Anne von Canal: Whiteout

Eisschichten

Drei Freunde, so unzertrennlich, dass sie zusammen nur einen Schatten werfen, zehn gemeinsame Kinder- und Jugendjahre, Zukunftspläne für eine Studenten-WG in Hamburg und ein Leben als Polarforscher, herübergerettet aus alten Kindheitsträumen – und dann urplötzlich ein Bruch: „Nichts, was darauf hinwies, warum du uns nicht mehr kennen wolltest.“ Nach einem gemeinsamen Urlaub an der französischen Atlantikküste verabschiedet Fido sich wie immer von den Geschwistern Hanna und Jan, um dann vollkommen aus deren Leben zu verschwinden. 20 Jahre ist das nun her und Hanna, die trotz allem ihren Traum von der Forscherkarriere verwirklicht hat, ist damals emotional eingefroren, einsam geworden, hat das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit eingebüßt, hat alles weggeräumt, was mit Fido zu tun hatte und sogar den Kontakt zu Jan und ihrer Familie weitgehend abgebrochen. Wie bei einem „Whiteout“, einem meteorologischen Phänomen, das durch stark diffuse Reflexion des Sonnenlichts ein Verschwinden des Horizonts zur Folge hat, hat das abschiedslose Verschwinden Fidos bei Hanna eine Desorientierung ausgelöst, die sie nur mit Hilfe der zielstrebigen Verwirklichung ihres Lebenstraums verdrängen konnte.

Nun leitet sie eine fünfköpfige Antarktisexpedition, bei der an diesem „Außenposten im Grenzbereich des Möglichen“ ein 300 Meter langer Eiskern herausgebohrt werden soll, um „dem Eis seine Geheimnisse zu entlocken“. Und genau hier, wo sie ihren Erinnerungen nicht entkommen kann, erreicht sie die Mail ihres Bruders vom Tod Fidos.

Whiteout ist nach Herz auf Eis und Everland die dritte Neuerscheinung des Jahres 2017 für mich, die in der Antarktis spielt, einer Region, die durch die Diskussion über den Klimawandel immer mehr in den Fokus des allgemeinen Interesses und damit offensichtlich auch der Literatur gerät. Doch die Antarktis ist in Anne von Canals Roman weit mehr als nur Handlungsort, sie ist Metapher für Hannas Zielstrebigkeit und Durchsetzungsvermögen, aber auch für ihre Einsamkeit und das Eis, das sich nach dem überraschenden Verlassenwerden durch die Freundin gebildet hat. Was hat sie damals übersehen, welche Fehler hat sie gemacht und warum hat Fido so anhaltend geschwiegen? Welche Folgen hat ihr Tod mit knapp 40 Jahren für Hanna? Welche Erinnerungen halten einer kritischen Überprüfung stand? Und was können wir als Leser überhaupt glauben, wo wir doch nur eine, Hannas Sicht auf die Geschehnisse erfahren?

Während in der Antarktis ein Blizzard tobt und das Forschungsprojekt unter einem immer schlechteren Stern steht, kämpft Hanna mit ihrer unbewältigten Vergangenheit. Dass allmählich ein Genesungsprozess in Gang zu kommen scheint, merkt man daran, dass sie zum ersten Mal eine Bemerkung über Fido machen und das zuvor für sie reservierte „du“ für einen anderen Menschen verwenden kann.

Ein sehr stark erzählter, kleiner Roman vor einer beeindruckenden Kulisse, ausdrucksstark, bildreich, mit einem wunderschönen Cover und einem hoffnungsvollen Schlusssatz: „Dies ist ein Ort, an dem Zweifel enden.“

Anne von Canal: Whiteout. mare 2017
www.mare.de

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