Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht

  Die eigene Hölle

Ich setze mich zu Ihnen, Schwester. Das ist nicht erlaubt, ich weiß es. Aber ich mache es trotzdem – ich habe so lange nicht mehr auf einem Stuhl gesessen, an einem Tisch mit einer Lampe drauf. (Romananfang S. 7)

 

Mit diesen Worten beginnt die Ich-Erzählerin Heleen eine beklemmende Lebensbeichte und bricht nach sieben Monaten in einer Nervenheilanstalt ihr Schweigen. Anders als der deutsche Romantitel Die Beichte einer Nacht nahelegt, sind es zwei Nächte, in denen Heleen einer Nachtschwester ungeschönt ihr Leben erzählt, hauptsächlich, um sich selbst Klarheit zu verschaffen:

Ich liege da und will begreifen – ich suche und finde immer wieder andere Gründe, warum das Unglück geschehen musste. Aber den ursächlichen Grund finde ich nicht. (S. 164)

Die handarbeitende Schwester bleibt völlig stumm, nur Randbemerkungen lassen ihre Reaktionen erahnen. Dass der Tag zwischen den beiden Nächten eine Veränderung für Heleen bringt, legt nahe, dass die Zuhörerin wider Willen aufmerksam lauscht – bis Heleen nach zwei Nächten mit den Worten endet:

Schwester! Was machen Sie jetzt? Beten Sie? Für mich? (S. 263)

© B. Busch

Aufstieg und Fall einer schönen Frau
Als ältestes von zehn Kindern einer durch einen Unfall des Vaters verarmten niederländischen Bürgersfamilie muss Heleen früh Verantwortung übernehmen, besonders für die jüngste Schwester Lientje. Ein Ausweg scheint nach nur sechs Schuljahren die Arbeit im Schneideratelier einer Französin. Dort lernt sie einen Handelsvertreter kennen, der ihr den Weg in die Stadt ebnet:

Meine Wahl war nicht falsch. Ich bereue sie nicht. (S. 78)

Mit Ehrgeiz, Fleiß und dank ihrer Schönheit schafft sie den beruflichen, später auch den gesellschaftlichen Aufstieg, immer bemüht, „nicht billig zu sein“, bleibt aber trotz ihrer Männerbekanntschaften zutiefst einsam. Mitte 20 beginnt ihre Angst vor dem Alter und sie geht eine kurze, traumatische Ehe mit einem reichen Kunstkritiker ein:

Bis heute ist mir unklar, warum ich ihn geheiratet habe. Ich muss taub und blind gewesen sein – oder so müde, dass mir alles egal war außer meiner eigenen Bequemlichkeit. (S. 121)

Als das Glück dann in Person des Sportlehrers Hannes doch noch vor ihrer Tür steht, kann sie ihm nicht trauen. Die Liebe macht sie verletzlich, ihr Selbstvertrauen leidet unter ihrer vergehenden Schönheit und das Drama nimmt seinen Lauf.

Ein Roman mit Sog
Die Beichte einer Nacht konnte ich, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen. Die faszinierende Erzählform in Kombination mit der von Beginn an heraufziehenden Katastrophe, die genaue Innenperspektive einer tragischen Frauenfigur, die detaillierte Beschreibung des sozialen Umfelds und aller Figuren sowie die Anklage gegen die zeitgenössische Psychiatrie machen für mich diesen unbekannten Klassiker zu einer unbedingt lesenswerten Entdeckung.

Kein bisschen verstaubt
Als der Roman der niederländischen Jüdin Marianne Philips (1886 – 1951) im Jahr 1930 unter dem Titel De Biecht erschien, war er Teil einer Therapie im Rahmen einer Psychoanalyse. 1913 hatte die Autorin wegen einer Wochenbett-Depression bereits sechs Monate in einer Nervenklinik verbracht. Auch sonst finden sich zahlreiche Parallelen zur Biografie der politisch bei den Sozialdemokraten engagierten dreifachen Mutter, wie ihre Enkelin, die Historikerin Judith Belinfante, in ihrem sehr lesenswerten Nachwort erklärt. Welch ein Glück, dass der Diogenes Verlag diesen so modern anmutenden Klassiker nun auf Deutsch zugänglich macht. Die wegen seiner Außergewöhnlichkeit zwiegespaltenen Kritiken der Zeitgenossen werden sich heute bestimmt nicht wiederholen.

Marianne Philips: Die Beichte einer Nacht. Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart. Mit einem Nachwort von Judith Belinfante. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezensionen zu Romanen über historische Nervenheilanstalten für Frauen auf diesem Blog:

 

Julie Estève: Ich, Antoine

  Quälend vulgär

Geografisch betrachtet sind meine letzten beiden Lektüren Nachbarn: Schilf im Wind von Grazia Deledda spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Sardinien, der aktuelle Roman Ich, Antoine von Julie Estève auf Korsika. Zum Klassiker, der ein Porträt einer archaischen Inselgesellschaft mit vielen Naturschilderungen und kulturellen Eigenheiten in einer lyrischen Sprache zeichnet, ist der Korsika-Roman jedoch ein völliges Kontrastprogramm.

© M. Busch


Ein geborener Sündenbock
Ich, Antoine ist die von ihm selbst 2016 erzählte Lebensgeschichte des geistig behinderten Anti-Helden Antoine Orsini. Er lebt in einem korsischen Dorf im bergigen Hinterland von Ajaccio, wo er für alle nur der „Dorftrottel“, das „Drecksungeheuer“, der verlauste, stinkende „Spasti“ ist, von Kindheit an Opfer von Spott, Häme und brutalen Gemeinheiten, der geborene Sündenbock. Die Mutter starb bei seiner Geburt, sein cholerischer Vater, ein arbeitsloser Trinker, hasst und verprügelt ihn von Beginn an:

Mein Papa war gleich stinksauer auf mich. Hat gemeint, dass ich n Mörder bin, er hätt mich mitm Kopfkissen ersticken sollen. Hab schon als Baby wie n Dorftrottel ausgeschaut, mein Kopf war schlicht überdimensional. Papa hat gesagt, es is ne ganz schöne Strafe, wenn man so nen hässlichen Schwachkopf wie mich hat. (S. 91)

Auch sein Bruder Pierre, ein korsischer Aktivist, lastet ihm den Tod der Mutter an, seine Schwester Tomasine verlässt die Familie Richtung Paris. Lediglich eine früh verstorbene Lehrerin kümmerte sich zeitweise liebevoll um ihn.

So hat er keinen Fürsprecher, als 1987 die 16-jährige Dorfschönheit Florence tot im Wald liegt. 15 Jahre muss er dafür ins Gefängnis, obwohl er stets seine Unschuld beteuert.

Einfach nicht mein Buch
Manchmal passen Leserin oder Leser und Buch nicht zusammen, so wie bedauerlicherweise in diesem Fall. Zwar ist die Form des unsortierten Monologs gelungen und hat bei Kalmann von Joachim B. Schmidt mit einem ebenfalls geistig behinderten Ich-Erzähler gut funktioniert, aber die verstümmelte, derbe, mit Vulgärausdrücken durchsetzte Sprache Antoines, die eine in meinen Augen verunglückte Authentizität vortäuschen soll, war mir eine Qual:

Gleich nach der engen Kurve, da fängt das Dorf an.
Meine Heimat!
Bei dem Gedanken daran könnt ich gleichzeitig kotzen und scheißen. Irgendwann zünd ichs an, das Dorf, dann is es endlich weg. (S. 39/40)

© B. Busch

Und selbst wenn ich die Sprache als passend empfunden hätte: Genauso wenig, wie ich mir milieuauthentische Talkshows im Privatfernsehen ansehe, möchte ich Texte in Gossensprache lesen. Außerdem ist die Mischung aus detailgenauem Gedächtnis, fraglicher Zuverlässigkeit, seherischen Fähigkeiten, kindlicher Naivität, Gedankenspielen zum Vietnamkrieg, zu Tschernobyl oder Sauerstoffschocks und Formulierungen wie „ausgeklügelter Plan“ schlicht nicht stimmig. Hätte ich das Buch nicht im Rahmen einer Leserunde gelesen, ich hätte es schnell weggelegt, obwohl man kaum drei Stunden dafür braucht. Dabei ist die Grundidee gut und hätte mir – mit einem auktorialen oder personalen Erzähler wie in der Rahmenhandlung nach Antoines Tod, mit mehr Lokalkolorit und weniger schablonenhaften Charakteren – durchaus gefallen können. So blieb mir der emotions- und empathiearme, unsympathische Protagonist, dessen mit über 60 Jahren vor einem kaputten Plastikstuhl abgelegte Lebensbeichte eigentlich Mitleid hätte hervorrufen müssen, genauso fremd wie die gesamte düstere, engstirnige Dorfgesellschaft. Wer für den Tod von Florence verantwortlich war, trat daher zunehmend in den Hintergrund, es war mir im Grunde schlicht egal.

Julie Estève: Ich, Antoine. Aus dem Französischen von Christian Kolb. dtv 2021
www.dtv.de

Grazia Deledda: Schilf im Wind

Ein Klassiker aus Sardinien

Die italienische Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda (1871 – 1936) kannte ich bisher nicht. Sie erhielt ihre Auszeichnung 1926 als zweite von insgesamt bisher nur 14 Frauen nach Selma Lagerlöf (1858 – 1940), unter anderem für ihren 1913 erschienen Roman Schilf im Wind. In ihrer Begründung lobte die Jury „ihre von hohem Idealismus getragene Verfasserschaft, die mit Anschaulichkeit und Klarheit das Leben ihrer väterlichen Herkunft schildert und allgemeinmenschliche Probleme mit Tiefe und Wärme behandelt.“ Der Manesse Verlag hat diesen Klassiker nun in überarbeiteter Übersetzung und mit über 100 Anmerkungen sowie einer editorischen Notiz von Jochen Reichel neu herausgegeben.

Aus der Zeit gefallen
Im Mittelpunkt von Grazia Deleddas Gesamtwerk steht die Insel Sardinien, wo sie geboren wurde und bis 1900 lebte. Obwohl Schilf im Wind ungefähr zu seiner Entstehungszeit spielt, wirken Ort und Handlung archaisch. Zentrale Themen sind die alten patriarchalen Familienstrukturen, Standesunterschiede, Verschiebung von Armut und Reichtum, Traditionen, Ehre, Schuld, Buße, Liebe, Katholizismus, Aberglaube und heidnische Fabelwesen.

Schuld und Sühne
Hauptcharakter ist der Knecht Efix, der jedoch nicht selbst erzählt. Er bewirtschaftet für die verarmten adeligen Schwestern Pintor ein Gut unterhalb ihres verfallenden Wohnhauses in Galte, die letzten ihnen verbliebenen Besitztümer. Seit vielen Jahren erhält er keinen Lohn von Donna Ruth, Donna Ester und Donna Noemi, trotzdem bindet ihn eine geheime alte Schuld an das tragische Schicksal der Familie „mit der er verwachsen war wie das Moos mit dem Felsen“ (S. 152). Einst nutzte die vierte Schwester, Donna Lia, seine unpassende Verliebtheit aus, um sich von ihm zur Flucht vor ihrem despotischen Vater Don Zame verhelfen zu lassen. Dieser wurde kurze Zeit später tot an einer Brücke aufgefunden. Die drei verbliebenen Schwestern wollten Lia ihren Ausburch und ihre unstandesgemäße Ehe auf dem Festland nicht verzeihen, fühlten sich entehrt und blieben unverheiratet. Nach Lias Tod kündigt nun deren Sohn Don Giacinto seinen Besuch an. Nur Efix freut sich, denn er hofft, dass sich die Erstarrung der Schwestern löst und ihr Schicksal sich wendet. Als dieser Wunsch mit dem labilen jungen Mann nicht in Erfüllung zu gehen scheint und seine Pläne zu scheitern drohen, legt sich Efix weitere Buße auf.

Schilf im Wind. © B. Busch

Märchenhaft und metaphernreich
Gut möglich, dass in meine Beurteilung von Schilf im Wind Achtung vor dem Literaturnobelpreis und einer Autodidaktin, die nur vier Jahren die Schule besuchte, einfließen, außerdem meine Vorliebe für die handlichen Manesse-Bändchen mit ihrer Fadenheftung und dem lesefreundlichen Druckbild. Auch wenn die Beweggründe und Handlungen der Charaktere mir nicht immer einsichtig waren und das Buch ab etwa Seite 300 mit Efix‘ Wanderung im Kreis der Bettler von Heiligenfest zu Heiligenfest vorübergehend Längen hatte, bin ich froh über die Begegnung mit dieser italienischen Autorin. Die linear erzählte Geschichte in lyrischer Sprache mit magischen Anklängen, die sich am Ende wie ein Kreis schließt, fremde Sitten, Traditionen und Verhaltensmuster, viele Naturschilderungen und Metaphern, für die das sich im Wind biegende, titelgebende Schilf nur ein Beispiel ist, lohnen das Lesen:

„Warum bricht uns das Schicksal, wie der Wind das Schilf bricht?“
„Ja“, sagte Efix da, „wir sind tatsächlich wie das Schilf im Wind, liebe Donna Ester. Genau deshalb! Wir sind das Schilf, und das Schicksal ist der Wind.“ (S. 353)

Grazia Deledda: Schilf im Wind. Aus dem Italienischen übersetzt von Bruno Goetz. Anhand der Originalausgabe von 1913 überarbeitet und mit Anmerkungen versehen von Jochen Reichel. Nachwort von Federico Hindermann. Manesse 2021
www.penguinrandomhouse.com

Paul Maar: Der kleine Troll Tojok

  Kindgerechte Abenteuer mit einem sympathischen Helden

2020 gehörte Wie alles kam, die Autobiografie von Paul Maar über seine ersten Jahre, zu meinen schönsten Leseerlebnissen. Dieses wahrlich beeindruckende, nachdenkliche Zeugnis einer schwierigen Kindheit ist mir auch Monate später noch immer sehr präsent. Ebenso gegenwärtig sind mir Paul Maars zahlreiche Kinderbücher, beim abendlichen Vorlesen von unseren Kindern ebenso geliebt wie von uns dankbaren Eltern. Bis heute lasse ich mir deshalb kaum ein neues Buch von Paul Maar entgehen. Die Sprachmelodie in seinen Geschichten, der Humor, die ausdifferenzierten Charaktere, die witzigen Illustrationen, die mutmachenden Themen und die Mischung aus Fantastik und Realität begeistern mich jedes Mal aufs Neue.

Das nun erschienene Vorlesebuch Der kleine Troll Tojok enthält drei Geschichten über einen wieder einmal sehr sympathischen Kinderbuchhelden. Zwei davon gab es bereits 2019 in der Reihe LeseStarter im Oetinger Verlag mit etwas anderem Konzept, eine kam neu hinzu.

Was hat grüne Haare und lange spitze Ohren?
Tojok
, der trotz grüner Haare, langer spitzer Ohren und fehlender Schweinsnase eine entfernte äußere Ähnlichkeit mit dem Sams hat, ist ein kleiner, absolut liebenswerter Trolljunge und bestens geeignet als Identifikationsfigur für Kinder. Er lebt mit seinen Eltern ganz hinten im tiefen Wald in einem kleinen Trollhaus. Am liebsten verbringt er Zeit mit dem Wildkater Mommo. Ein Glück, dass Trolle die Sprache der Tiere verstehen, denn so können die beiden Freunde wunderbar zusammen spielen.

Jede der drei Geschichten ist in mehrere Kapitel untergliedert und erzählt ein kindgerechtes kleines Abenteuer.

Was gibt’s zum Abendessen?
In der ersten Geschichte hilft Tojok seiner Mutter bereitwillig beim Hausputz und darf sich dafür ein Abendessen wünschen. Weil ihm nichts einfällt, fragt er die Waldtiere nach ihren Lieblingsspeisen. Als ihm ihre Tipps nicht weiterhelfen, hat Mommo den rettenden Einfall.

Die Reise zum verborgenen Tal
Die Trollmutter muss in der zweiten Geschichte erst überzeugt werden, damit die Freunde die abenteuerliche Wanderung zum verborgenen Tal antreten und der Einladung des Trollmädchens Smilla und ihrer Katze Mimi folgen können. Gemeinsam meistern sie die Herausforderungen und besonders für Tojok lohnt sich der Ausflug.

Der geheimnisvolle Einbrecher
Kriminalistisch, spannend und ein klein wenig gruselig geht es in der letzten Geschichte zu, denn es gilt, einen Apfel- und Kuchendieb zu stellen. Ein Glück, dass Tojok und Mommo nicht nur unerschrocken, sondern auch schlau sind.

Eine dicke Vorlese-Empfehlung
Der Oetinger Verlag empfiehlt diese überaus charmanten Geschichten zum Vorlesen für Mädchen und Jungen ab fünf Jahren, dank der vielen bunten Illustrationen von Paul Maar selbst auf nahezu jeder Seite und der kurzen Kapitel passen die Abenteuer aber auch schon für aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer ab vier. In üblicher Paul-Maar-Manier wird gesungen und gereimt und es gibt jede Menge Grund zu lachen über lustige Missverständnisse, den frechen Raben, den Buchstabensalat des kleinen Bären Bobo, den ulkigen Sprachfehler des Affen Schimpa oder Tojoks fantasievolles Dolmetschen zwischen Katze und Hund. Im Hintergrund stehen jedoch durchaus ernste Themen wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt, Eifersucht, Mut, sympathische und weniger sympathische Waldbewohner und sogar das erste kleine Verliebtsein.

Paul Maar auf der Frankfurter Buchmesse 2018 mit seinem Buch „Snuffi Hartenstein“. © B. Busch


Paul Maar: Der kleine Troll Tojok. Oetinger 2021

www.oetinger.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Paul Maar auf diesem Blog:

 

Matthias Jügler: Die Verlassenen

  Elternschicksal und Kinderleid

Kein Mensch ist vor den Momenten sicher, in denen sich alles von Grund auf ändert und das eigene Leben plötzlich in anderen Bahnen verläuft als erhofft. (S. 27)

Mit den Worten „Mach’s gut, Junge“ (S. 10) lässt Thomas Wagner im Juni 1994 seinen 13-jährigen Sohn Johannes bei der Großmutter in Halle zurück. Schon einmal, im Mai 1986, beim plötzlichen Tod seiner Mutter Annegret, wurde auf die gleiche Art geschwiegen. Melancholie zog damals in den Zwei-Männer-Haushalt ein, in dem das Kind Johannes gegen die Traurigkeit des Vaters ankämpfte. Nur dessen bester Freund, Wolfgang Köhler, brachte Licht und Verständnis in diese dunkle Zeit. Er half, als Johannes in bester Absicht Papierstapel seines Vaters entsorgen wollte, und beim Umzug im Februar 1988, als sie endgültig verlorengingen. Auch Wolfgang verschwand Mitte 1992 unvermittelt, wieder ohne Erklärung.

© B. Busch

Die Fürsorge der Großmutter bewahrt Johannes vor absoluter Einsamkeit, aber mit ihrem Tod im März 2000 scheint die letzte mögliche Informationsquelle zu versiegen. Bis Johannes zufällig einen dichtbeschriebenen zweiseitigen Brief aus Norwegen findet, adressiert an den Vater, abgeschickt kurz vor dessen Verschwinden:

 … kaum, dass ich ihn gelesen hatte, wusste ich, dass dies der eine Moment war, der alles änderte, nicht nur meine Zukunft, sondern vor allem meine Vergangenheit beziehungsweise das, was ich dafür gehalten hatte. (S. 27/28)

Licht ins Dunkel bringen
Seine Freundin Katja ist schwanger, als Johannes auf der Suche nach den Leerstellen seines Lebens zu einem entlegenen Ort in Norwegen aufbricht. Am Ende seiner Reise muss er sich entscheiden, ob er selbst für andere den Moment der totalen Veränderung bringen will.

Jahre später beginnt Johannes mit der Niederschrift der Ereignisse. Bald wird er seinem 14-jährigen Sohn Jasper, den er schon kurz nach seiner Geburt verlassen hat, Fragen beantworten müssen: 

An einem dieser Tage, es mag fünf oder sechs Jahre her sein, beschloss ich, alles aufzuschreiben, was mich und meine Vergangenheit betrifft. Davon hatte ich mir Klarheit erhofft. Aber schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass viele meiner Fragen ohne Antwort bleiben würden. Ich schrieb dennoch weiter, denn bald schon merkte ich, dass jede Erinnerung, die ich heraufbeschwor, dazu beitrug, das körnige Bild meiner Vergangenheit zu schärfen. (S. 164)

Der lange Arm der Diktatur
Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle, erzählt in Die Verlassenen eine fiktionale, im Kern jedoch auf wahren Geschehnissen beruhende Geschichte, wie es sie – der Plural im Buchtitel deutet dies an – zahlreich gibt. Der Ich-Erzähler blickt auf sein Leben, in dem vor und nach der Wende zu viel geschwiegen wurde. Über 30 Jahre später wirken die Verbrechen der Stasi weiter, selbst in einer Generation, die die DDR kaum bewusst erlebte. Das Kind Johannes reagierte mit Überangepasstheit, der Jugendliche mit Zwangs- und Wahrnehmungsstörungen, Müdigkeits- und Schmerzsyndrom, der Erwachsene ist bindungsunfähig, einsam, unsicher, ambitions- und schlaflos.

Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ in Leipzig zur Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. © M. Busch

Eine bewegende Lektüre
Schweigen, Unrecht, Lüge, Verrat, Verlassenwerden, Trauer, Vergebung und Einsamkeit sind die Themen dieses nur 170 Seiten umfassenden Romans, dessen Zentrum nicht erzählt, sondern anhand von Fotos fingierter Stasi-Akten auf 14 Seiten dargestellt ist. Gerade weil das melancholisch-schmerzhafte Buch extrem verdichtet und ohne Selbstmitleid ist, weil Erzählstil und Sprachmelodie mich an Per Petterson denken lassen, die Fragmente sich nicht chronologisch aneinanderreihen und nicht alles gesagt wird, hat es mich so sehr beeindruckt.

Den Romanbeginn liest Matthias Jügler hier.

Matthias Jügler: Die Verlassenen. Penguin 2021
www.penguinrandomhouse.de

Susann Pásztor: Die Geschichte von Kat und Easy

  Kann man eine unterbrochene Freundschaft neu beginnen?

2018 wurde die 1957 geborene deutschsprachige Autorin Suzann Pásztor für ihren dritten Roman Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster mit dem Evangelischen Buchpreis ausgezeichnet. Nun ist Die Geschichte von Kat und Easy erschienen, ein Roman auf zwei Zeitebenen und einer Brücke in Form eines Kummerkasten-Blogs. Interessant ist die Wahl der Zeitformen und der Perspektive: Die Kapitel mit der Überschrift Laustedt spielen 1973 und sind in personaler Erzählform sowie im Präsens verfasst, in den mit Kreta überschriebenen Abschnitten aus der Jetzt-Zeit erzählt Kat in der Vergangenheitsform.

Vom Ende einer Freundschaft…
Das Jahr 1973 ist für die beiden Protagonistinnen Kat und Easy prägend und präsent bis in die Gegenwart. Damals wurden sie 16 und das autonome Jugendzentrum von Laustedt war plötzlich wichtiger als die Schule, sie wollten „mindestens zehnmal so glücklich wie unsere Mütter“ werden, Drogen, Alkohol und Sex zu erleben wurde zum wichtigsten Vorhaben. Trotz ihrer Verschiedenheit schien kein Blatt zwischen sie zu passen: Kat pummelig, mit dicker Brille und betont cool, Easy schön, anziehend, unbekümmert und keinem Flirt abgeneigt, Kat unter dem Eindruck der soeben vollzogenen Trennung der Eltern, Easy aus einem perfektionistischen Arzthaushalt mit strenger Moral.

Es hätte das geplante Superjahr werden können, wäre da nicht der 20-jährige Robert, genannt Fripp, gewesen, in den beide sich verliebten. Fripp, von dessen Tod man bereits auf den ersten Seiten erfährt, auch wenn die Umstände erst ganz zuletzt aufgeklärt werden. Dieser Verlust beendete nicht nur ihre Freundschaft, er überschattete auch ihr ganzes weiteres Leben.

… und von einem Neubeginn
Easy, mittlerweile 62, Mutter dreier erwachsener Kinder unterschiedlicher Väter, sucht über Kats Coaching-Blog Rat und Kontakt. Nach 46 Jahren Funkstille lädt sie die geschiedene, kinderlose Jugendfreundin in ihr renovierungsbedürftiges Häuschen auf Kreta ein. Endlich soll auf den Tisch kommen, was so lang verschwiegen wurde. Und weil das von Angesicht zu Angesicht nicht einfach ist, geht das Zwiegespräch über den Blog weiter – bis Kat kurz vor ihrem Abflug doch noch den schmerzhaftesten Punkt der Geschichte beichtet.

Für mich kein sehr nachhaltiges Leseerlebnis
So gut die Idee des Romans und die versetzte Erzählweise sind, so wenig bin ich mit den beiden Protagonistinnen, insbesondere Easy, warm geworden, schon gar nicht mit dem verantwortungslosen Fripp. Während der Grund für Kats dauerhafte Verwundung nachvollziehbar ist, sie zwar andere beraten, sich selbst dagegen nicht helfen kann, hat sich mir Easys Trauma rückblickend nicht wirklich erschlossen. Auch der Konsum unterschiedlichster Drogen ist mir viel zu ausufernd geschildert und in der Jetzt-Zeit auf Kreta wenig glaubhaft bis ärgerlich. Ich vermisse auch eine spürbare Weiterentwicklung der Figuren, die Easy in ihrem letzten Post als „Ich-wills-wissen“ an die Lebensberaterin „Mockingbird“ alias Kat so auf den Punkt bringt:

Wir waren jung damals, aber wir waren trotzdem längst die, die wir heute sind. Das ist erschreckend und tröstlich zugleich, oder? (S. 267)

In die Atmosphäre der 1970er-Jahre mit den entsprechenden Musiktiteln und den Problemen der Heranwachsenden konnte ich mich – bis auf die Drogenexperimente – hineinversetzen. So gepackt, dass ich unbedingt erfahren wollte, was im Herbst 1973 tatsächlich geschah, hat es mich aber leider nicht.

Susann Pásztor: Die Geschichte von Kat und Easy. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

Katja Goll: Naturwege

  Mikro-Abenteuer vor der Haustür

Unter den zahlreichen Einschränkungen durch die Coronapandemie erscheinen vielen die fehlenden Reisemöglichkeiten besonders hart. Nicht nur die Touristikunternehmen, auch die Reisebuchverlage beklagen große Einbußen. Regionale Reiseführer für die nähere Umgebung sind dagegen gefragt, das „Mikro-Abenteuer“ vor der eigenen Haustür boomt.

Genau zur richtigen Zeit kommt deshalb der neue Ausflugsführer der Ludwigsburgerin Katja Goll, die seit vielen Jahren mit ihrer Familie sowohl auf großen Radtouren durch Skandinavien, als auch zu Fuß und per Rad rund um Ludwigsburg unterwegs ist und bereits einige regionale Radführer veröffentlich hat. 20 Vorschläge, teilweise mit Varianten, findet man auf den 250 Seiten der handlichen Klappenbroschur, die mit 300 Gramm rucksack- oder satteltaschentauglich ist. Alle Routen bieten attraktive Möglichkeiten, sich in und um Ludwigsburg oder darüber hinaus im Nordschwarzwald, im Schwäbisch-Fränkischen Wald, im Schönbuch oder auf der Schwäbischen Alb zu Fuß, per Rad, im Kanu oder mit dem Schlitten zu bewegen. Angeordnet sind die Ausflüge nach den Jahreszeiten, für die sie sich am besten eignen, beispielsweise wegen der Blüte, dem Schatten, einer Bademöglichkeit, der Herbstverfärbung oder Tierbeobachtungen. Jeder Jahreszeit ist eine Farbe zugeteilt, so dass man sich gegebenenfalls ohne Umweg über das Inhaltsverzeichnis orientieren kann.

Gerüstet für alle Fälle… © B. Busch

Der Weg ist das Ziel
Neben detaillierten Wegbeschreibungen legt Katja Goll den Schwerpunkt auf die Natur in all ihren Erscheinungsformen. Den kurzen Überblick über „Landschaftsformen unserer Kulturlandschaft“ mit Informationen zu Themen wie Streuobstwiesen, Bach- und Flusslandschaften, Weinberge, Agrarland oder Stadtnatur und „Natur im Blick“ mit Wissenswertem über Geologie, Tierbeobachtung und Naturinfozentren, Museen und Lehrpfade liest man am besten zur Vorbereitung zuhause oder während der Anreise. Die zugehörigen Symbole findet man bei den Tourenbeschreibungen wieder und ist bestens vorbereitet. Die Bandbreite der Tourenvorschläge reicht vom Spaziergang mit 4,5 Kilometern über kleine Wanderungen bis zu 14 Kilometer, Tages-Radtouren zwischen 20 und 52 Kilometer bis zu einer viertägigen Radtour mit 168 Kilometer. Nicht die Streckenlänge steht im Vordergrund, sondern vielmehr das Entdecken am Wegesrand, auf vertrauten genauso wie auf neuen Wegen, und das Gespür für die heimische Natur.

Nicht nur für unterwegs
Zu jeder Tour gibt es eine kleine Übersichtskarte, eine kurze Beschreibung des Tourencharakters mit Start und Zielpunkt, Kilometerangaben, Höhenprofil und Variationsmöglichkeiten. Die leicht verständliche, detaillierte Wegbeschreibung ist angereichert mit vielen Hinweisen zur Geologie, Botanik und Tierkunde, teilweise in farbigen Kästen und mit unzähligen Fotos für alle, die Scharbockskraut, Sternmiere, Eichelhäher oder Rotmilan nicht spontan erkennen. Bei schlechtem Wetter (oder Faulheit) eignet sich das Buch deshalb auch zum Blättern auf dem Sofa, gerne zusammen mit Kindern. Ergänzt wird jede Empfehlung mit hilfreichen Tipps zur Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Rast- und Einkehrmöglichkeiten, zum Equipment und zu weiterführenden Internetseiten.

Ein Schutzgebietsglossar sowie ein lesenswertes Nachwort zum „Gesamtwert“ der Natur runden das ausgesprochen empfehlenswerte Buch für alle, die sich mit offenen Augen in der Natur bewegen möchten, ab.

„Man liebt nur, was man kennt, und man schützt nur, was man liebt“, so hat es Konrad Lorenz formuliert. Katja Golls Naturführer dient – neben der reinen Freude an der Bewegung – genau diesem Ziel.

Katja Goll: Naturwege: 20 Ausflüge ins Grün der Region Ludwigsburg und die Naturräume im Land. Ungeheuer + Ulmer 2021
medienhaus.u-u.de

Guillermo Martínez: Der langsame Tod der Luciana B.

  Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls

Seit zehn Jahren hat der namenlose Ich-Erzähler und Schriftsteller der zweiten Garde seine ehemalige Sekretärin nicht mehr gesehen. Luciana, damals eigentlich Angestellte des erfolgreicheren und beneideten Kollegen Kloster, hatten wegen einer Italienreise ihres Arbeitsgebers einen Monat frei und arbeitete vorübergehend für ihn. Für beide Schriftsteller war Luciana eine Idealbesetzung: junge Biologiestudentin im ersten Semester, sehr attraktiv, zuverlässig, unbeschwert und sicher in Orthografie, ein „perfektes Produkt der argentinischen Mittelklasse, eine Tochter aus gutem Hause“ (S. 15). Beide hätten sich ihr gerne genähert, doch als sich Kloster nach ihrer Rückkehr mehr erlaubte, verklagte sie ihn. Damit zerbrach Klosters mühsam aufrechterhaltenes Ehearrangement, was letztlich zum Tod seiner vergötterten vierjährigen Tochter Pauli führte.

Unterschiedliche Versionen einer Geschichte
Völlig überraschend meldet Luciana sich nun beim Ich-Erzähler. Sie ist kaum noch wiederzuerkennen, stark gealtert, all ihrer Reize beraubt und in ständiger Alarmbereitschaft. Die Geschichte, die sie ihm erzählt, kommt ihm zunächst abenteuerlich und wahnhaft vor, doch je länger er ihr widerstrebend zuhört, desto glaubwürdiger erscheint sie ihm. Luciana fühlt sich vom rachsüchtigen Kloster verfolgt und gibt dem inzwischen hochdekorierten Erfolgsautor die Schuld an einer Reihe von tragischen Todesfällen in ihrer nächsten Umgebung. Eine perfide Mordserie, wie er sie für seine Krimis erfindet? Und wer schwebt dann noch in Lebensgefahr?

© B. Busch

Luciana ist überzeugend genug, um den Ich-Erzähler zu einer Unterredung mit Kloster zu bewegen. Wie nicht anders zu erwarten, hat der eine ganz andere Version, logische Erklärungen und eigene Hypothesen: Was, wenn es sich um eine rein zufällige Unglücksfolge im Rahmen statistischer Wahrscheinlichkeiten handelte? Wenn Luciana, von Schuldgefühlen getrieben, in einem Akt von Selbstgeißelung in die Todesfälle verstrickt wäre? Oder gibt es gar eine übergeordnete Macht, die Klosters literarische Fantasien, seine Bücher, aus denen „das Böse“ (S. 11) spricht, Wirklichkeit werden lässt?

Ein Wechselbad der Gefühle
Guillermo Martínez
, promovierter argentinischer Mathematiker und mit Preisen für seine außergewöhnlichen literarischen Krimis Die Oxford-Morde und Der Fall Alice im Wunderland ausgezeichnet, spielt in Der langsame Tod der Luciana B. mit wechselnden Perspektiven und unterschiedlicher Wahrnehmung. Wie der Ich-Erzähler habe ich mich immer wieder auf eine andere Seite ziehen lassen, Wahrscheinlichkeiten abgewogen und nicht mehr gewusst, wem und was ich glauben kann. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der Erzähler mir kein Vertrauen einflößte, verfolgt er doch durchaus eigene Interessen, hat seine Niederlage bei Luciana vor zehn Jahren schlecht verwunden und schwankt in Bezug auf den ungleich erfolgreicheren Kloster zwischen Anerkennung und glühendem Neid.

Absolut nichts ist sicher
Der langsame Tod der Luciana B., im argentinischen Original 2007, dann 2008 erstmals und nun erneut im Eichborn Verlag auf Deutsch erschienen, ist ein raffiniert konstruiertes Verwirrspiel um Wahrheit, Wahn und die Wahrscheinlichkeit von Zufällen. Obwohl einzelne Monologe für meinen Geschmack zu sehr ausufern, ist die Spannung durchgängig hoch.

Wer bereit ist für einen ungewöhnlichen Krimi mit gleichermaßen literarischem wie philosophischem Anspruch, der liegt mit diesem psychologisch ausgefeilten Drei-Personen-Drama richtig. Aber ist es überhaupt ein Krimi? Nicht einmal das kann hier eindeutig beantwortet werden.

Guillermo Martínez: Der langsame Tod der Luciana B. Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Angelica Ammar. Eichborn 2021
www.luebbe.de/eichborn

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

  Ein charmanter Dorf-(Kriminal-)Roman

Im südirischen Dorf Duneen scheint die Zeit nicht zu vergehen, sie versickert. Der aus Limerick zugezogene Dorfpolizist Sergeant Patrick James Collins hat es seit 15 Jahren hauptsächlich mit der Regelung des Verkehrs zu tun. Das ist gut so, denn angesichts seiner Korpulenz scheint PJ, wie er genannt wird, nicht für die Verbrecherjagd prädestiniert.

So ähnlich wie im südirischen Sneem könnte es im fiktiven Dorf Duneen aussehen. © M. Busch

Ein Bagger bringt es ans Licht
Als bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Bauernhofs der Burkes menschliche Knochen gefunden werden, ist es mit dem Frieden im Dorf vorbei. PJs fürsorgliche Haushälterin Mrs. Meany berichtet ihrem ahnungslosen Chef vom jungen Hoferben Tommy Burke, der vor 26 Jahren einen Bus bestiegen haben soll und spurlos verschwand. Zwei Frauen hatten sich zuvor auf der Hauptstraße um ihn geprügelt: seine Verlobte Brid Riordan und seine Haushaltshilfe, die 17-jährige Evelyn Ross. Beide leiden bis heute unter seinem rätselhaften Verschwinden. Die zweifache Mutter Brid ertränkt den Kummer über ihre langweilige Ehe in Wein, die elegante Evelyn blieb nach dem tragischen Verlust beider Eltern und ihrer großen Liebe bei ihren beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern auf dem elterlichen Hof hängen. Gehören die Knochen Tommy Burke, wie nicht nur Evelyn und Brid vermuten, oder hat er gemordet und sich aus dem Staub gemacht hat?

Aus Cork wird PJ der Superintendent Linus Dunne vor die Nase gesetzt, ein typischer Schnösel aus der Stadt. Schnell erweist sich der alte Fall als überraschend kompliziert. Vor allem PJ, dem es so sehr an Selbstbewusstsein mangelt, wächst zunehmend über sich hinaus und überrascht alle, am meisten sich selbst. Stück für Stück kommen jahrzehntelang streng gehütete Geheimnisse verschiedener Dorfbewohnerinnen ans Licht und nur schlecht vernarbte Wunden brechen wieder auf.

Mehr Roman als Krimi
Im Mittelpunkt des Debütromans von Graham Norton, gebürtiger Ire und Großbritanniens bekanntester Talkmaster, steht nicht der Kriminalfall, vielmehr geht es um die Bewohner und vor allem Bewohnerinnen Duneens. Überzeugen konnten mich vor allem die Charakterzeichnungen und der respektvolle Umgang Nortons mit diesen vom Leben gezeichneten Menschen. Egal, ob es um PJs Fettsucht, Brids Alkoholismus oder Evelyns altjüngferliches Benehmen geht, ob um die verhuschte Mrs. Meany oder eine der Klatschbasen des Dorfes, niemand wird der Lächerlichkeit preisgegeben oder seiner Würde beraubt. Obwohl beileibe kein Thriller, ist die allmähliche Entflechtung der ineinander verwobenen Schicksale interessant und oft überraschend, wobei ich zu meiner Freude dem behäbigen PJ oftmals voraus war.

Schade, dass es nach dem vergleichsweise versöhnlichen Ende kein Wiedersehen in Duneen geben wird. Ob wir stattdessen PJ irgendwann an neuer Wirkungsstätte erleben?

Die ungekürzte Hörbuchfassung in der Reihe „argon teatime“ auf einer MP3-CD. © B. Busch

Die Hörbuchfassung
Die getragene, angenehm tiefe Stimme von Charly Hübner erschien mir zunächst für die Dauer von über acht Stunden als etwas zu emotionslos. Je länger ich ihm jedoch zuhörte, desto passender zur Melancholie des Dorflebens, zum langsamen Vergehen der Zeit, zur Behäbigkeit PJs, aber auch zum immer wieder durchscheinenden Humor Graham Nortons erwies sie sich. Selbst die manchmal etwas schludrige Aussprache und Intonation wollte ich schnell nicht mehr missen, ist sie doch ebenso charmant wie dieser liebenswerte Dorf-(Kriminal-)Roman.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Gelesen von Charly Hübner. Argon 2018
www.argon-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu in Irland angesiedelten Krimis auf diesem Blog:

          

Juli Zeh: Über Menschen

  Blühende Freundschaften

Kohls blühende Landschaften gibt es bis heute nicht, die blühenden Freundschaften von Bracken dagegen schon. (S. 346)

 

Der neue Romantitel von Juli Zeh ist ein gelungenes Wortspiel: Auf Unterleuten (2016) folgt nun Über Menschen, Anklänge an Friedrich Nietzsche nicht zufällig. Beide Romane spielen in unterschiedlichen fiktiven Dörfern in der Prignitz im nordwestlichen Brandenburg, Unterleuten im Jahr 2010, Über Menschen im ersten Corona-Frühling und -Sommer 2020.

© B. Busch

Flucht
Anstatt vieler Perspektiven gibt es dieses Mal nur die Sicht einer Protagonistin: Dora Korfmacher. Die hat mit 36 Jahren ein immer anstrengenderes, zuletzt unerträgliches Leben in Berlin aufgegeben und ist mit ihrer Mischlingshündin Jochen-der-Rochen in ein kurz vor der Pandemie ohne bestimmtes Ziel erworbenes, heruntergekommenes ehemaliges Gutsverwalterhaus mit grauer Stuckfassade und verwildertem Grundstück gezogen. Aus 80 Quadratmeter saniertem Altbau mit Balkon in Kreuzberg wird Dorfrandlage von Bracken, bröckelnde Straßen, efeuüberwucherte ehemalige Kneipen und komplett fehlende Infrastruktur. Vordergründig hat die Wende ihres Lebenspartners Robert vom überzeugten Klimaschutzaktivisten zum fanatisch-selbstgefälligen Corona-Apokalyptiker den Ausschlag gegeben, es ist aber auch eine Flucht vor der Überforderung im sich immer schneller drehenden Projekte-Hamsterrad einer Werbeagentur für nachhaltige Produkte.

Neue Nachbarn
Nicht dass Dora nicht gewarnt gewesen wäre:

In die Prignitz? Was willst du denn bei den ganzen Rechtsradikalen? (S. 45)

Unverblümt stellt sich der kahlgeschorene neue Nachbar jenseits der Mauer, Gottfried Proksch, genannt Gote, vor:

„Angenehm“, sagt Gote, „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ (S. 45)

Gote lebt in einem Bauwagen im eigenen gepflegten Garten neben seinem Haus, beherbergt die wegen Corona vorübergehend bei ihm untergebrachte zehnjährige Tochter Franzi und entpuppt sich als ebenso hilfsbereit wie radikal.

Da es bei 285 Einwohnern keine Anonymität gibt, keine Möglichkeit für Dora, sich in der eigenen Blase zu bewegen, kommt sie den 27 Prozent AfD-Wählern zwangsläufig nah:

In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben. Wirst dich daran gewöhnen müssen. (S. 128)

Über Menschen ist eine wohlkalkulierte Zumutung für die Leserinnen und Leser. Kaum hat man sich angesichts der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft und väterlichen Zuneigung von Gote leicht entspannt, pöbelt er über „Pflanzkanacken“, erzählt von Pyrotechnik vor Flüchtlingsheimen, beschimpft eine indische Ärztin oder grölt mit Kumpanen das Horst-Wessel-Lied. Heini, ebenso handwerklich begabt wie Gote, würzt seine selbstlosen Hilfseinsätze mit rassistischen Sparwitzchen. Sadie, alleinerziehende Mutter in Dauernachtschicht, mit einer Wirklichkeit, „in der es um Dinge geht, von denen in Prenzlauer Berg niemand etwas ahnt“ (S. 216/217), beklagt ungerechtfertigte Unterstützung für „die Ausländer“. Das schwule Pärchen Tom und Steffen hat einen AfD-Sticker neben der Klingel („Geht ja nicht anders.“ S. 126), obwohl Steffen in seinem Kabarettprogramm Rechte aufs Korn nimmt.

Leicht zu lesen, schwer zu verdauen
Juli Zeh lässt uns Dora, die mit Youtube-Videos gärtnernde Städterin, beim Erlernen der Dorfregeln und beim Aushalten der Ambivalenzen ihres neuen Lebens zuschauen:

Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könne das Gute und das Böse spielend leicht auseinanderhalten. (S. 194)

Dora muss, will sie bleiben, Klischees auflösen, lernen, miteinander – statt wie in Berlin übereinander – zu reden und den Glauben an die eigene Überlegenheit aufgeben.

Sehr gelungen sind die auf den Punkt gebrachten, entlarvenden Dialoge voller sprachlicher Missverständnisse und Doras automatisch anspringendem Werbetexter-Hirn.

Ob wir diesen Roman auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren lesen werden? Ich bin mir nicht sicher. Aber ein interessanter, lesenswerter Diskussionsbeitrag zu aktuellen deutschen Befindlichkeiten ist er auf jeden Fall.

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand 2021
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Juli Zeh auf diesem Blog: