Bernd Gunthers: Die Kuh gräbt nicht nach Gold

  Was wäre die Kripo Schwäbisch Hall ohne Milka Mayr?

Wenige Krimireihen können ihr Niveau halten, zumal, wenn die Bände – wie bei den Hohenlohe-Krimis von Bernd Gunthers – im Jahrestakt erscheinen. Hier ist es jedoch anders, sei es, weil die Kriminalfälle immer noch verzwickter, komplexer und spannender werden, oder weil mir die Protagonisten noch mehr ans Herz wachsen.

© B. Busch

Auch wenn die Bände problemlos unabhängig gelesen werden können – mir macht genau dieses Wiedersehen mit den äußerst empathisch gezeichneten Charakteren große Freude: Milka Mayr, charmante Landwirtin und Managerin des Mayr’schen Hofgutes in Bühlerzell mit Mordsinstinkt, ihr Freund, der Schwäbisch Haller Kriminalhauptkommissar Paul Eichert, der sich mittlerweile nicht ungern an Milkas Einmischung in die polizeiliche Ermittlungsarbeit gewöhnt hat, der Kunsthistoriker Professor Lothar Ebert mit seinen gelehrten Vorträgen und der pensionierte Kreisjägermeister Sebastian Wild samt seinem wurstliebenden Deutsch Kurzhaar.

Wo Milka ist, ist das Verbrechen nicht weit
Kaum unternimmt Milka mit Paul eine Paddeltour auf der friedlich murmelnden Jagst in Richtung Kloster Schöntal, entdeckt sie auch schon eine Wasserleiche. Damit ist sie wieder einmal mittendrin in einem Fall. Paul, der ihre Ermittlerqualitäten, ihr stures Beharrungsvermögen, ihren analytischen Verstand und ihre Menschenkenntnis längst zu schätzen weiß, gesteht ihr wie immer mehr Mitarbeit zu, als die Vorschriften es genaugenommen erlauben. Dabei hätte Milka im Marketing und bei der Buchführung des Familienbetriebs sowie beim Aufbau des neuen Hofladens eigentlich genug zu tun. Außerdem steht die heiß ersehnte Teilnahme bei der Oldtimer-Rallye in Langenburg an mit ihrem eigenhändig restaurierten VW-Käfer und Paul als Beifahrer. Doch kaum sind die beiden zur dritten Teilprüfung, dem „Bergtag“, gestartet, zeigt sich auch hier: Wo Milka ist… Als wäre das nicht genug, gerät auch noch Professor Lothar Ebert bei wissenschaftlichen Arbeiten an der keltischen Heuneburg östlich von Sigmaringen in allergrößte Bedrängnis, wo zwar keine Kuh, wohl aber zwei Teams mit archäologischen Ausgrabungen beschäftigt sind. Pauls Vermutung, dass „dieser ominöse Fall größere Dimensionen annehmen wird“ (S. 130) erweist sich somit schnell als goldrichtig.

Regionalkrimi plus
Neben der wendungsreichen, streng chronologisch aufgebauten Krimihandlung, die sich in 16, mit Wochentagen überschriebenen Kapiteln immer mehr zuspitzt, haben mich auch beim aktuellen Band Die Kuh gräbt nicht nach Gold wieder der Sprachwitz von Bernd Gunthers, das liebevoll eingebaute Lokalkolorit und die genaue Beschreibung sämtlicher Örtlichkeiten, Haupt- und Nebenfiguren begeistert. Nach gut 300, leider viel zu schnell gelesenen Seiten fühle ich mich nicht nur wieder bestens unterhalten durch eine logisch ablaufende Szenerie mit stimmiger Auflösung, sondern auch um Kenntnisse über die Kulturgeschichte der Kelten, den Ablauf von Oldtimer-Wettbewerben und Geldwäsche-Geschäften, lokale Bräuche und die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft bereichert.

Da coronabedingt leider auch zu diesem Band vorläufig keine Lesungen stattfinden können, gibt es einen schönen Eindruck vom Buch und der Landschaft Hohenlohes in einem sehr empfehlenswerten Trailer.

Bernd Gunters: Die Kuh gräbt nicht nach Gold. Gmeiner 2021
www.gmeiner-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu den Hohelohe-Krimis von Bernd Gunthers auf diesem Blog:

Bd. 1
Bd. 2

Margarita Liberaki: Drei Sommer

  Weibliche Möglichkeiten

Die Griechin Margarita Liberaki (1919 – 2001), die als Scheidungskind bei ihren Großeltern aufwuchs und später lange Zeit in Frankreich lebte, gehört in ihrem Heimatland zu den bekanntesten Autorinnen, genau wie ihre 1946 geborene Tochter Margarita Karapanou. Der Roman Drei Sommer von 1946 wurde auf Betreiben von Albert Camus 1950 ins Französische übersetzt, 1995 ins Englische und erscheint jetzt erstmals im Arche Verlag mit wunderschönem Cover auf Deutsch. Was mich am meisten überrascht: Es gibt keinen zeitgeschichtlichen Bezug, der Zweite Weltkrieg, die Besatzung, die große Hungersnot und der Bürgerkrieg spielen keine Rolle, obwohl der Roman laut der einzigen Jahreszahl, die ich entdecken konnte, nach 1935 spielt (S. 282).

Was Strohhüte und Gärten verraten
Vordergründig ist es eine rein private Geschichte, in deren Mittelpunkt drei Schwestern in drei aufeinanderfolgenden Sommern stehen: Maria, zu Beginn fast 20, Infanta, fast 18, und Katerina, 16 Jahre alt. Sie sind so unterschiedlich wie ihre in der griechischen Originalfassung titelgebenden Strohhüte zu Beginn:

In jenem Sommer kauften wir große Strohhüte, der von Maria hatte eine Kirschenbordüre, der von Infanta blaue Vergissmeinnicht und meiner feuerrote Mohnblumen. Wenn wir auf der Heuwiese lagen, verschmolzen wir mit dem Himmel und den Feldblumen. (S. 9)

Ebenso verschieden sind ihre Augenfarben und ihre Beete im Garten des Landhauses unweit von Athen, wo sie zusammen mit dem Großvater, der Mutter Anna und deren älterer Schwester Teresa nach der Scheidung der Eltern leben. Auch die Beete spiegeln ihre unterschiedlichen Charaktere wider: Maria hegt einen sorgsam angelegten Gemüsegarten, Infanta hat sich für pflegeleichte wilde Mandelbäume entschieden und Katerina liebt Überraschungen, weshalb sie planlos Blumensamen ausstreut.

Unter der Oberfläche
Das Landleben als Reigen von Festen, Einladungen, Spaziergängen und gemeinsamen Mahlzeiten mutet auf den ersten Blick wie eine Idylle an. Bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch die schmerzvolle Trennung der Eltern, Terezas lange zurückliegende Vergewaltigung, das Drama der polnischen Großmutter, die einst für einen durchziehenden Musiker den Großvater und die kleinen Töchter verließ, oder einen tödlichen Streit im Dorf. Neugierig spürt Katerina großen und kleinen Geheimnissen nach: dem Verhältnis der geschiedenen Eltern, dem Werben eines Nachbarn um die Mutter, aber vor allem dem tabuisierten Verschwinden der Großmutter, das ihre romantische Fantasie und die Opposition zur distanzierten Mutter befeuert:

Ihr alle hier hasst sie. Ich bin die Einzige, die sie mag. Weil sie schön war, weil sie anders Musik gespielt hat als du, weil sie querfeldein galoppiert ist. (S. 36).

Ein weiblicher Entwicklungsroman
Im Laufe der drei beschriebenen Sommer müssen die Schwestern ihren Platz im Leben finden. Bald liegen sie nicht mehr zusammen auf der Heuwiese, denn die kokette, freizügige Maria entscheidet sich für Ehe, Mutterschaft und ein Haus auf dem Grundstück der Familie:

Mutig ist, wer bleibt. (S. 13)

Die unnahbare Infanta steht zwischen einem Bewerber und den platonischen Idealen ihrer Tante Tereza, reitet halsbrecherisch ihr geliebtes Pferd Romeo und widmet sich der Stickerei. Katerina ist ebenso wild wie romantisch und schwankt zwischen Liebe und Abenteuer, Häuslichkeit und Schriftstellerei, Bleiben und Fernweh:

„Am liebsten hättest du wohl zwei Leben“, sagte Maria irgendwann zu mir, „das steht dir auf der Stirn geschrieben.“

„Nicht nur zwei Maria, sondern tausend! Oder eins, das so ist wie tausend!“ (S. 254)

Interessant ist die Vermischung der Perspektiven: Meist erzählt die geschichtenverliebte, fantasiebegabte und sicher nicht immer zuverlässige Katerina in verträumter, farbiger Sprache, manches geht jedoch über das Wissen der Ich-Erzählerin hinaus. Daneben gibt es vereinzelt Tagebucheinträge einer weiteren, selbstverständlich ebenfalls weiblichen Person.

75 Jahre alt und keineswegs verstaubt
Ich habe Drei Sommer als erstaunlich modernen Klassiker über weibliche Möglichkeiten mit Vergnügen gelesen, bezaubert von der Atmosphäre griechischer Sommer und angesteckt von Katerinas Neugier.

Margarita Liberaki: Drei Sommer. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger. Arche 2021
www.w1-media.de

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

  Die südkoreanische Durchschnittsfrau

Ich könnte mir keinen Roman vorstellen, der besser zum heutigen Internationalen Weltfrauentag passen könnte, als der Debütroman Kim Jiyoung, geboren 1982 der südkoreanischen Drehbuchautorin Cho Nam-Joo. Basierend auf eigenen Erfahrungen und Beobachtungen beschreibt sie die alltägliche weibliche Diskriminierung am Beispiel einer südkoreanischen Durchschnittsfrau. Mit 33 Jahren bekommt Jiyoung plötzlich „eigenartige Anwandlungen“ und benimmt sich während eines Besuchs bei den Schwiegereltern schockierend, so dass ihr Ehemann Daehyou einen Psychiater zu Rate ziehen muss. Was veranlasst die bisher völlig unauffällige Frau dazu, mit fremden Stimmen zu sprechen?

In zweiter Reihe
Fast hätte es Jiyoung gar nicht gegeben, hätte ihre Mutter nicht erst die dritte Tochter abgetrieben, sondern bereits die zweite. Als der von der Familie ersehnte Sohn geboren wird, rücken die Schwestern automatisch auf die Plätze hinter ihm. Trotzdem sorgt die durchsetzungsfähige, geschäftstüchtige Mutter Misuk für eine qualifizierte Ausbildung der beiden Töchter, die ihr wegen ihres Geschlechts verwehrt wurde. Obwohl auch jetzt noch die Mädchen in der Schule und an der Universität prinzipiell hinter den Jungen rangieren und sexuelle Übergriff im Alltag wie selbstverständlich geduldet werden, schafft Jiyoung Abitur und Studium. Als fast unüberwindliche Hürde gestaltet sich jedoch die Jobsuche:

Hatte eine Frau Schwächen, kam sie deshalb nicht infrage. War sie brilliant, galt sie als Unruhestifterin. Und was sagte man ihr, wenn sie mittelmäßig war? Tut uns leid, Sie sind zu durchschnittlich? (S. 111)

Erst als sie ihre Ansprüche zurückschraubt, stellt eine Marketingagentur sie ein. Geringere Bezahlung, Benachteiligung bei Beförderungen und sexistisches Verhalten sind im Berufsleben ihre ständigen Begleiter, trotzdem macht Jiyoung die Arbeit Spaß. Doch mit der Geburt ihrer Tochter Ziwon ist dieser Lebensabschnitt zu Ende, Berufstätigkeit und Mutterschaft scheinen in Südkorea unvereinbar. Wie so viele Frauen leidet sie unter der Doppelmoral bei der Bewertung von Hausarbeit und unter der Aussicht auf maximal einen Job im Mindestlohnbereich, ohne Sozialversicherung und festen Arbeitsvertrag.

Drei Frauengenerationen
Trotz der im Vergleich zu ihrer Mutter wesentlich besseren Startchancen, stößt Jiyoung beständig gegen einen gläsernen Deckel. Leider fehlt ihr auch deren raffiniertes Durchsetzungsvermögen. Da Jiyoung der Autorin als Modell für alle denkbaren Ungerechtigkeiten der koreanischen Gesellschaft dient, wird es gegen Ende des Buches etwas zu viel des Guten, was aber vermutlich beabsichtigt ist. Außerdem hätte ich mir etwas mehr Beachtung für das Schicksal von Jiyoungs kleiner Tochter gewünscht, die als Auslöser für die Frustration ihrer Mutter ebenfalls Opfer ist, doch ist dies eindeutig nicht Thema des Romans.

Mit Wut geschrieben
Cho Nam-Joo erzählt diese zutiefst trostlose Geschichte aus einem patriarchal geprägten Hightech-Land in vollkommen nüchterner Sprache. Erst spät wird klar, wer erzählt – ein besonders gelungener Kunstgriff. Doch nicht nur die Schreibweise erinnert an ein Sachbuch, auch die Quellenangaben zu Statistiken, Studien und Dokumentationen über weibliche Lebensumstände in Südkorea sind äußerst ungewöhnlich für einen Roman. Allerdings geht es Cho Nam-Joo nicht um Unterhaltung, vielmehr möchte sie die unhaltbaren Zustände in ihrem Land anprangern, unterdrückten Frauen eine Stimme geben und die Gesellschaft aufrütteln. Dass der im Original 2016 erschienene Roman in Südkorea zu einem inzwischen auch verfilmten Bestseller wurde, lässt hoffen, dass er zu Veränderungen beitragen kann.

Fazit: Kim Jiyoung, geboren 1982 ist nicht das beste Buch des Literaturfrühlings 2021, aber sicher eines der wichtigsten und eine Mahnung an Frauen weltweit, wachsam und wehrhaft zu bleiben.

Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

Kathrin Wessel & Sandra Grimm: Seif dich ein, sagt das Schwein

Körperhygiene für Anfänger

Keine Lust auf Händewaschen? Geschrei beim Kämmen? Panik vor Schaum auf dem Kopf? Die Tiere im quadratischen, stabilen Pappbilderbuch Seif dich ein, sagt das Schwein von Kathrin Wessel (Illustration) und Sandra Grimm (Text) sind trotz Körperpflegeprozedur vergnügt.

© B. Busch

Jeweils ein großes und ein kleines Tier derselben Gattung werden beim Zähneputzen, Baden oder Kämmen gezeigt. Zu jeder der sieben Szenen gibt es einen grafisch wunderschön gestalteten gereimten Zweizeiler im Stil des Buchtitels und eine passende Illustration auf der gegenüberliegenden Seite. Die Reime sind kurz, einprägsam und lassen sich in entsprechenden Situationen wiederholen. Mich haben sie sofort zum Weiterreimen animiert: „Schneid mir die Mähne, sagt die Hyäne“, „Putz dir die Nase, sagt der Hase“ – Der Fantasie der Vorleserinnen und Vorleser und der älteren Geschwister sind keine Grenzen gesetzt. Außerdem lässt sich zu den Bildern mehr als nur ein Satz sagen, je nach Ausdauer der kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer ab etwa zwölf Monaten. Die herzigen Illustrationen auf kontrastreichem, farbenfrohem Hintergrund sind einfach gehalten und zeigen die Tiere meist von vorn, was sie für Kleinkindaugen leichter erkennbar macht.

Wer so gepflegt ist, wie es Bär, Katze, Maus, Schwein, Lama und Lamm am Ende sind, darf sich mit einem Blick in den Spiegel belohnen – sagt jedenfalls der Igel!

Und wer mit der gleichen Methode das Gute-Nacht-Ritual oder das Trösten einüben möchte,  kann es mit Leise, leise, sagt die Meise oder mit Tut’s noch weh?, fragt das Reh, ebenfalls von Kathrin Wessel und Sandra Grimm und in der Reihe Edition Piepmatz des Ravensburger Verlags erschienen, tun.

Kathrin Wessel & Sandra Grimm: Seif dich ein, sagt das Schwein. Ravensburger 2021
www.ravensburger.de

 

Weitere Rezension zu einem Bilderbuch der Illustratorin Kathrin Wessel auf diesem Blog:

Weitere Rezension zu einem Kinderbuch von Sandra Grimm auf diesem Blog:

Kirsten Boie: Dunkelnacht

„Wozu, im Guten wie im Schlechten, sind ganz und gar durchschnittliche Menschen fähig?“

Die erschütternden Geschehnisse am 28. und 29. April 1945 in der rund 50 Kilometer südlich von München gelegenen ehemaligen Bergarbeiterstadt Penzberg sind Gegenstand der Jugendnovelle Dunkelnacht von Kirsten Boie. Die historischen Fakten sind akribisch recherchiert und stammen aus dem Archiv der Stadt Penzberg sowie aus den Prozessakten zu diesen sogenannten Endphasenverbrechen. Fiktiv sind jedoch die drei Jugendlichen Schorsch, Marie und Gustl, aus deren Sicht Kirsten Boie über die Verbrechen berichtet, wenn sie sich nicht selbst als auktoriale und emotionale Erzählerin einbringt. Gustl kämpft als „Verräter-Kind“ bei den Werwölfen fanatisch für das Vaterland und seine Ehre, Schorsch wird als Sohn eines Polizeimeisters Zeuge von dessen Aktenvernichtung und Maries Vater saß als „Roter“ eingige Zeit im KZ Dachau.

Die historischen Fakten
Am 28. April 1945 standen die Amerikaner unmittelbar vor der ehemals roten Stadt Penzberg. Die Widerstandsbewegung Freiheitsaktion Bayern hatte den Reichssender München besetzt und rief zum Schutz der Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis und zur Übernahme der Ordnungsmacht durch die Bürgermeister aus der Zeit vor 1933 auf. Zusammen mit einigen Getreuen setzte daraufhin das ehemalige Stadtoberhaupt Hans Rummer den Penzberger NS-Bürgermeister ab, verhinderte die Flutung des Bergwerks, befreite die Zwangsarbeiter und bereitete den Einmarsch der Amerikaner ohne Blutvergießen vor. Ein durchziehendes Wehrmachts-Regiment und ein Rudel der Untergrundorganisation Werwölfe sorgten jedoch dafür, dass die Gruppe um Hans Rummer sowie ihrer roten Gesinnung verdächtige Penzberger Bürger als „Volksverräter“ hingerichtet wurden. Am Nachmittag des 28 April 1945 wurden acht Männer von einem Vollstreckungskommando erschossen, in der darauffolgenden Nacht sechs Männer und zwei Frauen erhängt: „Die Wehrmacht schießt, der Werwolf hängt.“ (S. 100) 

Schnelle Szenenwechsel
Wie ein Protokoll ist der schmale Roman aufgebaut mit exakten Zeitangaben als Kapitelüberschiften. Die Unterkapitel sind mit den handelnden Personen überschrieben. Die Kürze dieser Abschnitte steigert die unheilvolle Dramatik und die Spannung, obwohl nie ein Zweifel am düsteren Ausgang dieser Stunden besteht. Die Schilderung der Morde durch die Augen der Jugendlichen ist äußerst knapp, aber gerade darum besonders eindrücklich. Das gelungene Layout mit dem grau-schwarz angesengten oberen Rand verstärkt die zutiefst beklemmende Szenerie.

Gedenken und Mahnung
Kirsten Boie stieß bei der Lektüre des Sachbuchs Wolfszeit von Harald Jähner auf die Verbrechen von Penzdorf. Einerseits hält sie mit Dunkelnacht die Geschichte der Opfer lebendig und setzt ihnen mit einer Namensliste im Anhang ein Denkmal. Andererseits erzählt sie diesen Teil der deutschen Geschichte heutigen Jugendlichen bewusst, um den Gefahren von rechtsnationalem Gedankengut etwas entgegenzusetzen. Der Blickwinkel der jugendlichen Protagonisten erleichtert die Identifikation und die Auseinandersetzung mit Themen wie Angst und Misstrauen, Ehre, Pflichtgehorsam und Mitläufertum, Hass und Verrohung, aber auch Mut und Menschlichkeit.

Im ebenfalls sehr lesenswerten Nachwort beschreibt Kirsten Boie die beschämende gerichtliche Aufarbeitung der Verbrechen im Nachkriegsdeutschland und das zurückhaltende Gedenken in der Stadt.

Ich wünsche mir, dass viele Jugendliche ab etwa 15 Jahren Dunkelnacht lesen, am besten als Schullektüre. Anregungen für aktuelle Diskussionen bietet der Roman mehr als genug, denn:

Penzberg zeigt: Eine unmenschliche Politik betrifft am Ende selbst diejenigen, die glaubten, unbeteiligt bleiben zu können. (Nachwort, S. 116)

Kirsten Boie: Dunkelnacht. Oetinger 2021
https://www.oetinger.de

 

Weitere Rezensionen zu Kinder- und Jugendbüchern von Kirsten Boie auf diesem Blog:

           

 

Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht

  Trauer, Schuld und Neid

 

Der Roman Unter Wasser Nacht mit einem so herausragenden Cover, dem Handlungsort Wendland und einem so interessant klingenden Titel stand in diesem Frühjahr weit oben auf meiner Leseliste, ist mir doch ein wunderschöner Fahrradurlaub im Mai 2020 mit Quartier nahe Gorleben und der traumhaften Elbe noch frisch im Gedächtnis. Für zumindest zwei der Protagonisten ist jedoch die Elbe Hassobjekt:

© M. Busch

Er [Thies] wollte Edith nicht begegnen. Wenn es jemanden gab, der den Fluss noch mehr hasste als er, dann war sie es, die Fährfrau wider Willen. Er wollte ihre stummen Blicke nicht ertragen. Nicht wissen, was sich dahinter verbarg. Unausgesprochenes. Es ging ihm schlecht genug. (S. 7)

Elbblick vom Aussichtsturm zwischen Laase und Langendorf im Wendland. © M. Busch


Abschied von Bullerbü?
Thies und seine Frau Sophie haben vor gut einem Jahr ihren Sohn Aaron verloren. Zwei Tage nach seinem Verschwinden wurde er tot in der Elbe gefunden, die Umstände liegen im Dunkeln. Thies und Sophie entfernen sich seither in ihrer Trauer und ihren Schuldgefühlen immer mehr voneinander, leben in getrennten Welten. Auch die Freundschaft zu ihren Nachbarn Inga und Bodo mit den Kindern Lasse und Jella, alte Mitstreiter aus ihrer Vergangenheit als politische Aktivisten gegen die Castor-Transporte, ist daran zerbrochen.

Das Zwischenlager Gorleben. © M. Busch
Erinnerung an den Castor-Widerstand. © M. Busch

 

 

 

 

 

 

Aus der Bullerbü-Idylle der beiden Familien wurde blanker Neid Sophies auf das scheinbar perfekte Leben der anderen. Dabei war auch vorher nicht alles gut, denn das Wunschkind Aaron terrorisierte, seit er laufen konnte, alle mit seinem Hass, seinen Aggressionen und seiner Wut.

Gerade als die Ermittlungen der Polizei eingestellt werden, taucht die mysteriöse Mara aus Christiania auf, eine Frau Ende vierzig, selbstbewusst, attraktiv, unkonventionell, lebendig. Thies fühlt sich vom ersten Moment magisch zu ihr hingezogen, aber auch auf Sophie, Inga und Jella macht sie großen Eindruck. Nur Ingas Mutter Edith, die Fährfrau, reagiert schroff. Noch ahnt keiner, wie sie aller Leben auf den Kopf stellen wird.

Ein Roman mit Schwächen
Kristina Hauff, die unter ihrem wirklichen Namen Susanne Kliem bereits mehrere Krimis veröffentlichte, überschreibt die kurzen Kapitel mit der Person, aus deren Sicht erzählt wird, bei Rückblenden ergänzt durch eine Zeitangabe. Zweiundzwanzig Kapitel heißen „Sophie“, zwölf „Thies“, acht „Inga“, drei „Jella“ beziehungsweise „Edith“ und eines „Mara“.

Leider nahm meine anfängliche Freude während des Lesens zunehmend ab, zumal die Auflösung irgendwann absehbar wurde. Hauptgründe dafür waren die auf mich unecht wirkenden Dialog und die Charaktere, die mir zu eindimensional (Aaron), zu konstruiert (Mara) oder zu unverständlich in ihrem Verhalten (Thies und Jella) waren. Außerdem störten mich Ungenauigkeiten und Fehler, die ich so bei einem Buch aus dem Hanser Verlag nicht kenne: Da wird beispielsweise eine Hündin am „Armband“ gezogen (S. 156), „Hausbesetzerfreunde“ werden zu „Hausbesitzerfreunden“ (S. 228), die Kapitelüberschriften heißen mal „Dreizehn Monate zuvor“ (S. 127), mal „Vor 13 Monaten“ (S. 202) und Mara liegt, nur mit einem Slip bekleidet, auf einem Bett (S. 281), um sich kurz darauf T-Shirt und Hose auszuziehen (S. 284). Schade, denn die Grundidee des Buches ist gut, die Autorin hat zur Vergangenheit der Protestbewegungen recherchiert, hat Zeit im Wendland verbracht und viele Naturbeschreibungen, vor allem des Wassers, sind gelungen. Wer sich an den genannten Kritikpunkten also nicht stört, kann sich bei der Lektüre sicher gut unterhalten.

Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht. hanserblau 2021
www.hanser-literaturverlage.de

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde

  Fremde Welt Kamtschatka

In Elizabeth Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetem Roman Mit Blick aufs Meer und der Fortsetzung Die langen Abende bildet die Protagonistin Olive Kitteridge den roten Faden zwischen den einzelnen, ansonsten unzusammenhängenden Episoden, in Simone Lapperts Der Sprung die Frau auf dem Dach und in Peter Zantinghs Nach Mattias der Tod eines jungen Mannes. Im Roman  Das Verschwinden der Erde der US-Amerikanerin Julia Philipps ist das Verbindende die Entführung zweier Schwestern, der elfjährigen Aljona und der achtjährigen Sofija. An einem Augusttag verschwinden sie in der Hauptstadt Petropawlowsk der im ostasiatischen Teil Russlands gelegenen Halbinsel Kamtschatka spurlos. Eben erzählt Aljona ihrer Schwester noch die Geschichte eines bei einem Tsunami verschwundenen Dorfes, als ein Fremder sie anspricht und mitnimmt.

Potpourri von Frauenstimmen
Während eines Jahres – die Kapitel sind mit den Monatsnamen überschrieben, dazu eines mit „Silvester“, so dass es insgesamt 13 sind – stellt Julia Philipps Menschen vor, die direkt oder als unbeteiligte Beobachter mit diesem Verbrechen verbunden sind.Hilfreich sind dabei das Personenregister und die Landkarte vorn im Buch. Immer wieder kreuzen Figuren aus früheren Kapiteln ihre Wege und wir erfahren en passant, wie deren Leben weitergehen: ob die Hautveränderung der Schulsekretärin Walentina Nikolajewna tatsächlich Krebs ist, Katja trotz Bedenken bei ihrem unzuverlässigen Freund Max bleibt, die Studentin Ksjuscha sich weiterhin ihrem  kontrollsüchtigen Machofreundes Ruslan unterwirft und Nadja zu Tschegga zurückkehrt oder nicht.

Es sind triste Schicksale meist gut ausgebildeter Frauen, deren Träume zerplatzen, deren Ausbruchsversuche scheitern, die beste Freundinnen, Ehemänner, Kinder oder ihren Hund verlieren. Männer bevölkern diese patriarchalische Welt überwiegend als trunksüchtige, machtbesessene, psychische und physische Gewalt ausübende, unzuverlässige Partner. Viele trauern den sicheren Strukturen der untergegangenen Sowjetunion nach, als das neun Flugstunden von Moskau entfernte, nur per Flugzeug oder Schiff erreichbare Kamtschatka abgeriegeltes militärisches Sperrgebiet war, es keine Fremden und kaum Gewaltverbrechen gab.

Nichts dem Zufall überlassen
Mit dem Einstiegskapitel und dem Verschwinden der Mädchen hat mich Julia Phillips sofort gepackt. Die ersten Kapitel las ich mit äußerstem Interesse, das dann allerdings in den Frühlingsmonaten abebbte. Nicht jedes Schicksal war gleichermaßen packend, manche Frauen, wie die junge Mutter Soja, nervten mich sogar. Die Wende kam mit dem Juni-Kapitel, denn nun rückt die Mutter der Entführungsopfer, Marina, in den Mittelpunkt. Ihre Qualen, Schuldgefühle und kraftraubenden Überlebensstrategien sind derart gelungen dargestellt, dass dieses längste Kapitel für mich den Höhepunkt des Romans bildet. Marina, die Russin, trifft bei einem ewenischen Jahresfest die Ureinwohnerin Alla, deren 18-jährige Tochter Lilja vor über drei Jahren ebenfalls verschwand. Ermittlungen fanden wegen Liljas Alters und ihrer indigenen Abstammung nicht statt, obwohl auch Alla von einem Verbrechen ausgeht. Wie Julia Phillips hier verschiedenste Figuren des Romans glaubhaft in einem atemberaubenden Showdown zusammenführt, ist schlichtweg genial. Nicht weniger ergreifend ist das kurze Schlusskapitel, der Juli, in dem die vermutlich titelgebende Geschichte vom Untergang eines Dorfes wiederaufgenommen wird.

Eine lohnende Lektüre
Trotz vorübergehender Ermüdungserscheinungen hat mich der 2019 auf der Shortlist des National Book Award platzierte Debütroman von Julia Phillips, die 2011 mittels eines Stipendiums ein Jahr in Kamtschatka verbrachte und 2015 erneut dorthin reiste, am Ende überzeugt. Der raffinierte Aufbau, die unbekannte Region, das Porträt einer von Rassismus zerrissenen, männlich dominierten Gesellschaft, der eindrückliche Kontrast zu einer fantastischen Natur mit Tundra, Vulkanen, Geysiren, Wäldern, Bergen und Bären sowie der gelungene Spannungsbogen und die glasklare Sprache machen Vom Verschwinden der Erde unbedingt lesenswert.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde. Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda. dtv 2021
www.dtv.de

Alem Grabovac: Das achte Kind

  Zwei Mütter, drei Väter, viele Heimatorte

Wäre der Buchtitel Herkunft nicht schon vom Gewinner des Deutschen Buchpreises 2019, Saša Stanišić, besetzt – er hätte auch zum Debütroman von Alem Grabovac wunderbar gepasst. Beide Autoren erzählen autofiktional in der Ich-Form, beide Romane gehen in ihrer Bedeutung weit über das Einzelschicksal hinaus und beschreiben ein Aufwachsen in Deutschland außerhalb der allgemeinen Wahrnehmung. Doch während Saša Stanišić 1992 mit 14 Jahren als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Deutschland kam, wurde Alem Grabovac als Sohn jugoslawischer Gastarbeiter, Mutter Kroatin, Vater Bosnier, 1974 in Würzburg geboren.

Verschiedene Welten
Die Nachricht vom Tod seines leiblichen Vaters Emir Grabovac ist Ausgangspunkt des Romans. 34 Jahre lang hatte die Mutter Alem belogen, um ihm ein „schönes Vaterbild“ zu erhalten, und ihm die erfundene Geschichte vom rechtschaffenen, bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommenen Vater erzählt. 

Alems Mutter Smilja lernte ihren Mann 1973 in Deutschland kennen, wo sie ein Leben als Gastarbeiterin gegen ein prekäres, von familiärer Gewalt geprägtes Dasein in ihrem kroatischen Bergdorf eingetauscht hatte. Emir entpuppt sich schnell als arbeitsscheuer, trunksüchtiger Kleinganove, dem sie unmöglich tagsüber den neugeborenen Sohn überlassen kann. Schweren Herzens entscheidet sie sich deshalb für eine Pflegefamilie. Nachdem Emir endgültig untertaucht und Smilja auf der Flucht vor Eintreibern seiner Spielschulden nach Frankfurt zieht, bleibt Alem nun auch an den meisten Wochenende bei Marianne und Robert Behrens, die ihn wie die eigenen sieben Kinder fürsorglich und liebevoll aufziehen. Bewundernd und stolz lauscht er Roberts Kriegsgeschichten und malt Panzer. Die nationalsozialistische Gesinnung und den ausgeprägten Judenhass seines ansonsten „herzensguten“ Pflegevaters, der „immer für mich da war“, begreift er erst als Jugendlicher und distanziert sich:

Ich blickte auf seine Kriegsverletzung, das riesige Loch in der Schulter, auf das ich als Kind so unglaublich stolz gewesen war. Doch das Loch hatte sich verändert, war schattiger und dunkler geworden, hinter seiner tiefen Ausbuchtung verbarg sich etwas, vor dem ich mich zunehmend fürchtete. (S. 181/182)

Während sich Alem bei seiner Pflegefamilie trotz zahlreicher Umzüge in deren penibel geregeltem Alltag geborgen und zuhause fühlt, fürchtet er die Besuche bei seiner leiblichen Mutter und deren gewalttätigem, unberechenbarem neuen Partner, dem Serben Dušan. In Frankfurt gibt es weder Tischmanieren noch Sandmännchen, Dalli Dalli oder eine geregelte Nachtruhe, dafür Prügel vom häufig betrunkenen Stiefvater für Alem und Smilja.

Überlebensstrategien
Wie übersteht man eine solches Aufwachsen in unterschiedlichen Familien und zwischen schwäbischen Kleinstädten, Frankfurt und den Besuchen bei den Großeltern im kroatischen Maovice? Mit dem Ziel eines Studium als überaus bewundernswertem Weg durch Bildung zur Freiheit und mit Zufluchtsorten:

Ich versuchte, ruhig zu bleiben, […] und hatte in der Literatur, wie schon zuvor im Fußball und in Kinofilmen, einen neuen Ort gefunden, an den ich mich klammheimlich zurückziehen konnte, wenn das Leben mal wieder zu laut und chaotisch wurde. (S. 215)

Mehr Bericht als Roman
Alem Grabovacs Debütroman ist gerade deshalb eindrucksvoll, weil er nicht Mitleid heischt und Pathos meidet. Allerdings frage ich mich, was diesen eher sachlich-distanzierten autobiografischen Bericht zum Roman macht, und vermisse ein wenig die Emotionalität und die literarische Originalität eines Saša Stanišić. Als Beitrag zu zwei großen Themen der Nachkriegszeit, dem Schicksal tausender Gastarbeiter und dem Weiterleben der Naziideologie, ist Das achte Kind jedoch sehr empfehlenswert.

Alem Grabovac: Das achte Kind. hanserblau 2021
www.hanser-literaturverlage.de

Miriam Zedelius: Lotte und die Freitags-Oma

  So eine Oma braucht jedes Kind!

Lotte ist schon fünf Jahre alt, kann fünf Züge schwimmen, bis 17 zählen, die Zahl Fünf lesen und ist mutig genug, auswärts zu übernachten. Am liebsten sind ihr die Freitage, denn dann holt die Oma sie vom Kindergarten ab. Zusammen erleben die beiden viele kleine Alltagsabenteuer. Die Oma lässt Lotte jede Menge Freiraum für ihre gründlichen Beobachtungen, gibt Anregungen, ohne sie damit zu erdrücken, nimmt es bei den Süßigkeiten nicht ganz so genau wie die Mutter und verliert vor allem nie ihren Humor. Selbst wenn es, wie bei Lottes Rollerunfall, brenzlig wird, strahlt sie eine wohltuende Ruhe aus, ist immer präsent und bleibt doch wohltuend im Hintergrund. Kein Wunder also, dass Lotte selbst bei Krankheit freitags nicht im Bett bleiben will!

Abenteuer findet man überall
18 Geschichten, die richtig Spaß machen, umfasst das Vorlesebuch Lotte und die Freitags-Oma mit Text und Illustrationen von Miriam Zedelius. Den bereits 2019 erschienenen Vorgängerband Lotte und die Oma-Tage, als die beiden noch die Montage zusammen verbrachten, muss man dafür nicht kennen. Jede der um die fünf Seiten umfassenden Geschichten in großer Schrift ist in sich abgeschlossen und die Reihenfolge beliebig. Egal, ob die beiden unternehmungslustigen Damen zusammen zum Markt, in den Zoo oder auf den Rummelplatz gehen, ob sie Pfandflaschen sammeln, einen Regen-Puzzle-Tag einlegen, Quittengelee kochen, ohne Schnee Schlitten fahren oder am Laternenumzug teilnehmen, immer sind es Situationen aus der Alltagswelt der kleinen Zuhörer und Zuhörerinnen ab drei Jahren mit ein paar zusätzlichen Anregungen und spannenden Einblicken in Lottes kindliche Gedankenwelt.

© B. Busch

Alles in Rot und Grün
Die unterschiedlich großen, sehr gut passenden Zeichnungen auf fast jeder Doppelseite sind im Gegensatz zum poppigen Cover ausschließlich in roter und grüner Farbe gehalten, wobei Oma und Lotte sich prima ergänzen: Trägt Lotte eine rote Jacke, so ist die der Oma grün, sind Omas Hose und Schuhe rot, hat Lotte grüne an. Nur die Gesichter und Haare sind immer grün – mit fröhlichen roten Bäckchen. Schade ist das nur für Betrachter, selten Betrachterinnen, mit einer Rot-Grün-Sehschwäche.

Verschiedene Zielgruppen
Aufgrund der einfachen Satzstruktur, der kurzen Geschichten und der kindgerechten Themenauswahl eignet sich Lotte und die Freitags-Oma schon zum Vorlesen ab drei Jahren. Aber auch bei fortgeschrittenen Erstleserinnen und Erstleser, die bereits etwas umfangreichere Textmengen bewältigen, könnte das warmherzig geschriebene Buch zum Einsatz kommen, denn mit der größeren Schrift, dem Flattersatz, den in sich abgeschlossenen Episoden, den kurzen Sätzen und textunterstützenden Illustrationen stellt sich schnell Leseerfolg ein.

Miriam Zedelius: Lotte und die Freitags-Oma. Hummelburg 2021
www.ravensburger.de

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

  Mit Vergnügen durch die Belle Époque

An seinen Romanen Vom Ende einer Geschichte und Die einzige Geschichte hatte ich in den vergangenen Jahren viel Freude, ohne zu wissen, dass Julian Barnes auch Sachbücher schreibt. Sein neuestes, Der Mann im roten Rock, konnte ich nun lesen, mit großer Hochachtung vor Barnes‘ enormem Quellenstudium sowie seiner Gabe, Mosaiksteine der Geschichte gekonnt zu einem Gesamtbild anzuordnen und unzusammenhängende Fäden scheinbar spielerisch zu verweben. Allerdings ist der Gegenstand des Buches nicht in erster Linie, der französische Chirurg und Frauenarzt Dr. Samuel Jean Pozzi (1846 – 1918), der diese beiden Fachrichtungen in seinem Heimatland revolutionierte, sondern vielmehr die Gesellschaftsschicht, in der er sich bewegte: die „ferne, dekadente, hektische, gewalttätige, narzisstische und neurotische“ Belle Époque zwischen 1870 und 1914. Duelle und Attentate, Tratsch, Klatsch und Gerüchte, sexuelle Orientierungen, Kunst, Literatur, Sammlerleidenschaft, Mäzenaten- und Dandytum, Aufschneiderei und Exzentrik, Freundschaften und Feindschaften, Ehen und Liebschaften und immer wieder Vergleiche zwischen Frankreich und Großbritannien, all das interessiert Julian Barnes ungleich mehr als antiseptische Operationsverfahren oder politische Entwicklungen.

© B. Busch

Wie elegant er allerdings darüber schreibt, ließ mich zunehmend vergessen, dass ich eigentlich mehr über die Meilensteine der Medizingeschichte erfahren wollte, ähnlich wie in der detailreichen Biografie Der Horror der frühen Medizin von Lindsey Fitzharris über Pozzis Zeitgenossen und Vorbild Joseph Lister, die als Medizinhistorikerin völlig andere Interessen bedient.

Panorama einer Epoche
Erstmals begegnete Julian Barnes dem „Mann im roten Rock“ 2015 in der National Portrait Gallery in London auf dem 1881 entstandenen Gemälde Dr. Pozzi at Home von John Singer Sargent, das als Ausschnitt das Cover ziert. Seine Neugier war geweckt. Ausgehend von einer Bildungs- und Einkaufsreise, die Pozzi im Jahr 1885 mit dem Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac nach London unternahm, katapultiert uns Barnes in das Leben der Pariser High Society. Vor allem der Graf, ein mäßig erfolgreicher Romancier, homosexueller Dandy und Exzentriker, nimmt viel Raum ein. Er war Vorbild für mehrere Romanfiguren, darunter die Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans‘ Roman Gegen den Strich (der wiederum eine Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und beim Prozess gegen ihn spielte), und im Werk von Marcel Proust. Aber auch die Brüder Goncourt, die Familie Proust, Paul Hervieu, Lucien Daudet, Sarah Bernhardt, Guy de Maupassant, Jean Lorrain, Claude Monet, Alexandre Dumas d. J. und viele, viele andere tauchen als Freunde, Feinde, Patienten oder Geliebte Pozzis auf. Von allen gibt es Abbildungen, häufig Schokoladenbildchen der Firma Potin, in diesem opulenten, auf hochwertigem Papier gedruckten und doch überraschend preiswerten Band.

Ein Tausendsassa
Samuel Pozzi, Nachfahre italienischer Protestanten aus der Dordogne und mit einer englischen Stiefmutter zweisprachig aufgewachsen, war Begründer der französischen Gynäkologie, erster Lehrstuhlinhaber, Lehrbuchautor, Kosmopolit, Modearzt und für medizinische Neuerungen aus aller Welt aufgeschlossen, aber auch Kunstsammler, Senator, Dreyfusien und Salonlöwe. Er setzte sich für den medizinischen Fortschritt und für schonende, ganzheitliche Behandlungsformen ein, schreckte aber nicht vor Affären mit Patientinnen zurück. „Pozzi war überall“, wie Barnes wiederholt betont, um dann gelegentlich augenzwinkernd einzuschränken: „Pozzi war doch nicht überall“.

Anders – aber gut
Auch wenn mir zu Beginn falsche Erwartungen und ein zunächst verwirrendes Füllhorn von Akteuren und eher amüsante als wissenswerte Anekdoten den Einstieg erschwerten, so steckten mich doch Barnes‘ Begeisterung, sein Humor, seine (Selbst-)Ironie und sein Spiel mit Wissen und Nichtwissen zunehmend an. Nicht nur, aber auch aufgrund seines Mottos: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ ist der weltoffene Pozzi für den überzeugten Europäer und Brexit-Gegner Barnes „so etwas wie ein Held“.

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch 2021
www.kiwi-verlag.de

 

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