Lars Mytting: Die Birken wissen’s noch

Schweres Gepäck

Nicht nur der Titel, auch die Struktur und Farbgebung des wunderbaren Umschlags dieses Buches weisen auf den Protagonisten, das Leitmotiv des Romans hin: Holz. Auch wenn vordergründig der junge Edvard Hirifjell im Mittelpunkt steht, so dreht sich doch über 500 Seiten lang alles mehr oder weniger um Bäume, Holz und alles, was man daraus anfertigen kann.

Edvard wuchs auf dem Hof der Großeltern im norwegischen Guldbranstal auf, nachdem seine französische Mutter und sein norwegischer Vater auf
einer Urlaubsreise in Frankreich zu Tode gekommen waren, als er drei
Jahre alt war. „Schweres Gepäck“ für einen Heranwachsenden, zumal er als
Grundschüler in einem Jahrbuch des Unglücksjahres 1971 entdeckt, dass
sie auf einem eingezäunten Schlachtfeld aus dem Ersten Weltkrieg an der
Somme durch Kampfgas gestorben sind und er bei dieser Reise dabei war.

Doch die Frage, warum die Eltern ihn auf eine so gefährliche Fahrt
mitgenommen haben, ist nicht das einzige Rätsel. Nach dem Tod des
Großvaters taucht ein seit Jahren beim örtlichen Bestattungsunternehmer
einlagernder, kunstvoll gearbeiteter Sarg auf, von dem niemand wusste,
und der mutmaßlich vom Bruder des Großvater, dem begnadeten
Möbelschreiner Einar stammt. Der Großvater redete nicht gerne über ihn,
es herrschte Unfrieden zwischen dem Älteren, der vor dem Krieg zur
Vervollkommnung seiner Tischlerfähigkeiten nach Frankreich gegangen war
und im Krieg auf Seiten der Résistance stand, dabei angeblich 1944 fiel,
und dem Jüngeren, der auf dem Hof blieb und für die Wehrmacht kämpfte.

Nach der Bestattung des Großvaters lassen Edvard die Familiengeheimnisse keine Ruhe mehr. Wie bei einem Mosaik sammelt er Stein für Stein und setzt nach und nach alles zu einem Bild zusammen. Er, der kaum je den Hirifjell-Hof verlassen hat, macht sich auf die Reise nach den Shetland-Inseln und dann nach Frankreich, um dem Geheimnis seiner Familie, des einarmigen Holzbarons und der sagenhaften Walnussbäume von der Somme auf die Spur zu kommen.

Der Roman besticht vor allem durch die Beschreibungen der Natur, egal
ob es sich ums Holz, Kartoffelsorten, das Meer oder Stürme auf den
Shetland-Inseln handelt. Gut gefallen hat mir auch die Entwicklung von
Edvard, der nicht nur die Familiengeheimnisse aufklärt, sondern auch
verändert nach Norwegen zurückkehrt. Gestört haben mich dagegen die für
meinen Geschmack zu gehäuft auftretenden Zufälle und die Figur der
Gwendolyn, die auf den Shetland-Inseln seit Jahren auf ihn gewartet hat,
und zugleich Rivalin und Geliebte für ihn wird.

Trotz dieser Einschränkung habe ich die Lektüre genossen und empfehle
das Buch allen, die tief in ein packendes Familiendrama und die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts eintauchen möchten.

Lars Mytting: Die Birken wissen’s noch. Insel 2016
www.suhrkamp.de

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