Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen

   Der verlorene Sohn

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als sie heiratet, ist die Familie bereits auseinandergebrochen, doch kehrt der jüngere Bruder Amar auf ihren Wunsch erstmals nach drei Jahren zurück. Anders als seine angepassten älteren Schwestern Hadia und Huda war er von Geburt an schwierig. Von der Mutter Laila nachsichtig verwöhnt, gab es mit dem Vater Rafik ständig Streit: „So wie in anderen Familien gelacht wurde, so steuerte bei ihnen alles immer auf eine Auseinandersetzung zu.“ Schulschwierigkeiten, Ablehnung der islamischen Gesetze zur Geschlechtertrennung und der Moscheefeste, Alkohol- und Drogenprobleme säumen seinen Weg. Amar fühlt sich nicht zugehörig, empfindet Wut, steht sich selbst im Weg.

Die 1991 in den USA geborene Fatima Farheen Mirza erzählt in ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ vom Leben einer Einwandererfamilie. Rafik hat in der neuen Heimat alles erreicht: guter Job, eigenes Haus, eine Frau aus seiner Heimat Haiderabad, drei in den USA geborene Kinder und Respekt in der Moscheegemeinde. Während Laila tief gläubig ist, empfindet er die Religion eher als Gewohnheit und Ordnungsprinzip, an der er um der Familie willen festhält. Für die Kinder ist das Leben zwischen zwei Kulturen ein Spagat. Mit neun Jahren hat Hadia, die älteste, zwar die Wahl, ob sie als einzige in ihrer Grundschulklasse einen Hijab tragen will oder nicht, doch wie sich dagegen entscheiden, wenn die Ablehnung den Eltern als Sünde gilt? Freunde lehnen die Eltern generell ab, das andere Geschlecht ist tabu, genau wie laute Musik oder T-Shirts mit Band-Namen. Während die Töchter sich arrangieren, gute Leistungen zeigen und schließlich studieren, wird Amar zum verlorenen Sohn.

Sprachlich eher einfach, verzichtet der Roman auf jegliche Chronologie in der Erzählweise, doch fällt die Orientierung nicht schwer. Im ersten und dritten Teil steht Hadias Hochzeit im Mittelpunkt, der zweite führt zurück bis zur Kindheit der Eltern, im vierten erzählt ausführlich Rafik, der nicht über die Entfremdung von Amar hinwegkommt. Wer wird einst die Totenwaschung vornehmen und die erste Handvoll Erde in sein Grab werfen, beides Frauen nicht erlaubt?

Sehr interessant ist die Innenansicht einer schiitischen Familie, deren starre Lebensweise so inkompatibel zum US-amerikanischen Freiheitsideal scheint, obwohl viele der genannten Konfliktpunkte in Nicht-Einwandererfamilien genauso vorkommen. Rafik und Laila sind nicht ultrakonservativ, Hadia und Huda legen ihr Kopftuch nach 9/11 auf Wunsch des Vaters vorsichtshalber ab, Hadia studiert fünf Fahrtstunden entfernt, der von ihr ausgewählte Ehemann wird akzeptiert, obwohl er weder Schiit ist noch Urdu spricht, doch darf sie keineswegs zeigen, dass es sich um Liebesheirat handelt. Alles dies ist mit viel Herzblut beschrieben, doch verliert sich die Autorin in zu vielen Wiederholungen, sodass sich bei mir ein gewisser Überdruss einstellte. Ein strenges Lektorat mit starken Kürzungen, eine schärfere Fokussierung auf die kulturell bedingten Konfliktpunkte und ein Glossar für die kursiv gedruckten religiösen oder kulinarischen Begriffe hätte ich mir gewünscht.

Trotz dieser Kritik werde ich auch dem nächsten Buch von Fatima Farheen Mirza eine Chance geben, denn die Autorin hat viel zu erzählen.

Fatima Farheen Mirza: Worauf wir hoffen. dtv 2019
www.dtv.de

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