Fernando Aramburu: Patria

Keine Sieger, nur Verlierer

756 Seiten Text, fünf Seiten baskisches Glossar, 126 Kapitel, neun Protagonisten, ein Thema, das sind die nüchternen Fakten zu Fernando Aramburus schwergewichtigem Roman Patria. Der Autor, der seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebt, hat über das beherrschende Thema seiner baskischen Heimat seit der Gründung der ETA im Jahr 1959 geschrieben: den Terror. Obwohl die Organisation 2011 die Waffen offiziell niedergelegt und den Kampf für einen linksnationalistischen, unabhängigen Staat nach über 4000 Anschlägen und mehr als 800 Toten beendet hat, sind die Auswirkungen bis heute deutlich spürbar. Kein Wunder also, dass der Roman in Spanien mehrfach preisgekrönt wurde und reißenden Absatz findet.

Alle neun Protagonisten, Angehörige zweier einst eng befreundeter Familien in einem Dorf nahe San Sebastián, bezeichnen sich selbst als unpolitisch und sind doch tief in die Auseinandersetzungen verstrickt: Miren als Mutter eines Terroristen, Bittori als Witwe eines Anschlagsopfers. Einst waren sie fast wie Schwestern, aber als Mirens Sohn Joxe Mari in den Untergrund ging und Bittoris Mann Txato einem Anschlag zum Opfer fiel, wurden sie zu Feindinnen. Txato, guter Baske, Kleinunternehmer, großzügig, hilfsbereit und bester Freund von Mirens Mann Joxian, hatte die Revolutionssteuer für den bewaffneten Kampf der ETA nicht bezahlt. Es folgten Wandschmierereien, in denen er als Spitzel und Ausbeuter gebrandmarkt wurde, die Ächtung seiner Familie und schließlich die gezielte Hinrichtung vor seiner Haustür.

Die Besonderheit dieses Romans ist zweifellos seine Erzählstruktur. Die kurzen Kapitel sind jeweils einem der neun Protagonisten gewidmet, einzelne Sätze oder Satzteile in der Ich-Form geschrieben, teilweise werden mehrere Wortalternativen angeboten oder Sätze nicht zu Ende geführt. Da die Episoden keiner Chronologie folgen, entsteht erst ganz allmählich ein umfassendes Bild, obwohl der Einstieg die Fakten bereits präsentiert: Die ETA hat ihren Kampf beendet, Joxe Mari sitzt schon lange in verschiedenen Gefängnissen weitab der Heimat, Bittori, die seit dem Mord in San Sebastián lebt, kehrt immer öfter ins Dorf zurück und beunruhigt dadurch die Bewohnern, vor allem ihre Ex-Freundin Miren. Doch die todkranke Witwe verfolgt unbeirrbar ein letztes Ziel: Sie möchte von Joxe Mari erfahren, wer geschossen hat und seine Entschuldigung.

Aramburus Protagonisten sind allesamt Verlierer. Bittori hat der Schmerz gebrochen und sie verbringt ihre Tage im Zwiegespräch mit ihrem toten Mann auf dem Friedhof. Wie „drei Satelliten“ kreisen sie und ihre beiden erwachsenen Kinder um den Mord, entzweit durch unterschiedliche Bewältigungsstrategien. Miren ist aus Solidarität zu ihrem mordenden Sohn zur fanatischen Superrevolutionärin geworden, ihr Mann verkriecht sich aus Scham, der jüngste Sohn ist vor dem Gruppendruck im Dorf schon lange nach Bilbao geflohen und die Tochter sitzt nach einem schweren Schlaganfall stumm im Rollstuhl. Trotzdem gelingt es ausgerechnet ihr, die den bewaffneten Kampf stets abgelehnt hat, die ersten Brücken zu schlagen.

Nur kurz habe ich gebraucht, um in diesen ungewöhnlichen Roman mit den vielen Namen hineinzufinden, dann haben mich die Handlung, die Charaktere und die Erzählweise gepackt und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Oft fühlte ich mich an die Folgen des RAF-Terrors erinnert, denn das Ergebnis der Gewalt ist abseits aller Ideologien überall dasselbe für Familien, Freunde, die Gesellschaft und uns alle. Fernando Aramburu wird allen seinen Figuren gerecht und lässt doch deutlich spüren, wer für ihn die wahren Opfer sind.

Fernando Aramburu: Patria. Rowohlt 2018
www.rowohlt.de

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