Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie

Kein leichter Sommerroman

2016 hat mich Die vier Jahreszeiten des Sommers von Grégoire Delacourt als leichte, poetisch-melancholische Sommerlektüre begeistert, eine kunstvoll konzipierte Sammlung von Geschichten, die am Ende doch alle miteinander verwoben werden.

Nun war ein neuer Roman des französischen Autors angekündigt, Der Dichter der Familie, wieder mit einem sehr schön gestalteten Cover, der sich bei genauerem Hinsehen jedoch als sein nachträglich ins Deutsche übersetzter Erstling aus dem Jahr 2011 entpuppte. Was ich darin wiedergefunden habe, ist der melancholische Ton, doch fehlt ihm leider völlig die Leichtigkeit der Erzählweise, die ich bei Die vier Jahreszeiten des Sommers so geschätzt habe. Stattdessen haben wir es mit einem selbstmitleidigen Ich-Erzähler, Édouard, zu tun, der sein Leben von seinem achten Lebensjahr an bis zum Alter von 32 Jahren erzählt. Obwohl ihm aufgrund seiner schlechten Startbedingungen ins Leben das Mitleid des Lesers sicher ist – der Großvater war in Mauthausen, die Eltern trennen sich, er selbst kam wegen nicht näher beschriebener Auffälligkeiten ins Internat und der behinderte Bruder in eine Anstalt – hat mich doch mit zunehmendem Alter des Ich-Erzählers dessen Passivität, sein Sichtreibenlassen und der klagende Ton genervt. Können wir wirklich lebenslang unser Elternhaus für alle Misserfolge und Fehlentwicklungen verantwortlich machen? Dafür, dass wir das falsche Studium wählen, weil wir andere für uns entscheiden lassen, dass wir den falschen Partner heiraten, dass wir nie nein sagen, wenn wir nein meinen? Im Falle Édouards kommt allerdings erschwerend hinzu, dass ihm nach selbstverfassten kurzen Reimen im Alter von sieben Jahren die Rolle des „Dichters der Familie“ zugedacht wird, eine Messias-Erwartung zur Familienrettung, die er nie erfüllen kann, gegen die er sich aber auch nie zur Wehr setzt. Seine bedeutenden Erfolge als Werbetexter gehen dagegen nahezu unter, obwohl sie ihn und seine Familie reich machen.

Neben der schier endlosen Kette von Niederlagen in Édouards Leben hat mich die an einigen, zugegeben wenigen Stellen sehr vulgäre Sprache gestört, die sich neben durchaus poetischen Abschnitten wie Fremdkörper anfühlen. Viele Bezüge zu französischen Chansons, Filmen oder Persönlichkeiten habe ich leider trotz meiner Affinität zu Frankreich nicht verstanden. Am Ende konnte mich nicht einmal die Aussicht auf eine Veränderung zum Positiven optimistisch stimmen, zu verfahren scheinen die Schicksale der Familienmitglieder und zu eingefahren ihre Verhaltensmuster.

Vielleicht ist es nicht ganz fair, Autoren nur an ihren großen Erfolgen zu messen und mit denselben hohen Erwartungen an ihre Frühwerke zu gehen. So blieb dieser Erstling, der ganz gewiss das Attribut „Sommerroman“ nicht verdient, für mich unbefriedigend. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf wirklich neue Titel aus der Feder Delacourts. Ob man ihm mit der nachträglichen Übersetzung seines Debüts allerdings einen Dienst erwiesen hat, halte ich zumindest für fraglich.

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie. Atlantik 2017
www.atlantikverlag.de

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