Colson Whitehead: Underground Railroad

Das richtige Buch zur richtigen Zeit

Die Underground Railroad war ein aus Gegnern der Sklaverei, Farbigen wie Weißen, bestehendes informelles Netzwerk, das zwischen 1780 und 1862 etwa 100 000 Sklaven bei der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden unterstützte. Man bediente sich dabei des Vokabulars der Eisenbahn, aber erst Colson Whitehead machte in seinem 2016 in den USA erschienenen, 2017 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bestseller Underground Railroad aus der Metapher eine wirkliche Eisenbahn mit unterirdischen Gleisen, Dampflokomotiven, Wagen und Bahnhöfen. Diese Drehung ins Phantastische ist eine geniale Idee und hat mich, obwohl ich gewöhnlich keine Fantasy lese, absolut begeistert.

Erzählt wird die Geschichte von Cora, einer jungen, starken Sklavin, deren Großmutter Ajarry aus Afrika verschleppt, mehrfach verkauft, missbraucht und entwürdigt wurde, bevor sie schließlich auf die Randall-Plantage in Georgia kam: „Es gab eine Ordnung von Elend, ein in anderem Elend steckendes Elend, und man musste den Überblick behalten.“ Coras Mutter Mabel gelang als einziger Sklavin der Farm die Flucht, ein Stachel im Fleisch des sadistischen Plantagenbesitzers und des berüchtigten Sklavenfängers Ridgeway. Cora leidet unter dem Verlassenwerden durch die Mutter, hasst sie, wird zur Einzelgängerin. Als auch sie um 1850 flieht, wird eine beispiellose Belohnung ausgesetzt und jeder verfügbare Mann aus der Umgebung schließt sich der Suche an, allen voran Ridgeway. Doch Cora ist auf ihrer Odyssee durch South und North Carolina, Tennessee, Indiana und Richtung Norden nicht alleine, immer wieder kann sie auf die Unterstützung der Underground Railroad zurückgreifen, ein mehr als gefährliches Unterfangen für alle Beteiligten: „So viele von denen, die ihr geholfen hatten, hatten ein schreckliches Schicksal erfahren.“ Immer wieder begegnet sie Ridgeway, der besessen von ihrer Ergreifung ist und seine Schmach im Falle Mabels tilgen möchte. Sie lernt den ganz unterschiedlichen Umgang der Bundesstaaten mit den Farbigen kennen, erlebt in South Carolina, wo die Farbigen „gehütet und domestiziert“ werden, eine relative Freiheit, die keine ist, muss sich in North Carolina monatelang vor der Lynchjustiz auf einem Spitzboden verstecken und findet in Indiana vorübergehend ein Paradies auf einer Farm für Geflüchtete, bis auch dieses Symbol des Aufstiegs der Farbigen zur Zielscheibe wird. Zwischen den Kapiteln mit den Überschriften der Bundesstaaten gibt es kürzere Abschnitte über einzelne Personen, unter anderem Coras Großmutter Ajarry, ihre Mutter Mabel und den mit ihr geflohenen Caesar.

Kein Elend und keine Grausamkeit der Sklaverei erspart uns Colson Whitehead, der sich zum Teil an den in den 1930er-Jahren von der US-Regierung aufgezeichneten Slave narratives orientiert hat. Weit weg von Vom Winde verweht zeigt er die Entmenschlichung und was es heißt, Ware und Eigentum zu sein, sprachlich brilliant und mit differenzierten Charakteren. Doch bleibt seine Darstellung nicht auf die Sklaverei beschränkt, auch die zweite Urschuld der USA, die Enteignung der Indianer, wird thematisiert, und vieles lässt sich problemlos auf andere Unrechtsregime übertragen.

Ganz ohne Zweifel ist Underground Railroad angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in den USA und einem in Teilen wieder salonfähig gewordenen Rassismus und Nationalismus eine der wichtigsten Neuerscheinungen 2016 in den USA und 2017 in Deutschland. Das heißt für mich allerdings nicht, dass der Roman über alle Kritik erhoben ist. Mich hat vor allem gestört, dass Colson Whitehead immer wieder Begleitumstände der Sklaverei schildert, die es so nicht gab, was in meinen Augen angesichts der belegbaren Gräuel nicht nur völlig überflüssig ist, sondern sogar das tatsächlich stattgefundene Unrecht schmälert. Natürlich handelt es sich bei Underground Railroad nicht um ein Sachbuch, sondern um einen Roman, doch erwarte ich auch hier eine saubere Darstellung der historischen Tatsachen, selbst wenn sich alles, wie der Autor es ausdrückt, „so hätte abspielen können“.

Trotz dieser Kritik empfehle ich Underground Railroad unbedingt zur Lektüre, denn es ist das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Colson Whitehead: Underground Railroad. Hanser 2017
www.hanser.de

1 Kommentar

  1. Es ist immer wieder spannend, wie unterschiedlich die Meinungen sein können. Gerade diese phantastischen Elemente haben mir nicht gefallen. Es stimmt, er verschont uns nicht und die Passagen, in denen beschrieben wurde, wie Sklaven als Waren betrachtet wurden, haben mich schockiert und mir gerade deswegen auch gut gefallen. Allerdings konnte ich zu keinem der Charaktere eine wirkliche Nähe aufbauen und so hat mich der Roman nicht so sehr berührt und bewegt, wie ich es mir erhofft hatte.
    Liebe Grüße, Julia

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