Barbara Wendelken: Das Dorf der Lügen

Sehr lesenswerter Regionalkrimi

Kann man für einen Regionalkrimi fünf Sterne vergeben? Ja, ich kann es, wenn er so wie dieser allen Anforderungen gerecht wird, die ich an dieses Genre stelle. Dafür erwarte ich keinen literarischen Text, sondern einen sehr gut konstruierten und durchdachten Krimi mit unvorhersehbaren Wendungen und falschen Fährten, Lokalkolorit, gut charakterisiertem Personal, das auch ein Leben neben der eigentlichen Krimihandlung lebt, und einen Text, bei dem das Lesen auch in sprachlicher Hinsicht Spaß macht. Alles dies war hier erfüllt und deshalb vergebe ich mit gutem Gewissen die Höchststernezahl.

Schon der Einstieg hat mir bei diesem in Ostfriesland verorteten Krimi sehr gut gefallen, weil es für mich ein neues Krimiszenario war: Da erschießt die junge, unerfahrene Polizistin, die fast allen erfahrenen Kollegen im Polizeirevier Martinsfehn den Kopf verdreht, in einer falsch eingeschätzten Situation den 16-jährigen Rouven Kramer. Geistesgegenwärtig überredet sie ihren anwesenden Kollegen, am Tatort eine Notwehrsituation vorzutäuschen. Während Polizei und Spurensicherung diese Version der Geschichte willig bestätigen, glaubt im Dorf kaum jemand, dass der friedfertige Sonderling Rouven auf die Polizisten geschossen hat, am wenigsten Aleena, die Tochter des Polizeidienststellenleiters Renke Nordmann. Es kommt zu Demonstrationen und Schmierereien in einem Dorf, das bis dahin eine „Insel der Glückseligkeit“ war, und bald darauf zu weiteren Morden…

Barbara Wendelken verfügt über eine außergewöhnliche Begabung bei der Beschreibung und Charakterisierung sowohl ihrer Haupt- und Nebenfiguren als auch von Orten und Situationen. Als Leserin konnte ich mich deshalb ungewöhnlich gut einfühlen und hatte das Gefühl, die Bewohner von Martinsfehn schon lange zu kennen. Dass die Autorin sie und ihr dörfliches Leben ab und an mit liebevoller Ironie bedenkt, lässt einen das ein oder andere Mal bei aller Tragik schmunzeln. Auch die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptermittlern ist ein zusätzliches Schmankerl. In erster Linie ist jedoch bei diesem Krimidebüt die Handlung sehr gut durchdacht, falsche Fährten führen immer wieder in die Irre und erst recht spät hat mich die Erwähnung eines Arbeitsplatzes auf die richtige Spur geführt.

Ich werde bei dieser Reihe auf jeden Fall weiter dabeibleiben!

Barbara Wendelken: Das Dorf der Lügen. Piper 2014
www.piper.de

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