Anne Müller: Zwei Wochen im Juni

  Abschied von Gragaard

Anne Müllers Debütroman Sommer in Super 8 hätte ich 2018 fast verpasst, weil ich ihn zunächst in die Kategorie „Leichter Frauenroman“ eingeordnet und erst auf dringende Empfehlung einer Bücherfreundin gelesen habe. Das Buch über eine schwierige Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren und eine durch Schweigen gelähmten Familie hat mich dann aber überzeugt, vor allem aufgrund der genauen Beobachtungen der jungen Protagonistin Clara.

Der zweite Roman, Zwei Wochen im Juni, ist nun tatsächlich ein Buch für die Hängematte, ein Frauen-Wohlfühlroman für zwischendurch, für einen Sonntag auf dem Balkon oder für den Strand. Er liest sich leicht, macht Lust auf einen Ostsee-Urlaub in Schleswig-Holstein, wird mir aber nicht so im Gedächtnis bleiben wie der Vorgänger.

Ein Lebensabschnitt geht zu Ende
Ada
und Toni, Schwestern Mitte Vierzig, haben vor kurzem ihre Mutter verloren. Die knapp 73-Jährige ist überraschend an Herzversagen gestorben, ein gnädiger, gleichwohl zu früher Tod. Nun muss das Haus mit dem Esszimmerblick aufs Meer und einem gepflegten Bauerngarten, das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, entrümpelt und verkauft werden. Der sensiblen Malerin Ada fällt das schwerer als Toni, hat sie doch keine eigene Familie, lediglich seit drei Jahren einen verheirateten Geliebten, einen „Schönwettermann“, „Mittagspausenanrufer“, „Mittenindernachtgeher“ und „Niemalsfrühstücksmensch“. Doch auch bei Toni, der kopfgesteuerten Studienrätin, läuft privat längst nicht alles rund und in ihrer Bilderbuchfamilie gibt es Brüche.

Während die Schwestern den Haushalt in ihrem Elternhaus in Gragaard, einem fiktiven Dorf unweit von Kappeln an der Schlei, auflösen und Kaufinteressenten herumführen, stoßen sie auf viele kleine Schätze, die ihnen Geschichten erzählen und Erinnerungen auslösen. In den beiden Wochen, die ihnen zum Abschiednehmen bleiben, begegnen sie nicht nur ihrer Vergangenheit, lernen ihre verstorbene Mutter von einer neuen Seiten kennen und kommen sich über die Rückbesinnung auf ihre Kindheit wieder näher, sondern treffen auch wichtige Entscheidungen für ihre Zukunft, in der es kein Gragaard mehr für sie geben wird.

Ein Haus zum Verlieben
Nicht bei den eher klischeehaften Protagonistinnen liegt für mich die Stärke des Romans, sondern in der atmosphärischen Schilderung des Hauses und der norddeutschen Landschaft, die mit allen Sinnen spürbar wird:

Jetzt erschien am Ende des Weges hinter alten Kastanienbäumen das große zweigeschossige Haus, „unsere Möchtegern-Villa“, wie ihre Mutter immer gesagt hatte. Ein herrlich verwinkeltes, unperfektes Haus mit einer hellen Fassade, die einen Anstrich vertragen konnte, ein Haus, das ein Locationscout vom Film vor Jahren für die Dreharbeiten zu einem Schwedenkrimi hatte mieten wollen. (S. 12)

Mit dem etwas kleineren Format liegt das Buch beim Lesen angenehm in der Hand. Sehr gelungen ist auch die äußere Gestaltung mit Umschlag und Einband in meerblauer Farbe und dem schlichten Cover, das sich in Teilen auf dem Einband wiederholt.

Anne Müller: Zwei Wochen im Juni. Penguin 2020
www.randomhouse.de

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