Miljenko Jergović: Ruth Tannenbaum

  Eine Nation am Abgrund

Lange reizte es mich, die Biografie von Lea Deutsch zu schreiben. Sie war eine gefeierte Schauspielerin und wurde im Alter von sechzehn Jahren ermordet. Bei meinen Recherchen fand ich wenig über ihr Leben, dafür aber viele Gründe, warum man in Zagreb ungern über sie spricht…

So begründet Miljenko Jergović im Anhang zu seinem im kroatischen Original 2006, auf Deutsch 2019 erschienenen Roman Ruth Tannenbaum seine Entscheidung für eine fiktive Titelfigur. Sie steht auch weniger im Mittelpunkt des Buches, als ich es nach Titel und Klappentext vermutet hätte. Vielmehr sind es ihre Eltern, Nachbarn, der Großvater, Theaterleute, die gewöhnlichen Bewohner Zagrebs in den Jahren 1920 bis 1943, Angehörige verschiedener Nationalitäten und Religionen. Leider wusste ich bisher so gut wie nichts über diese finstere Periode und Miljenko Jergović setzt viel Wissen über die politische Situation auf dem Balkan beim Leser voraus, weshalb ich ein erklärendes Vor- oder Nachwort begrüßt hätte. So habe ich mir die Informationen über das Schicksal Kroatiens nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs aus dem Internet geholt, dabei von der Vereinigung Kroatiens und Sloweniens mit Serbien im Jahr 1918 erfahren, von der Königsdiktatur im Königreich Jugoslawien unter Aleksandar I., der 1921 das Parlament auflöste, und vom aufkommenden Nationalismus, der schließlich im Faschismus mündete.

Einer, der immer zwischen allen Stühlen saß, war der Unglücksrabe Salomon Tannenbaum, genannt Moni, der unbedingt dazugehören und nichts weniger sein wollte als Jude. 1928 heiratete er Ivka, die Tochter des Lebensmittelhändlers Abraham Singer, ohne jedoch von dessen Reputation zu profitieren. Ivkas riesige „Kinderschreck-und-Männerfänger-Augen“ erbte die gemeinsame Tochter Ruth, die damit zum Kinderstar am kroatischen Nationaltheater aufstieg. Die Karriere der Tochter weckte bei Salomon Träume:

Noch hatten sich die Veränderungen im Leben der Familie Tannenbaum nicht herumgesprochen, aber wenn, würde Salomon nicht mehr ängstlich den Bürgersteig räumen, um andere vorbeizulassen, vielmehr würden die anderen zur Seite treten und ihn vorbeilassen. Dann war er kein Waschlappen mehr, Schlappschwanz ade, seht nur, der Herr Papa unserer kroatischen Shirley Temple…

Doch auch wenn Ruth für das Gastspiel im Nationaltheater in Wien den Namen Christine Horvath annahm, das Publikum ihr zujubelte und die Eltern Singers weitsichtiges Angebot von Schiffspassagen nach Amerika blind zurückwiesen, war der Untergang des Judentums in Zagreb nicht mehr aufzuhalten:

Selbst Menschen, die nie hässlich von anderen gedacht hatten, waren nun schon immer davon überzeugt gewesen, dass die Juden Jesum Christum verraten und gekreuzigt haben. Das bekommen sie in der Kirche erzählt, das lernten die Kinder in der Schule, keiner konnte es sich anders vorstellen, keiner zweifelte an dem, was die Pfaffen über die Juden erzählten.

Ruth Tannenbaum war für mich eine fordernde, düster-bedrohliche Lektüre. Bedauert habe ich, dass es keine wirklich sympathische Figur im Roman gab, die verwöhnte, oft boshafte Ruth eingeschlossen. Selbst der nette Weichensteller aus dem Kellergeschoss wird zum mordenden Ustascha und die Tannenbaums gehen verbal und handgreiflich gegen schwächere Juden vor. Die Verbindung zwischen dem Schicksal der Familie Tannenbaum und dem der ganzen Nation ist Miljenko Jergović dagegen hervorragend gelungen und der von Brigitte Döbert in ein wunderbares Deutsch übertragene Roman ist packend bis zur letzten Seite.

Miljenko Jergović: Ruth Tannenbaum.  Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Schöffling & Co. 2019
www.schoeffling.de

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