Madeline Miller: Ich bin Circe

  Die Hexe von Aiaia

Obwohl ich als Jugendliche Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums mit großer Freude gelesen habe, waren die griechischen Götter seitdem weitgehend aus meinem Blickfeld verschwunden. Mit Ich bin Circe, der fiktiven Autobiografie der Zaubergöttin aus der Hand der US-amerikanischen Altphilologin Madeline Miller, hat sich das glücklicherweise geändert. Die Begegnungen ihrer Circe mit den Figuren der griechischen Mythologie hat mir Zeus & Co., die Welt der Olympier und Titanen, die Geschichten von Prometheus, Glaukos, Skylla, Daidalos, Minotaurus, Ariadne, Ikarus, Achilles, Odysseus, Athene, Hermes und vieler anderer wieder sehr nahe gebracht. Doch so interessant diese Charaktere auch sind, so reichen sie doch nicht an Millers Circe heran, der mit ihrer Entwicklung von der unterdrückten, ängstlichen Tochter zur selbstbestimmten, selbstbewussten Frau eindeutig meine Sympathien gehören.

Verbannung als Chance
Als Tochter des Sonnengottes Helios und der schönen Perse wächst Circe einsam im Schatten ihrer angeseheneren, glanzvolleren Geschwister auf. Früh fühlt sie, die von der eigenen Familie verachtet wird, sich zu Sterblichen hingezogen, zeigt Empathie, wo sie Leid spürt, und experimentiert mit Kräutern, eine von den Göttern gefürchtete Gabe. Ihre Verbannung auf die einsame Insel Aiaia, verhängt von Zeus und ihrem Vater Helios und gedacht als Strafe, wird für sie zum Schritt in die Freiheit. Hier kann Circe endlich leben, singen, wilde Tiere zähmen, den eigenen Garten anlegen und ihre Zauberkräfte ausbilden. Mit ihren wachsenden Fähigkeiten steigt auch ihr Selbstbewusstsein, sie setzt sich gegen ungebetene Besucher mit List, notfalls mit Brutalität, aber nie unreflektiert zur Wehr. Gleichzeitig bleibt sie aber auch eine Frau, die sich in Liebe völlig hingibt oder sich – wie im Fall von Hermes – berechnend nimmt, was sie haben möchte.

Ein Besucher, der alles ändert
Mit der Ankunft von Odysseus auf Aiaia ändert sich Circes Leben noch einmal von Grund auf. Nicht nur, dass sie mit diesem Sterblichen unvergessliche Monate verbringt und den gemeinsamen Sohn Telegonos zur Welt bringt, erschien mir die besorgte, ängstliche alleinerziehende Circe menschlicher denn je.

Ann Vielhaben liest
Mit gut 12 Stunden bietet das Hörbuch mit dem wunderschönen, klassisch gestalteten Cover nur eine gekürzte Version des Romans, und obwohl ich sonst vollständige Lesungen vorziehe, habe ich nichts vermisst. In der ersten Hälfte schien mir die Zahl der Figuren aus der griechischen Mythologie mit ihren Kurzauftritten sogar etwas zu hoch und der Überblick fiel mir nicht immer leicht. Mit der Ankunft von Odysseus wurde das Geschehen dann übersichtlicher und ich habe mich über die erneuten Begegnungen mit nunmehr „alten Bekannten“ gefreut.
Die Hörbuchstimme von Ann Vielhaben war für mich neu. Gut gefallen hat mir ihr weicher Klang und insgesamt habe ich ihr nach kurzer Eingewöhnung gerne zugehört. Allerdings wäre mir weniger Schauspielerei lieber gewesen und die gedehnten Silben am Satzende empfand ich im Laufe der langen Hörzeit als zu gleichförmig. Trotzdem werde ich Ich bin Circe ganz bestimmt noch öfter anhören, denn es steckt viel mehr in diesem Roman, als man beim ersten Hören erfassen kann.

Madeline Miller: Ich bin Circe. Aus dem Amerikanischen von Frauke Brodd. Gelesen von Ann Vielhaben. Random House Audio 2019
www.randomhouse.de

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