Greif gegen Drache – Drache gegen Greif
Nachdem ich in der Vorbereitung auf die Fortsetzung zu Cornelia Funkes 1997 erschienenem Drachenreiter den ersten Band noch einmal mit Begeisterung gelesen hatte, war ich skeptisch, ob ein zweiter Band die hohe Vorgabe des ersten würde halten können, doch die Zweifel waren unbegründet. Der neue Band Drachenreiter – Die Feder eines Greifs steht dem ersten weder in der Spannung noch in der Fantasie oder Sprache im Geringsten nach und ist durch die vielen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Zitate am Anfang jedes Kapitels und den sehr detaillierten zwölfseitigen Anhang über Figuren und Orte noch deutlich mehr ausgeschmückt.
Zwei Jahre, nachdem der Silberdrache Lung, sein Drachenreiter Ben, das Koboldmädchen Schwefelfell, der Homukulus Fliegenbein und ihre vielen Helfer aus der Fabel-, Tier- und Menschenwelt Nesselbrand, den Goldenen, besiegt haben, gibt es wieder Arbeit für sie. Der letzte Pegasus hat seine Frau durch einen Unglücksfall verloren und die drei mutterlosen Pegasuseier können nur mit Hilfe der Sonnenfeder eines Greifs gerettet werden. Ben, der inzwischen mit seinen „adoptierten Eltern“ Barnabas und Vita Wiesengrund sowie deren Tochter Guinever als Fabelwesen-Schützer bedrohten Geschöpfen aller Art im norwegischen MÍMAMEIÐR Unterschlupf bietet, macht sich auf den Weg nach Indonesien, zusammen mit Barnabas, dem ängstlichen Fliegenbein, der abenteuerlustigen, verrückten und witzigen Rättin Lola Grauschwanz und dem Fjordtroll Hothbrodd. Die Mission ist überaus gefährlich, denn Greife gelten als habsüchtig und bösartig, verfügen über Furcht einflößende Schnäbel, Löwenpranken und eine Giftschlange als Schwanz und sind die einzigen Fabelwesen, denen Barnabas Wiesengrund eigentlich nie begegnen wollte. Drachen sind ihnen besonders verhasst, weshalb Lung mit einer List davon abgehalten werden muss, mit ihnen nach Indonesien zu kommen. Zehn Tage haben die vier Freunde Zeit, um die Feder zu erobern, eine nahezu unlösbare Aufgabe.
Die Ankunft auf der indonesischen Insel Pulau Bulu gestaltet sich dann auch sehr problematisch, weil sie mitten in den Machtkampf zwischen dem jungen Greif Shrii, der die Tiere der Insel beschützen möchte, und dem seit ewigen Zeiten grausam herrschenden Kraa, dem Schrecklichen, geraten. Zum Glück ist Lung doch noch rechtzeitig zur Stelle, da sich Barnabas‘ Hoffnung auf friedliche Verhandlungen keineswegs erfüllt, und so kommt es im indonesischen Dschungel zum Kampf Greif gegen Drache…
Auch wenn die Mission am Ende wie erwartet erfolgreich ist, die Freude in MÍMAMEIÐR laut herausgeschrien, -geschnattert und -gewiehert und Pulau Bulu eine glücklichere Insel wird, bleibt für Ben der Wehmutstropfen, dass er sich zwischen Norwegen mit seiner Familie und der großen Aufgabe und dem Himalaja, wo Lung und die Drachen am Saum des Himmels leben, entscheiden muss.
Das Abenteuer zur Rettung der Pegasuseier ist so spannend und fantasievoll erzählt und die Charaktere der verschiedenen Fabelwesen, Tiere und Menschen sind so überaus liebevoll ausgeschmückt, dass mir das Lesen von der ersten bis zur letzten Seite große Freude bereitet hat. Ich halte dieses zweite Fantasy-Märchen um den Drachenreiter und seine Freunde für ein ideales Vorlesebuch für die ganze Familie, würde die Altersgrenze mit zehn Jahren allerdings etwas höher ansetzen als beim ersten Teil.
Dass der letzte Satz eine Fortsetzung möglich erscheinen lässt, ist deshalb mehr als erfreulich, denn die Fantasie Cornelia Funkes scheint unerschöpflich!
Cornelia Funke: Drachenreiter – Die Feder eines Greifs. Dressler 2016
www.dressler-verlag.de
Auf vier CDs liest Monty Arnold Cornelia Funkes geniales Fantasymärchen Drachenreiter mit angenehmer, nuancenreicher Stimme, ergänzt durch kurze Musiksequenzen von Ulrich Maske. Monty Arnold bringt die Stärken des Textes sehr gut zur Geltung, indem er den vielfältigen Charakteren durch die Stimmveränderungen noch mehr Leben einhaucht.
Neben Herr der Diebe ist der 1997 erschienene Drachenreiter mein Favorit im umfangreichen Werk von Cornelia Funke, obwohl ich sonst eher keine Fantasyleserin bin. Mag sein, dass es daran liegt, dass der Roman so märchenhafte Anklänge hat, dass die vielen Arten von Fabeltieren so ausgeprägte Charaktere haben und meist sehr sympathisch sind, und dass Cornelia Funke völlig auf gewalttätige Szenen verzichtet.
Im Gegensatz zu den meisten historischen Romanen lese ich historische Krimis sehr gerne. Die Einbettung des Kriminalfalls in einen geschichtlichen Kontext, die langsamere Gangart der Ermittlungen durch die eingeschränkten technischen Möglichkeiten und die dadurch bedingte größere Bedeutung des polizeilichen Spürsinns und der Intuition der Ermittler machen für mich den Reiz dieses Genres aus. Wenn der Krimi dann auch noch so atmosphärisch und spannend wie Der Angstmann von Frank Goldammer geschrieben ist, und der Verlag sowohl bei der Gestaltung als auch beim Klappentext gute Arbeit geleistet hat, sind alle meine Erwartungen erfüllt.
Diese Lebensgeschichte des Nelson Mandela stammt aus der Biografien-Reihe für Jugendliche ab ca. 14 Jahren aus dem Verlag Beltz & Gelberg und ist durchaus auch für Erwachsene als Einstieg empfehlenswert.
Hatte Jonathan den Nix, den thermoskannengroßen „Seejungmann“ mit den grünen Haaren, dem Fischschwanz und dem Dreizack, am Ende von Band eins, Verflixt – ein Nix, an die Ostsee zurückgebracht, so ist er ein Jahr später in Band zwei einfach wieder da!
Für den siebenjährigen Jonathan verläuft der Start in die zweite Klasse mehr als holprig, denn in einem Muscheleimer hat er versehentlich einen Nix, also eine männliche Nixe, einen „Seejungmann“, von der Ostsee mit nach Hause genommen, und der ist zwar niedlich, macht ihm aber jede Menge Scherereien. Nicht nur, dass der thermoskannengroße Nix mit den grünen Haaren, dem Fischschwanz und der dreizackigen Gabel immer nur sichtbar wird, wenn das Wasser rauscht, er verursacht ein Chaos im Bad, überschwemmt die Wohnung, fordert Fisch als Nahrung, quengelt gerne herum und bringt Jonathans ganze Klasse durcheinander. Als er sich dann auch noch in die Lehrerin, Frau Kägele, verliebt, und sie unbedingt „retten“ will, um berühmt wie Arielle zu werden, ist Jonathan mit seinem Latein am Ende. Sein frischverliebter Vater und die ansonsten so liebe Frau Kägele verlieren allmählich die Geduld mit ihm, denn ihnen zeigt der Nix sich natürlich nicht und Jonathan glaubt ja leider keiner!
Claudie Gallays Roman Les déferlantes aus dem Jahr 2008, der 2010 auf Deutsch unter dem Titel Die Brandungswelle erschien, stand damals nicht nur monatelang auf der französischen Bestsellerliste, sondern war auch für mich eine ganz große Entdeckung. Mehr noch als die Handlung hat mich damals die Beschreibung der Natur, der Vogelwelt und des Meeres, die die eigentlichen Protagonisten sind, begeistert.
Zwei Frauen, Alma und Antonia, sind die beiden Ich-Erzählerinnen im vierten Roman der italienischen Autorin, Journalistin und Fernsehmoderatorin Daria Bignardi, der zum großen Teil in ihrer Geburtsstadt Ferrara angesiedelt ist. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Beschreibungen der Spaziergänge Antonias durch Ferrara, die sehr atmosphärische Begegnung mit dieser norditalienischen Stadt und ihren Bewohnern, waren für mich der größte Pluspunkt an diesem Buch. Daria Bignardi hat bei mir, die ich die Stadt nur von einem zweitägigen Aufenthalt ein wenig kenne, ein Kopfkino und ein Wiedererkennen mit allen Sinnen ausgelöst.
Achtung: Bei diesem Erstlesebuch des Loewe Verlags aus der Reihe Lesepiraten, vierte Lesestufe, handelt es sich um ein Buch für die zweite Klasse, nicht etwa, wie man fälschlicherweise vermuten könnte, für Viertklässler!