Liz Moore: Long Bright River

  Familiendrama – Gesellschaftsroman Krimi

Michaela „Mickey“ Fitzpatrick ist Streifenpolizistin in Kensington, einem Stadtteil von Philadelphia, der heute als größter Drogenmarkt im Osten der USA gilt. Eigentlich müsste sie längst Detective sein, doch möchte sie auf diese Weise ihre jüngere Schwester Kacey im Auge behalten. Kacey ist seit dem Teenageralter drogenabhängig und finanziert ihre Sucht wie so viele in Kensington mittels Prostitution. Doch nun ist sie seit einigen Wochen wie vom Erdboden verschluckt, während gleichzeitig ein Frauenmörder sein Unwesen in diesem elenden Stadtteil treibt. Seine Opfer sind junge Prostituierte und Mickey befürchtet bei jeder weiteren Leiche, es könnte sich um ihre Schwester handeln. Verzweifelt sucht sie zugleich nach Kacey und nach dem Killer.

Eine kontrollierte Ich-Erzählerin
Warum die beiden Schwestern seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zueinander haben, obwohl eine lieblose Kindheit bei ihrer Großmutter sie zuvor zusammengeschweißt hatte, erfährt man erst allmählich. Die Ich-Erzählerin Mickey rückt spät mit überraschenden Wahrheiten heraus, ein gelungener Kunstgriff der 1983 geborenen US-amerikanischen Autorin Liz Moore. Abwechselnd handeln die Kapitel vom „Jetzt“ und vom „Damals“. In der Gegenwart geht es um Mickeys doppelte Suche sowie um ihren Alltag als alleinerziehende Mutter, in der Vergangenheit um die schwierigen Kindheit und Jugend der Schwestern nach dem Drogentod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters, die zu frühe Verantwortung Mickeys für ihre jüngere Schwester und deren Abgleiten ins Drogenmilieu. Scheinen die Rollen als „saubere“ Polizistin im Kampf gegen Drogen, Gewalt und polizeiliche Korruption einerseits und drogenabhängige Schwester andererseits zunächst klar verteilt, so bekommt das Bild der Ich-Erzählerin mit der Zeit immer mehr Risse:

Ich denke an die Entscheidungen, die meine eigene Mutter getroffen hat – und mir wird schmerzlich klar, dass ich mich gar nicht so sehr von ihr unterscheide. Nur die Art unserer jeweiligen Abhängigkeit war eine andere. Die ihre war Rauschgift, eindeutig, klar definiert. Meine ist amorph, aber nicht weniger ungesund. Hat mit Selbstgerechtigkeit oder meinem eigenen Selbstbild oder Stolz zu tun.

Krimi oder Roman?
Jede Leserin und jeder Leser wird für sich selbst entscheiden müssen, ob Long Bright River für sie oder ihn mehr Krimi oder mehr Roman ist, als den ihn der Verlag C.H. Beck bezeichnet. Stand für mich zunächst die Frage nach dem Serienkiller im Vordergrund, so wurde dies im Verlauf immer mehr vom Schicksal der beiden Schwestern überlagert. Beides zusammen hat bei mir einen Sog ausgelöst, der mich das sehr flüssig geschriebene Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ. Der Roman ist also – neben der Krimihandlung – vieles zugleich: ein Familienroman über eine erschreckend dysfunktionale Familie, ein schonungsloses Gesellschaftsdrama über desaströse Verhältnisse in einem von Drogen gefluteten Umfeld mit sehr atmosphärischen Ortsbeschreibungen und nicht zuletzt ein Roman über alleinerziehende Frauen und ihren täglichen Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung. Obwohl keines dieser Themen in Deutschland weniger aktuell ist, erschien mir das Buch sehr amerikanisch und in Teilen klischeehaft. Für die Spannung und das gekonnte Spiel der Ich-Erzählerin mit der Wahrheit war das jedoch von untergeordneter Bedeutung.

Liz Moore: Long Bright River. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. C.H. Beck 2020
www.beck.de

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