Leena Lehtolainen: Alle singen im Chor

Erster Band der finnischen Krimiserie um Maria Kallio

Vier junge Frauen und vier junge Männer, alle Mitglieder eines Chores, verbringen ein gemeinsames Probewochenende, als nach einer druchzechten Nacht einer von ihnen im flachen Uferwasser des Sees ermordet aufgefunden wird. Für ihren stets betrunkenen Chef muss Maria Kallio, die junge Kommisssarin auf Zeit bei der finnischen Polizei, hin- und hergerissen zwischen dem Polizeidienst und ihrem Jurastudium, die Ermittlungen übernehmen. Eine schwierige Situation, denn aus ihrer Studentenzeit kennt sie nicht nur den Toten, sondern auch die sieben Verdächtigen, von denen einer der Täter gewesen sein muss. Schnell bröckelt die Fassade einer heilen Welt des Chorgesangs. Zum Vorschein kommen Intrigen, Eifersucht und wechsende Liebesbeziehungen.

Leena Lehtolainen ist die bekannteste moderne Krimiautorin Finnlands. Mit Alle singen im Chor, dem ersten Band um Maria Kallio, ist ihr ein äußerst spannender, intelligenter Krimi mit der typisch gesellschaftskritischen Perspektive skandinavischer Krimiautoren gelungen, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Leena Lehtolainen: Alle singen im Chor. Rowohlt 2002
www.rowohlt.de

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört …

Ein Klassiker der Südstaatenliteratur

Dieser Klassiker der Südstaatenliteratur erschien 1960 und wurde 1961 mit dem Pulitzer-Preis gewürdigt. Bis 2015 war es der einzige Roman der Amerikanerin Harper Lee, dann wurde mit Geh hin, stelle einen Wächter ein frühes Manuskript von Wer die Nachtigall stört… gefunden und veröffentlicht.

Die Erzählerin Scout und ihr Bruder Jem wachsen in den 1930er-Jahren bei ihrem Vater Atticus Finch, einem Anwalt, in einer Kleinstadt in Alabama auf. Die Kindheitsidylle, in der ein mysteriöser Nachbar ihre Fantasie beflügelt, wird jäh gestört, als der tolerante Vater die Verteidung eines der Vergewaltigung an einer Weißen angeklagten Schwarzen übernimmt.

Das besondere an diesem nach wie vor aktuellen Roman ist für mich die nüchterne Kinderperspektive, aus der Scout vom Erwachsenwerden und von ersten Begegnungen mit Ungerechtigkeit, Intoleranz und Rassismus erzählt. Beeindruckend ist für mich außerdem immer wieder die Figur des Atticus Finch.

Sehr empfehlen möchte ich auch die oscarprämierte Verfilmung von 1962 mit Gregory Peck als Anwalt, der allerdings nicht alle Handlungsstränge des Buches aufgreift.

Harper Lee: Wer die Nachtigall stört… Rowohlt 2010
www.rowohlt.de

Ingmar Gregorzewski & Ali Mitgutsch: Herzanzünder

Biografie und Zeitzeugnis

Bisher kannte ich Ali Mitgutsch nur aus seinen Wimmelbüchern, unzählige Male angeschaut mit den Kindern und immer wieder Neues entdeckend. Den Zeichner hinter den Büchern kannte ich bisher nicht, habe ihn nun aber dank der Biografie über seine Kindheit aus Anlass seines 80. Geburtstags kennengelernt. Ingmar Gregorzewski, sein Freund und Berater, hat zahlreiche Gespräche mit Ali Mitgutsch geführt und diese so niedergeschrieben, dass man den Plauderton des Erzähler jederzeit durchspürt, ohne dass die Sprache zu sehr wie gesprochene Sprache wirkt. Dieser schwierige Spagat ist durchgehend sehr gut geglückt, ebenso wie die richtige Balance zwischen offener Sympathie und journalistischer Distanz.

Ali, eigentlich Alfons, Mitgutsch wurde 1935 als Nesthäkchen und Nachzügler in eine kleinbürgerliche Münchner Familie geboren. Seine Kindheit fiel somit in die Kriegs- und Nachkriegszeit und es verwundert nicht, dass zu seinen ersten Erinnerungen die Bombennächte in den Kellern gehören. In der Familie sehr geborgen, lernte er doch das harte Leben im Krieg, die Zerstörungen, das Leid, als der geliebte ältere Bruder fiel, die Schrecken der Evakuierung, das Mobbing durch Kameraden und Lehrer und den Hunger und Mangel im Nachkriegsdeutschland kennen. Gleichzeitig war diese Kindheit mit ihren zahlreichen kleinen und großen Abenteuern und den anregenden Erzählungen der Mutter sicher prägend für die Fantasie, die aus jedem seiner Bilder spricht. Ein bisschen hat mich Ali Mitgutschs Werdegang an Sempé erinnert, der nach einer alles anders als heiteren Kindheit immer nur glückliche Menschen zeichnen wollte und Groß und Klein mit seinen zugleich humorvollen und ernsten Cartoons begeistert.

Herzanzünder ist eine Aneinanderreihung von heiteren und bedrückenden Anekdoten, so dass ich in Anlehnung an seine Bilder von einem „Wimmel-Lesebuch“ über seine Kindheit sprechen möchte. Auch hier wird man beim wiederholten Lesen immer wieder Neues entdecken. Als Kindheitszeugnis steht es stellvertretend für viele Kindheiten der in den 1930er-Jahren geborenen Generation, und es ist ungeheuer wichtig, dass diese Zeitzeugenerzählungen jetzt aufgeschrieben werden, bevor sie endgültig verloren gehen.

Das Buch lässt sich sehr gut auch Kindern vorlesen, am besten von den Großeltern oder Urgroßeltern, die ihre eigenen Erinnerung ergänzen können.

Ingmar Gregorzewski & Ali Mitgutsch: Herzanzünder. dtv 2015
www.dtv.de

Threes Anna: Warten auf den Monsun

Eine ungewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte

Die Niederländerin Threes Anna lässt uns eintauchen in die Kultur Indiens, umgibt uns mit den Gerüchen und der flirrenden Hitze dieses Landes.

Erzählt werden in nicht-chronogischen, kurzen Kapiteln die Lebensgeschichten der Charlotte Bridgwater, Tochter eines englischen Majors in Indien, und des stummen Wunderschneiders Madan.

Charlotte, die lebenslang unter ihrem tyrannischen Vater leidet, verbringt zehn Jahre auf einem englischen Internat. Zurück in Indien verliebt sie sich in den englischen Chirurgen Peter, doch die kurze Ehe wird von seinem Kriegstrauma überschattet.

Wieder bei ihrem inzwischen verkrüppelten, dementen Vater, mittellos und fast ohne Personal, scheint ihr Leben vorbei. Als jedoch der um einiges jüngere Madan in ihr Haus kommt, beginnt ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Threes Anna: Warten auf den Monsun. Insel 2012
www.suhrkamp.de

Isabel Abedi: Whisper

Mischung aus Krimi, Fantasy und Liebesroman

Erholsame Ferien in ländlicher Idylle möchte die Schauspielerin Katharina Thalis mit ihrer Tochter Noa und einem Freund verbringen, deshalb hat sie ein etwas heruntergekommenes Haus in einem verschlafenen Dorf im Westerwald gemietet. Doch Noa kommt nicht zur Ruhe. Da ist einmal der Dauerkonflikt mit ihrer Mutter, die die Schauspielerin auch im Privatleben nicht ablegen kann, dann David, der Junge aus dem Dorf, in den sie sich verliebt, und darüber hinaus die unheimliche Atmosphäre, die das alte Haus, von ihr „Whisper“ genannt, ausstrahlt. Während einer mehr zum Scherz abgehaltenen abendlichen Séance erscheint dann auch prompt der Geist eines Mädchens und behauptet, vor 30 Jahren in diesem Haus ermordet worden zu sein. Noa und David beginnen zu recherchieren und stoßen im Dorf auf Schweigen, Ablehnung und Ausflüchte.

Isabel Abedi hat ein spannendes und mitreißendes Jugendbuch mit sehr vielseitigen, ausgefeilten Charakteren geschreiben. Whisper ist eine gelungene Mischung aus Krimi, Fantasy und Liebesroman und eignet sich für Mädchen ab ca. 13 Jahren.

Isabel Abedi: Whisper. Arena 2005

www.arena-verlag.de

Jean-Jacques Sempé: Kindheiten

Zum 80. Geburtstag von Sempé im Jahr 2012

Ein bezauberndes Geschenk haben uns Sempé und der Diogenes Verlag mit diesem großformatigen, prächtigen Bildband zum 80. Geburtstag des Künstlers im Jahr 2012 gemacht. Nicht ins Bücherregal, sondern auf den Tisch gehört dieses Buch, in dem alle Generationen blättern und sich an der zeitlosen Lebensweisheit und dem hintergründigen Humor der Zeichnungen und Karikaturen erfreuen können.

Das ausführliche Interview mit Sempé richtet sich an die Erwachsenen und erzählt von seiner bedrückenden Kindheit, der er mit Hilfe seiner heiteren, leichten Werke entkommen wollte.

Ich habe beim Anschauen und Lesen zwischen Lachen und Weinen geschwankt.

Jean-Jacques Sempé: Kindheiten. Diogenes 2012
www.diogenes.ch

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

Vom Umgang mit den eigenen Schwächen

„... es gab auf der Welt kein fahrradtechnisches Problem, das Paul Tamburin nicht gelöst hätte. Sein Ruf war so gewaltig, dass man im ganzen Landkreis zu einem Fahrrad nicht mehr Fahrrad sagte, sondern einfach Tamburin.“

Doch ein schreckliches Geheinmis, das er mit niemandem teilen kann, bedrückt den angesehenen Fahrradhändler des französischen Städtchens Saint-Céron, der sonst der glücklichste Mensch sein könnte…

Sempé hat diese Geschichte über den Umgang mit den eigenen Schwächen liebevoll und mit viel Humor erzählt und illustriert, Patrick Süskind hat sie hervorragend übersetzt.

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers. Diogenes 2009
www.diogenes.ch

Daniel Scholten: Der zweite Tod

 Noch ein Stockholmer Ermittlerteam im Einsatz

Während der erste Schnee des Winters in Stockholm fällt, beobachten wir den Mord an dem Altertumsforscher Carl Petersson, ausgeführt von Mari, seiner Geliebten.

Aber warum steht die Wohnungstür offen, als die Poizei eintrifft, obwohl wir Mari beim Verriegeln zugesehen haben? Warum liegt die Tatwaffe, die Mari doch in Peterssons Rücken stecken ließ, in der Spülmaschine? Wer hat den Computer vom Boden auf den Schreibtisch gestellt und eingeschaltet? Und wer hat aus der Nachbarwohnung die Polizei alarmiert, wo der Bewohner doch verreist ist? War das, was wir im ersten Kapitel so genau gesehen haben eigentlich doch ganz anders?

Der deutsch-isländische Krimiautor Daniel Scholten, Jahrgang 1973, studierter Ägyptologe und historischer Sprachwissenschaftler, gibt in seinem ersten Krimi um den Stockholmer Kommissar Kjell Cederström und dessen sehr sympathisches Team viele Rätsel auf. Die Spuren führen bis Madrid und Kairo und viel hängt davon ab, ob die EDV-begeisterte junge Kollegin das geheimnisvolle Passwort von Peterssons Computer knacken kann…

Sehr spannende, temporeiche und intelligente Krimiunterhaltung, die Abkühlung in heiße Tage bringt!

Daniel Scholten: Der zweite Tod. Goldmann 2008
www.randomhouse.de

Asta Scheib: In den Gärten des Herzens

Romanbiografie der bayerischen Schriftstellerin Lena Christ (1881 – 1920)

Lena Christ, unehelich geborene Häuslerstochter, verlebte bis zu ihrem achten Lebensjahr eine glückliche Kindheit bei den Großeltern. Ihr Leidensweg begann, als Mutter und Stiefvater sie als billige Arbeitskraft in ihre Gaststätte holten, wo sie schwer misshandelt wurde. Mit 19 Jahren floh sie in die Ehe mit einem Trinker, der sie ebenfalls misshandelte und vergewaltigte. Von den drei Kindern verlor sie bei der Trennung den Sohn an die Schwiegereltern. Es folgte der vollkommene soziale Abstieg in einer heute kaum vorstellbaren Ausprägung.

Als sie im fortschrittlichen Schwabinger Krankenhaus behandelt wurde, erkannte dort Professor Kerschensteiner ihr Talent und ermutigte sie zum Schreiben. Nach ihrer Entlassung lernte sie den Schriftsteller Peter Jerusalem kennen, der sie einerseits förderte und ermutigte, andererseits wieder ausbeutete. Auch diese zweite Ehe scheiterte. Nachdem sie aus Geldnot Gemäldesignaturen gefälscht hatte, beging Lena Christ 1920, von Peter Jerusalem dazu überredet, Selbstmord.

Asta Scheib hat das Leben dieser leider weitgehend vergessenen Schriftstellerin in ihrer Romanbiografie sehr gut recherchiert und erzählt packend das Schicksal einer Frau, die keine Chance auf ein würdiges Leben hatte.

Asta Scheib: In den Gärten des Herzens. dtv 2006
www.dtv.de

Alexis Lecaye: Herz Dame

 Hochspannung

Kommissar Martin ist doppelt im Stress: Privat steht er zwischen seiner Exfrau Myriam und seiner neuen Freundin Marion und seine Tochter ist ungewollt schwanger, dienstlich hält ihn ein psychpatischer Serienmörder, der es auf schlanke, große, brünette Frauen abgesehen hat und sie mit einer Spielzeugarmbrust hinrichtet, in Atem. So hört er auch nur mit halbem Ohr zu, als Myriam ihm von ihrer Angestellten Rosexyne erzählt, die sich in letzter Zeit so auffällig verändert hat.

Dabei wäre die Lösung des Falles so greifbar nahe…

Aus zwei Perspektiven hat Alexis Lecaye diesen außergewöhnlich spannenden Krimi, Start einer neuen Serie, geschrieben: aus der des Mörders, den der Leser von Anfang an kennt, und aus der des Kommissars, der ihm immer näher kommt.

Alexis Lecaye: Herz Dame. Bastei Lübbe 2006
www.luebbe.de