Norwegen-Kaffeslabberas auf der Frankfurter Buchmesse

Am Messefreitag war ich eingeladen zum Bloggertreffen im Gastland-Pavillon, eine exklusive Möglichkeit, mit norwegischen Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen. Dazu passend gab es Kaffee und Kekse, denn Norwegen zählt zu den Ländern mit dem höchsten Kaffeekonsum pro Kopf.

Zu Beginn veranstaltete Alva Gehrmann ein kleines Norwegen-Quiz, bei dem man mit „Kvikk Lunsj“ für richtige Antworten belohnt wurde. Leider war ich vom Gewinn der leckeren Schoko-Keks-Riegel ausgeschlossen, da ich das Quiz bereits im Rahmen einer anderen Veranstaltung mitgemacht hatte. Alva Gehrmanns Norwegen-Buch I did it Norway kannte ich bereits in Teilen, es ist eine unterhaltsame Einführung in Land und Leute. Sehr interressant berichtete sie über das norwegische Literatursystem und das Litteraturhuset in Oslo, wo jedes Jahr auf vier Etagen über 1700 Veranstaltungen stattfinden und Schriftsteller, Übersetzer und Journalisten im „skriveloftet“ unter dem Dach ungestört und in anregender Atmosphäre arbeiten können.

Ruth Lillegravens Roman Sichel ist eine Erzählung in Form eines Langgedichts und in einer wunderschönen Ausgabe in der Edition Rugerup erschienen. Da ich eher selten Gedichte lese und noch nie einen Roman in Gedichtform, bin ich darauf sehr gespannt. Der Band stand auf der Hotlist des Preises der unabhängigen Verlage 2019.

Von Åsne Seierstad habe ich im Jahr 2002 das Buch Der Buchhändler aus Kabul gelesen und war begeistert. Erst jetzt ist mir bewusst geworden, dass ich sie und ihre Bücher anschließend aus den Augen verloren habe, was ich nun sehr bedauere. In ihrem neuesten Buch Einer von uns, über das sie sehr interessant erzählt hat und das ich nun unbedingt lesen möchte, geht es um den Attentäter Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, überwiegend Teilnehmer am Zeltlager der Jugendorganisation der norwegischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ein für mich hochspannendes Thema, zu dem die Journalistin, die selbst unweit des Täters lebte, detailliert recherchiert hat.

Zugegeben, mit diesem Cover hätte ich den Roman von Jan Ove Ekeberg sicher nicht in die Hand genommen. Nachdem er aber nun so interessant über seine fünfjährigen Recherchearbeiten rund um den Wikingerkönig Harald den Harten erzählt hat, werde ich dem historischen Roman doch eine Chance geben – vielleicht mit einem Umschlag. Wie bei Ruth Lillegravens Langgedicht wäre ich auf diesen Titel ohne die Veranstaltung sicher nie gestoßen.

Leider war der Geräuschpegel von der Bühne während Hanne Ørstaviks Vorstellung ihres Romans Liebe zu hoch, um ihr folgen zu können. Beim Hineinlesen fesselt der kleine, fadengeheftete Band jedoch sofort mit einer sehr klaren Sprache. Die Mutter-Sohn-Geschichte spielt nur während weniger Stunden und erschien im Original bereits 1997. Höchste Zeit also, sie zu lesen.

Simon Stranger mit seinem Roman „Vergesst unsere Namen nicht“. © B. Busch

Simon Stranger verlegte die Präsentation seines Buches glücklicherweise auf den Balkon der Messehalle, so dass nicht nur Luft und Lärmpegel angenehmer waren, sondern die Beleuchtungsverhältnisse nun auch ein Foto erlaubten. Seinen mit dem Preis der norwegischen Buchhändler 2018 ausgezeichneten Roman Vergesst unsere Namen nicht hatte ich zuvor bereits mit großer Freude gelesen, einerseits, weil Simon Stranger seine Anliegen so engagiert vertritt, andererseits aufgrund der besonderen Form. Der Roman leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen der norwegischen Opfer des Zweiten Weltkriegs, sondern zeichnet am Beispiel des norwegischen Gestapo-Spitzels und Kriegsverbrechers Henry Oliver Rinnan den Weg eines eher durchschnittlichen jungen Mannes zum Monster. Die Parallelen zu Åsne Seierstads Buch liegen damit klar auf der Hand.

Danke für eine ganz ausgesprochen gelungene Veranstaltung, die für mich ein Messehöhepunkt war.

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