Connie Palmen: Du sagst es

Über den Rand des Abgrunds

Sie waren eines der berühmtesten Paare des Literaturbetriebs, die amerikanische Dichterin Sylvia Plath (1932 – 1963) und der englische Dichter Ted Hughes (1930 – 1998). Während ihres siebenjährigen Miteinanders galt das Mitgefühl ihrer Umgebung eher ihm, denn Sylvia Plath litt seit ihrer Jugend unter einer bipolaren Störung mit schweren Depressionen und Stimmungsschwankungen, Angstattacken, Alpträumen, dem ambivalenten Verhältnis zu ihrer Mutter und der unbewältigten Trauer um den früh verstorbenen Vater sowie unter ihrem Perfektionismus und übersteigerten Ehrgeiz. 1953 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch und verbrachte anschließend mehrere Monate in einer psychiatrischen Klinik. Ab Ende 1958 war sie erneut in psychiatrischer Behandlung.

1956 lernte sie während ihres Studiums in Cambridge den Schriftsteller Ted Hughes kennen und keine vier Monate nach dem Beginn ihrer stürmischen Affäre waren sie verheiratet. Es folgten eine Zeit des rastlosen Umherziehens in England, den USA und wieder England, erster schriftstellerischer Erfolg für beide, mehr für ihn als für sie, und in den Jahren 1960 und 1962 die Geburt der Kinder Frieda und Nicholas.

Nachdem Sylvia Plaths Eifersucht zunächst grundlos war, begann ihr Mann, den die psychische Krankheit seiner Frau zunehmend überforderte und zermürbte, 1962 tatsächlich ein Verhältnis mit der ebenfalls verheirateten Assia Wevill. Mit der Trennung des Ehepaars drehte sich die Stimmung in ihrer Umgebung zu Hughes‘ Ungunsten und mit Sylvia Plaths Selbstmord im Februar 1963 waren die Rollen für immer verteilt: ihre die einer Märtyrerin und zerbrechlichen Heiligen, seine die des Sündenbocks und brutalen Verräters. Seine naive Annahme, ihr Tod würde den Verleumdungen ein Ende bereiten, erfüllte sich nicht, er war erst der Anfang eines „Orkans der üblen Nachrede“, dem er bis zu seinem Tod und darüber hinaus ausgesetzt war.

Sylvia Plaths Ruhm kam v. a. nach ihrem Tod, als Ted Hughes sich ihres Nachlasses annahm, und sie wurde zur Ikone z. T. militanter Feministinnen.

35 Jahre lang hat Ted Hughes zu allen Anschuldigungen geschwiegen, erst zehn Monate vor seinem Tod erschienen im Band Birthday Letters 88 Gedichte, die nun zur hauptsächlichen Quelle für Connie Palmens Roman Du sagst es wurden, in dem sie Ted Hughes das Wort für seine Darstellung der Geschichte erteilt.

Ich habe mich nicht ganz leichtgetan, in den Roman hineinzufinden, und ich war zunächst skeptisch, ob ein Autor überhaupt das Recht hat, sich in dieser Weise in das Drama einer realen Beziehung einzumischen. Doch je mehr ich gelesen habe, desto mehr hat mich der Roman gefangengenommen und desto sicherer war ich, dass Connie Palmen, die mich bereits mit I.M. begeistert hat, genau die richtige dafür ist, denn sie versucht nicht, in Hughes‘ Monolog die Schuldfrage abschließend zu klären. Ihr Ziel war es, in diesem poetisch anmutenden Judasroman „den Verrat nachzuempfinden, statt den Verrat zu beschreiben“. Das ist ihr bestens gelungen.

„Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten“, heißt es in Arthur Millers Theaterstück After the Fall, in dem er den Selbstmord Marilyn Monroes zu verarbeiten versuchte. Auf Sylvia Plath und Ted Hughes trifft das sicherlich zu.

Connie Palmen: Du sagst es. Diogenes 2016
www.diogenes.ch

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