Alex Schulman: Die Überlebenden

  Lebenslange Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Liebe

 

Alex Schulman, geboren 1976 in Schweden, ist in seiner Heimat als Journalist, Autor mehrerer autobiografischer Bücher über seine Familie, Blogger, Podcaster und aus Fernsehen und Radio sehr populär. Sein Romandebüt Die Überlebenden war in seinem Heimatland ein großer Erfolg, wobei schwedische Leser Teile seiner Familiengeschichte in dieser fiktionalen Erzählung wiederfinden.

Drei Brüder
Zu Beginn eine filmreife Szene: Drei Männer in schwarzen Anzügen und Krawatten sitzen in einer Juninacht auf der Steintreppe vor einem abgelegenen, verwitterten roten Sommerhaus am See und halten sich weinend im Arm. Neben ihnen steht die Urne mit der Asche ihrer Mutter, die sie nach deren letztem Willen im See verstreuen sollen. Benjamin, der mittlere der Brüder, hat die Polizei und einen Krankenwagen gerufen, denn kurz zuvor hätten sich Nils, der ältere, und Pierre, der jüngste, fast totgeschlagen. Was ist geschehen?

Was sich hier auf der Steintreppe abspielt, das Weinen der drei Brüder, die geschwollenen Gesichter und all das Blut, ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagpunkt entfernt ist. (S. 13)

Eine außergewöhnliche Struktur
Alex Schulman erzählt den Roman konsequent in personaler Erzählweise aus Benjamins Sicht. In zwei Teilen, untergliedert in insgesamt 24 Kapitel, wechseln sich zwei Zeitebenen ab. In der Gegenwartsebene wird der Tag der Urnenbeisetzung im Zweistundenrhythmus rückwärts erzählt. Dazwischen gibt es Episoden aus der Kindheit, später aus dem jugendlichen und dem Erwachsenenleben der Brüder, durch Schlüsselwörter verzahnt. Beide Ebenen nähern sich kontinuierlich an, bis sie zuletzt verschmelzen.

Bei den Erlebnissen im ersten Teil aus dem letzten Sommer am See sind die Brüder dreizehn, neun und sieben Jahre alt. Die idyllische Umgebung steht in diametralem Kontrast zum überwiegend düsteren Alltag einer dysfunktionalen Familie, in dem die Kinder nur selten die ersehnte Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern erhalten. Vom Alkohol vernebelt demonstrieren die Eltern meist Desinteresse, sind launisch und unberechenbar, verhängen sadistische Strafen und riskieren leichtfertig das Leben ihrer Kinder. Krassestes Beispiel dafür ist ein vom Vater ausgerufener Schwimmwettbewerb, bei dem die Brüder fast ertrinken, die Eltern sich jedoch inzwischen ins Haus zurückgezogen und sie vergessen haben.

Unterschiedliche Strategien
Benjamin ist der sensibelste unter den Brüdern, der Familienseismograf, der die Stimmungen präzise auslotet und sogar vorhersieht. Sein erwachsenes Leben hat er „in einem fortlaufenden Stillstand verbracht“ (S. 31). Nils, begabt und Hoffnungsträger der Eltern, zieht sich so weit als möglich in seine eigene Welt zurück. Pierre wird mit den Jahren brutal und aggressiv nach außen, behält aber wie die anderen einen weichen, verletzlichen Kern.

© B. Busch

Das fehlende Puzzleteil
Alex Schulman geht in Die Überlebenden den Fragen nach, wie es zur Entfremdung der Brüder kommen konnte und was das Leben in einer dysfunktionalen, von Schweigen bestimmten Familie auslöst, emotional und äußerlich verarmt, „in einem Oberklassenhaushalt aufgewachsen, doch unterhalb des Existenzminimus“ (S. 235). Selten hat mich ein Roman auf den letzten Seiten derart überrascht wie dieser, obwohl ich beim Lesen von Beginn an eine unerklärliche Unruhe verspürte. Erst ganz zum Schluss wurde mir klar, dass ein fehlendes Puzzleteil dafür verantwortlich war.

Diese genial angelegte Wendung, die gekonnte Verzahnung der Zeitebenen, die erschütternden Kindheitserlebnisse und die stark verdichtete, mit beklemmenden Bildern unterlegte Erzählweise werden mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Ich freue mich auf weitere Romane von Alex Schulman!

Zoom-Meeting für Bloggerinnen und Blogger mit Alex Schulmann am 15.08.2021. © B. Busch

Alex Schulman: Die Überlebenden. Aus dem Schwedischen von Hanna Granz. dtv 2021
www.dtv.de

Annika Scheffel: Sommer auf Solupp

  Heilsame Ferien

Düstere Zeiten liegen hinter der Familie Fröhlich, die ihrem Namen gerade so gar keine Ehre macht. Nach einer „Geradenochmalgutgegangen“-Erkrankung von Vater Tom ist jedes der fünf Familienmitglieder auf seine eigene Weise mit der Verarbeitung von Verlustängsten und Verunsicherung beschäftigt. Der vierzehnjährige Sohn Kurt, der sich während der Krankenhausaufenthalte des Vaters liebevoll und verantwortungsbewusst um die jüngeren Geschwister kümmerte, hat sich völlig zurückgezogen, mit Walkman am Ohr und in der Kapuze seines schwarzen Hoodies versteckt. Die etwas jüngere Mari, aus deren Sicht die Geschichte konsequent und sehr glaubhaft in personaler Erzählweise erzählt wird, fühlt sich seit der Rückkehr des Vaters einsamer als zuvor, kämpft mit Eifersucht und Neid, weil seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, und hat deshalb zugleich ein schlechtes Gewissen. Bela ist mit seinen fünf Jahren zuletzt immer stiller geworden und zeigt Berührungsängste zum Vater, der wiederum vor Müdigkeit kaum am Familienleben teilnehmen kann. Mutter Paula, eine Ärztin, wird in ihrem Bestreben, allen und allem gerecht zu werden, immer hektischer. Zum kollektiven Entsetzen bucht sie einen sechswöchigen Familienurlaub auf der kleinen Insel Solupp irgendwo weit draußen im Meer, die in keinem Atlas zu finden ist. Bei „Ruhe! Meer! Sonne! Solupp!“ (S. 14) soll die Familie genesen . Ob der Plan aufgeht?

Ein Abenteuerbuch für Kinder ab zehn…
Das Kinderbuch Sommer auf Solupp von Annika Scheffel kann man auf ganz unterschiedliche Art lesen. Für die junge Zielgruppe ab etwa zehn Jahren ist es in erster Linie ein spannender sommerlicher Abenteuerroman mit neuen Freundschaften, Tierbegegnungen, alten, ineinander verwebten Inselgeheimnissen, die es zu lösen gilt, und natürlich einem Happy End. Ein wenig Fünf Freunde, ein wenig Ferien auf Saltkrokan mit sehr viel idyllischer Inselatmosphäre, Meeresbrandung, Walfänger- und Piratengeschichten, einem alten Schatz, einem mysteriösen Wort, das überall auftaucht, einem geheimnisvollen Fremden, vielen Freiheiten für die Geschwister und ihre neuen Freunde, einem gemütlichen reetgedeckten Heckenrosenhaus, herrlichen Gerüchen „nach Heckenrosen und Salzwasser und Sommersprossen und Karamelleis mit Sahne“ (S. 20) und einer explodierenden Farbenpracht rundherum, die ganz im Gegensatz zum vorherigen Grau steht. Mari und Bela vergessen ihre Vorbehalte deshalb schnell nach der Ankunft und auch Kurt kann ab der Mitte des Urlaubs dem Reiz des Unbekannten und der Inselgeheimnisse nicht mehr widerstehen.

So könnte das reetgedeckte Heckenrosenhaus auf Solupp aussehen. © B. Busch

… und noch viel mehr
Mehr als die Abenteuergeschichte und die idyllischen Ortsbeschreibungen stand für mich als erwachsene Leserin jedoch die traumatische Vorgeschichte und die allmähliche Genesung der einzelnen Familienmitglieder im Zentrum. Sehr behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen beschreibt Annika Scheffel, wie Kurt, Mari, Bela, Tom und Paula jeweils im eigenen Tempo und auf individuelle Art und Weise zu sich selbst und schließlich auch wieder zueinander finden, immer aus Maris Blickwinkel, ohne die jüngeren Leserinnen und Leser zu überfordern und gänzlich ohne Pathos und Kitsch.

Sommer auf Solupp ist deshalb trotz des schwierigen Themas kein trauriges, sondern ein locker erzähltes, überaus beglückendes, sehr empfehlenswertes Buch über einen märchenhaften Kindersommer, einen Sehnsuchtsort für uns alle und einen Neubeginn:

Verrückt, denkt Mari, dass man, um sich nicht mehr einsam zu fühlen, anscheinend an den abgelegensten Ort der Welt reisen muss. (S. 311)

Annika Scheffel: Sommer auf Solupp. Thienemann 2021
www.thienemann-esslinger.de

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein

  Vom Leben mit einem Mordsschwein

Manche Leute sagen, das Glück landet so federleicht auf dir wie ein Schmetterling. Das kann schon sein. Aber manchmal kommt das Glück auch schwerfällig angetrottet wie ein fettes, vollgefressenes Schwein und lässt sich plumps! neben dir fallen. (S. 202)

Sy Montgomery, 1958 während der Stationierung ihres Vaters in Frankfurt geborene US-amerikanische Naturforscherin und Autorin von Naturliteratur für Erwachsene und Kinder, schreibt gewöhnlich über exotische Tiere wie Oktopusse, rosa Delfine oder bengalische Tiger. 2006 erschien jedoch ein Buch unter dem Titel The good good pig über ihr schwarz-weißes Hausschwein Christopher Hogwood. Es erlebte von 1990 bis 2004 14 glückliche Jahre auf ihrem über 100 Jahre alten Bauernhof in Hancock, einer kleinen Stadt in den Wäldern von New Hampshire, und bildete mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Howard Mansfield, ihrem Border Collie Tess und ihren Hühnern, genannt „die Ladies“, ihre Familie und ihren Ruhepunkt zwischen den Forschungsreisen.

© B. Busch

„Der Rest der Geschichte ist Speck.“ (Howard Mansfield)
Christopher Hogwood kam als überzähliges, halb verhungertes und todkrankes Ferkel in einer Schuhschachtel zu Sy Montgomery, einer Tierfanatikerin seit Kindertagen. Nachdem er wider Erwarten überlebte, wuchs er – nach dem Dirigenten und führenden Musikwissenschaftler für Alte Musik Christopher Hogwood benannt – über die Jahre zu einem 7,5 Zentner schweren Tier heran, das mit seiner „diabolischen Intelligenz“, seiner Zielstrebigkeit und Kraft jedes Ausbruchshindernis überwand, wie eine Naturgewalt Löcher in den eigenen und fremde Gärten wühlte, den Freundes- und Bekanntenkreis des Besitzerpaares vervielfachte und überregional bekannt wurde durch Presseorgane wie den Boston Globe, USA Today, die Washington Post und verschiedene Fernsehstationen:

Er besaß die gravitätische Würde, die jede wahrhaft große Persönlichkeit auszeichnet. (S. 153)

Christopher genoss sichtlich sein unbedrohtes Luxusleben mit „Pig Palace“ und „Chicken Chalet“ im „eberzentrischen“ Haushalt einer „schweinesüchtigen“ Vegetarierin und eines Juden. Mit Seligkeit reagierte er auf jede Form der Zuwendung:

Christopher liebte Gesellschaft. Er liebte gutes Essen. Er liebte die warme Sommersonne, und er liebte es, gestreichelt zu werden. Er liebte das Leben. (S. 260)

Unterhaltsam, herzerwärmend, aber auch ein bisschen bedenklich
Sy Montgomery erzählt mit Hingabe und sehr, sehr viel Zuneigung über die Jahre mit ihrem Schwein. Interessante biografische Episoden, Wissenswertes rund um Schweine und die Aufzählung unzähliger Unterstützerinnen und Unterstützer nehmen einen großen, letzteres für meinen Geschmack etwas zu großen Raum ein. Obwohl ich ihre Tierliebe und ihren übermächtigen Respekt für die Natur bewundere, war mir doch bei der Beschreibung der Fütterung und Medikation oft nicht wohl. Es ist schockierend, was hier bedenkenlos als Abfall firmiert, und um Christopher zu etwas zu „überreden“, werden durchaus auch Schachteln mit Schokoladen-Donats oder Bier extra erstanden. Umwerfend ist aber Sys trockener Humor und der ihres Mann, der während ihrer Abwesenheit klaglos den Miniaturzoo versorgt:

„Ist euer Christopher eigentlich intelligent?“, fragten die Leute uns häufig.
„Er ist jedenfalls schlauer als wir“, gaben Howard und ich dann bereitwillig zu. „Er hat Mittel und Wege gefunden, zwei gut ausgebildete Universitätsabsolventen kostenlos für sich arbeiten zu lassen.“

Wer vor der Lektüre kein Schweinefan war, ist es hinterher garantiert!

Sy Montgomery: Das herzensgute Schwein. Aus dem Amerikanischen von Melusine Stern. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Charles Lewinsky: Melnitz

  Mischpoche und Risches

 

Seit 2019 verlegt der Verlag Diogenes die Romane des 1946 geborenen Schweizers Charles Lewinsky. Nun ist dort auch sein ursprünglich 2006 bei Nagel & Kimche erschienenes, mehrfach preisgekröntes Hauptwerk Melnitz erschienen, in einer hochwertigen, trotz der über 900 Seiten gut in der Hand liegenden Ausgabe im typischen Diogenes-Format und auf nicht durchscheinendem, stabilem Dünndruckpapier.

© B. Busch

 

Ein Mehrgenerationenroman
In fünf Teilen, überschrieben mit 1871, 1893, 1913, 1937 und 1945, erzählt Charles Lewinsky vom Leben der schweizerisch-jüdischen Familie Meijer. Der Roman setzt 1871 ein, fünf Jahre nach der Gleichberechtigung jüdischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die fortan nicht mehr an die aargauischen Gemeinden Endingen und Lengnau gebunden waren. Trotzdem leben der solide, ehrliche Viehhändler Salomon Meijer, seine Frau Golde, die kapriziöse Tochter Mimi und die zupackende Pflegetochter Chanele weiter in Endingen. Überraschend kommt der ehemalige Soldat Janki Meijer zu ihnen, entfernte elsässische Mischpoche, der die Schlacht von Sedan zwar nicht miterlebte, aber sein Leben lang darüber fantasieren und eine „Kriegsverletzung“ pflegen wird, die ihm einen Gehstock aufzwingt. Janki wird Tuchhändler im nahen Baden, sein ältester Sohn François eröffnet das erste Warenhaus in Zürich. Er und sein Bruder Arthur, ein Arzt und Wohltäter, sind die letzten „echten“ Meijers.

Ein Wiedergänger
Wie ein roter Faden und als I-Tüpfelchen auf die sonst traditionell erzählte Familiensaga bewegt sich der titelgebende Onkel Melnitz durch den Roman:

Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück. (S. 11 u.a.)

Er ist der Geist und ewige Mahner, der in den Köpfen seiner Mischpoche weiterspukt. Im Nachwort sagt Charles Lewinsky über Melnitz:

Erst nach einiger Zeit habe ich verstanden, welche zentrale Funktion er in dieser Familiensaga erfüllt: Indem er alle Erinnerungen auf Progrome und Verfolgungen auf sich konzentriert, ermöglicht er es den anderen Figuren, ein gewöhnliches Leben zu führen. (S. 923)

Im letzten, sehr kurzen Teil, 1945, reißt Melnitz die Erzählerrolle ganz an sich. Sein Pessimismus hat sich bewahrheitet.

© B. Busch

Jüdischsein in der Schweiz
Da
ich in der Regel kürzere Romane bevorzuge, stand ich der Lektüre dieses opulenten Wälzers zunächst skeptisch gegenüber – völlig grundlos allerdings. Die Verbindung zwischen europäischer Geschichte und Alltagsleben einer jüdischen Familie in der Schweiz, ihren Traditionen, Gebräuchen, Festen, und dem stets lauernden „Risches“, dem Antisemitismus, ist genial gelungen. Viele Figuren wuchsen mir sehr ans Herz. Zwar nimmt der hintergründige Humor mit zunehmender Nähe zur Katastrophe des 20. Jahrhunderts spürbar ab, doch bleibt Charles Lewinskys Erzählton auch in düsteren Zeiten ohne Pathos und dadurch umso eindrücklicher – sei es beim Massaker an den Juden in Galizien, bei den Anfängen der zionistischen Bewegung, dem Erstarken der Fröntler oder gar beim Holocaust, der nicht direkt, sondern nur in seinen Auswirkungen auf die Familie thematisiert wird.

Obwohl Charles Lewinsky in einem Interview 2016 mit swissinfo.ch die Überzeugung vertrat, die Schweiz sei in Bezug auf Antisemitismus heute fast ein Paradies, war das nicht immer so: 1893 stimmte die Bevölkerung für ein Schächtverbot, was nicht nur die Familie Meijer als antijüdisches Statement verstand. Salomon und Janki kämpften ihr Leben lang um Teilhabe und gegen Ausgrenzung, François änderte vergeblich seinen Namen und ließ sich und seinen Sohn Alfred taufen:

„Aber wissen Sie, lieber Herr Meijer: Auch ein getaufter Jude ist immer noch ein Jude.“ (S. 493)

Ein jüdisches Glossar und ein Stammbaum, den man sich zum Erhalt der Spannung nicht zu früh anschauen sollte, runden diesen großartigen Roman ab, der einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommt.

Charles Lewinsky: Melnitz. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Charles Lewinsky auf diesem Blog:

Hannah Lühmann: Auszeit

  Am Scheitelpunkt


Henriette
, die Ich-Erzählerin in Auszeit, steckt mit Anfang 30 in einer handfesten Lebenskrise. Vordergründig ist eine nur wenige Monate zurückliegende Abtreibung dafür verantwortlich, doch die Probleme reichen bis ins verbummelte Kulturwissenschafts-Studium zurück und manifestieren sich aktuell in der festgefahrenen Dissertation zum Thema „Der Werwolf und seine Kulturgeschichte“:

Mir fehlt auf elementare Weise der innere Antrieb. […] Ich wünschte, ich könnte sagen, ich wäre erst seit dem Frühjahr so. […] Aber es war schon immer so. Es fühlt sich nur schlimmer an. (S. 85)

Ganz anders ist ihre langjährige Freundin Paula: dem Leben zugewandt trotz schwerer Schicksalsschläge, spirituell, zupackend, empathisch:

Paula ist im Leben, ich bin es nicht. Ich bin in meinem Kopf. (S. 14)

Ortswechsel als Therapie
Kurzerhand verordnet Paula Henriette eine gemeinsame herbstliche Auszeit in einer abgelegenen bayerischen Hütte. Dort soll sie die Seele baumeln lassen, mittels Yoga, Reiki und Waldspaziergängen zur Ruhe kommen und die Schreibblockade lösen.

© B. Busch

Tatsächlich erscheinen die Probleme mit dem Abstand zu Berlin zunächst lösbarer, doch dreht sich die Gedankenspirale in Henriettes Kopf weiter. Sie reflektiert ihre Beziehung zu Tobias und den „Sex, der eigentlich keiner war“ (S. 139), ihre Bewunderung für die Lebenserfahrung dieses einige Jahre älteren Familienvaters, der ihr zuhörte, sie aber auch manipulierte. Die ungeplante Schwangerschaft erschien ihr zunächst „als wäre in meinem Inneren ein Licht angeschaltet worden“ (S. 99), trotzdem hat sie „eine Entscheidung gegen die Natur getroffen, gegen meine Natur“ (S. 134) und leidet darunter, deshalb nicht trauern zu dürfen:

Das Recht, um das Kind zu trauern, habe ich verwirkt. (S. 55)

Mit dem Eintreffen von Tom, Paulas On-Off-Beziehung, wird aus dem Duo ein Trio. Ein neuer Takt muss gefunden werden – mit überraschenden Folgen.

In Teilen autobiografisch
Auch wenn die 1987 geborene Hannah Lühmann mit ihrer Protagonistin Henriette die Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruchs teilt und seit ihrer Kindheit eine Grusel-Faszination für Werwölfe hegt, kann sie doch ansonsten nicht viel mit der zögerlichen Romanfigur verbinden. Wer wie sie mit Mitte 30 nach einem Philosophie- und Kulturjournalismus-Studium bereits für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und andere renommierte Presseorgane gearbeitet hat, nun als stellvertretende Ressortleiterin im Feuilleton der Welt tätig ist und den ersten Roman im Verlagshaus Hanser veröffentlicht, verzweifelt nicht an den Möglichkeiten dieser Generation, sondern hat sie ergriffen.

© B. Busch

Eine neue Autorin mit viel Potential
Ich bin selbst überrascht, dass ich dieses düstere Buch, durch das allerdings – wie durch die stilisierten Äste auf dem hervorragenden Cover – stellenweise Licht dringt, gerne gelesen haben. Dabei kenne ich eher zielstrebige 30-Jährige und hege eine Abneigung gegen sich permanent selbst bespiegelnde, nur fordernde, nie gebende Menschen wie Henriette. Es erging mir hier ähnlich wie beim Roman Die Glücklichen von Kristine Bilkau, in dem ein Paar in Henriettes Alter, allerdings anderer Lebenssituation, ähnlich erstarrt und leer ist. Die „groteske Unbegrenztheit von allem“, die „Überzahl an Entscheidungen“ und die „Übermacht möglicher Abläufe“ (S. 83) erweist sich als potentieller Hemmschuh dieser Generation.

Hannah Lühmann ist definitiv eine literarische Entdeckung für mich, auf deren weitere Romane ich sehr gespannt bin. Auch wenn ich mich beim Thema ihres schmalen Debütromans lediglich als staunende Zuschauerin fühlte, mochte ich den Schreibstil sehr, die große Dichte, Präzision, Knappheit und Sensibilität.

Hannah Lühmann: Auszeit. hanserblau 2021
www.hanser-literaturverlage.de

Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street

Weiterleben nach dem Undenkbaren

Das Haus in der Claremont Street, Debütroman der Deutsch-Kanadierin Wiebke von Carolsfeld, beginnt mit einem erschütternden Ereignis: Der neunjährige Tom wird Zeuge, wie sein Vater zuerst die Mutter Mona mit einem Golfschläger tötet und sich dann erschießt. „Wir sterben“ kann Tom dem Notruf noch mitteilen, dann verstummt er für lange Zeit.

Tom ist nicht der einzige trauernde Hinterbliebene in der Einwandererfamilie Michailovitsch. Genau wie er sind auch Monas drei Geschwister, die schon vor der Tragödie mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hatten, nicht nur zutiefst erschüttert, sie werden auch aus unterschiedlichen Gründen von großen Schuldgefühlen gequält. „Unglaublich-verantwortungsbewusst-wenn-auch-ein-bisschen-langeweilig-Sonya hat nach dem Selbstmord der Mutter ihre jüngeren Geschwister aufgezogen, ist verheiratet, beruflich erfolgreich, leidet jedoch unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. „Du-kannst-doch-so-nicht-in-aller-Öffentlichkeit-rumlaufen-Rose“ ist komplett chaotisch, alleinerziehend und lebt mit ihrem pubertierenden Sohn im ehemaligen kleinen Elternhaus in der Claremont Street im Zentrum von Toronto. „Warum-bist-du-schon-wieder-von-der-Schule-geflogen-Will“ (S. 160), 30-jähriges Nesthäkchen und Weltenbummler, ist nie erwachsen geworden. Trotz guten Willens kann sich niemand adäquat um Tom kümmern, denn durch die neue Situation sind die alten Konflikte und Probleme lediglich überlagert, keineswegs gelöst. Ganz im Gegenteil werden neue Baustellen eröffnet – zum Nachteil Toms.

Verschiebung des Schwerpunkts
Dieser Umstand ist zugleich mein Hauptkritikpunkt an dem leicht lesbaren Roman: Anstatt um das traumatisierte Kind, geht es mir viel zu sehr um die nur bedingt interessanten Geschichten der Erwachsenen, angefangen bei Beziehungsproblemen und –problemchen, Lügen, Betrug, unsozialem Verhalten und Spielsucht bis hin zu einem chronisch verstopften Wasserabfluss. Wären da nicht eine fähige Psychotherapeutin und ein wohlwollender Sozialarbeiter, um Toms Genesungsaussichten stünde es sehr schlecht. Zum Glück erkennen Tanten und Onkel das nach einem knappen Jahr selbst:

Wenn Tom eine Chance haben sollte, wenn sie alle eine Chance haben wollten, dann mussten sie lernen, dass eine Familie aus mehr bestand als nur aus Trauer und Verrat. (S. 323)

Damit wendet sich, wenn auch plötzlich, erfreulicherweise für alle das Blatt. Der kurze Ausblick in Toms Zukunft war mir dann aber eindeutig zu viel Happy End. Zwar habe ich den Roman alles in allem nicht ungern gelesen, aber er ging mir trotz der dramatischen Ausgangssituation unerwartet wenig nahe. Vielleicht waren meine Erwartungen nach dem starken Anfangskapitel mit der Schilderung des tödlichen Familiendramas aus Kindersicht einfach zu hoch. Erfüllt wurden sie nur, wenn Tom im Fokus stand – und das war leider zu selten.

© B. Busch

Ein Betrag zum kanadischen Gastlandauftritt
Dass die Autorin Wiebke von Carolsfeld vor ihrer Auswanderung nach Kanada und erfolgreichen Karriere als Filmemacherin einst ihre Ausbildung zur Verlagskauffrau bei Kiepenheuer & Witsch machte, ist eine schöne Geschichte am Rande. Inzwischen schreibt sie auf Englisch und ihr Roman wird im Katalog Kanadas zum Gastlandauftritt 2020/21 auf der Frankfurter Buchmesse geführt.

Ein Wort noch zur Herstellung: Mit dem gelungenen Cover fällt das Buch positiv ins Auge. Nicht wertig wirkt dagegen das gelbstichige, leicht reißende Papier mit wenig Kontrasten bei schlechter Beleuchtung.

Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Kiepenheuer & Witsch. 2020
www.kiwi-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des  Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen:

      

Donal Ryan: Die Stille des Meeres

  Von Bäumen, Inseln und menschlichen Schicksalen

 Ich erzähle dir etwas über Bäume. […] Sie sprechen über unterirdische Gänge miteinander, die Pilze von ihren Wurzeln aus gebahnt haben, sie senden Zelle für Zelle ihre Nachrichten, und das mit einer Geduld, die wohl nur ein Lebewesen aufbringt, das sich nicht vom Fleck rührt. (S. 9)

 

Die ersten Sätze des Romans Die Stille des Meeres bereiten die zentrale Aussage des irischen Autors Donal Ryan vor: Das Ganze besteht aus vermeintlich Unverbundenem, einzelne Bäume ebenso wie einzelne menschliche Schicksale, so weit sie auch auseinanderliegen mögen. Dabei ist die Verbindung oft für das Auge unsichtbar. Im letzten der vier Teile des Buchs mit dem Titel Seeinseln wird der Gedanke noch einmal aufgegriffen und das unterirdische Geflecht für uns ans Tageslicht geholt.

 

© B. Busch

Teil eins bis drei: Drei Leben
Doch bevor die Verbindungen der drei Protagonisten sichtbar werden, ist jedem von ihnen ein eigener Teil des Romans gewidmet, jeweils mit einer eigenen Erzählstimme. Farouk, der syrische Arzt, vertraut im ersten Teil nach dem Eindringen des IS in seine Heimatstadt sein Leben, das seiner christlichen Frau und seiner vergötterten Tochter gewissenlosen Schleusern an. Farouks Geschichte ist mit Abstand am besten gelungen, atemlos, sparsam und poetisch erzählt, tief erschütternd und zu Herzen gehend traurig.

Lampy, ein 23-jähriger Ire, uneheliches Kind eines ihm unbekannten Vaters und dafür gehänselt, lebt bei seiner Mutter und seinem Großvater. Er ist nie richtig erwachsen geworden, lässt sich orientierungslos treiben und jobbt nach einem missglückten Studienversuch als ungelernte Hilfskraft im Altenheim. Liebeskummer, unkontrolliertes Aggressionspotential und tiefe Traurigkeit zerreißen ihn. Er sehnt sich nach einem Neuanfang, wo ihn niemand kennt, und ist doch zu schwach dafür. Der zweite Teil über Lampy ist direkter, in Umgangssprache und teils mit Humor erzählt.

Gänzlich unsympathisch, trotz bemitleidenswerter Kindheit, ist als dritte Hauptfigur der erfolgreiche Chef einer irischen Beraterfirma und durchtriebene Lobbyist John. Er manipuliert und vernichtet Menschen gnadenlos. Obwohl nicht religiös, erfahren wir seinen ungeschönten Lebensbericht in Form einer Beichte aus der Ich-Perspektive. Trotz seines kometenhaften beruflichen Aufstiegs war das private Glück nur einmal kurz zum Greifen nah.

Teil vier: Unterirdische Gänge
Am Ende des dritten Teils war ich ratlos bezüglich des verbindenden Elements zwischen den Protagonisten. War es, dass sie einmal in ihrem Leben den Tod vor Augen hatten? Dass sie alle eine große Liebe verloren und eine unbestimmte Sehnsucht sie antrieb? Dabei hätte ich mich nur an die Bäume vom Beginn erinnern müssen: Auch zwischen Farouk, Lampy und John bestehen unsichtbare Verbindungen, überaus kunstvoll konstruiert, unwahrscheinlich zwar, aber für mich nicht zu unglaubwürdig, wenn man sich die Geschichte rückwärts erzählt vorstellt. Mit dem vierten Teil bekamen nun plötzlich auch vermeintlich unbedeutende, unverständlich ausführlich erzählte Episoden aus den vorhergehenden Abschnitten einen Sinn.

Ein komplexes Buch
Eine lohnende Lektüre also, auch wenn der erste und letzte Teil für mich wesentlich stärker waren als die beiden in der Mitte. Vielleicht lese ich die komplexe Sammlung dieser einzelnen, miteinander verbundenen Geschichten, mit der Donal Ryan 2018 auf der Longlist des Man Booker Prize stand, sogar irgendwann noch einmal, denn so manches habe ich beim ersten Lesen garantiert übersehen.

Donal Ryan: Die Stille des Meeres. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezensionen zu Romanen von Donal Ryan auf diesem Blog:

  

Thomas de Padova: Nonna

  Mehr als nur ein berührendes Porträt der italienischen Großmutter

Ab den 1960er-Jahren entwickelte sich Italien mehr und mehr zum Traum-Urlaubsziel vieler Deutscher, die nun in Scharen an den „Teutonengrill“ nach Rimini fuhren. Auch der 1965 in Neuwied geborene Physiker, Astronom, Wissenschaftsjournalist und Autor Thomas de Padova verbrachte die ersten fünfzehn Sommer seines Lebens Italien, allerdings aus ganz anderen Gründen: Sein Vater war italienischer Gastarbeiter aus Apulien. Es waren Besuche im vom unwegsamen Gargano-Gebirge umringten 6000-Seelen-Dorf Mattinata bei der um 1914 geboren Nonna, die ihm als Kind unheimlich erschien:

Meine Nonna trägt immer Schwarz. Seit ich denken kann. Wenn ich sie im Sommer in Süditalien besuche, habe ich kurzärmelige Hemden und Shorts, Badehose und Flip-Flops in meinem Koffer. In Mattinata, dem Geburtsort meines Vaters, erwarten mich Sonne, Meer und weiße Adriastrände. Und meine Nonna in schwarzer Kluft. […]
Sie kam mir wie ein Relikt aus der Vergangenheit vor, eine Frauenfigur, die mir unbekannte Zeiträume durchlebt hatte, eine Hüterin dunkler Erinnerungen. (S. 11 u. 12)

© B. Busch

Hüterin der Familiengeschichte
Erst als Student lernte Thomas de Padova Italienisch, später den aussterbenden Dialekt seiner Nonna, um ihr dadurch näher zu kommen. Nur sie als einzige Überlebende, die niemals eine Schule besuchte, Analphabetin war, alles in Schonbezüge packte und kaum aus dem Haus ging, konnte ihm von seinen Vorfahren erzählen. Behutsam, geduldig und mit viel Einfühlungsvermögen entlockte Thomas de Padova ihr angesichts des lauernden Todes lückenhafte Teile seiner Familiengeschichte.

Nonna ist deshalb auch sehr viel mehr als ein berührendes Bild einer alten Frau, die sich nie von den Traditionen entfernte, Mattinata nie verließ und die, hätte sie noch einmal wählen können, lieber ins Kloster gegangen wäre. Thomas de Padova erzählt von vier Generationen, von Auswanderung in die USA, später nach Deutschland, und manchmal Rückkehr, von Bleiben und Warten, von Entbehrungen und der Mühsal des Überlebens in einer der ärmsten Gemeinden Italiens, von familiären Schicksalsschlägen und der Ursache für die unglückliche Ehe der Großeltern und ganz nebenbei auch über sich selbst. Wenn er jedes Jahr die 1700 Kilometer zwischen Berlin und Mattinata zurücklegte – und auch heute, nach dem Tod der Nonna, noch dorthin reist –, so lag und liegt das weniger an der berauschend schönen Landschaft:

Denn nicht als Tourist komme ich hierher, sondern weil sich ein Teil meines Lebens um dieses Zentrum dreht, weil ich irgendwie dazugehören möchte zu diesem Dorf und seiner Geschichte, und sei es nur für die Dauer des Sommerurlaubs. (S. 128)

Ein bleibender Leseschatz
Die von Thomas de Padova eindringlich beschriebene entschleunigte Lebensweise in Mattinata hat sich beim Lesen auf mich übertragen. Ich habe mir sehr gerne von den Lebenswegen seiner italienischen Vorfahren erzählen lassen, bin hin- und hergesprungen zwischen Menschen, Orten und Zeiten, um immer wieder zur Nonna nach Mattinata zurückzukehren. Mit dem leisen, gänzlich unaufdringlichen Schreibstil und den vielen kleinen sprachlichen Perlen ist dieses entzückende, bereits 2018 erstmals erschienene und von mir leider erst jetzt entdeckte schmale Buch ein wahrer Leseschatz, weit über die eigentliche Familiengeschichte hinaus.

„Alles ist so gekommen, wie es kommen musste“, sagt sie irgendwann. „Wir haben alle unsere Bestimmung. Jeder von uns.“ (S. 172)

Thomas de Padova: Nonna. Insel 2020
www.suhrkamp.de

Ruth Lillegraven: Tiefer Fjord

  Wie gut kennen wir unsere Nächsten?

Thriller lese ich eher selten, aber hier haben mich Autorin und Übersetzer neugierig gemacht. Ruth Lillegraven lernte ich 2019 beim Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse bei einem Kaffeslabberaskennen, damals als Autorin preisgekrönter Lyrik, des Romans Sichel in Form eines Langgedichts und von Kinderbüchern. Dass sie 2018 auch einen Psycho-Thriller geschrieben hat, der nun unter dem Titel Tiefer Fjord auf Deutsch erschien, hat mich bei dieser 1978 geborenen, sehr zurückhaltenden Frau überrascht, ebenso wie Hinrich Schmidt-Henkel als Übersetzer, der beispielsweise die sehr literarischen Romane von Tarjei Vesaas fantastisch ins Deutsche übertragen hat.

© B. Busch

In der Tat ist Tiefer Fjord in vielerlei Hinsicht ein besonderer Thriller. Der norwegische Originaltitel Alt er mitt (Alles ist mein) ist einem Gedicht des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Pär Lagerkvist (1891 – 1974) entnommen, den ein Protagonist ahnungsvoll zitiert:

 Alles ist mein, alles wird mir genommen, schon bald wird mir alles genommen. (S. 171)

Risse in der Fassade
Clara Lofthus und Haavard Fougner sind ein junges Vorzeigepaar mit einer Villa im Osloer Westen und Zwillingen. Beide sind beruflich sehr engagiert und erfolgreich, Clara als Juristin im Justizministerium, Haavard als Kinderarzt in Norwegens größtem Krankenhaus Ullevål. Ihre Vergangenheit könnte jedoch unterschiedlicher nicht sein: Während Clara eine traumatisierende Kindheit auf einem Hof in West-Norwegen verbrachte, kam Haavard in Oslo mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund zur Welt.

Hinter der Fassade ihrer Ehe klaffen tiefe Risse. Für Haavard ist die willensstarke und kompromisslose Clara längst nicht mehr das ungezähmte, erfrischend andere „Naturkind“, sondern die „Eiskönigin“, die seit einem Unfall vor 30 Jahren nicht mehr weinte. Haavard dagegen ist zwar nach außen warm und umgänglich, bei Nähe jedoch kühl. Die Affäre mit seiner Kollegin Sabiya ist nicht seine erste.

Eines verbindet Clara und Haavard jedoch: ihr Engagement gegen Kindesmisshandlung. Clara arbeitet an einem Gesetzesvorschlag zur verschärften Überwachung und Meldepflicht, Haavard wird mit Fällen dieser Art bei der Arbeit konfrontiert. Als wieder einmal ein gewalttätiger, pöbelnder pakistanischer Einwanderer mit seinem sterbenden Kind kommt, will er nicht mehr tatenlos zusehen. Kurze Zeit später ist der Vater tot…

Ein Psycho-Thriller mit ungeheurem Sog
Tiefer Fjord hat genau, was für mich einen Thriller lesenswert macht: eine extrem spannende Handlung mit für mich völlig unvorhersehbaren Wendungen und interessante Themen wie Kindesmisshandlung und Rassismus. Dazu gibt es tiefe Einblicke in den norwegischen Verwaltungs- und Politikbetrieb, den Ruth Lillegraven aus langjähriger Arbeit im Verkehrsministerium bestens kennt, und traumhafte Beschreibungen ihrer Heimat West-Norwegen. Auch die Erzählweise hat mir sehr zugesagt: 75 kurze Kapitel aus der Sicht verschiedener Ich-Erzählerinnen und -Erzähler, meist Clara und Haavard, und verschiedene Zeitebenen bis zurück zu Claras Geburt. Eine völlig untergeordnete Rolle spielt dagegen die Polizei. Alles ist perfekt konstruiert, vielleicht zu perfekt, um wirklich so passiert zu sein, aber das hat mich nicht gestört.

Völlig unverständlich ist für mich allerdings die Wahl des Covers, das keinerlei Bezug zu Titel oder Inhalt hat. Warum nicht ein Fjord oder zumindest Wasser?

Es geht weiter
Da der Thriller als Mehrteiler angelegt ist – der zweite erschien soeben in Norwegen unter dem Titel Av mitt blod –, werden längst nicht alle Handlungsstränge aufgelöst. Hoffentlich geht es auch auf Deutsch bald weiter!

Ruth Lillegraven: Tiefer Fjord. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. List 2021
www.ullstein-buchverlage.de

Sien Volders: Norden

  Im Zweifel immer nordwärts

Wie kommt eine junge Belgierin auf die Idee zu einem Roman, der am nördlichen Rand der Zivilisation angesiedelt ist? Die 1983 in Gent geborene Innenarchitektin, Journalistin und Lektorin Sien Volders wurde beim Besuch eines Freundes in Dawson City, gut 200 Kilometer südlich des Polarkreises, zu einer Geschichte inspiriert, die zwischen 1976 und 1988 vorwiegend an der Grenze zwischen Kanada und Alaska spielt, im fiktiven ehemaligen Goldgräberstädtchen Forty Mile, der „einzigen und letzten Stadt nördlich von allem“ (S. 25). Dorthin flieht die erfolgreiche junge Silberschmiedin und Designerin Sarah „Torun“ Aysgarth, als sie überraschend ein Angebot einer großen Schmuckfirma erhält:

Ich wollte weg aus Vancouver. Ich muss nachdenken und eine Entscheidung treffen, und das kann ich am besten unterwegs. Der Norden schien mir eine gute Idee. (S. 41)

Eine Woche ist sie mit ihrem Auto unterwegs, ehe sie in Forty Mile ankommt. Spontan und für sie selbst überraschend bietet ihr die Besitzerin des General Store und der Post, die etwa 60-jährige Witwe Mary Calhoun, ein Zimmer an:

Was war in sie gefahren, diese junge Frau zu sich einzuladen? Ob es am Auto lag? Oder an der Art, wie Sarah von der Reise erzählte? An der Behutsamkeit, mit der sie ihre Worte wählte.
Ein Gefühl des Wiedererkennens. (S. 44)

© B. Busch

Zwei Frauen, vier Männer
Mary, einst erfolgreiche Malerin, kam vor vielen Jahren nach Forty Mile, um ihren Weg zwischen Kunst, Kommerz und Ausstieg zu finden. Wie Sarah traf auch Mary auf zwei Männer, Rick Calhoun und den Trapper Walker, und musste sich entscheiden. Sarah lernt die Freunde Adam und Jacob kennen, beide Zugezogene. Adam ist ein radikaler Künstler, Geiger, der das Royal Conservatory Toronto verließ, als er zum ersten Mal athabaskische Musik hörte, eine Verschmelzung zwischen den Geigenliedern der ersten irischen und schottischen Trapper und der Ureinwohner. Aber er ist nicht für den Norden gemacht: Mit jedem langen, harten Winter stürzt er mehr ab, mit jedem Jahr versinkt er tiefer im Alkohol, wie so viele vor ihm, die ihre Kraft überschätzten. Jacob dagegen kennt die eigenen Grenzen. Er will zukünftig nur noch die Sommer im Norden verbringen und warnt Adam:

Ich habe es satt zu sehen, wie der Norden dich langsam zugrunde richtet. Ich wünschte, du würdest das auch einsehen. (S. 124)

Nordwärts, um sich selbst zu finden
Alle, die nicht in Forty Mile geboren wurden, kamen hierher auf der Suche nach sich selbst. Auf sich zurückgeworfen, muss jede und jeder seinen Knoten am Ende alleine lösen, sich von äußeren Zwängen befreien und entscheiden, welchen Raum die Kunst im eigenen Leben einnehmen soll. Dass man dabei eine neue Heimat oder Heimat auf Zeit, Freunde, Liebe und vieles mehr finden kann, davon erzählt Sien Volders in ihrem Debütroman. Das ist sehr viel Stoff für nicht einmal 300 Seiten und manchmal hätte ich mir mehr Tiefe beim Innenleben der Figuren gewünscht.

Was diese Künstler-, Liebes- und Freundschaftsgeschichte wirklich besonders macht, ist die eindringliche Beschreibung der herben Schönheit Nordkanadas, der Natur, der Jahreszeiten, der Geschichte, der eingeschworenen Gemeinschaft, der Ureinwohner, der Musik, der Legenden und des alltäglichen Lebens am Rande der Zivilisation.

Nordwärts. Im Zweifel immer nordwärts. (S. 251)

Sien Volders: Norden. Aus dem Niederländischen übersetzt von Bettina Bach. Residenz 2020
www.residenzverlag.com