Jeannette Walls: Schloss aus Glas

Die Geschichte einer unglaublichen Kindheit

Wie wachsen Kinder auf, wenn die Eltern bewusst jede Form der sozialen Anpassung verweigern? Wenn aus ideologischen Gründen keine Sozialhilfe beantragt wird, obwohl man weit unter dem Existenzminimum lebt?

Die New Yorker Journalisten Jeannette Walls erzählt in Schloss aus Glas in knappem, klarem Stil und ohne Sentimentalität die Geschichte ihrer unglaublichen Kindheit. Beide Eltern sind geprägt durch ihre hochgradige Ich-Bezogenheit. Der Vater, Alkoholiker wie schon seine Eltern, ist ein begabter Tüftler, ein Träumer und Geschichtenerzähler, der zu keiner geregelten Arbeit fähig ist. Die Mutter, ausgebildete Lehrerin und aus gutbürgerlicher, wohlhabender Familie, arbeitet nur im höchsten Notfall und gibt sich lieber ihren Künstlerallüren hin. Die sechsköpfige Familie vagabundiert auf der Flucht vor Gläubigern durch die USA, Ortswechsel vollziehen sich in der Regel innerhalb weniger Stunden. Heruntergekommene Unterkünfte ohne Sanitäreinrichtungen, Heizung und Strom sowie Ungeziefer, Schmutz, Hunger, Nahrungssuche in Mülltonnen und zerlumpte Kleidung sind ihr Alltag. Nur für geistige Anregungen ist gesorgt: Früh bringen die Eltern ihren Kindern das Lesen bei, der Vater rechnet mit ihnen im Binärsystem und erklärt ihnen die Natur. In der Schule fallen sie durch ihre Intelligenz auf.

Je untragbarer die Situation in der Familie wird, desto größer wird der Zusammenhalt der Kinder untereinander und desto zielstrebiger werden sie. Noch bevor sie die Schule beendet haben, gehen sie eins nach dem anderen nach New York. Während die Eltern schließlich vollends in der Gosse landen, bauen sie sich selbständig ein eigenes, erfolgreiches Leben auf.

Schloss aus Glas ist eines der fesselndsten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die beeindruckende, sehr sachliche und unsentimentale geschriebene Buch hat mich gepackt wie ein Krimi und lässt mich auch nach der letzten Seite nicht los. Dass es stilistisch nicht besonders gut ist, hat mich in diesem Fall ausnahmsweise weniger gestört.

Jeannette Walls: Schloss aus Glas. Hoffmann und Campe 2005
www.hoffmann-und-campe.de

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