Sarah Henshaw: Mein wunderbares Bücherboot

Eine Frau, ein Kanalboot, viele Bücher

Die meisten Buchkäufer haben es inzwischen hautnah erlebt: Größere wie kleinere inhabergeführte Sortimente, die meist mit viel Herzblut, Kreativität, Leidenschaft, literarischem Sachverstand geführt wurden, schließen oder werden von Ketten geschluckt. Übrig bleiben der Onlinehandel, Wühltische in  Lebensmittel- oder Drogerieketten und die immer mehr oder weniger gleichen Filialisten, in denen ich weder gerne einkaufen noch arbeiten möchte. Erschwerend kommen der erneute Rückgang der Umsätze auf dem Buchmarkt 2017, der Anstieg der E-Book-Quote und die abnehmende Kundenfrequenz in vielen Städten hinzu. In Großbritannien, wo die Autorin Sarah Henshaw mit ihrem Bücherboot unterwegs war, fehlt darüber hinaus die Buchpreisbindung, die in Deutschland zum Schutz des Kulturguts Buch glücklicherweise weiterhin besteht.

Die junge Journalistin Sarah Henshaw hat sich 2009 trotzdem ihren Lebenstraum einer eigenen Buchhandlung erfüllt, auf einem 18 Meter langen Kanalboot im Hafen von Burton-upon-Trent nahe Birmingham. Neben Kosteneffizienz erhoffte sie sich von diesem ungewöhnlichen Geschäftsmodell mehr Kunden, eine Rechnung, die im ersten Jahr aufging. Doch bereits nach zwei Jahren stand die „Book Barge“ vor dem finanziellen Aus, der Schuldenberg wuchs trotz Sieben-Tage-Wochen und zahlreichen Veranstaltungen. Als die Beziehung zu ihrem langjährigen Partner hauptsächlich wegen ihrer unternehmerischen Situation in die Brüche ging, beschloss Sarah Henshaw zu handeln und begann im Mai 2011 eine Reise über Englands Kanäle, um sich aus ihrer persönlichen Notlage zu befreien und auf den desaströsen Zustand des stationären Buchhandels aufmerksam zu machen. Zumindest letzteres scheint ihr gelungen zu sein – die immer größere mediale Beachtung im Laufe ihrer Unternehmung spricht dafür.

In ihrem Buch Mein wunderbares Bücherboot erzählt Sarah Henshaw in teilweise humorvollen Anekdoten von dieser Reise, von den 1700 zurückgelegten Kilometern, ihrem Kampf mit 707 Schleusen, ihren unzähligen Begegnungen, ihren 1172 Buchverkäufen und 223 Tauschgeschäften, bei denen sie Bücher gegen ein Bett, eine Mahlzeit, einen Haarschnitt oder was immer sie gerade brauchte, eintauschte. Wenig erfährt man dagegen über die Landschaft, die bei ihrer Reise offensichtlich keine große Rolle spielte. Gut gefallen haben mir ihre Betrachtungen zur Literatur genauso wie der fiktive Brief an den Amazon-Chef Jeff Bezos, weniger folgen konnte ich ihren philosophischen Versuchen. Cover, Vorsatzpapier und Layout passen ausgesprochen gut zum Stil des Buches, die gezeichnete Landkarte sieht hübsch aus und erleichtert die Orientierung und das Vorwort von Torsten Woywod kann ich so unterschreiben.

Ein Wort noch zu Sarah Henshaws Herangehensweise an den Buchhandel, die sie selbst zurecht als „naiv“ bezeichnet. So sehr die Liebe zur Literatur für diesen Beruf wünschenswert ist, bleibt es doch eine kaufmännische Tätigkeit und Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft sowie eine fundierte buchhändlerische Ausbildung sind unerlässlich. Sarah Henshaw hat so manches auf bittere weil kostspielige Art gelernt, aber ich hatte das Gefühl, dass mir ihre finanzielle Misere mehr Bauchschmerzen bereitet hat als ihr.

Alles in allem ist das Buch als flammendes Plädoyer für den unabhängigen  stationären Buchhandel und als Zeugnis der Literaturliebe sehr zu begrüßen, man sollte allerdings keinen genauen Reisebericht erwarten.

Sarah Henshaw: Mein wunderbares Bücherboot. Eden Books 2018 www.edenbooks.de

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