Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Was existenzielle Bedrohung aus Menschen macht

Die „Jason“, ihr Segelboot, soll ihr Ticket in die Freiheit sein. Ein Sabbatjahr lang möchten Ludovic und Louise die Weltmeere erkunden, bevor sie endgültig zusammen sesshaft werden. Der Ausbruch aus dem Pariser Büroalltag war Ludovics Idee. Er, der Sonnyboy, das Einzelkind, dem es dank gutverdienender Eltern nie an etwas gefehlt hat, musste die eher vorsichtige, konventionelle und fast etwas mauerblümchenhafte passionierte Bergsteigerin Louise zu diesem Abenteuer überreden. Louise, die noch immer darüber staunt, dass der umschwärmte Ludovic sich ausgerechnet für sie entschieden hat, willigt schließlich ein und die beiden legen in Cherbourg ab. Einmal gestartet, sind beide begeistert und genießen ihre Auszeit verliebt und in vollen Zügen. So sicher fühlen sie sich, dass sie, ohne jemanden zu informieren, die Insel Stromness vor Kap Hoorn, 800 Meilen von den Falkland-Inseln entfernt, anlaufen, ein Naturschutzgebiet voller Pinguine und Robben, dessen Betreten verboten ist. Vom Sturm überrascht, büßen sie ihr Schiff ein und sie sind plötzlich mitten in einem dramatischen Abenteuer auf Leben und Tod, das sie so nicht gesucht haben. Ohne Schiff, ohne Kommunikationsmittel, ohne Nahrung werden sie zum Teil des Ökosystems der Insel, eine seit den 1950er-Jahren stillgelegte Walfangstation ihr Zuhause und Hunger ihr ständiger Begleiter.

Der Roman Herz auf Eis der 1956 geborenen Französin Isabelle Autissier, die selbst 1991 als erste Frau allein die Welt umsegelt hat, ist zum einen eine Robinson-Geschichte des 21. Jahrhunderts und lebt natürlich von der Spannung, ob Louise und Ludovic gerettet werden oder nicht. Noch viel packender für mich war aber die psychologische Ebene des Romans. Die Gefühlswelt der beiden Schiffbrüchigen reicht von Angst, Panik, Wut, Hass, Reue, Vorwürfen und Gewalt bis zu verzweifeltem Verlangen nacheinander. Den beständigen Sorgen um die Ernährung, dem ersterbenden Enthusiasmus, der sich verschlechternde Gesundheitszustand und die immer drängender werdende Auseinandersetzung mit dem Tod versucht vor allem die mental stärkere Louise mit der Aufrechterhaltung einer Alltagsstruktur und immer neuen Projekten entgegenzutreten – mit immer geringem Erfolg. Kann die Menschlichkeit und ihre Liebe der Angst und dem gnadenlosen Kampf ums Überleben standhalten?

Mich hat dieser nur etwa 220 Seiten starke Roman, diese grandiose psychologische Studie, sowohl inhaltlich wie sprachlich vollauf begeistert. Mit ganz wenigen Worten schafft es Isabelle Autissier, Landschaften, Situationen und Gefühle großartig und eindringlich darzustellen. Knappe, klare Sätze, die mich sehr an die Schreibweise ihrer von mir sehr geschätzten Landsfrau Claudie Gallay erinnern, kennzeichnen ihren Stil.

Herz auf Eis ist mein bisheriges Lesehighlight des Jahres 2017 und ein Vorgeschmack auf das Literaturland Frankreich, das im Oktober dieses Jahres Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird. Auch ohne den Prix Goncourt, für den das Buch nominiert war, wird es garantiert viele Leserinnen und Leser begeistern, auch solche, die sich vielleicht nicht auf den ersten Blick von einem Robinson-Roman angesprochen fühlen!

Isabelle Autissier: Herz auf Eis. mare 2017
www.mare.de

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