Eduard von Keyserling: Wellen

Sommertage an der Ostsee

Klaus Modicks biografischer Roman Keyserlings Geheimnis hat in mir den Wunsch geweckt, ein Buch dieses bisweilen als „baltischer Fontane“ titulierten Autors zu lesen. Wellen, erstmals 1911 erschienen, war eine wirkliche Entdeckung für mich. Der kleine, von Ironie durchzogene Roman, der während einiger Sommertag an der Ostsee spielt, konfrontiert die erstarrte Adelsgesellschaft der Jahrhundertwende mit der wilden Unberechenbarkeit des Meeres.

Neben den hier ansässigen Fischern tummeln sich auch in diesem Sommer die Feriengäste. Die lebenskluge alte Generalswitwe von Palikow hat ihre Familie im Bullenkrug um sich versammelt: ihre bornierte Tochter Baronin Bella von Buttlär, ihren Schwiegersohn und Gutsherrn, der vor der häuslichen Enge gerne in Berlin das Abenteuer sucht, ihre soeben erwachsen gewordenen, schwärmerischen Enkelinnen Lolo und Nini, den 15-jährigen Enkel Wedig und Lolos Verlobten, den Leutnant Hilmar von der Hamm. In unmittelbarer Nachbarschaft hat sich zum Entsetzen Bellas das frischverheiratete Ehepaar Grill einquartiert. Hans Grill ist Maler, dem es nicht gelingen will, das Meer auf seine Leinwand zu bannen, sie die atemberaubend schöne ehemalige Gräfin Doralice Köhne-Jasky, die wegen Hans vor einem Jahr aus der Ehe mit dem alten Grafen geflohen ist. Die Neuvermählten ringen darum, einen Modus für ihr Alltagsleben zu finden, Doralice leidet unter den gekappten Fäden zu ihrer Vergangenheit, der Ächtung durch ihre Standesgenossen und unter der von Hans so gepriesenen Freiheit, die für sie nach Einsamkeit klingt. Last but not least ist auch der bucklige Geheimrat Knospelius anwesend, dem nichts entgeht, der fein seine Fäden spinnt und mit einem Fest zu seinem Geburtstag alle zusammenbringt.

Mag die Handlung auch nicht spektakulär sein, so ist es doch die Art, wie Eduard von Keyserling sie erzählt. Jede seiner Figuren ist sehr deutlich gezeichnet, in jede scheint sich der Autor hineinversetzen zu können, besonders in die Frauen. Die kühle, klarsichtige Generalin, die alle und alles durchschaut und auf den Punkt bringt, hat es mir besonders angetan. Mal weist sie ihre spießige Tochter zurecht, die neben Doralice nicht atmen zu können glaubt („Sie wird das Meer nicht unrein machen, wenn sie darin badet.“), mal liest sie der verzagten Doralice die Leviten („Nun ja, Sie sind Ihrem alten Grafen davongelaufen. Das muss man nicht tun, schon wegen der Moral, aber es war eine dumme Heirat, und Sie haben sich von Ihrem Maler entführen lassen, nun gut. Aber jetzt, meine Liebe, ist es doch genug, man kann sich doch nicht immerfort entführen lassen.“) und verfolgt, wie vom pubertierenden Wedig bis zum gestandenen Familienvater alle Herren und jungen Mädchen den Reizen Doralices erliegen.

Ein neuer klassischer Autor für mich und ganz bestimmt nicht das letzte Buch, das ich von ihm gelesen habe!

Eduard von Keyserling: Wellen. dtv 2016
www.dtv.de

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