Mary Basson: Die Malerin

Eine begabte Frau im Schatten großer Künstler

Wer mehr über das Leben, aber auch die Kunst der expressionistischen Malerin Gabriele Münter (1877 – 1962) erfahren möchte, ist mit dem biografischen Roman Die Malerin von Mary Basson gut bedient. Die Autorin, die im Milwaukee Art Museum mit der größte Münter-Sammlung Nordamerikas arbeitet, spürt dem Leben der Künstlerin von 1902 bis 1957 streng chronologisch nach. Dazwischen sind Bildbeschreibungen eingestreut, zwar ohne die Werke abzudrucken, aber diese lassen sich leicht im Internet auf der Homepage des Milwaukee Art Museum oder des Lenbachhauses München finden. Ich habe sie zum besseren Verständnis ausgedruckt und in mein Buch gelegt.

Gabriele Münter, genannt Ella, strebte zu einer Zeit eine Künstlerinnenkarriere an, als Frauen an den etablierten großen Kunstakademien noch nicht akzeptiert wurden. Mit ihrem Erbe ging sie 1901 zum Studium nach München an die Malschule des Künstler-Vereins, später in die neue Malschule „Phalanx“, wo Wassily Kandinsky, damals bereits ein namhafter Künstler, ihr Lehrer wurde. Obwohl Kandinsky verheiratet war, wurden sie ein Paar, ein Skandal vor allem für Gabriele Münter, denn dem bekannten Maler wurde ein Leben jenseits der Konventionen eher verziehen. Gabriele Münter litt unter dem Leben jenseits der Gesellschaft, das sie zunächst auf Reisen, dann in dem von ihr in Murnau gekauften Haus, von den Dorfbewohnern als „Russenhaus“ tituliert, mit ihm führte. Auch nach seiner Scheidung 1911 schob er die Eheschließung immer wieder hinaus. Als er Deutschland 1914 verlassen musste, heiratete er 1917 in Russland eine andere, ein Umstand, von dem Gabriele Münter erst 1921 erfuhr, und der sie in eine jahrelange psychische Krankheit stürzte. 1927 lernte sie ihren zweiten Lebensgefährten, den Gelehrten und Kunstkritiker Johannes Eichner kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod 1958 in Murnau zusammenlebte.

Besonders interessant beschreibt Mary Basson die Zeit des Nationalsozialismus, als Gabriele Münter die Bilder der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, inzwischen als entartete Kunst verboten, aus einem Münchner Depot nach Murnau holte und dort unter Lebensgefahr versteckte, u. a. Bilder von Wassily Kandinsky, Paul Klee, Franz Marc und eigene. Viel Überwindung muss sie das gekostet haben, denn wenn man der Autorin glaubt, kam Gabriele Münter nie über die Demütigung durch Kandinsky hinweg. Die geretteten Bilder stiftete sie 1957 dem Lenbachhaus in München.

Ich muss zugeben, dass ich nach den ersten Seiten eine allzu leichte Lektüre befürchtet habe, doch diese Angst hat sich zum Glück nicht bestätigt. Nach dem für mich etwas holprigen Einstieg hat mich der Roman immer mehr gefesselt und ich bin überzeugt, einen sehr guten Eindruck von der Person Gabriele Münter – als Künstlerin wie als Mensch – erhalten zu haben. Gut gefallen hat mir, dass Mary Basson die Malerin nicht idealisiert, sondern mit ihren durchaus vorhandenen Schwächen porträtiert. Vermisst habe ich dagegen ein Vor- oder Nachwort, in dem die Autorin über ihre Recherchearbeit berichtet und ihre Quellen benennt. Zu gerne hätte ich erfahren, wo sie sich im Rahmen des Romans erlaubte künstlerische Freiheiten genommen hat und ob zum Beispiel die Briefe und Tagebucheinträge authentisch oder erdacht sind. Davon abgesehen kann ich das unterhaltsame Buch aber allen empfehlen, die sich für Kunst oder für bewegende Frauenschicksale interessieren.

Mary Basson: Die Malerin. Aufbau 2017
www.aufbau-verlag.de

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