Christina Braun: Das große Meyers Experimentierbuch für kleine Forscher

Für neugierige Grundschulkinder

Für alle Kinder im Grundschulalter, die nicht nur gerne Fragen stellen, sondern auch gerne selber Problemen auf den Grund gehen, ist dieses sehr praxisorientierte Experimentierbuch ein heißer Tipp.

Das Buch beginnt mit einer Gebrauchsanleitung und einer Übersicht über die wichtigsten naturwissenschaftlichen Arbeitsweisen, die man keinesfalls überblättern sollte. Dann folgen, in acht Kapiteln von „warm und kalt“ über „leicht und schwer“, „schnell und langsam“, „laut und leise“, „hell und dunkel“, „voll und leer“, „nass und trocken“ bis „fest und flüssig“ unterteilt, 50 spannende, gut erklärte und mit vertretbarem Aufwand umsetzbare Anleitungen für Experimente. Die klar bebilderten Schritt-für-Schritt-Versuchserklärungen werden durch weiterführende Texte ergänzt, bei denen allerdings teilweise die Unterstützung durch Erwachsene erforderlich ist. Ein Forschertagebuch mit weiteren Experimenten und der Möglichkeit, Verlauf und Ergebnisse detailliert zu protokollieren, ein Bezug zum Lehrplan für Grundschulen und ein alphabetisches Schlagwortregister runden dieses gelungene Kindersachbuch ab, mit dem sicher auch die Erwachsenen das ein oder andere Aha-Erlebnis haben werden.

Neben Familien mit Kindern im Grundschulalter möchte ich dieses erstaunlich preisgünstige Buch allen Grundschullehrern und -lehrerinnen als Ideengeber für einen spannenden Sachunterricht empfehlen.

Christina Braun: Das große Meyers Experimentierbuch für kleine Forscher. Meyers 2016
www.fischerverlage.de

Nuala O’Faolain: Ein alter Traum von Liebe

Bilanz

Auf diesen Roman bin ich durch die Empfehlung von Elke Heidenreich gestoßen, und wenn ich auch nicht ihre vollkommene Begeisterung teile, so hat er mir doch gut gefallen.

Im Mittelpunkt steht die 50-jährige Reisejournalistin Kathleen de Burca, Ich-Erzählerin, die Bilanz zieht: wechselnde Liebhaber, ständiges Unterwegssein und verpasste Chancen sind das wenig beglückende Ergebnis. Sie hat Irland als junges Mädchen verlassen, nun kehrt sie dorthin zurück und wird einerseits mit ihrer eigenen, andererseits mit der irischen Vergangenheit konfrontiert, denn sie recherchiert über eine alte Skandalgeschichte aus der Zeit der großen irischen Hungersnot und der Massenauswanderungen im 19. Jahrhundert, in der es um die Liebesbeziehung zwischen einer Landbesitzergattin und einem Stallbuschen geht. Diese Geschichte in der Geschichte hat mir fast noch besser gefallen als das Geschehen um Kathleen, bei der infolge der Rückkehr in die alte Heimat alle unerfüllten Wünsche und Hoffnungen und die seit ihrer Kindheit ewig unerfüllte Liebessehnsucht neu aufleben. Die Begegnung mit ihrem Traummann, ihre vielleicht letzte Chance, mündet in dem Angebot eines Lebens im Wartestand und der Aussicht auf ein bis zwei gemeinsame Tage pro Monat, aber reicht ihr das?

Ein spannender, nachdenklicher Roman, in dem manche Frage offenbleibt.

Nuala O’Faolain: Ein alter Traum von Liebe. List 2004
www.ullsteinbuchverlage.de

Carrie Snyder: Die Frau, die allen davonrannte

Vom Laufen und Davonlaufen

Als Aganetha Smart, genannt Aggie, im Jahr 1908 auf einer kanadischen Farm als elftes Kind ihres Vaters zur Welt kommt, sind vier ihrer Halbgeschwister und die erste Frau ihres Vaters bereits tot. 104 Jahre später, inzwischen im Pflegeheim und vollkommen allein, körperlich gebrechlich, aber geistig weitgehend auf der Höhe, erhält sie überraschenden Besuch von zwei ihr unbekannten jungen Leuten. Nach wie vor neugierig und unternehmungslustig, lässt sie sich auf einen Ausflug mit Kaley und Max ein. Er wird zu einer Rückkehr in die Vergangenheit und nach und nach erinnert sich Aggie an Szenen und Ereignisse aus ihrem langen, in jeder Hinsicht bewegten Leben voller Höhen und Tiefen mit einer für mich völlig überraschenden Wende am Ende des Romans.

Nach einer von zahllosen Todesfällen überschatteten und dennoch geborgenen Kindheit verlässt Aggie als junges Mädchen die Farm, um ihrem Halbbruder George und ihrer Schwester Olive nach Toronto zu folgen. Von Kind an sehr bewegungsfreudig, erhält sie dank der Unterstützung ihres Arbeitgebers und ihres disziplinierten Trainings die Möglichkeit, beim 800-Meter-Lauf der Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam zu starten und gewinnt die Goldmedaille. Es ist ein Sieg nicht nur über die internationale Konkurrenz, sondern auch über ihre beste Freundin und Trainingspartnerin Glad.  Dennoch scheint danach ihr Glück vollkommen: lukrative Werbeverträge, eine gemeinsame Wohnung mit Olive und Glad und ihre Liebe zu Johnny lassen sie von einer rosigen Zukunft träumen. Doch es kommt anders und Aggie muss für eine Entscheidung ihr Leben lang bezahlen…

Es ist unmöglich, ein 104 Jahre (oder länger) währendes Leben in einer kurzen Rezension zusammenzufassen oder auch nur alle Aspekte des Buches anzusprechen. Stattdessen empfehle ich die Lektüre dieses unterhaltsamen Romans, der so gut erzählt ist, dass ich trotz der sehr sprunghaften Erzählweise und der Vielzahl der Familienmitglieder nie den Faden verloren und kaum den vorn abgedruckten Familienstammbaum gebraucht habe.

Das Leben einer beeindruckenden, vom Laufen besessenen Frau, die trotz ihrer sportlichen Erfolge immer wieder an die Grenzen ihrer Zeit stößt, und das Porträt einer kanadischen Familie voller unterschiedlichster Charaktere und Lebenswege. Ich habe zwischen vier und fünf Sternen geschwankt und mich schließlich für die Höchststernezahl entschieden, weil der Roman ein so stimmiges Ganzes bildet.

Carrie Snyder: Die Frau, die allen davonrannte. btb 2016
www.randomhouse.de

Georgette Heyer: Die bezaubernde Arabella

Eine Aschenputtelgeschichte

Die englische Schriftstellerin Georgette Heyer (1902 – 1974) war eine echte Vielschreiberin. Ihre Bücher kann ich heute nur noch mit einem Augenzwinkern lesen und sie kommen sicher nicht an die Qualität einer Jane Austen heran, trotzdem hatte ich meinen Spaß an Die bezaubernde Arabella aus dem Jahr 1949, nicht zuletzt an Heyers Humor, der charmanten Erzählweise und ihrer Stilsicherheit.

Arabella entstammt einem armen Pfarrhaushalt, in dem der Reverend für die Moral und die Mutter für den gesunden Menschenverstand zuständig ist. Vier Söhne und vier Töchter wollen verheiratet werden, eine wahre Mammutaufgabe! Ihr Plan sieht vor, dass die hübsche Arabella eine „Season“ bei ihrer reichen Patentante in London verbringen, reich heiraten und dann ihren Schwestern dasselbe ermöglichen soll. Und so fährt Arabella, ausgestattet mit allem, was die Mutter erübrigen kann, in die Hauptstadt. Als sie eine Wagenpanne ausgerechnet vor dem Jagdhaus des reichsten und begehrtesten Junggesellen Londons, Robert Beaumaris, hat und der ihr überheblich kommt, rettet sie sich in eine folgenschwere Notlüge und gibt sich als reiche Erbin aus. Das Schicksal nimmt seinen Lauf…

Georgette Heyer hat über ihre Schriftstellerei gesagt: „Ich persönlich denke, dass ich erschossen werden sollte, weil ich so einen Unsinn schreibe, aber es ist gute Literatur für jemanden, der vor der Realität zu fliehen versucht, und ich denke, ich würde es ziemlich mögen, wenn ich in einem Luftschutzbunker säße oder mich von einer  Durchfallerkrankung erholte.“ Viel zu hart formuliert, aber mit einem wahren Kern!

Georgette Heyer: Die bezaubernde Arabella. dtv 2001
www.dtv.de

Kathrin Passig & Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens

Das Gegenstück zum Großen Brockhaus

Der Umfang dieses Buches täuscht, ist doch das Unwissen in der Welt größer als das Wissen.

Kathrin Passig, u. a. Bachmannpreisträgerin, und Aleks Scholz, Astrophysiker, haben 42 Themen ausgewählt und alphabetisch geordnet. Da geht es um die Fortpflanzung der Aale, die weibliche Ajakulation, Erkältungen, Kugelblitze, Wasser uvm.

Die Artikel sind zwischen drei und acht Seiten lang und stellen zunächst das Problem vor, präsentieren dann verschiedene Lösungsansätze mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen und bieten schließlich ein Quellenverzeichnis mit weiterführender Literatur. Obwohl die Themen z. T. hochkomplex sind, sind die Artikel für Otto Normalverbraucher verständlich und unterhaltsam geschrieben.

Braucht man dieses Buch? Eigentlich nicht, aber es macht trotzdem Spaß, es zu lesen.

Kathrin Passig & Aleks Scholz: Lexikon des Unwissens. Rowohlt 2008
www.rowohlt.de

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – Pinocchio

Lügen haben nicht nur kurze Beine, sondern auch lange Nasen

Geschnitzt vom Meister Geppetto aus einem Stück Pinienholz, muss die Holzpuppe Pinocchio zahlreiche gefährliche Abenteuer überstehen und viel über das Leben lernen, bis ihr größter Wunsch in Erfüllung geht: ein Junge aus Fleisch und Blut zu werden.

Diese Adaption des italienischen Klassikers von Carlo Collodi als Ausgabe für Leseanfänger hat mich vollständig überzeugt, sowohl textlich als auch durch die sehr gelungenen Illustrationen von Eva Czerwenka. Beim gemeinsamen Lesen mit den Kindern ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte für Diskussionen über das Verhalten und die Erlebnisse Pinocchios, die weit über das Buch hinausgegen können. Und sicher wird es den heutigen Kindern nicht anders ergehen, als mir vor vielen Jahren: Pinocchios beim Lügen wachsende Nase hat mich damals schwer beeindruckt und lange beschäftigt.

Pinocchio ist ein Band aus der von der Stiftung Lesen empfohlenen cbj-Reihe Erst ich ein Stück, dann du. Das wunderbare Serienlogo von Ute Krause mit den aufgefädelten Bestandteilen des Serientitels macht in doppeltem Sinn klar, worum es geht: Einerseits ist der Text ein Puzzle aus komplexen, längeren Leseabschnitten für die (erwachsenen) Leseprofis und den in Fibelschrift und Flattersatz gesetzten Einschüben mit einfachem Vokabular für Lesestarter. Andererseits schließt die Reihe wie ein Puzzlestück die Lücke zwischen dem üblichen Vorlesebuch und der Erstlektüre und vermeidet durch die Vorleseteile eine zu große Banalität der Texte. Diese von Patricia Schröder entwickelte Vorstufe des Erstlesebuchs ist ebenso einfach wie genial und unterstützt die Kinder durch abwechselnde Ruhe- und Arbeitsphasen und das gemeinsame Leseerlebnis. Sehr farbige, kindgerecht-einfache und aussagekräftige Illustrationen helfen beim Textverständnis. Und selbstverständlich machen die Bücher, die es mit zusammenhängenden Geschichten, als Themenbände mit Einzelgeschichten, als Klassikerausgaben und als Sachgeschichten gibt, auch als reine Vorlesebücher oder zum Selberlesen ab der zweiten/dritten Klasse Spaß.

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – Pinocchio. cbj 2012
www.randomhouse.de

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – Das Dschungelbuch

 Ein Menschenkind im Dschungel

Als kleiner Junge wird Mogli im Dschungel von einer Wolfsfamilie aufgenommen und damit vorläufig vor Schir Khan, dem bösen Tiger, gerettet. Behütet von den Wölfen, von Balu, dem Bären, und von Baghira, dem schwarzen Panther, wächst er auf und lernt, mit den Gefahren des Dschungels zu leben. Doch als die Führung im Wolfsrudel wechselt, muss Mogli schweren Herzens zu den Menschen zurück. Als er schließlich Schir Khan besiegt, verbreitet ein Jäger Lügen über ihn und die Menschen treiben ihn zurück in den Dschungel. Es ist eine glückliche Heimkehr und wie ein Wispern und Raunen geht es durch den Dschungel: „Mogli ist wieder da.“

Patricia Schröder hat für ihre Nacherzählung von Rudyard Kiplings Klassiker Das Dschungelbuch eine für Kinder gut verständliche Sprache gewählt, die trotzdem dem Original gerecht wird. Sie stellt die Herausforderungen Moglis im Dschungel und seine Zerrissenheit zwischen der Welt der Tiere und der seiner Artgenossen in den Mittelpunkt und bietet damit viel Stoff für Diskussionen mit den Kindern.

Im Gegensatz zum ausgezeichneten Text haben mir manche Illustrationen von Elke Broska nicht gefallen, z. B. die Wolfsmutter, Balu, der Bär, und auch der Adler. Baghira, der Panther, die Affen und Kaa, die Schlange, finde ich dagegen gut gelungen.

Das Dschungelbuch ist ein Band aus der von der Stiftung Lesen empfohlenen cbj-Reihe Erst ich ein Stück, dann du. Das wunderbare Serienlogo von Ute Krause mit den aufgefädelten Bestandteilen des Serientitels macht in doppeltem Sinn klar, worum es geht: Einerseits ist der Text ein Puzzle aus komplexen, längeren Leseabschnitten für die (erwachsenen) Leseprofis und den in Fibelschrift und Flattersatz gesetzten Einschüben mit einfachem Vokabular für Lesestarter. Andererseits schließt die Reihe wie ein Puzzlestück die Lücke zwischen dem üblichen Vorlesebuch und der Erstlektüre und vermeidet durch die Vorleseteile eine zu große Banalität der Texte. Diese von Patricia Schröder entwickelte Vorstufe des Erstlesebuchs ist ebenso einfach wie genial und unterstützt die Kinder durch abwechselnde Ruhe- und Arbeitsphasen und das gemeinsame Leseerlebnis. Sehr farbige, kindgerecht-einfache und aussagekräftige Illustrationen helfen beim Textverständnis. Und selbstverständlich machen die Bücher, die es mit zusammenhängenden Geschichten, als Themenbände mit Einzelgeschichten, als Klassikerausgaben und als Sachgeschichten gibt, auch als reine Vorlesebücher oder zum Selberlesen ab der zweiten/dritten Klasse Spaß.

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – Das Dschungelbuch. cbj 2012
www.randomhouse.de

Hugo Hamilton: Jede einzelne Minute

Zeit für Ehrlichkeit

Nuala O’Faolain kannte ich als Autorin von Ein alter Traum von Liebe, einem Roman über eine Frau um die fünfzig, die in ihre Heimat Irland zurückkehrt, um sich selbst zu finden.

Nun begegnete mir Nuala O’Faolain wieder – als todkranke Frau in Hugo Hamiltons Roman Jede einzelne Minute. Hugo Hamilton, irisch-deutscher Schriftsteller und ein guter Freund, erfüllte ihr nur wenige Tage vor ihrem Tod infolge einer Krebserkrankung 2008 den Wunsch einer Berlinreise. Mit einer Liste von Dingen, die sie noch sehen und Freunden, die sie noch treffen wolllte, reiste Nuala O’Faolain an und es wurden unvergessliche Tage. In diesem 2014 erschienenen Buch, einer Homage an die deutlich ältere Freundin, hat er die Zeit  verarbeitet.

Úna nennt er Nuala, sich selber Liam, und er schildert für beide unglaublich intensive Tage voller Programm, voller Gespräche und voller humorvoller Momente, obwohl immer präsent war, dass es sich um eine Abschiedsreise handelte.

Jede einzelne Minute ist zum Teil Roman, zum Teil Biografie Nuala O’Faolains und zum Teil Autobiografie Hugo Hamiltons, denn trotz ihrer schweren Erkrankung nahm Nuala lebhaften Anteil am Leben des Freundes und seinen Problemen. Er wiederum brauchte viel Geduld, denn die Freundin war rechthaberisch, unberechenbar und ruppig, zugleich aber auch großzügig, einfühlsam und anteilnehmend.

„Ein wunderbares, erstaunliches, zartes Buch. Ein Glücksfall.“ schreibt Elke Heidenreich, eine bekennende Bewundrerin von Nuala O’Faolains Büchern, in ihrem Nachwort. Auch mich hat dieses Zeugnis der Freundschaft beeindruckt und berührt.

Hugo Hamilton: Jede einzelne Minute. Luchterhand 2014
www.randomhouse.de

Åke Edwardson: Zimmer Nr. 10

Zurück in die Vergangenheit

Es ist bereits der siebte Band um den Göteborger Hauptkommissar Erik Winter in seinen teueren Designeranzügen und mit seiner Zigarillosucht, aber er eignet sich gut für einen Einstieg in die Reihe, weil der aktuelle Fall bis in Winters Anfänge bei der Polizei zurückreicht.

Wegen einer beruflichen Sinnkrise möchte Winter für ein halbes Jahr pausieren und dieses mit Freundin und Töchtern an der Costa del Sol verbringen. Er steht deshalb bei den Ermittlulngen im Mordfall um eine junge Frau, die erhängt im Zimmer Nummer 10 in einem schäbigen Göteborger Hotel gefunden wird, unter Zeitdruck. Eltern, Freundin und Bekannter können oder wollen nichts über die zurückgezogen lebende Frau sagen. Die Situation erinnert Winter an seinen ersten Fall vor 18 Jahren, in dem eine junge Frau spurlos verschwand. Die Ermittlungen verliefen im Sande, aber die Suche endete genau in diesem Hotelzimmer, in dem sie zuletzt übernachtet hatte.

Winter glaubt nicht an Zufälle, sein Bauchgefühl sagt ihm, dass es einen Zusammenhang geben muss. Er hat es nie verwunden, dass er als Anfänger dem Ehemann der Verschwundenen nicht gewachsen war und sieht nun seine Chance für eine Wiedergutmachung. Mehr und mehr taucht er in die Vergangenheit ein…

Mir hat an diesem Krimi gefallen, dass das Warum wichtiger ist als das Wer. Allerdings ist eine gehörige Portion Konzentration nötig, um die abrupten Zeitsprünge mitzugehen. Alles in allem ein typischer Schwedenkrimi, etwas melancholisch, aber toll konstruiert, spannend und intelligent.

Åke Edwardson: Zimmer Nr. 10. Ullstein 2011
www.ullsteinbuchverlage.de

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – 3 Drachengeschichten

Überall Drachen!

Was für eine sympathische Spezies, diese Drachen!

Da geht es in „Ein Drachenmädchen“ um Geschwister, wo sie herkommen und ob man ihr Geschlecht beeinflussen kann, und die Drachenkinder haben die gleichen Fragen und Wünsche wie Menschenkinder. In „Tilla und der Drachenklau“ entführen gar nicht prinzessinnenhafte Prinzessinnen Drachen, um sie zu dressierten Schoßhündchen zu machen, bis Prinzessin Tilla lernt, dass es sogar eine echte Freundschaft zwischen Drachen und Prinzessinnen geben kann, aber eben nur freiwillig. Und in der dritten Geschichte, „Der Fluch des Frostkönigs“, rettet ein verträumter kleiner Kronprinz mit Hilfe des Schlossdrachens Kuno sein zukünftiges Reich und seine Eltern vor dem Frostkönig.

Zwischen den drei sehr fantasievollen und warmherzigen Geschichten mit viel Potential für Diskussionen mit den Kindern lockern Rätsel das Lesen auf, ebenso wie die in diesem Band besonders gelungenen, witzigen Illustrationen von Tina Schulte.

3 Drachengeschichten ist ein Band aus der von der Stiftung Lesen empfohlenen cbj-Reihe Erst ich ein Stück, dann du. Das wunderbare Serienlogo von Ute Krause mit den aufgefädelten Bestandteilen des Serientitels macht in doppeltem Sinn klar, worum es geht: Einerseits ist der Text ein Puzzle aus komplexen, längeren Leseabschnitten für die (erwachsenen) Leseprofis und den in Fibelschrift und Flattersatz gesetzten Einschüben mit einfachem Vokabular für Lesestarter. Andererseits schließt die Reihe wie ein Puzzlestück die Lücke zwischen dem üblichen Vorlesebuch und der Erstlektüre und vermeidet durch die Vorleseteile eine zu große Banalität der Texte. Diese von Patricia Schröder entwickelte Vorstufe des Erstlesebuchs ist ebenso einfach wie genial und unterstützt die Kinder durch abwechselnde Ruhe- und Arbeitsphasen und das gemeinsame Leseerlebnis. Sehr farbige, kindgerecht-einfache und aussagekräftige Illustrationen helfen beim Textverständnis. Und selbstverständlich machen die Bücher, die es mit zusammenhängenden Geschichten, als Themenbände mit Einzelgeschichten, als Klassikerausgaben und als Sachgeschichten gibt, auch als reine Vorlesebücher oder zum Selberlesen ab der zweiten/dritten Klasse Spaß.

Patricia Schröder: Erst ich ein Stück, dann du – 3 Drachengeschichten. cbj 2011
www.randomhouse.de