Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?

  Das Vergessen aufhalten

Die Romane von Arno Surminski begleiten mich seit vielen Jahren und ich habe sie alle gerne gelesen: Polninken oder Eine deutsche Liebe, Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war, Malojawind oder Vaterland ohne Väter. Erstaunlicherweise kannte ich bisher sein so erfolgreiches Debüt Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?  nicht, weder den Roman aus dem Jahr 1974 noch die dreiteiligen ZDF-Fernsehserie von 1986. Nun habe ich mir das Buch von Peter Striebeck vorlesen lassen und war vom Text ebenso begeistert wie von der Stimme. Sehr schade nur, dass das Hörbuch auf vier CDs mit 300 Minuten nur eine gekürzte Fassung wiedergibt, gerne hätte ich länger zugehört.

Der stark autobiografisch geprägte Roman schildert aus der Sicht des wie der Autor im August 1934 geborenen Hermann Steputat eine Kindheit und Jugend in Ostpreußen und erzählt zugleich die Geschichten eines ostpreußischen Dorfes. Hermann ist der Sohn des Schneiders und Bürgermeisters von Jokehnen, einer Gemeinde mit „200 deutschnationalen Seelen“ im hintersten Ostpreußen. 1933 lässt sich der Vater zum Eintritt in die NSDAP überreden, doch ansonsten ändern Machtübernahme und Krieg fast nichts am ruhigen Leben in Jokehnen. Zwar verschwindet der einzige Jude des Dorfes über Nacht, wird Ostpreußen „heimgeholt ins Reich“, kommen die ersten polnischen Zwangsarbeiter und später russische Kriegsgefangene nach Jokehnen, werden Königsberg und Insterburg zerstört und sieht man schließlich die ersten Flüchtlingstecks, doch bleibt in Jokehnen die Arbeit auf den Feldern wichtiger als alle äußeren Ereignissen. Weit weg scheint bis zuletzt die Hauptkampflinie, aber der Krieg erreicht am Ende auch dieses beschauliche Dorf, in dem so lange nichts vom „Geist der neuen Zeit“ zu spüren war, und im Winter 1945 gehört Hermann zu den wenigen verbliebenen Dorfbewohnern, die in Güterwagen verladen und nach Deutschland „ausgesiedelt“ werden.

In einem Gespräch mit der Zeitschrift Sezession aus dem Jahr 2012 sagte Arno Surminski: „Ich möchte die Fakten hinnehmen, so, wie sie sind, daraus aber keine weiteren Vorwürfe oder gar Ansprüche ableiten… Es geht darum, das Vergessen aufzuhalten.“ Wichtig ist für ihn, „dass man alles genau beschreibt und festhält, aber das darf niemals verknüpft werden mit irgendwelchen Ansprüchen auf Entschädigung oder Rückgabe, das wäre friedensgefährdend!“. Dass es ihm „nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Fakten“ geht, hat mir an diesem Ostpreußen-Roman neben der Kinderperspektive besonders gut gefallen, genauso wie die gänzlich pathosfreie, durchgehend sehr ruhige Erzählweise, die ostpreußischen Ausdrücke und die detaillierte Schilderung des dörflichen Lebens in Ostpreußen bis zur Vertreibung.

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland. Gelesen von Peter Striebeck. Ullstein Hörverlag 2001
www.ullstein-buchverlage.de

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