Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege

Die Waage neigt sich hin und her

Der Einstieg in Elena Ferrantes dritten Band ihrer neapolitanischen Saga gelang mir wie schon beim letzten Mal trotz einiger Monate Wartezeit problemlos: nach wenigen Seiten war ich wieder eingetaucht in die ungleichen Biografien der Kinderfreundinnen Elena und Lila aus dem neapolitanischen Rione.

Wies das Cover des zweiten Bandes „Die Geschichte eines neuen Namens“ durch den im Sturm wehenden Brautschleier von Lila auf den turbulenten Verlauf ihrer Ehe hin, so wirkt die Mutter mit dem in die Ferne zeigenden Kind auf dem Arm als Titelbild des dritten Bandes „Die Geschichte der getrennten Wege“ ruhig und friedlich. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn weder Elenas noch Lilas Leben verläuft in ruhigen Bahnen. Die soziale Distanz zwischen den beiden Frauen vertieft sich zu Elenas Gunsten nach ihrer Heirat mit dem Universitätsprofessor Pietro Airota aus einer seit Generationen für den Sozialismus kämpfenden Familie der intellektuellen Oberschicht. Kurz vor der Hochzeit und ihrem Wegzug nach Florenz kommen sich Elena und Lila noch einmal näher, als Elena der völlig entkräfteten, in einer Wurstfabrik schuftenden Lila, die dem Wohlstand und Ansehen ihrer unglücklichen Ehe und dem Rione entflohen ist und in einer WG mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Jugendfreund Enzo lebt, zur Hilfe eilt. Dank ihrer neu gewonnenen Beziehungen verschafft Elena Lila Arzttermine, einen Anwalt zur Eintreibung ihres ausstehenden Lohns und Kontakt zu einem Computerspezialisten, der Enzo und Lila den Einstieg in diese neue Branche vermittelt. Doch Lila dankt es ihr am Ende nicht: „Du weißt gar nichts mehr über uns, also halte lieber die Klappe.“ Der Konflikt spiegelt im Kleinen den Konflikt zwischen Studenen und Arbeitern der linken Bewegungen in den 1960er- und 70er-Jahren wider.

Während Lila und Enzo sich in der neuen Digitalbranche hocharbeiten, ist Elena in ihrer Ehe mit einem zwar hochintelligenten, aber „farblosesten aller Akademiker“ gefangen und zum Stillstand verurteilt. Pietro, der größte Probleme an der Florentiner Universität hat, haben ihre Erfolge als Romanautorin nie behagt, er ermutigt sie nicht zu intellektueller Arbeit und zum Schreiben, sieht sie nicht als Partnerin auf Augenhöhe und reduziert sie auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zweier Töchter.

Band drei der Saga spielt Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren vor der Kulisse der politischen Konflikte und der explosiven Stimmung in Italien: eskalierende Gewalt zwischen Faschisten und Kommunisten, Spannung unter den Kommunisten, expandierende Mafia-Strukturen, Arbeiterproteste, Studentenunruhen, Terrorismus und Frauenbewegung. Am Ende ist nicht nur die Welt aus den Fugen, sondern auch Elenas Leben. Während sich bei Lila, die in den Rione zurückgekehrt ist und ausgerechnet für den verhassten Mafia-Boss Michele Solare hochbezahlt in dessen neuer Lochkartenfabrik arbeitet, alles zum Besseren zu wenden scheint, stehen bei Elena alle Zeichen auf Sturm.

Obwohl ich auch diesen dritten Teil von Elena Ferrantes erfolgreichem Vierteiler gern gelesen habe, hat er mir doch nicht ganz so gut gefallen wie die beiden Vorgänger. Längen in der ersten Hälfte und die für mich nicht immer nachvollziehbare Schere zwischen Abhängigkeit, Zuneigung, Ablehnung und sogar Hass zwischen den beiden Protagonistinnen haben das Leseerlebnis dieses Mal etwas getrübt. Trotzdem freue ich mich auf das Erscheinen von Band vier und bin selbstverständlich auch dann wieder dabei!

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Suhrkamp 2017
www.suhrkamp.de

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