Niall Williams: Die Geschichte des Regens

Ein in jeder Hinsicht besonderer Roman

Ruth Swain, 19-jährige Irin aus der County Clare, liegt im Bett ihrer Mansarde direkt unter dem Regen, umgeben von den 3589 Büchern ihres Vaters. Indem sie ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Familie, ihres Dorfes, des Shannon, der auf dem Weg zum Meer an ihrem Haus vorbeifließt, und des unaufhörlich herabprasselnden Regens erzählt, versucht sie, ihre Leukämie zu besiegen und am Leben zu bleiben und „die am Leben  halten, die nur noch im Erzählen da sind“. Doch wenn man wie sie „nur im Bett liegt, der Körper nirgends hin kann, macht sich irgendwann der Geist auf die Socken“, der Fluss des Erzählens wird reißend. Mrs Quinty, die ihre neu verfassten Buchseiten liest, beklagt eine „exzentrische stilistische Überfülle“ und „unkontrollierte Gedankensprünge“, Ruth selber bezeichnet ihr Werk als „Flusserzählung“, ihr bevorzugtes Stilmittel als „Mäander“, und sie versucht immer wieder erfolglos, sich zu zügeln, wenn sie abschweift.

Die Geschichte des Regens war beim Lesen eine Herausforderung für mich und hat mich unverhältnismäßig lange beschäftigt. Auf den ersten hundert Seiten hatte ich immer wieder den Wunsch abzubrechen, weil ich das Gefühl hatte, in diesem Strudel von Worten und Sätzen unterzugehen und nichts aus der Geschichte mitzunehmen. Doch danach ging es immer besser und der Monolog hat mich zunehmend gepackt, vor allem im zweiten Teil, als Ruth von dem erzählt, was sie selber erlebt hat, und auch einige wenige Blitzlichter auf ihre Erkrankung geworfen werden. Auch ihr ungewöhnlicher Erzählstil, mit dem ich zu Anfang sehr gekämpft habe und in dem Melancholie und Humor gleichermaßen Platz finden, hat mich mehr und mehr gepackt. Und so habe ich das Buch schließlich doch mit einem Bedauern beendet um anschließend die ersten hundert Seiten nochmals zu überfliegen mit dem Gefühl, sie nun sehr viel besser zu verstehen.

Ich kann das Buch allen empfehlen, die eine ausschweifende Erzählweise und eine blumige Sprache mögen, die die vielen Anspielungen auf die Literatur zu schätzen wissen, die das langsame Tempo mitgehen können und die es ertragen, wenn sie die eine oder andere Stelle oder Anekdote mangels Vorwissen über Irland nicht verstehen. Ich war schließlich froh, dass ich mich durchgebissen habe, und vergebe vier Sterne für dieses außergewöhnliche Buch, was ich lange Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Es ist ein in jeder Hinsicht besonderer Roman, manchmal vielleicht zu besonders, aber für mich alles in allem sehr lesenswert!

Niall Williams: Die Geschichte des Regens. DVA 2015
www.randomhouse.de

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