Lektüre während der Tage in Oslo war Lillelord von Johan Borgen (1902 – 1979), der erste Band einer Trilogie, die zu den bedeutendsten Romanwerken Norwegens gehört. Er spielt in der geschützten Welt des Bürgertums Kristianias, dem heutigen Oslo, unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Schöner Zufall, dass mein Hotel in unmittelbarer Nähe zu Lillelords fiktivem Elternhaus lag, von dem aus er einen Blick auf die Frognerbucht, die Halbinsel Bygdøy und das Schloss Oscarshall hatte.

Der Blick aus Lillelords fiktivem Elternhaus über die Frognerbucht auf die Halbinsel Bygdøy und Schloss Oscarshall. © B. Busch

In Oslo spielen auch mehrere Bücher, die ich in den letzten Jahren sehr gerne gelesen habe: der Thriller Tiefer Fjord von Ruth Lillegraven, die Romane Aufruhr in mittleren Jahren von Nina Lykke, Das Orangenmädchen von Jostein Gaarder und das Jugendbuch Battle von Maja Lunde.


Entlang der schwedischen Grenze

Von Oslo nach Trondheim hat man zwei Möglichkeiten: über Lillehammer durch das Gudbransdal oder entlang der Glåma und der schwedischen Grenze durch Østerdalen. Zwar gibt es bei der zweiten Alternative weniger Attraktionen, dafür aber sehr viel Natur und Ruhe. Hier spielt einer meiner liebsten norwegischen Romane: Pferde stehlen von Per Petterson, ein wunderbares Buch über das Leben in der skandinavischen Natur, die Besatzungszeit, ein schwieriges Erwachsenwerden, eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung sowie eine berührende, diskrete Liebesgeschichte.

Ostnorwegen nahe der Grenze zu Schweden. © M. Busch


Trondheim

In Trondheim liegt das Wohnhaus des Mannes, dem Simon Stranger in seinem Roman Vergesst unsere Namen nicht ein Denkmal setzt: Hirsch Komissar. Vor dem Haus liegt ein Stolperstein, der an ihn und sein Schicksal erinnert.

Wohnhaus Hirsch Komissar in der Klostergate 35 in Trondheim. © B. Busch
Stolperstein für Hirsch Komissar vor dem Haus Klostergate 35 in Trondheim. © B. Busch

 

Region Molde

Briefkasten von Edvard Hoem in Hoem. © B. Busch

Die Gegend um Molde und den Romsdalsfjord ist Hoem-Land, dort ist der Schriftsteller Edvard Hoem auf dem Hof Bakken im Bygd Hoem, einer ländlichen Gemeinschaft von Höfen 20 Kilometer von Molde entfernt, aufgewachsen, und dort lebt er heute, wie sein Briefkasten beweist, wieder auf dem benachbarten Bortehof.

Hof Bakken in Hoem. © B. Busch

Von seiner Kindheit auf dem Hof Bakken bis zu seinem Weggang mit 14 Jahren nach Molde erzählt Edvard Hoem äußerst eindrucksvoll in Heimatland. Kindheit.

Um die sehr berührende Liebesgeschichte seiner Eltern geht es in Die Geschichte von  Mutter und Vater. Ihr Grab findet sich neben der Kirche von Vågøy.

Grab von Edvard Hoems Eltern auf dem Friedhof Vågøy. © B. Busch
Kirche von Vågøy. © M. Busch

Nicht weit davon wirkte Edvards Hoems Ururgroßmutter Marta Kristine Anderdatter Nesje, die von 1793 bis 1877 in Nesje am Romsdalsfjord lebte und über 50 Jahre lang die erste staatlich bestellte Hebamme war. Ihr Leben beschreibt er in seinem Roman Die Hebamme.

Blick über den Romsdalsfjord Richtung Nesje. © B. Busch

 

Fjærland

In der letzten Verästelung des Sognefjords, am Fjærlandsfjord, liegt äußerst malerisch, langgestreckt am Wasser unterhalb des mächtigen Gletschers Jostedalsbreen, das kleine Dorf Fjærland, das sich selbst „bokbyen“ nennt und zu einem weltweiten Netz von Bücherdörfern gehört. Vier Kilometer Bücherregale gibt es hier in offenen Bücherschränken am Wegrand, dem Warteraum für die Fähre, Stallgebäuden, der ehemaligen Bank, dem Postamt und einem Lebensmittelladen, sorgsam geordnet nach Genres und präsentiert in einer unschlagbar  ruhigen, idyllischen Umgebung.

Bokbyen Fjærland. © B. & M. Busch

Ich habe dort für 100 Nkr gebraucht Felemakaren von Edvard Hoem erstanden und ein überaus freundliches Gespräch mit dem Antiquar über den Autor gratis dazubekommen. Der Roman erscheint im Herbst 2022 unter dem Titel Der Geigenbauer auf Deutsch, mal sehen, wie weit ich mit meinen Schwedischkenntnissen bis dahin beim norwegischen Original gekommen bin.

© B. Busch

Einen weiteren Hinweis zu Fjærland verdanke ich dem eingangs zitierten Buch von Alva Germann: Jostein Gaarder, der Autor so herausragender Bücher wie Sophies Welt, Das Orangenmädchen oder Genau richtig, hütete als Jugendlicher hier Schweine, war im neben der hübschen Kirche gelegenen Hotel Mundal „Junge für alles“ und kommt bis heute in dieses Dorf.


Bergenbahn

Fast schon ein Muss für Norwegentouristen ist die Fahrt mit der Flåmbahn, die von Flåm am  Aurlandsfjord ins 866 Meter hoch gelegene Myrdal führt, einem spektakulären Teil der Bergenbahn von Oslo nach Bergen. Am Bahnhof in Myrdal steigt man um und ich konnten einen kurzen Blick auf den Zug nach Bergen erhaschen.

Bahnhof Myrdal. © M. Busch

Von der Ingenieurskunst beim Bau der 526 Kilometer langen, rund 200 Tunnel, über 300 Brücken und extreme Gefällstrecken aufweisenden Bergenbahn erzählt der historische Roman Die Brückenbauer des Schweden Jan Guillou.


Stabkirchen

Mehr als 1000 Stabkirchen wurden während 200 Jahren gebaut, vorwiegend von der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Pest 1349. Nur 28 davon sind heute noch erhalten. Um das Schicksal einer Stabkirche geht es im historischen Roman Die Glocke im See von Lars Mytting und in den beiden Fortsetzungsbänden

Die Stabkirchen von Torpo, Udval, Kaupanger und Borgund. © B. & M. Busch

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Vieles hätte es in literarischer Hinsicht noch zu entdecken gegeben, was nun leider auf den nächsten Norwegen-Urlaub warten muss.

Wem die Literaturtipps hier noch nicht genügen, dem möchte ich das Sachbuch Einer von uns von Åsne Seierstad über das Breivik-Attentat und die neuere Geschichte Norwegens empfehlen, den Mehrteiler Die Unsichtbaren und Die Kinder von Barrøy von Roy Jacobsen sowie unbedingt die modernen Klassiker von Terjai Vesaas (1897 – 1970) Das Eis-Schloss und Die Vögel.

Marianna Kurtto: Tristania

  Leben auf dem Vulkan

Tristan da Cunha, die nur 98 Quadratkilometer große Insel im Atlantischen Ozean, gehört zum Britischen Überseegebiet und gilt als abgelegenste bewohnte Insel der Welt. Sie diente Edgar Allan Poe, Jules Vernes, Raoul Schrott oder Primo Levi als Romanschauplatz und 2017 auch der finnischen Romanautorin und Lyrikerin Marianna Kurtto für ihren Debütroman Tristania, mit dem sie 2019 für den renommierten Preis des Nordischen Rates nominiert war. Dreh- und Angelpunkt ist der reale Vulkanausbruch von 1961 mit der vorübergehenden Evakuierung. Im Roman bebt dabei nicht nur die Erde und es ergießt sich ein Lavastrom, es entsteht auch ein neuer Vulkan in der Flanke des alten und für die Protagonistinnen und Protagonisten bleibt nichts, wie es war.

© M. Busch

Einsam und doch nie allein
1961 leben die Inselbewohnerinnen und Inselbewohner von dem, was die karge Umgebung ermöglicht: Fischfang und Schafzucht. Daneben wird mit gelegentlich vorbeifahrenden Schiffen Tauschhandel betrieben, was im ansonsten ruhigen Alltag vorübergehende Hektik auslöst.

Während kaum Kontakt zur Außenwelt besteht, begibt sich der von Fernweh geplagte Fischer Lars zum Handel mit Fischerzubehör regelmäßig ins sechs Schiffswochen entfernte England und lässt seine stille Frau Lise und den neunjährigen Jon zurück. Als er sich in London in die Blumenverkäuferin Yvonne verliebt, zieht er mit ihr in ein Haus am weißen Strand. Doch quält ihn sein Gewissen und Tristan da Cunha, die Insel mit dem schwarzen Sand, „die ein Berg ist, zwei Kilometer hoch, ozeantief und von Schluchten gespalten“ (S. 12), lässt sich nicht so leicht abschütteln:

Sie ist Heimat, sie ist der einsamste Ort auf der Welt, und ich bin dort nie allein. (S. 37)

Allein mit ihrer Trauer um den Verlust bleiben die grüblerische Lise und Jon, Außenseiter und Leseratte dank väterlicher Mitbringsel.

Ein „morsches Liebeshaus“ auch bei den Nachbarn
Unglücklich ist auch das Nachbarspaar. Martha, 20 Jahre jünger als Lise und Insellehrerin, wollte mit der Familiengründung einem Trauma entkommen:

[…] und die bösen Träume werden tief in den Bauch des Vulkans rinnen. Dort werden sie verbrennen, sich an den Rändern ringeln wie alte Fotos, die niemand mehr anschauen will. (S. 52)

Als ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt, entfremden sich die Eheleute. Bert, der nichts über Marthas Vergangenheit weiß, steht ihrer Traurigkeit hilflos gegenüber und verfällt in Trägheit.

Und dann bricht der Vulkan aus…

Viele Puzzleteile werden zu einem Gesamtbild
16 der 17 Kapitel spielen im Jahr des Vulkanausbruchs 1961, je sechs in Tristan da Cunha und England, vier in Kapstadt und eines auf See. Dazwischen gibt es Rückblenden und einen mit „Später: 1965“ überschriebenen Schluss. Die Erzählperspektive wechselt zwischen dem „Ich“ von Lars und Jon sowie personal Erzähltem überwiegend von Lise und Martha.  Ähnlich ist allen jedoch der melancholische, poetische, überbordend bildhafte und einfach schöne Stil, sicher auch ein Verdienst des erfahrenen Übersetzers Stefan Moster. Die fehlende Unterscheidbarkeit der Stimmen könnte man kritisieren, für mich war es jedoch einfach der Inselton.

Wer ein packendes, zeitloses Drama um menschliche Verwicklungen in ungewöhnlicher Umgebung sucht, sich gerne überraschen lässt, Leerstellen, Anspielungen, falsche Fährten, absichtliche Verschleierung und unterschiedliche Zeitebenen nicht scheut, charakterliche Beurteilungen revidieren kann, eine starke, bildhafte Sprache und interessante Charaktere schätzt und Themen wie Fernweh, Heimatverbundenheit, zwischenmenschliche Konflikte, Eifersucht, Gewalt, Schuld, Reue und Neubeginn mag, für den ist Tristania eine ausgezeichnete Leseempfehlung.

Marianna Kurtto: Tristania. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. mare 2022
www.mare.de

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen

  Ein Roman wie ein Film

Das herausragende Cover mit einem Ausschnitt aus dem Gemälde Wolf des britischen Malers, Zeichners und Bildhauers Mark Adlington weckte mein Interesse für den Roman Ein Tag wird kommen. Der fließende Zeichenstil, der greifbare Charakter des Tieres und die authentisch eingefangene Bewegung sind nicht nur optisch ein Genuss, sondern passen auch wunderbar zu diesem zweiten Roman der Autorin, ihrem deutschsprachigen Debüt, obwohl ein echter Wolf nur eine Nebenrolle spielt.

Wahrheit und Lüge
Inspiriert von der eigenen Familiengeschichte und ihrem der Anarchistenbewegung angehörenden Urgroßvater taucht die 1988 geborene italienische Autorin Giulia Caminito tief in die italienische Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein, beginnend mit einem spannungsgeladenen Prolog über 13 dramatische Kapitel bis zum friedvollen Epilog. Historische Tatsachen wie die Kämpfe der Bauern gegen das ungerechte System der Halbpacht, die anarchistische Bewegung, der Aufstand von 1914 in Ancona, bekannt als Settimana Rossa, der Erste Weltkrieg, die Vorboten des Faschismus, die Spanische Grippe, die Auflösung von Klöstern und die Auswanderungswelle nach Amerika sind gründlich recherchiert, trotzdem warnt die Autorin im Nachwort:

Trotz gründlicher Recherchen, der Sichtung von Dokumenten, der Besuche vor Ort, gibt es in diesem Roman nicht nur einige Wahrheiten, sondern auch viele Lügen.
Ich möchte die Leserinnen und Leser also dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und von diesen Seiten keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten […] (S. 264/265)

© B. Busch. Hintergrundfoto: © M. Busch

Ein politischer Dorf- und Familienroman
Der erste Haupthandlungsstrang erzählt vom Leben der vom Unglück verfolgten Bäckersfamilie Ceresa aus dem bitterarmen Bergdorf Serra de‘ Conti in den mittelitalienischen Marken. Ihre Kinder sterben bei oder kurz nach der Geburt, durch einen tragischen Unglücksfall oder Krankheit. 

Zuletzt bleiben nur die beiden Söhne Lupo, geboren 1897, und Nicola, geboren 1899, sowie die geheimnisvolle Tochter Nella, die seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr in striktester Klausur im örtlichen Klarissinnen-Kloster lebt. Hier spielt der zweite Haupthandlungsstrang, in dessen Mittelpunkt die ebenso strenge wie weise, empathische und vom Volk verehrte schwarze Äbtissin Suor Clara, genannt La Moretta, steht, eine historisch verbürgte italienische Ordensschwester sudanesischer Abstammung mit atemberaubender Lebensgeschichte.

Wolf und Schaf
Die Brüder Lupo und Nicola ähneln sich weder äußerlich noch im Charakter. Lupo, der Junge mit dem Wolfsnamen und einem Cane, Hund, genannten Wolf als Haustier, eigenwillig, grob und rau, eine Naturgewalt, ein Gotteslästerer und anarchistischer Rebell, bestimmt über Nicola, liebt und beschützt ihn, „ein stilles, fast durchsichtiges Kind“ (S. 10), schreckhaft, unfähig zu körperlicher Arbeit, vor dem jähzornigen Vater und der Priesterlaufbahn und sorgt mit seinem Verdienst für dessen Bildung.

Ein Lese-Highlight
Auch wenn die Struktur der Vor- und Rückblenden von Ein Tag wird kommen eine Herausforderung darstellt und sich nicht jede Szene spontan zeitlich einordnen lässt, hat mich das Buch sofort in Bann gezogen und schließlich verzaubert. Aus den erst allmählich stimmig zueinanderfindenden Handlungssträngen, den düsteren Familiengeheimnissen und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund Italiens entwickelt Giulia Caminito in kraftvoller, überreich bebilderter Sprache eine ebenso mitreißende wie bewegende Geschichte und bezieht klar Position: gegen die Unterdrückung durch die Padroni und die autoritäre Kirchenführung und vor allem gegen die Lüge, sei es in der Familie, Kirche oder Politik.

Wer die erforderliche Konzentration und Ausdauer mitbringt, wird reich belohnt mit einem psychologisch fundierten Romangeschehen, das wie ein Film vor mir ablief.

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Wagenbach 2020
www.wagenbach.de