Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

  Zwischen Jules Verne und Wernher von Braun

Es mag an meiner Ferne zur Physik und zur Raketentechnik liegen, dass ich den Name Hermann Oberth bisher nicht kannte. Dank der Romanbiografie Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem und sich daraus ergebender eigener Recherchen weiß ich nun um einiges mehr über diesen Raketenpionier, der sich als Jugendlicher von Jules Verne inspirieren ließ und zum Lehrmeister von Wernher von Braun wurde.

Ein Leben für die Raketenforschung
1894 in Siebenbürgen und damit im Kaiserreich Österreich-Ungarn geboren, begeisterte sich Hermann Oberth bereits als Schüler für Raketen, zum Ärger seines Vaters, eines renommierten Mediziners, der den Sohn in seiner Nachfolge sah. Dieser jedoch träumte von einer Expedition zum Mond, skizzierte und berechnete, experimentierte mit Flüssigbrennstoff, steckte Rückschläge weg und ersann schließlich, als er trotz aller Vorbehalte gegen Volksdeutsche endlich in Göttingen Physik studieren durfte, das zweistufige Konstruktionsprinzip. Seiner Zeit voraus fand er weder in Göttingen noch in Heidelberg einen Doktorvater und konnte seinen Ideen nur mit einer Veröffentlichung auf eigene Kosten Gehör verschaffen. Den Traum einer Mondreise tauschte er früh gegen Pläne für Raketenwaffen. Eine Zwischenstation 1928/29 als Berater bei Fritz Langs Film Die Frau im Mond führte ihn mit dem Studenten Wernher von Braun zusammen, der seinen alten Lehrer 1941 zum Bau der Aggregat 4 (später V2 genannt) in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom und 1955 zur Vorgängerorganisation der NASA nach Huntsville/Alabama holte.

Struktur und Stil
In elf Kapitel packt Daniel Mellem fast hundert Jahre und zählt von zehn (Kindheit) rückwärts bis null (Start der Apollo 11 vor Oberths Augen). Sachlich und ohne mich als Laien technisch zu überfordern schildert der promovierte Physiker Mellem ein Leben mit weit mehr Tiefen als Höhen, gleichermaßen im privaten wie im beruflichen oder politischen Feld, in dem Oberth nie der Bau der Rakete gelang.

Umgang mit biografischen Fakten
Trotz Oberths unzweifelhafter Bedeutung für die Raketenforschung gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie, was Spielräume für die Romanbiografie bot. Auf knapp 300 Seiten erzählt Mellem Oberths Leben in Episoden. Auch wenn mir diese Beschränkung prinzipiell gut gefiel, störten mich zwei Fehlstellen sehr: Die Studiensemester der Medizin vor und nach dem Ersten Weltkrieg und das Staatsexamen an der rumänischen Universität Klausenburg mit der abgelehnten Dissertation als Diplomarbeit wären für mich zum Verständnis von Bedeutung gewesen.

Ein gescheitertes Leben
Verbaute die siebenbürgische Herkunft Oberth viele Wege, die einem Reichsdeutschen offen gestanden hätten? War er schlicht seiner Zeit voraus? Scheiterte er an seiner Unfähigkeit, sich und seine Ideen zu vermarkten? Lag es an seiner Sturheit, seiner Rechthaberei, seiner Alltagsuntauglichkeit, seiner mangelnden Teamfähigkeit, die auch seine lebenskluge Frau Tilla und die vier Kindern belasteten? Mellem bietet all diese Gründe an, überlässt jedoch die Einschätzung – genau wie die Beurteilung seiner NS-Verstrickungen – uns. Mein Mitgefühl mit dieser eigentlich tragischen Figur schlug spätestens mit seiner persönlichen Anbiederung an Hitler um. Mag der Pakt mit den Nazis aus seiner Besessenheit für die Raketentechnik und dem Beharren auf seinem Deutschtum noch erklärlich sein, so ist seine zeitweilige Mitgliedschaft in der NPD in den 1960er-Jahren aus Opposition gegen die Vergangenheitsbewältigung Adenauers und seine Unterstützung der „Stillen Hilfe“, von der auch NS-Täter profitierten, für mich unverzeihlich. Seinem späten Ruhm mit Auszeichnungen und Ehrungen tat das keinen Abbruch, bei mir bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns. dtv 2020
www.dtv.de

Amity Gaige: Unter uns das Meer

  Segeltörn ins Ungewisse

Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben. (Michael Partlow, S. 349)

© B. Busch

Unter uns das Meer von Amity Gaige ist bereits die zweite Neuerscheinung des Literaturherbstes 2020 aus dem Eichborn Verlag mit dem Meer in zentraler Rolle. Doch während sich ihm hier ein Paar während eines Segeltörns in der Karibik bewusst aussetzt, müssen die verwaisten Geschwister in Michael Crummeys Die Unschuldigen den Umgang mit dem Meer für ihr tägliches Überleben schmerzvoll erlernen.

Ein ungleiches Paar
Juliet
und Michael Partlow sind um die 40, ihre Kinder Sybil und George sieben und zweieinhalb Jahre alt, als das Ehe-Aus droht. Juliet leidet seit den Geburten unter Depressionen, die sie auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Ihre Lyrik-Dissertation hat die einstige Musterstudentin abgebrochen. Michael arbeitet nach einem BWL-Studium bei einer Versicherung. Weder in der Organisation des Familienalltags noch in ihrer politischen Einstellung gibt es Überseinstimmungen. Obwohl sie seit dem Studium ein Paar sind, scheinen sie sich wenig zu kennen. Nachdem ein Ortswechsel nach Connecticut ins eigene Haus mit Garten vor sechs Jahren nicht den gewünschten Erfolg brachte, drängt Michael nun auf eine einjährige gemeinsame Auszeit auf einem Segelboot. Juliet, wie immer skeptisch, willigt nur zögernd ein.

Eine ungewöhnliche Erzählstruktur
Typografisch voneinander abgesetzt, erzählt Juliet ihren Teil der Geschichte rückblickend und sprachlich ausgefeilt, meist aus dem Schrank heraus, in den sie sich den größten Teil des Tages zurückzieht. Michaels Part erfahren wir aus seinem tagebuchartigen Logbuch, das er an Bord der Yacht führte. Einen weiteren, wesentlich geringeren Anteil bilden die Gespräche Sybils mit ihrer Kinderpsychologin in der zweiten Hälfte des Buches. Diese rasch aufeinanderfolgenden, gekonnt montierten Perspektiv- und Zeitwechsel waren zunächst eine Herausforderung, machten jedoch bald den besonderen Reiz des Romans aus.

Viele offene Fragen
Es mag erstaunen, dass der Roman spannend über 350 Seiten bleibt, obwohl der ungute Ausgang der ehrgeizigen Segelexpedition von Beginn an klar ist. Was ist mit Michael geschehen? Welches Kindheitstrauma lässt Juliet nicht los? Was hält das ungleiche Paar eigentlich zusammen? Und welche Auswirkungen hat das Zusammenleben auf einem 14-Meter-Boot auf die Familienstruktur?

© B. Busch

Winsch, Mastnut und Reffleine
Den Roman Herz auf Eis der Weltumseglerin Isabelle Autissier aus dem mareverlag, in dem sich ein junges Paar zu einer Weltumseglung aufmacht, hätte ich 2017 fast nicht gelesen. Ich traute mir damals ein Buch über das Segeln, von dem ich so gar keine Ahnung habe, zunächst nicht zu und hätte beinahe ein Lieblingsbuch verpasst. Bei Unter uns das Meer, einem Roman mit doppeldeutigem Titel, wären diese Zweifel angebrachter gewesen, denn nautisches Vokabular und Wissen wären hier tatsächlich von Vorteil. Gefremdelt habe ich auch mit den Protagonisten: Michael, der aus Freiheitsliebe Trump wählt und sich als traditioneller Familienversorger versteht, Juliet, die sich vergräbt, anstatt anzugehen, was sie krank macht. Ganz anders die Tochter Sybil, die mehr versteht als ihre Eltern und großartig reagiert.

Dass die Katastrophe in Gestalt einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ausgerechnet eintritt, als die vier Abenteurer ihre Reise zu genießen beginnen, macht die Tragik ihrer Geschichte aus. Ob ein anderer Ausgang die Eheprobleme gelöst hätte, ist allerdings höchst fraglich.

Amity Gaige: Unter uns das Meer. Aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot. Eichborn 2020
www.luebbe.de/eichborn

Thomas Hettche: Herzfaden

  Ein Herzensbuch – nicht nur dank Urmel & Co.

 „Der Herzfaden?“ fragt Hatü.
„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ (S. 64)

Ein für mich unwiderstehliches Thema hat Thomas Hettche für seinen neuen Roman Herzfaden gewählt: die Augsburger Puppenkiste. Ich selbst bin mit deren zauberhaften Marionetten und Geschichten aufgewachsen und sehe mit Freude, wie die Geschichten Jung und Alt bis heute begeistern. Urmel, Kater Mikesch, Jim Knopf und die Katze mit Hut sind aus dem Leben meiner Familie jedenfalls nicht wegzudenken. Und wenn die Holzköpfe der Figuren uns zuzublinzeln, zu erröten oder kokett zu lächeln scheinen, weiß ich nun, dass der Herzfaden dafür verantwortlich ist.

© B. Busch

 

Allerdings beschränkt sich Thomas Hettche bei weitem nicht auf die bewegte Geschichte dieses Marionettentheaters. Dass der von Matthias Beckmann wunderschön illustrierte Roman über zwei Handlungsstränge verfügt, wird bereits an den beiden Druckfarben rot und blau deutlich. Während die blauen Abschnitte im Präsens die Geschichte der Puppenschnitzerin und Marionettenspielerin Hannelore Marschall-Oehmichen, genannt Hatü (1931 – 2003), Tochter des Gründers Walter Oehmichen, erzählen, spielen die roten, fantastischen Teile im Jetzt, erzählt in der Vergangenheitsform:

Die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Gegenwart die Vergangenheit. Die Zeit löst sich in der Dunkelheit auf. In einer Geschichte setzt sie sich wieder zusammen. (S. 193)

Das Mädchen mit dem iPhone bleibt namenlos. Sie leidet unter der Scheidung der Eltern und der Besuch mit dem Vater im Puppentheater kratzt am Selbstbewusstsein der Zwölfjährigen. Weinend läuft sie davon und landet in dem sehr alten Haus voller geheimer Türen und Treppen auf dem Dachboden bei den Marionetten. Nicht nur, dass die Puppen plötzlich ihre Fäden abstreifen und sie selbst auf deren Größe schrumpft, es taucht auch noch eine riesenhafte Frau auf, die sich als Hatü, Mitbegründerin der Puppenbühne, vorstellt. Während Hatü ihr die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und ihre eigene erzählt, begreift die wieder lebendig gewordene Puppenschnitzerin gleichzeitig allmählich, warum dieses Mädchen zu ihr gefunden hat. Alles hängt zusammen mit der ersten Puppe, die sie während der Kinderlandverschickung geschnitzt hat, dem Kasperl mit dem bösen Gesicht, vor dem sie sich immer gefürchtet hat. Das Mädchen wiederum kann den Dachboden nicht verlassen, bevor es nicht den Kasperl vertrieben und dessen geheimnisvolle Geschichte erfahren hat.

Kunstvoll bettet Thomas Hettche in diese magische Erzählung Hatüs Erinnerungen ein. Von den ersten Puppen, die der Vater, ein Schauspieler und Landesleiter der Reichstheaterkammer, aus dem Krieg mitbringt, über das erste Wohnzimmer-Theater, den Puppenschrein, mit der selbstgebauten Spielbrücke und allen Puppen, die allesamt beim Luftangriff auf Augsburg am 25.02.1944 verbrennen. Nach dem Krieg nimmt die Familie einen neuen Anlauf und am 26.02.1948 lädt die Augsburger Puppenkiste mit „Der gestiefelte Kater“ zur Premiere ein. Allerdings ist dieser Teil des Romans weit mehr als die Chronik von Deutschlands berühmtestem Puppentheater, sondern Kindheit im Krieg und Jugend im Nachkriegsdeutschland, Grauen, aber auch Wiederauferstehung, zu der Walter Oehmichen beitrug:

Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden. Und die Fäden, mit denen wir sie wieder an Kultur anknüpfen, das sind die Fäden meiner Marionetten. (S. 128)

Herzfaden ist ein Roman für Jugendliche wie Erwachsene, den man auf verschiedenen Ebenen lesen und verstehen kann. Wie schön, dass er auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020 steht. Ich drücke die Daumen!

Thomas Hettche: Herzfaden. Mit siebenundzwanzig Zeichnungen von Matthias Beckmann. Kiepenheuer & Witsch 2020
www.kiwi-verlag.de

Weitere Rezensionen zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 auf diesem Blog:

   

Iris Wolff und Denis Scheck zu Gast im Literaturhaus Stuttgart

© B. Busch

Am 23.09.2020 war Iris Wolff zu Gast im Literaturhaus Stuttgart zum Gespräch mit Denis Scheck. Der Abend wurde gewohnt souverän und knapp eingeleitet von der Leiterin des Hauses, Frau Dr. Stefanie Stegmann. Für mich war es die erste Lesung nach der Wiedereröffnung, selbstverständlich mit sorgsam umgesetzten Hygienemaßnahmen und reduzierter Zuhörerzahl, dafür aber mit Livestream-Übertragung. Schade nur, dass durch die weit geöffneten Fenster zwar angenehme Abendluft, aber auch Hubschrauber-, Rettungswagen- und Straßenlärm hereinwehte.

Denis Scheck war wie immer zugleich glänzend vorbereitet und doch spontan. Mehrfach leitete er Gesprächsabschnitte mit eigenen Anekdoten ein und überraschte Iris Wolff mit teils originellen Fragen, auf die sie jedoch nach kurzer Bedenkzeit immer eine passende Antwort fand.

Mit ihrem vierten Roman, Die Unschärfe der Welt, wechselte Iris Wolff nicht nur zum Stuttgarter Klett-Cotta Verlag, sondern kam auch zurecht auf mehrere Nominierungslisten. Erfrischend ehrlich gestand sie ihre spontane Enttäuschung darüber, beim Deutschen Buchpreis 2020 „nur“ den Sprung auf die Longlist geschafft zu haben. Ich bedauere diese Entscheidung der Jury ebenfalls, denn der Platz auf der Shortlist wäre sicherlich verdient gewesen.

„Warum schreiben Sie immer über Rumänien?“, wollte Denis Scheck von der 1977 in Hermannstadt/Sibiu geborenen Iris Wolff wissen. Sie begründete dies mit ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Ort ihrer Kindheit und der Möglichkeit, schreibend diese Welt zu betreten, schloss aber zugleich andere Themen für die Zukunft nicht aus. Wer wie sie „ins Blaue hineinschreibt“ und wem plötzlich ein Drache in einen Nicht-Fantasy-Roman hüpft, dem könne schließlich fast alles passieren. Unter allgemeinem Gelächter wies Denis Scheck allerdings die Unterscheidung zwischen Literatur und Fantasy brüsk zurück, zumal durch die Autorin eines Verlags, der mit Tolkien aktuelle Produkte quersubventioniert.

Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf dem Konstruktionsprinzip des Romans, das nicht nur Denis Scheck, sondern auch mich fasziniert hat. Die Hauptfigur, Samuel, wird darin aus der Sicht von sieben anderen Personen geschildert. Diese multiperspektivische Erzählweise setzt Iris Wolff bewusst immer kürzeren Texten bis hin zum Twitter-Format entgegen, die vorgeben, eine zunehmend komplexere Welt erklären zu können. Ihr Fokus liege dabei grundsätzlich auf den Figuren, während die Zeitgeschichte den Hintergrund bilde, sagte Iris Wolff.

© B. Busch

Drei angenehm ruhig vorgetragene Lesungen rundeten den sehr anregenden und gelungenen Abend mit einer äußerst sympathischen Iris Wolff ab, von der ich gerne mehr lesen möchte.

 

Joachim B. Schmidt: Kalmann

  Der Sheriff aus dem hohen Norden

Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] „Run, Forrest, run!“, riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm. (S. 11)

 

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

 

Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf. (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und die Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte. (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache

  Von mausetoten Wörtern, Buchstabengeometrie und SMS-Kürzeln

Hätten Sie gewusst,…

  • welche 15 Zitate aus Schillers „Das Lied von der Glocke“ zu Sprichwörtern oder Redensarten wurden?
  • … warum „Friedhof“ nichts mit „Frieden“ und „Wahnsinn“ nichts mit „Wahn“ zu tun hat?
  • … wie viele Wörter man bei normalem Sprechtempo pro Minute sagt und wie oft man sich durchschnittlich verspricht?
  • … dass es Wörter wie „Smoking“ oder „Public Viewing“ im Englischen so nicht gibt?
  • … aus welchen Sprachen Begriffe wie Anorak, Shampoo oder Loipe stammen?
  • … welche deutschen Wörter es in welcher abenteuerlichen Schreibweise in andere Sprache geschafft haben?

Kennen Sie…

  • … 61 Alternativen für das Schimpfwort „Dummkopf“ (den „Vollpfosten“ noch nicht einmal eingerechnet) und 49 Bezeichnungen für den abgeknabberten Rest des Apfels?
  • … das schönste Wort der deutschen Sprache, das 2004 vom Deutschen Sprachrat gekürt wurde?
  • … die fünf einsilbigen Wörter auf -nf, die der Duden auflistet?
  • … die Wörter und Unwörter der letzten zehn Jahre?
  • … ein Wort mit vier verschiedenen Pluralbildungen für vier unterschiedliche Bedeutungen?

Können Sie Begriffe wie „Anagramm“, „Palindrom“, „Zwiebelfisch“, „Hyperbel“, „Kofferwort“ oder „Pangramm“ spontan definieren?

Sind Sie sattelfest in der Rechtschreibung fehleranfälliger Wörter?

© B. Busch

Wenn Sie all das und noch viel mehr unterhaltsam und originell aufbereitet nachlesen möchten und dazu farblich und satztechnisch außergewöhnlich pfiffige Bücher lieben, dann ist Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache aus dem Dudenverlag genau richtig.

Überrascht hat mich, dass Deutsch mit 110 Mio Sprechern noch vor Französisch auf Platz zehn der meistgesprochenen Sprachen zu finden ist. Drei der 14 häufigsten Fragen an die Duden-Sprachberatung habe auch ich mir schon öfter gestellt und nun eine Antwort erhalten. Unwahrscheinlich allerdings, dass die teilweise äußerst komplizierten Emoticons wie „(:-?“ oder „(:-&“ von meinen Chatpartnern verstanden würden. „Giftzwerg“ als eine „nicht seltene Koseform“ war mir ebenfalls bisher unbekannt und birgt ein nicht unerhebliches Risiko. Schwäbisch steht fälschlicherweise mit 17% Nennungen auf Platz vier der fünf unbeliebtesten Dialekte Deutschlands, denn Thüringisch mit 19% auf Platz fünf weist eindeutig mehr Nennungen auf – oder wurde die Prozentzahl schlicht verwechselt (S. 66)? Die französische Verbform „faut“ lautet übersetzt nicht „gemacht“ (von „faire“, „machen“) sondern „braucht“ (von „falloir“, „brauchen“) (S. 105).

Während Duden-Produkte zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und zu Synonymen unverzichtbare Arbeitsinstrumente für mich sind, macht das Lesen dieses 128 Seiten starken, kleinformatigen Bändchens mit dem praktischen Register einfach Freude. Ich empfehle die anschauliche Faktensammlung deshalb allen, die Spaß an der deutschen Sprache haben, die die Bücher und CDs von Bastian Sick mögen, die das Glück haben, Deutsch nicht als Fremdsprache erlernen zu müssen – oder genau dieses auf sich genommen haben -, die unterhaltsame Rätselrunden rund um das Thema Sprache planen oder ein kleines, aber sehr feines Geschenk suchen, das aus dem Rahmen fällt.

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache. Duden 2020
www.duden.de

Margaret Laurence: Der steinerne Engel

  Ein freudloses Leben

Das Cover mit der schräg laufenden, lilafarbenen Schrift über dem Gesichtsausschnitt einer Greisin mit auffallendem Ohrring gibt bereits viel über die 90-jährige Ich-Erzählerin Hagar Shipley preis. Entschieden und rücksichtslos bahnte sie sich ihren Weg, ihr übergroßer Stolz bescherte ihr und den Menschen ihrer Umgebung ein freudloses Leben und mit der Kleiderfarbe Lila provoziert sie im hohen Alter ihre konservative Schwiegertochter.


Viele Opfer

An ihrem treuen, zeitlebens geringgeschätzten Sohn Marvin und dessen Frau Doris tobt Hagar im Alter ihre Bosheit, Scharfzüngigkeit und Ungerechtigkeit, ihren Ärger über die eigene Schwäche und ihren Starrsinn aus. 17 Jahren leben beide bereits in Hagars Haus, doch nun fühlen sie sich der zunehmenden geistigen und körperlichen Probleme der Mutter nicht mehr gewachsen. Mit aller Macht verweigert Hagar jedoch den Umzug ins Seniorenheim Silberfaden. Stattdessen erwartet sie bedingungslose Fürsorge von Schwiegertochter und Sohn, ohne solche jemals selbst gegeben zu haben. In einem ihrer seltenen, aber durchaus vorhandenen ehrlichen Momente gesteht sie sich ein:

Ich bin niemandem zu Dankbarkeit verpflichtet. Das Dumme ist nur, mir fallen nicht allzu viele ein, denen ich geholfen hätte. (S. 313)

Gegenwart und Vergangenheit
Während Hagar mit überraschenden Einfällen gegen den Verlust ihres Zuhauses kämpft, stürzen ungebeten Erinnerungen auf sie ein. Äußerst raffiniert und sprachlich begeisternd verknüpft die kanadische Autorin Margaret Laurence Gegenwart und durch Farben, Geräusche oder Ereignisse ausgelöste Erinnerungssplitter. Von Kindheit an prägten übermäßiger Stolz und die Weigerung, Gefühle zu offenbaren, Hagars Leben. Aufgewachsen ohne Mutter und ihrem strengen, erfolgreichen Vater ähnlich, kam es zum völligen Bruch, als sie gegen seinen Willen den 14 Jahre älteren, unambitionierten Farmer Brampton Shipley heiratete. Bald schämte sie sich für dessen sprachliche Mängel und fehlende Manieren. Beide Söhne litten schwer unter ihrer Mutter: Strafte sie den älteren, Marvin, mit Nichtbeachtung, so führten die übersteigerten Erwartungen an den jüngeren, John, schließlich zur Tragödie. Blind und starr wie der titelgebende steinerne Engel auf dem Grab ihrer Mutter verstellte Hagar sich und ihrer Familie den Weg zu einem erfüllten Leben.

© B. Busch

Zwei gescheiterte Frauen
Wie Ann Ambros in Vicky Baums 1951 erschienenem Roman Vor Rehen wird gewarnt ist auch Hagar Shipley eine starke, intelligente Frau. Beide sind Kämpferinnen und scheitern dennoch auf ganzer Linie an sich selbst. Die stählerne Sanftmut, mit der Ann gnadenlos Menschen zum eigenen Vorteil aus dem Wege räumt, hat mich zwar abgestoßen, durch die Raffinesse aber zugleich fasziniert. Hagars Borniertheit rief jedoch – trotz später Ansätze von Einsicht – nur Trauigkeit und Wut bei mir hervor, aber trotz ihrer spürbaren Angst vor Alter und Tod kein Mitleid.

Gastland Kanada
Margaret Laurence (1926 – 1987) gehört zu den bekanntesten Autorinnen Kanadas. Fünf ihrer Romane spielen wie Der steinerne Engel aus dem Jahr 1964 im fiktiven Präriestädtchen Manawaka, für das ihr Geburtsort Neepawa, 170 Kilometer von Winnipeg entfernt, Vorbild war. Der steinerne Engel ist der Beginn einer Trilogie und wurde zum Gastlandauftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 (und coronabedingt 2021) von Monika Baark neu übersetzt. Es lohnt sich, diesen modernen Klassiker mit seiner überraschenden Aktualität neu- oder wiederzuentdecken. Hagar Shipley kann man unmöglich mögen, ihre Lebensbeichte dagegen unbedingt!

Margaret Laurence: Der steinerne Engel. Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark. Eisele 2020
eisele-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen:

   

Agota Kristof: Das große Heft

  Kindheit im Krieg

Wir sitzen am Küchentisch mit unsern karierten Blättern, unsern Bleistiften und dem Großen Heft. […] Wenn es «Gut» ist, können wir den Aufsatz in das Große Heft abschreiben. Um zu entscheiden, ob es «Gut» oder «Nicht gut» ist, haben wir eine sehr einfache Regel: Der Aufsatz muß wahr sein.“ (S. 28/29)

Es herrscht Krieg. Aus dem Bombenhagel in der „Großen Stadt“ bringt eine Mutter ihre etwa neunjährigen Zwillinge, namenlose, außergewöhnlich intelligente Jungen, zur Großmutter in die „Kleine Stadt“ an der Grenze. „Hexe“ wird die Großmutter genannt und allgemein des Giftmords an ihrem Mann verdächtigt. Fortan sind die Buben auf sich alleine gestellt, ohne Vorbilder, von der Großmutter übel beschimpft und Außenseiter wie sie. Um in einer Welt voller Armut, Verrohung, Gewalt, Demütigung und Verlassenheit zu bestehen, verordnen sie sich ein konsequentes Trainingsprogramm: Abhärtung gegen körperlichen Schmerz durch Zufügen desselben, Abhärtung gegen Schimpfwörter durch gegenseitige Beleidigungen, Fasten- und Schweigeübungen, planmäßiges Erlernen von Grausamkeiten, Übungen zum Töten, Diebstähle und Erpressungen. Die Fähigkeit, sich zu wehren, wird zur Überlebensfrage:

Die Kleinen von hier werden von ihren Müttern beschützt und gehen nie allein aus dem Haus. Wir werden von niemand beschützt. Daher lernen wir, uns gegen die Großen zu wehren. […] Wir brauchen nur unser Rasiermesser herauszuziehen, damit die Großen weglaufen. (S. 49)

Ein Roman, bestehend aus Aufsätzen
Was sie erleben, schreiben die Zwillinge in Form von zwei- bis dreiseitigen Aufsätzen in das „Große Heft“. Alle Kapitel berichten lakonisch und vollkommen frei von Gefühlen über ihren Alltag und ihren Überlebenskampf in einer Welt, von der sie nichts erwarten.

Die bis auf ein Minimum reduzierte Erzählweise in der Wir-Form nennt weder Namen noch Zeit oder Orte. Trotzdem lässt sich unschwer ein zunächst von der Wehrmacht, dann von der Sowjetunion besetztes Land ausmachen.

Fast unerträglich grausam
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so durch und durch düsteren Roman gelesen zu haben. Nur äußerst selten lassen die Zwillinge erkennen, dass sie in gewissen Situationen durchaus zu Mitgefühl fähig sind, und sogar im Verhältnis zur Großmutter stellt sich allmählich ein Hauch von gegenseitiger Wertschätzung ein. Umso erstaunlicher ist die Sympathie für die Kinder, die die Autorin Agota Kristof erzeugt. Mit jedem Kapitel beziehungsweise Aufsatz wird das Geschehen noch brutaler, scheint ihr Schicksal noch hoffnungsloser und stockte mir beim Lesen mehr der Atem. Was es dabei allerdings nicht gebraucht hätte, ist die Ausschmückung sexueller Abartigkeiten und Grausamkeiten, die nicht nur die Zwillinge erfahren.

Dass – und wie – sich zuletzt sogar der einzige Halt, das scheinbar untrennbar verbundene „Wir“, auflöst, ist kaum zu ertragen. Glücklicherweise werde ich aber demnächst in den Folgebänden Der Beweis und Die dritte Lüge erfahren, wie es mit den Zwillingen weitergeht.

Die gebürtige Ungarin Agota Kristof (1935 – 2011) emigrierte während der Ungarnaufstände 1956 in die Schweiz und verfasste ihre Romane, darunter 1986 Das große Heft, auf Französisch. Leider bin ich erst jetzt auf diese Antikriegs-Parabel aufmerksam geworden, obwohl das Buch seit 1987 auf Deutsch vorliegt, für das Theater und die Oper adaptiert und 2013 vom ungarischen Regisseur János Szász verfilmt wurde.

Agota Kristof: Das große Heft. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Piper 2018
www.piper.de

Melanie Laibl & Susanne Göhlich: Verkühl dich täglich

  Kampf dem Mumienoutfit

Pünktlich zum Ende des Sommers bestehen die „großen Großen“, die Erwachsenen, auf warmer Kleidung. Doch Pauli, Ich-Erzähler der Geschichte, sowie Nelly, Sophie und die Zwillinge Felix und Emil haben absolut keine Lust auf megapeinliche Thermostrumpfhosen, kratzige Wollpullis, Muffs, Schneestiefel, Ohrenschützer, Loops und Co. Kurzerhand gründen sie den Verein „Verkühl dich täglich“. Gemeinsam wollen sie beweisen, dass die Fieberkurven trotz in jedem Kapitel fallender Temperaturen auch ohne „Mumienoutfit“ nicht ansteigen. Als es fast schon langweilig wird, weil absolut nichts passiert und alle Nasen trocken bleiben, wird das Risiko mittels spektakulärer Mutprobe noch gesteigert. Doch nichts kann den verrückten Gegenschlag toppen, zu dem die Erwachsenen mit vereinten Kräften ausholen…

Verkühl dich täglich ist eine sehr vergnügliche Geschichte von Melanie Laibl über einen Wettstreit zwischen pfiffigen Kindern und fantasievollen Erwachsenen, die sogar auf einem historischen Vorbild basiert. Sie eignet sich prima zum Vorlesen ab fünf Jahren, besonders in der kalten Jahreszeit, oder zum Selberlesen ab der dritten Klasse. Die hinreißenden Illustrationen mit den typischen Gesichtern stammen unverkennbar von Susanne Göhlich und treffen den sympathischen Ton des Textes haargenau.

Melanie Laibl & Susanne Göhlich: Verkühl dich täglich. mixtvision 2017
mixtvision.de

 

Weitere Rezensionen zu Kinderbücher mit Illustrationen von Susanne Göhlich auf diesem Blog:

                               

Michael Crummey: Die Unschuldigen

  Den Naturgewalten ausgeliefert

Eine Kanadareise führte uns 2014 von Montreal aus den Sankt-Lorenz-Strom entlang, bis wir bei Godbout nach Mantane übersetzten. Etwas wehmütig stellte ich fest, dass uns die Weiterfahrt am Strom bald nach Neufundland gebracht hätte – einem Ziel, das sich seither bei mir festgesetzt hat. Ein neufundländischer Roman des von dort stammenden Autors Michael Crummey weckte deshalb sofort mein Interesse, gemäß dem Motto meines Blogs: „Mit Büchern um die Welt“.

Alleingelassen
Die Unschuldigen
beginnt Ende des 18. Jahrhunderts mit einer dreifachen Familientragödie. Nach dem Tod der jüngsten Tochter und der Eltern bleiben der elfjährige Evered und die neunjährige Ada völlig allein in einer einsamen Bucht zurück. Sie sind noch Kinder und verrichten doch seit Jahren Erwachsenenarbeit. Genau diese Kenntnisse werden nun überlebensnotwenig.

Sieben Jahre lang begleiten wir die Geschwister bei ihrem Kampf in einer teils verschwenderisch reichen und doch unbarmherzigen Natur. Der Zyklus der Jahreszeiten bestimmt ihr Leben, beginnend mit dem Packeis und den Robben im März, mit dem Laichen des Kapelans, den Kabeljauschwärmen im Sommer, dem Holzschlag und der Arbeit im mageren Gemüsegarten bis zum Beerensammeln im Herbst. Einzig die dunklen Wintermonate gewähren eine Ruhepause.

Sehnsüchtig erwartet und gefürchtet ist die Ankunft des Versorgungsschiffes „Hope“, das zweimal jährlich lebensnotwendige Güter bringt und zu ruinösen Bedingungen den Fang der Saison aufkauft. Oft wird die Nahrung lebensbedrohlich knapp:

Die ganze Zeit über knurrte ihnen der Magen. Den Portwein hatten sie längst ausgetrunken und gossen sich nun Rum in den abendlichen Tee, um den schlimmsten Hunger zu betäuben und die vielfältigen Leiden zu lindern, die die Arbeit ihnen zugefügte. Ihr Zahnfleisch war durch den Nahrungsmangel im Frühjahr grau und schwammig geworden, sie hatten ständig einen leichten Blutgeschmack im Mund, und ihre Zähne waren so locker, dass man sie mit der Zunge hin und her bewegen konnte, als hingen sie an Scharnieren. (S. 159)

Für Abwechslung sorgt das Meer
Einmal ist es ein Sturm, der ihnen wertvolles Strandgut beschert, dann ein im Eis feststeckendes Schiff mit grausamer Fracht. Unerwartete Besucher kommen per Schiff, helfen in höchster Not, bringen Wissen, Geschichten und willkommene Abwechslung, stellen aber gleichzeitig das gemeinsame Leben in Frage:

Ein Leben lang waren sie einander das gewesen, an dem der andere sich als Erstes und Letztes orientierte; die einzige Sache, die sie brauchten, um sich vollständig zu fühlen, egal, was ihnen sonst genommen wurde oder im Dunkeln verloren ging. Nun aber begann jeder auf seine Weise daran zu zweifeln, dass ihre Verbindung für das, was sie vom Leben wollten, notwendig war. (S. 289)

Während die Geschwister mit Zielstrebigkeit, Fleiß und Lehren aus Fehlern ihr Überleben immer besser sichern, stellt ihre mit der Pubertät erwachende Sexualität sie vor unbeherrschbare Rätsel. Sensibel, glaubhaft und aus beider Sicht beleuchtet der Roman dieses Thema in allen Facetten, beschreibt Sehnsüchte, Vergnügen, Zweifel, Unwissen, Schuldgefühle, Scham und die Hilflosigkeit bei der Benennung unverständlicher Dinge.

Ein Buch, das man nicht einfach zuklappt
Ein alter Zeitungsartikel über einen Geistlichen, der in einer einsamen Bucht einen Bruder und seine schwangere Schwester entdeckte, ließ Michael Crummey jahrelang nicht los, bis er diesen inzwischen preisgekrönten Roman zu Papier brachte. Für mich hat sich das packend geschriebene Buch doppelt gelohnt: Einerseits wurde mein Wunsch einer Neufundlandreise bestärkt, andererseits beschäftigt mich das Schicksal der Geschwister auch über die Lektüre hinaus.

Michael Crummey: Die Unschuldigen. Aus dem kanadischen Englisch von Ute Leibmann. Eichborn 2020
www.luebbe.de/eichborn

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen: